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FARC, ELN: Kolumbiens linke Guerilla

Autor:  | März 2008 | Artikel empfehlen
FARC, ELN: Kolumbiens linke Guerilla

Einleitung

Kolumbien, einer der engsten US-Verbündeten in Lateinamerika, wird seit Jahrzehnten von einem Bürgerkrieg geplagt, in dem linke Guerilla-Gruppen gegen rechte paramilitärische Organisationen kämpfen. Die zwei dominanten Rebellen-Gruppen – die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (bekannt unter ihrem spanischen Akronym FARC) und die Nationale Befreiungsarmee (ELN) – stehen auf der Liste der ausländischen Terrororganisationen des US-Außenministeriums. Während der Präsidentschaft von Alvaro Uribe, der 2002 an die Macht kam und vom umfangreichen Zustrom an US-Finanzen gestärkt wurde, haben beide Gruppen zahlen- und ressourcenmäßig abgenommen. Die Friedensverhandlungen zwischen beiden Gruppen und der Regierung bleiben von Schwierigkeiten begleitet. Die im März 2008 geäußerten Beschuldigungen der kolumbianischen Regierung, die FARC erhalte Unterstützung von der venezolanischen Regierung, haben die Aussichten auf Frieden weiter kompliziert.

Geschichte und Ideologie

FARC und ELN wurden beide 1960 gegründet, nachdem die beiden wichtigsten kolumbianischen Parteien mehr als ein Jahrzehnt politischer Gewalt beendeten und übereinkamen sich die Macht zu teilen. 1963 gründeten Studenten, radikale Katholiken und Links-Intellektuelle die ELN in der Hoffnung, Fidel Castros kommunistischer Revolution in Kuba nachzueifern. Die FARC bildete sich 1965 aus militanten Kommunisten und bäuerlichen Selbstverteidigungsgruppen.

Obwohl die ELN ideologischer als die FARC ist, haben die zwei Gruppen ähnliche Programme: Beide sagen, dass sie die ruralen Armen gegenüber der wohlhabenden kolumbianischen Klasse vertreten und dem US-amerikanischen Einfluss in Kolumbien, der Privatisierung von Naturressourcen, multinationalen Unternehmen und rechter Gewalt entgegentreten. 2006 entschied die ELN, ihre politische Strategie auf städtische Gebiete auszuweiten. Es gibt Anzeichen der Bemühungen um offizielle Anerkennung, auch wenn die Konditionen dafür nicht klar dargelegt wurden.

Beide Gruppen haben ein ambivalentes Verhältnis zueinander; in einigen Landesteilen kooperieren sie, während sie sich in anderen direkt bekämpft haben.

Stärke und Ausmaß der Operationen

Die FARC ist Kolumbiens größte und am besten ausgerüstete Rebellengruppe. Der kolumbianischen Regierung zufolge hatte die Gruppe im Jahr 2001 ungefähr 16.000 Mitglieder. Die Führung des US Southern Command gab im März 2008 an, dass sich die FARC auf etwa 9.000 Kämpfer reduziert habe. Sie operiert in annähernd einem Drittel des Landes, hauptsächlich im Urwald im Süden und Osten. Im Laufe der Friedensverhandlungen mit der Gruppe übergab der damalige Präsident Andres Pastrana der FARC die Kontrolle über ein Gebiet von 42.000 Quadratmeilen (etwa die Größe der Schweiz). Nach drei Jahren erfolgloser Verhandlungen und einer Serie von “hochkarätigen” terroristischen Aktionen beendete Pastrana die Friedensgespräche im Februar 2002 und befahl den kolumbianischen Streitkräften die von der FARC kontrollierte Zone zurück zu erobern. Nachdem Uribe 2002 das Präsidentenamt übernommen hatte, initiierte er eine aggressive Sicherheitskampagne gegenüber FARC und ELN, unterstützt mit US-Mitteln des Plan Colombia, einem multimilliarden schweren Anti-Drogen-Hilfsprogramm. Im Jahr 2007 wurden mehrere Mitglieder der FARC-Führung getötet und einige von der Gruppe festgehaltenen Geiseln wurden unter unklaren Umständen ermordet. 2008 wurde der Sprecher des FARC-Sekretariats, Raul Reyes, beim Einfall kolumbianischer Kräfte in Ecuador getötet. “Diese Episode zeigt die strategische Krise einer aufständischen Gruppe” schreibt Adam Isacson in seinem Blog für das Center for International Policy. Er fügt hinzu, dass die FARC nicht länger mit der Unterstützung der lokalen Bevölkerung rechnen kann, da sich viele von der Gruppe aufgrund ihrer gewalttätigen Methoden abgewendet haben.

Die kleinere ELN, die hauptsächlich im Nordosten Kolumbiens operiert, wird auf 2.200 bis 3.000 Mitglieder geschätzt, was eine signifikante Reduktion ihres militärischen Potentials seit 1990 bedeutet. Das Erstarken der AUC-Paramilitärs, die Konkurrenz mit der FARC und die aggressiveren Sicherheitsmaßnahmen der Regierung haben alle zur Schwächung der ELN beigetragen. Einige ELN-Einheiten werden allerdings für Spezialoperationen ausgebildet und sind in der Herstellung von Sprengstoff geschult.

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Finanzierung

Experten schätzen die jährlichen Einnahmen der FARC auf 200 bis 300 Millionen US-Dollar – wovon mindestens die Hälfte – aus dem illegalen Drogengeschäft stammt. Die FARC profitiert ebenso von Entführungen, Erpressung und einer inoffiziellen “Steuer”, die sie in den ländlichen Gebieten für “Schutz” und soziale Dienste erhebt. Einem Bericht der International Crisis Group aus dem Jahre 2005 zufolge sind 65 der 110 operativen Einheiten der FARC in einige Aspekte des Drogenhandels involviert, aber Beweise aus dieser Periode zeigten, dass sie primär die lokale Produktion beaufsichtigten. Die US-Regierung dagegen behauptet die Rolle der FARC im Drogenhandel wäre signifikanter. Nach einer Anklageschrift des US Justizministeriums von 2006 liefert die FARC mehr als 50 Prozent des weltweiten Kokains. Das US Finanzministerium hat die Konten einiger Personen eingefroren, welche als bedeutende Drogenhändler innerhalb der FARC gelten. Wie auch immer, andere Beweise zeigen, dass die Involvierung der FARC in den Drogenhandel eine lokale bleibt. Dem UN Welt-Drogenbericht von 2007 nach wird der Großteil des Drogenhandels von professionellen Gruppen von Drogenschmugglern kontrolliert, während die FARC eher auf den Anbau und die Weiterverarbeitung von Koka konzentriert ist.

Der Drogenhandel ist ebenfalls die primäre Einkommensquelle der ELN, ein Wechsel im Hinblick auf die Löse- und “Schutz”geld-Zahlungen, die einen Großteil der Finanzierung in den 1980ern ausmachte, sowie zu den Entführungen, die in den 1990ern Einkommen generierten. Kolumbianische Regierungsquellen glauben, dass sich diese letzte Verlagerung zwischen 2005 und 2007 abspielte, was zusammenfiel mit einer Zunahme der ELN-Aktivitäten an der Pazifikküste und der kolumbianischen Grenze, Kokaanbau-Regionen und Drogenhandels-Zonen.

Terroristische Aktionen

Die FARC ist verantwortlich für die meisten Entführungen mit anschließender Lösegeldforderung in Kolumbien; die Gruppe zielt dabei auf reiche Landbesitzer, ausländische Touristen und prominente internationale und einheimische Offizielle ab. Zu den wichtigsten FARC-Operationen zählen:

  • November 2005: die Entführung von 60 Personen, von denen viele von der FARC als Geiseln gehalten werden, bis sich die Regierung entscheidet, Hunderte ihrer zu Haftstrafen verurteilten Kameraden freizulassen;
  • Februar 2002: die Entführung eines Flugzeuges auf einem Inlandsflug und Geiselnahme eines an Bord befindlichen Senators;
  • Februar 2002: Entführung der kolumbianischen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die im Guerilla-Territorium unterwegs war. Betancourt ist die prominenteste von der FARC gefangen gehaltene Geisel;
  • Oktober 2001: Entführung und Ermordung eines früheren kolumbianischen Kulturministers;
  • März 1999: Ermordung dreier in Kolumbien tätiger US-amerikanischer Missionare, woraus die US-Anklage der FARC und sechs ihrer Mitglieder von April 2002 resultiert.

Die ELN, die ebenfalls dafür bekannt ist reiche Kolumbianer für Lösegeldforderungen zu entführen, nutzt Bombenanschläge gegen und Erpressung von multinationalen und einheimischen Öl-Unternehmen. Die Angriffe der ELN auf Ölpipelines forderten zivile Opfer und zogen die Aufmerksamkeit der Bush-Administration auf sich, welche vorschlug die kolumbianischen Streitkräfte im Schutz von Öleinrichtungen zu trainieren.

Es gibt Anhaltspunkte, dass die FARC und ELN ebenso in Kidnappings an der venezolanischen Grenze verwickelt sind (WashPost). Der venezolanischen Regierung zufolge wurden 2007 382 Menschen als Geiseln genommen, im Vergleich zu 232 im Vorjahr.

Verbindungen zu anderen Regierungen

Als Präsident Uribe 2003 seine Operationen gegen die zwei Guerilla-Gruppen begann, suchten beide Zuflucht in den an Ecuador und Venezuela angrenzenden Gebieten. Diese Grenzregionen sind Brutstätten illegaler Aktivitäten wie Drogen- und Waffenhandel. Beide Rebellengruppen ziehen sich gelegentlich auf benachbartes Territorium zurück, um kolumbianische Militärschläge zu vermeiden.

Nach dem Tod von Raul Reyes im März 2008 erklärte die kolumbianische Regierung, Dokumente auf einem Laptop der Rebellen gefunden zu haben, die beweisen, dass Venezuela und Ecuador die FARC materiell unterstützen. Den Dokumenten zufolge, gab der venezolanische Präsident Hugo Chavez der Gruppe 300 Millionen US-Dollar (AP). Die venezolanische Regierung weist die Anschuldigungen zurück und sagt die Gelder wären für die Verhandlung der Freilassung einer von der Gruppe gefangen gehaltenen Geisel.

Seit Mitte 2007 agiert Chavez als inoffizieller Vermittler zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC. Er fädelte die Freilassung etlicher Geiseln ein, wird aber von Uribe nicht als offizieller Vermittler akzeptiert. Experten sagen dass der Prozess der Geiselfreilassung infolge des Todes von Reyes, der ein Gesprächspartner in den Verhandlungen war, ernsthaft gefährdet sein könnte.

Aussichten auf Frieden

Die FARC ist seit den 1980ern in Friedensverhandlungen mit der kolumbianischen Regierung involviert. Einige Experten vermuten, dass die Rebellen weiterhin Gespräche suchen werden, da sie ihre Sache der sozialen Gerechtigkeit legitimieren. Im Oktober 2006 veröffentlichte die FARC einen Brief, der die Konditionen unter welchen sie einem bilateralen Waffenstillstand und Gefangenenaustausch zustimmen würde, klar stellte. Seitdem gibt es einige Bewegung im Austausch von inhaftierten FARC-Mitgliedern gegen Geiseln, aber keine Verhandlungen über einen Waffenstillstand oder eine Demobilisierung. […].

Mit der ELN befindet sich die kolumbianische Regierung seit Mai 2004 in einem Friedensprozess, aber bis Oktober 2007 haben acht Runden von Gesprächen noch keine Ergebnisse hervorgebracht. Die zwei Parteien stimmen hinsichtlich der Bedingungen für einen Waffenstillstand – die Beendigung von Entführungen und der Benutzung von Anti-Personen-Minen durch die ELN – nicht überein. Aufgrund der geschwächten militärischen Position der ELN glauben einige Kolumbianer, dass die ELN keine Bedrohung mehr darstelle. In einem Briefing der International Crisis Group im Oktober 2007 wurde jedoch gewarnt, dass die Gruppe “eine Fähigkeit zum Überleben und zur Erholung gezeigt habe, nachdem sie nahe am Untergang stand.”

Quelle: Hanson, Stephanie: FARC, ELN: Colombia’s Left-Wing Guerrillas. Council on Foreign Relations. March 11, 2008. http://www.cfr.org/publication/9272/ [11.04.2008], Übersetzung: Florian Quitzsch, Quetzal Leipzig.

From CFR.org. Reprinted with permission. For more analysis and Backgrounders on Colombia and foreign policy, go to CFR.org, http://www.cfr.org


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