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Die Raizal: In der eigenen Heimat an den Rand gedrängt

Autor:  | Oktober 2017 | Artikel empfehlen

Die Raizales sind eine Bevölkerungsgruppe der Insel San Andrés, die darum kämpfen, ihre Kultur zwischen der Überbevölkerung, dem Drogenhandel und dem Massentourismus am Leben zu erhalten.

San Andrés wurde Mitte des vergangenen Aprils stillgelegt, als Hunderte von Raizales, Ureinwohner und Nachkommen der ersten Siedler der Insel, nach einem Monat ohne Trinkwasser die Geduld verloren. Sie erhoben sich zu Protesten, errichteten Straßenblockkaden und gaben diese nicht auf, bis Tanklaster ihre Häuser mit Wasser versorgten. Das Problem war offensichtlich: Während die Touristen- und Gewerbezone 24-Stunden-Service garantiert bekamen, konnten die Raizal sich nicht einmal mehr waschen.

raizales_kolumbien_Bild_MrJhosimar2Die Situation, die sich durch den Wassermangel verschlimmert hatte, wird bereits seit Jahrzehnten durch die Überbevölkerung provoziert. Obwohl die Insel San Andrés lediglich eine Größe von 27 Quadratkilometer hat, ist sie Heimat von 100.000 Einwohnern und im vergangenen Jahr beherbergte sie zusätzlich 900.000 Touristen. Das Wasser reicht nicht für alle, es mangelt an Wohnungen und Arbeitsplätzen, und die Gesundheitsversorgung ist unzureichend. Zudem hat sich die Anhäufung des Mülls zu einem Gesundheitsproblem entwickelt.

Inmitten all dessen leben die Raizal in einem Dorf, das bereits vor sechs Jahrhunderten errichtet wurde. Damals siedelte dort das einheimische Volk der Misquitos, als britische und niederländische Kolonisten ankamen, die später afrikanische Sklaven auf die Insel brachten. Diese Völkervielfalt resultierte in einer, dem karibischen Ursprung eigenen Ethnie, in der man sowohl Englisch als auch eine Kreolsprache sprach, eine Mischung aus karibischem Englisch und einigen afrikanischen Dialekten, und hauptsächlich dem protestantischen Glauben anhing. Die Musik dieser Ethnie, mit Rhythmen ähnlich dem Reggae und Calypso, ihr Essen und ihre Traditionen unterscheiden sich stark von denen des restlichen Landes. „Wir sind Menschen, die von ihrer Umwelt leben, vom Meer mit all seinen Reichtümern und von dem Boden, den wir bewirtschaften können und der uns bald erlauben wird, Kokos und Holz zu gewinnen”, erzählt Raymon Howard, Pastor der Ersten baptistischen Gemeinde von San Andrés (la Primera Iglesia Bautista de San Andrés).

Aber es ist heutzutage nicht einfach, als ethnische Minderheit zu überleben. Weniger als 35 Prozent der Bevölkerung gehören zu den Raizal. Sie sind eine Minderheit in einem Territorium, das sie als ihres ansehen und die Stück für Stück ihre Essenz, ihre Kultur und ihre Lebensart verliert. Die anderen 65 Prozent sind „Festländer“, wie die Raizal die restlichen Kolumbianer bezeichnen, und ein paar wenige Ausländer. Derart unterlegen auf der überbevölkerten Insel wird eine einzigartige Kultur Kolumbiens bedroht: Die meistgesprochene Sprache auf der Insel ist heute Spanisch, der katholische Glauben hat an großem Zuwachs gewonnen, die Traditionen der Ureinwohner gehen unter, und die traditionelle Küche wird durch den Verlust von Fischgebieten durch die Auseinandersetzungen mit Nicaragua und auch durch den klimatischen Wandel bedroht.

Entstehung einer Minderheit

“Die Kultur der Mehrheit dominiert über die der Minderheit”, erklärt Corine Duffis, eine 65- jährige Einwohnerin von San Andrés und Sprecherin der Bewegung AMEN SD (Archipielago Movement for Etnic Native Self Determination). Die Organisation AMEN SD, eine Raizal-Organisation, die 1999 entstand, erstarkte infolge der aktuellen Niederlagen von Den Haag durch die das Land die Seeherrschaft über einige Meeresgebiete verlor, die die Insel umgeben. „Wir erwarten, dass Kolumbien unsere Urrechte über unser Territorium respektiert. Wir haben das Recht auf Selbstbestimmung”, verdeutlicht sie.

AMEN SD gelang es, die unzufriedenen Gruppen der Raizal-Bevölkerung zu vereinen, die feststellten, dass ihre Kultur vernachlässigt wurde, nachdem ihre Vorfahren 1822 freiwillig Großkolumbien beitraten. Sie sagen, dass ihr angestammtes Territorium in Verträgen und internationalen Auseinandersetzungen verloren gegangen sei und dass ihre Lebensweise sich durch die massenhafte Ankunft von kolumbianischen „Festländern“ veränderte, seit die Insel 1953 zum Freihafen erklärt wurde.

Hierdurch änderte sich das Erscheinungsbild der Insel. Die Häuser der Raizal mussten großen Hotels Platz machen, und einige Mangrovengebiete wurden aufgefüllt, um Straßen zu bauen. In den öffentlichen Schulen begann man nun auch Spanisch zu reden, weshalb viele Raizal ihre Sprache verlernten.

Mit der Verfassung von 1991 versuchte man die Situation zu ändern und erkannte die Raizal als ein „Urvolk“ an. Die Behörden richteten ein Büro ein, das die Aufgabe hat, den Zugang zur Insel zu kontrollieren. Es wurde beschlossen, dass die Schulen bilingual sein müssen und ordnete an, dass alle Angestellten des öffentlichen Dienstes die Sprache der Ureinwohner zu sprechen hätten. Die Raizal jedoch sagen, dass viele dieser Bestimmungen leere Versprechungen sind.

Der jährliche Ansturm von Tausenden Touristen verschlimmerte die Situation weiter. Die Hotels verbrauchen den Großteil des Wassers der Insel. „Dieses Jahr sind sie glücklich, weil mehr als eine Million Touristen anreisen werden. Doch uns beunruhigt das sehr”, erzählt der Pastor Howard.

Raizales_Kolumbien_Bild_MrJhosimarEin weiteres Problem ist der Drogenhandel, der laut Pastor Howard Anfang der 80er Jahre auf die Insel kam, als San Andrés der Ruhesitz einiger Anführer des Drogenhandels war. Dann entwickelte sich die Insel jedoch in einen illegalen Umschlagsort für Drogen von den USA nach Zentralamerika. Die illegalen Geschäfte zogen ein reiches Publikum an. Die Raizal verkauften ihnen ihre Grundstücke, und seitdem waren die wichtigsten Orte der Insel in den Händen von „Festländern“. Heute sind die Ureinwohner statistischen Berechnungen zufolge Eigentümer von weniger als der Hälfte des Territoriums.

Außerdem fingen die jungen Raizal an, sich in die illegalen Geschäfte zu verwickeln, indem sie Drogenladungen in kleinen Booten transportierten. „Viele von ihnen sind verschwunden, andere sind umgekommen, und viele sind in den Vereinigten Staaten in Haft”, berichtet Graybern Livistong, einer der Koordinatoren der Jugendorganisation RYouth, die darum kämpft, die Kultur der Raizal auf der Insel zu bewahren.

Das brachte Unsicherheit mit sich. In den zuvor friedlichen Straßen von San Andrés finden sich heute kriminelle Banden, die um die Vormacht im Drogenhandel kämpfen. Zwischen 2010 und 2014 wurden ca. 70 Personen ermordet und 15 weitere verschwanden. Die Situation hat sich wieder verbessert, aber hinter vorgehaltener Hand sagt man noch immer, “man muss Vorsicht walten lassen”.

Emiliana Bernard, eine Raizal und ehemalige Sekretärin für soziale Entwicklungen auf San Andrés, sieht ein, dass sie selbst an dieser kritischen Situation auch Schuld haben. „Wir tragen auch Schuld. Fast alle unserer Gouverneure, abgesehen vom aktuellen, waren Raizal. Es fehlt an Selbstkritik”.

Laut Emiliana war der von der Regierung und den Raizal geschaffene Raizal-Status bis heute die konkreteste Aktion, um diese Problematik anzugehen. Dieser bestimmt einige Richtlinien, um den Dialog und die Entscheidungen zwischen Regierung und Raizal zu verbessern. Seit 2013 schuf man einige Runde Tische und ein Dokument, in dem mehrere Petitionen vorgestellt werden: Größere Autonomie, die es den Raizal erlaubt, über ihr Territorium zu bestimmen, den Tourismus zu regulieren und Maßnahmen zu ergreifen, um der Überbevölkerung entgegenzuwirken.

Das erste Mal sind wir nun organisiert und uns einig, dass die Lösung in einer größeren Autonomie besteht”, sagt Corine. „Wir schufen einen Kongress und wählten eine Raizal-Vertretung. Die Regierung muss uns miteinbeziehen, um ihre Entscheidungen zu fällen.“

Es existiert die Vorstellung, dass San Andrés wieder im Glanze ihrer vollen Pracht auflebt. Raizal wie Vecas Jay, ein lokaler Fischverkäufer, erinnern sich voll Nostalgie an die glorreichen alten Tage: „Diese Insel war ein Paradies. Wir schliefen mit offenen Türen und wanderten nachts von einem Ort zum nächsten. Das alles können wir nicht mehr tun. Das macht mir Sorgen. Ich stehe vielleicht schon mit einem Bein im Grab, aber meine Töchter, Nichten und Neffen leben hier, und die Situation wird von Tag zu Tag schwieriger!”

 

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Original-Beitrag aus La Semana vom 18.06.2016 (Ausgabe 1781). Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift.

 

Übersetzung aus dem Spanisch: Ina Verhülsdonk

Bildquelle: [1], [2] Mr.Jhosimar


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