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Kein Bicentenario – Belizes Sonderweg zur Unabhängigkeit

Autor:  | September 2021 | Artikel empfehlen

Karte von Zentralamerika - Foto: Public Domain

Von den sieben Ländern, die auf dem zentralamerikanischen Isthmus liegen, feiern sechs im Jahr 2021 den 200. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit von Spanien: Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica am 15. September und Panama am 28. November. Belize hingegen, das siebente Land, muss sich dieses Jahr mit einem 40-jährigen Jubiläum begnügen. Das Land erhielt seine Unabhängigkeit von Großbritannien am 21. September 1981. Die zeitliche Differenz und die Nationalität der Kolonialmacht verweisen bereits darauf, dass Belize einen eigenen, vom Rest Zentralamerikas verschiedenen Weg von der Kolonie zur staatlichen Selbstständigkeit finden musste. Eine der Ironien dieser Geschichte liegt darin, dass es Guatemala war, dass nicht nur die Unabhängigkeit des Nachbarlandes hinausgezögert, sondern auch lange Zeit Anspruch auf dessen Territorium erhoben hat. Es ist der Widerspruch zwischen Geografie und Geschichte, der den Weg Belizes von der britischen Kolonie mit karibischer Identität zur Unabhängigkeit zu einem spannenden Fall macht. Diesen Weg näher zu beleuchten, ist das Anliegen dieses Beitrags, der sich als Ergänzung zur Bicentenario-Reihe versteht.

Von der spanischen Maya-Frontier zur britischen Kronkolonie

Bis heute halten sich Mythen, die die Anfänge der Kolonie, aus der später der Staat Belize hervorgehen sollte, auf das Jahr 1638 festlegen wollen. Die bekannteste Legende besagt, dass die Gründung und damit auch der Name von Belize auf Peter Wallace zurück gehen. Neueste Forschungen verweisen hingegen mit überzeugenden Argumenten auf die Maya als Namensgeber. Die Halbinsel Yucatán, an deren Ostküste Belize liegt, gehörte damals formell zum spanischen Kolonialreich. Die ursprüngliche Bevölkerung der Maya war durch die Eroberer dezimiert und vertrieben worden. Das Vakuum wurde von den Baymen gefüllt, die so genannt wurden, weil sie sich am Golf von Honduras niedergelassen hatten. Bei ihnen handelte es sich um eine Mischung aus Abenteurern, (Ex-)Piraten, Unternehmern und Händlern, die vor allem von den britischen Inseln, aber auch aus Frankreich oder Holland stammten. Zumeist Protestanten, verstanden sie es, ihre religiöse Feindschaft gegenüber den katholischen Spaniern mit einer Pendelpolitik zwischen Kooperation und Konflikt zu verbinden. Ihr Hauptinteresse galt den Gewinnen, die sie aus ihren Geschäften schlugen. Neben Zwischenhandel, Schmuggel, Schildkrötenjagd sowie Raub- und Plünderungszügen verdienten sie ihren Lebensunterhalt vor allem mit dem Fällen von Farb- und Edelhölzern, wofür vor allem afrikanische Sklaven eingesetzt wurden. Enge Beziehungen entwickelten sich zu den Shoremen der Mosquitia, einer ähnlichen Gruppe von Siedlern an der Karibikküste von Honduras und Nicaragua. Nach dem Zusammenbruch der spanischen Kolonialherrschaft auf dem Isthmus fungierte das Bay Settlement bis 1850 als „wichtigstes Handelszentrum der westlichen Karibik“ (Mayr, S. 196) und als Sprungbrett für die Wiederherstellung des britischen Einflusses an der zentralamerikanischen Karibikküste.

Unter dem Druck der USA mussten sich die Briten sowohl von den Bay Islands (Roatán, Guanaja, Útila) im Golf von Honduras als auch aus der Mosquitia, die erst 1843 offiziell zum britischen Protektorat erklärt worden war, zurückziehen. Dafür konnten sie aber im Gegenzug ihren Einfluss im Bay Settlement ausbauen, das 1862 unter dem Namen Britisch-Honduras offiziell britische Kolonie wurde. Damit hatte ausgerechnet jener Stützpunkt auf dem Isthmus überlebt, dessen Status zwischen Spanien und Großbritannien nie hatte einvernehmlich geklärt werden können. Zwar hatte die britische Regierung 1859 mit Guatemala, das 1821 unabhängig geworden war und das Gebiet des Bay Settlement als Teil des eigenen Territoriums betrachtete, den Aycinena-Wyke-Vertrag abgeschlossen, der in der Folgezeit jedoch von beiden Seiten unterschiedlich interpretiert wurde. Er beinhaltet die Festlegung der Westgrenze des von London beanspruchten Gebietes und sichert der guatemaltekischen Seite im Gegenzug den Bau einer Verkehrsverbindung zwischen der Guatemala-Stadt und dem Atlantik zu (Artikel VII), eine Bedingung, die von britischer Seite nie erfüllt wurde. London interpretiert den Vertrag von 1859 als Anerkennung seines Anspruchs auf das heutige Belize, während Guatemala darauf beharrt, dass der Vertrag wegen der Nichterfüllung von Artikel VII null und nichtig sei.

Der Territorialstreit zwischen Guatemala und Großbritannien entwickelte sich später zum entscheidenden Hindernis für die Unabhängigkeit Belizes, wie die britische Kolonie am Golf von Honduras seit 1973 hieß. Der Aufschwung der antikolonialen Bewegung nach 1945 hatte auch Britisch-Honduras erfasst. In Reaktion auf die Verschlechterung der sozialen und wirtschaftlichen Situation 1949 gründete eine Allianz aus Gewerkschaftern und rebellischen Intellektuellen das People’s Committee, das schon bald die Selbstregierung forderte. Aus ihm ging am 29. September 1950 die People’s United Party (PUP) hervor, die seitdem den Kampf um die Unabhängigkeit anführte. In der Karibik waren Jamaika sowie Trinidad und Tobago 1962 die ersten Kolonien, denen London die staatliche Selbstständigkeit gewähren musste. Barbados und Britisch-Guayana folgten vier Jahre später, während die Bahamas, Grenada, Dominica, St.Lucia, St. Vincent und die Grenadinen in den 1970er Jahren unabhängig wurden.

In Britisch-Honduras waren die Briten nach wiederholten Wahlsiegen der PUP (1954, 1957, 1961) zur Einsicht gelangt, dass die Unabhängigkeit nicht mehr zu verhindern war. Nach der Ausarbeitung einer Verfassung führten sie 1964 die Selbstregierung (Self Government) ein und die PUP stellte in den zwanzig Jahren bis zur Unabhängigkeit mit George Price den First Minister (1961-1964) bzw. den Premier (1964-1981). Damit rückte zugleich das Problem der guatemaltekischen Ansprüche immer stärker in den Vordergrund. Das ungeklärte Verhältnis zum Nachbarland verzögerte nicht nur den Unabhängigkeitsprozess, sondern stellte diesen prinzipiell in Frage. Für Guatemala war Belize Teil des eigenen Territoriums, das von Großbritannien illegal okkupiert worden war. Nach gescheiterten Gesprächen in den 1930er Jahren hatte das guatemaltekische Parlament 1946 den Vertrag von 1859 für ungültig erklärt. Damit wurde zugleich begründet, weshalb Britisch-Honduras nicht unter die Entkolonialisierungsdeklaration der UNO von 1960 fiel. Im November 1961 erklärte sich die britische Regierung zu informellen Gesprächen mit Guatemala bereit. Ziel war die Klärung des Territorialstreit zwischen beiden Ländern, um so die Zukunft Belizes zu sichern.

Washington will mitmischen

Guatemala: Landkarte - Karte: University of Texas at Austin

Innerhalb Belizes stellt das „Guatemala-Problem“ die entscheidende Differenz zwischen PUP einerseits und der United Democratic Party (UDP) andererseits dar. Letztere war 1973 aus dem Zusammenschluss kleinerer Parteien hervorgegangen und sah im ungeklärten Verhältnis zu Guatemala den Hauptgrund, um die Unabhängigkeit möglichst lange hinauszuzögern. George Price und die PUP traten hingegen für einen zügigen Unabhängigkeitsprozess ein. Für die Briten bot diese Konstellation die immer wieder genutzte Möglichkeit, um die Unabhängigkeitsbewegung unter Druck zu setzen.

Im Drama um Belizes Zukunft spielte Washington – neben den beiden lokalen Parteien und den Briten – als vierter Akteur die Rolle einer „grauen Eminenz“ im Hintergrund. Auch wenn die USA nicht direkt involviert waren und deshalb im Januar 1963 eine „friedliche Intervention“ zu Gunsten Guatemalas abgelehnt hatten, konnten sie es sich nicht leisten, das Belize-Problem dem Selbstlauf zu überlassen. Nach der Intervention in der Schweinebucht 1961 und der Raketenkrise vom Oktober 1962 bildete die Karibik einen hoch explosiven Brennpunkt des Kalten Krieges. Aus der Perspektive Washington bestand die Gefahr, dass ein unabhängiges und schwaches Belize zum Einfallstor für das revolutionäre Kuba werden könnte. Das straff antikommunistische und seit 1963 von einer Militärdiktatur beherrschte Guatemala bot hingegen die beste Gewähr, um ein „zweites Kuba“ auf dem zentralamerikanischen Isthmus zu verhindern. Aus dieser Interessenlage heraus erklärte sich Washington am 28. September 1965 bereit, im Streit, um Belize zu vermitteln. Auf Einladung von Bethuel Webster, der von den USA offiziell zum Mediator ernannt worden war, fanden im US-State Department am 18. und 19. November die ersten Gespräche zwischen der britischen und guatemaltekischen Seite statt. Nach langen und zähen Verhandlungen präsentierte Washington am 18. April 1968 einen Vertragsentwurf, der Belize einerseits die schnelle Unabhängigkeit zusicherte, andererseits Guatemala so viel Einfluss über den neuen Staat zusprach, dass es diesen faktisch vereinnahmen konnte. Nach Bekanntwerden des vorgeschlagenen Vertragsentwurfs brach in Belize ein Sturm der Entrüstung los. Sowohl die Bevölkerung als auch die Politiker lehnten die Ergebnisse der US-Vermittlung vehement ab. Nachdem Guatemala und Großbritannien sich ebenfalls dagegen ausgesprochen hatten, erklärte Washington am 20. September 1968 seine Vermittlung für gescheitert.

Erfolgreiche Strategie der Internationalisierung

Um die Ansprüche Guatemalas, nach 1961 das „einzige Hindernis, das der Unabhängigkeit entgegenstand“ (Shoman 2011, S. 230), zu überwinden, entschied sich George Price für eine Strategie der Internationalisierung. Er war 1969 zu der Überzeugung gelangt, dass die Verhandlungen mit Guatemala niemals zu einem unabhängigen Belize führen würden. Unter Leitung von Assad Shoman* wurde 1971 das Belizean Independence Secretariat (BIS) geschaffen, das als Think Tank und ausführender Arm der Internationalisierungsstrategie dienen sollte. Die ersten und wichtigsten Verbündeten fand Price in Kuba, das als einziges lateinamerikanisches Land den Unabhängigkeitskurs Belizes von Anbeginn unterstützte, und in den unabhängigen Staaten der Karibik, die sich 1973 in der CARICOM zusammengeschlossen hatten.

Das Dilemma von Belize bestand darin, dass Guatemala als Ausgleich für die Anerkennung der Unabhängigkeit territoriale Ansprüche erhob. Die guatemaltekischen Forderungen zielten auf ein Gebiet in Südbelize, um so einen sicheren Zugang zum Golf von Honduras zu erhalten. Die Price-Regierung, die 1974 wiedergewählt worden war, lehnte hingegen jede Verletzung der territorialen Integrität Belizes ab und verband dies mit der Forderung nach einer zügigen Anerkennung der Souveränität und Unabhängigkeit des Landes.

Großbritannien saß zwischen zwei Stühlen: Einerseits wollte es den Problemfall Belize rasch entsorgen und war deshalb zu territorialen Zugeständnissen gegenüber Guatemala bereit, andererseits konnte es die klare Position Belizes nicht einfach ignorieren. Als Guatemala 1972 nach britischen Geheimdienstinformationen eine Militäraktion gegen Belize plante, reagierte London mit der Verstärkung seiner dortigen Truppen. Damit stand Price vor einem doppelten Problem: Wie konnte die Vetomacht Guatemalas, die den Unabhängigkeitsprozess blockierte, aufgebrochen werden, ohne dass Belize den militärischen Schutz Großbritanniens verlor, der eine Intervention des mächtigen Nachbarn bislang verhinderte? Hinzu kam die Erklärung Mexikos, dass jede Änderung des Status’ von Belize seiner Zustimmung bedurfte. Als sich Price 1975 entschloss, sein Anliegen in der UNO vorzutragen, verfolgte er damit zwei Ziele: Guatemala diplomatisch zu isolieren und Großbritannien eine Schutzgarantie abzuringen.

Das Fundament für eine Unabhängigkeit ohne den Verlust der territorialen Integrität, die sechs Jahre später durchgesetzt werden konnte, legte die Resolution der UN-Vollversammlung vom 8. Dezember 1975. Diese war von den karibischen Staaten eingebracht worden und entsprach weitgehend der Position Belizes. Zuvor hatten die zuständigen UN-Gremien die Position Guatemalas zurückgewiesen, dass Belize kein Fall für die Anwendung der Deklaration über die Entkolonialisierung sei. Das damalige Stimmverhalten gibt Aufschluss über die große Unterstützung, die die Position von Belize inzwischen genoss. 110 Staaten votierten für die karibische Resolution, neun waren dagegen und 16 enthielten sich der Stimme, darunter auch die USA, Mexiko und acht weitere lateinamerikanische Staaten. Die Gegenstimmen kamen von den fünf zentralamerikanischen Ländern (ohne Guatemala, das an der Abstimmung nicht teilgenommen hatte) sowie von der Dominikanischen Republik, Paraguay, Uruguay und Marokko. In den folgenden Jahren erreichten Price und seine Unterstützer, dass sich sowohl die Zahl der Befürworter als auch der Inhalt des Entwurfs der UN-Resolution zu Belize immer weiter zugunsten ihrer Position verschob. Schlüsselfaktoren waren die Gewinnung der lateinamerikanischen Länder und der permanente Druck auf Großbritannien. Eine besonders aktive Rolle in Hinblick auf Lateinamerika spielte der Omar Torrijos, der Präsident Panamas, der in Hinblick auf die Entkolonialisierung der Kanalzone eine ähnliche Strategie der Internationalisierung wie Price betrieben hatte. Gegenüber den Briten gab die Unterstützung seitens der Mitgliedsstaaten des Commonwealth und der Bewegung der Blockfreien (NAM) den Ausschlag.

Als am 11. November 1980 die UN-Vollversammlung mit 139 Ja-Stimmen die Endfassung der Resolution zu Belize verabschiedete, geschah dies ohne Gegenvotum und mit nur sieben Enthaltungen. Dazu gehörten neben Israel und Marokko zwei zentralamerikanische Staaten (El Salvador und Honduras) sowie drei südamerikanische Länder (Bolivien, Paraguay und Uruguay). Guatemala und Spanien hatten an der Abstimmung nicht teilgenommen. Die Resolution legte fest, dass Belize im folgenden Jahr seine Unabhängigkeit erhalten sollte, ohne dass es Abstriche an seiner territorialen Integrität machen musste. Außerdem verpflichteten sich sowohl Großbritannien als auch die Vereinten Nationen dafür zu sorgen, dass diese Bestimmungen auch eingehalten wurden.

Endlich unabhängig, aber auf schwankendem Grund

Maßgeblich für diesen Erfolg war die Zustimmung der USA. Dank seiner special relationship mit London und aufgrund der strategisch bedeutsamen Beziehungen zu Guatemala hatte die westliche Supermacht nicht nur ein großes Interesse, sondern auch entscheidenden Einfluss auf den Verlauf und die Ergebnisse der Verhandlungen über die Zukunft Belizes. Bis zuletzt hatte Washington eine Lösung angestrebt und unterstützt, die der guatemaltekischen Forderung nach territorialem Zugewinn weit entgegenkam. Auch die Briten waren bereit, bei diesem Spiel mitzumachen. Der in letzter Minute erreichte Sinneswandel Washingtons hatte vor allem einen Grund: Die dramatischen Veränderungen in Zentralamerika, die sich nach 1979 im Ergebnis der sandinistischen Revolution in Nicaragua sowie der bewaffneten Kämpfe in El Salvador und Guatemala vollzogen hatten. Durch diese sahen sich die USA veranlasst, auf eine schnelle Lösung des Belize-Problems zu drängen.

Es ist zudem sehr unwahrscheinlich, dass der grandiose Erfolg ohne das entschlossene und kluge Handeln von George Price möglich gewesen wäre. Angesichts der ungebrochenen Unterstützung der PUP im Innern und der wachsenden Solidarität mit der Unabhängigkeitsbewegung im Ausland blieb sowohl Washington als auch London keine andere Wahl, als deren Forderungen zuzustimmen.

Am 21. September 1981 erhielt Belize seine Unabhängigkeit unter Wahrung seiner territorialen Integrität und wurde wenige Wochen später als 156. Mitglied in die UNO aufgenommen. Großbritannien übernahm bis 1993 den militärischen Schutz des jungen Mini-Staates. Anders als in vergleichbaren Fällen, in denen mächtige Nachbarstaaten Ansprüche auf die Territorien von Kolonien erhoben haben, konnte Belize seine Unabhängigkeit ohne Blutvergießen erreichen. Sowohl Ost-Timor, das von 1975 bis 1999 unter der grausamen Okkupation von Indonesien zu leiden hatte und erst 2002 seine volle Unabhängigkeit erhielt, als auch die West-Sahara, die bis heute illegal von Marokko besetzt ist, verweisen darauf, wie schmal der Grat zwischen Unabhängigkeit und Krieg sein kann. Trotz seines einzigartigen Erfolges befand sich Belize auch nach 1981 in einem grundlegenden Dilemma: Guatemala hielt an seinen territorialen Forderungen fest und der Beistand Großbritanniens blieb unverzichtbar für die Verteidigung des Landes.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit bewegte sich die innere Entwicklung Belizes zwischen der Suche nach einem geeigneten Wirtschaftsmodell und der Sicherung politischer Stabilität, wobei letztere bis heute vom Zwei-Parteien-System garantiert wird. In den neun Wahlen, die nach 1981 abgehalten wurden, setzte sich die PUP viermal (1989, 1998, 2003, 2020) durch, während die UDP fünfmal Sieger war (1984, 1993, 2008, 2012, 2015).

In der Wirtschaft hat Belize mit ähnlichen Problemen wie alle seine zentralamerikanischen Nachbarn zu kämpfen. In vielen Punkten sind die ökonomischen Ausgangsbedingungen des jüngsten Staates auf dem Isthmus sogar noch schlechter als in den übrigen sechs Ländern: Der Binnenmarkt ist deutlich kleiner und die Abhängigkeit von Ex- bzw. Importen deshalb auch entsprechend größer. An die Stelle der Holz-Monokultur sind nach der Unabhängigkeit die „Big 3“ (Zuckerrohr, Zitrusfrüchte und Bananen) getreten, die später durch nicht-traditionelle Exportprodukte wie Papaya und Garnelen ergänzt wurden. Daneben haben sich Tourismus und Finanzdienstleistungen zu tragenden Säulen der Wirtschaft entwickelt. Hauptpartner im Außenhandel, der ein hohes Defizit aufweist, sind nach wie vor die USA. Seit 2006 ist der Export von Erdöl zu einer zentralen Einnahmequelle geworden.

Wohl am stärksten hat sich das Land seit 1981 in seinem ethnischen Charakter verändert. Dieser ethnic shift drückt sich vor allem darin aus, dass die Mestizos zur führenden Gruppe innerhalb der multiethnischen Bevölkerung aufgestiegen sind. Bis zur Unabhängigkeit bildeten die Creoles, die von afrikanischen Sklaven abstammen, mit 40 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung die zahlenmäßig stärkste Ethnie. 2010 stellten sie nur noch ein Viertel, während die Mestizos mit knapp 53 Prozent deutlich in der Überzahl waren. Auf die drei Maya-Ethnien (Mopan, Q’eqchi, Yucatec) entfielen zusammen 11,3 Prozent und die Garifuna hatten einen Anteil von 6,1 Prozent.

Trotz Sonderweg ein Teil Zentralamerikas

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Belize gehört trotz seiner Sonderstellung zu Zentralamerika. Der jüngste und kleinste Staat der Region (419.000 Einwohner auf einem Territorium von 22.970 km² – nur El Salvador mit 21.000 km² ist zwar etwas kleiner, hat dafür aber 6,5 Mio. Einwohner) ist das Ergebnis eines langen, schwierigen und mit zahlreichen Unsicherheiten behafteten Weges, auf dem sich die Abstoßung von und die Annäherung an Zentralamerika abgewechselt haben. Am Anfang der Trennung vom Reino de Guatemala stand der Ausbau der britische Präsenz auf der karibischen Seite des Isthmus. Nach zweihundert Jahren eines Sonderweges, der immer gefährdet blieb, erklärte Großbritannien das Land unter der Bezeichnung Britisch-Honduras schließlich zur Kolonie (1862), dann sogar zur Kronkolonie (1871), während es gleichzeitig alle anderen kolonialen Ansprüche auf dem Isthmus auf Druck der USA aufgeben musste. Aber selbst in der Hochzeit britischer Dominanz konnte sich die Kolonie nie den Einflüssen entziehen, die sich aus seiner geographischen Zugehörigkeit zu Zentralamerika ergeben. Angefangen bei den zahlreichen Versuchen Spaniens, die Kontrolle über das Bay Settlement zurückzugewinnen, über die engen wirtschaftlichen Beziehungen zu Zentralamerika zwischen 1800 und 1850 bis hin zu den Auswirkungen des Kastenkrieges in Mexiko (1847 bis 1901).

Aus dem spanischen Erbe entwickelte sich ein paradoxer Konflikt mit Guatemala, durch den die Unabhängigkeit Belizes lange blockiert wurde und der das Land bis heute mit einem schwerwiegenden Dilemma konfrontiert. Zugleich zeigt dieser Konflikt, dass Belize untrennbar mit Zentralamerika verbunden ist. Ausgehend von der faktischen Macht der Geografie und den politischen Fakten der Unabhängigkeit von 1981 müssen beide Konfliktparteien das Gespräch suchen, um eine einvernehmliche Lösung zu finden. So erkannte Guatemala 1991 das Recht von Belize auf freie Selbstbestimmung an, stellte aber zugleich fest, dass der Territorialstreit (Diferendo Territorial) über das Gebiet zwischen dem Rio Sibún und dem Rio Sarstún (ca. 11.000 km²) nicht geklärt ist. 2000 eröffnete die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) ein Schiedsverfahren, um im Guatemala-Belize-Konflikt zu vermitteln. Am 8. Dezember 2008 unterzeichnen beide Länder am Sitz der OAS ein Spezialabkommen, in dem sie sich einverstanden erklären, ihren Rechtsstreit vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag klären zu lassen. Am 15. April 2018 fand in Guatemala ein Referendum (consulta popular) über das weitere Vorgehen im Territorialkonflikt statt, an dem über zwei Millionen Wähler (26,65% der Stimmberechtigten) teilnahmen. 1.780.530 Wähler (95,88% der gültigen Stimmen) stimmten für den Gang an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Ein Jahr später, am 8. Mai, fand in Belize ein entsprechendes Referendum statt, bei dem sich 55,37 Prozent (53.388 Wähler) für den Gang an den Internationalen Gerichtshof aussprachen.

Diese Entwicklung zeigt, dass trotz des Territorialkonfliktes zwischen beiden Ländern der Kooperation die Zukunft gehört. Dafür bietet die Mitgliedschaft Belizes im Zentralamerikanischen Integrationssystem (SICA) seit 2001 zahlreiche neue Möglichkeiten. In dieselbe Richtung wirken zahlreiche gemeinsame Gefährdungen, die aus solchen Problemen wie Klimawandel und Drogenökonomie erwachsen. Diese können nur durch intensive regionale Zusammenarbeit mit den zentralamerikanischen Nachbarn gelöst werden.

* Assad Shoman war außerdem von 1974 bis 1978 sowie 1980/ 1981 Chef der Vertretung Belizes bei der UNO und Teilnehmer an den Verhandlungen über die Unabhängigkeit. Die Darstellung zum Unabhängigkeitsprozess beruht im Wesentlichen auf den Darstellungen von Shoman 2010 und 2011, Kapitel 9.

Literatur

Bulmer-Thomas, Barbara & Victor: The Economic History of Belize. Belize 2012

Gärtner, Peter: Zwischen zwei Kontinenten. Geschichte und Gegenwart Zentralamerikas. Münster 2020, bes. S. 317-336

Mayr, Renate: Belize – Tracking the Path of Its History. Wien-Berlin 2014

Shoman, Assad: A history of Belize in 13 chapters. Belize City 2011

Shoman, Assad: Belize’s Independence and Decolonization in Latin America. Gautemala, Britain and the UNO. New York 2010

Toussaint, Mónica: Belice – una historia olvidada. México 1996

Toussaint, Mónica: Entre los vecinos y los imperios: el papel de Belice en la geopolítica regional, in: Tzintzun – Revista de estudios históricos, 50 (2009), S. 105-128

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Bildquellen: [1], [2], Public Domain, [3] wiki_CC


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