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Schlußlicht oder Vorbild?
Honduras als Modernisierungsparadoxon

Autor:  |  Sommer 1997

Auf den ersten Blick scheint die Antwort auf die Frage, ob Honduras im zentralamerikanischen Vergleich Schlußlicht oder Vorbild ist, einfach zu sein. Armut, innere Fragmentierung, Entwicklungsrückstand gegenüber den Nachbarn sind die bekannten Markenzeichen des im Zentrum des Isthmus gelegenen Landes. Honduras gilt als Muster einer Bananenrepublik. Eine Vielzahl sozialer Indikatoren bestätigt das Image von Honduras als notorisches Schlußlicht und ewiger Verlierer unter den fünf zentralamerikanischen Republiken. Das Jahr 1979, in dessen Gefolge sich der gesamte Isthmus von Grund auf veränderte, sah Honduras fast überall als fünftes Rad am Wagen. Es war das Land mit der zweithöchsten Analphabetenrate (1970: 47,5 %) und dem niedrigsten Urbanisierungsgrad (1980: 36% der Bevölkerung), mit den wenigsten Straßen (1975: 1327 km) und Autos (1976: 7074 Stück), mit dem niedrigsten Wirtschaftswachstum (1970-79: 3,6% im Durchschnitt) und Pro-Kopf-Einkommen (1970: 202 zentralamerikanischen Pesos), mit der höchsten Armut (1980: 68 % der Bevölkerung) und der niedrigsten Lebenserwartung (1970: 50 Jahre).[1]

Mit dem Sieg der nikaraguanischen Revolution 1979 geriet Honduras jedoch – ohne daß sich die oben aufgeführten Indikatoren grundsätzlich geändert hätten – in ein anderes Licht. Nun war es das Land „politischer Stabilität” (RUHL), das „revolutionäre Gewalt vermieden hatte” (SCHULZ) und in dem sich – anders als im Nachbarland El Salvador – „kein Bürgerkrieg ereignete” (PLEITEZ CHAVEZ) – kurz: die positive Ausnahme im revolutionär erschütterten Zentralamerika. Diese Verschiebung in Sichtweise und Bewertung lenkt das Augenmerk des interessierten Betrachters auf zweierlei. Erstens stellt sich ihm die Frage, woran der Zustand eines Landes zu messen ist. An der Geschwindigkeit des Wachstums oder an der Ausgeglichenheit seiner Grundlagen und Folgen? An jenen Indikatoren, die – weil anderswo bewährt – zum Maß aller Entwicklung werden, oder an solchen, die der Situation vor Ort am besten entsprechen? Zweitens verlangt die Ausnahme Honduras nach einer Erklärung. Wodurch und wie konnte eine revolutionäre Situation in Honduras über mehr als ein Jahrzehnt vermieden werden, während gleichzeitig der revolutionäre Flächenbrand in den Nachbarländern loderte? War es gar so, daß, was zuvor negativ ins Auge gefallen war -die Zurückgebliebenheit und Rückständigkeit des Landes – die Revolution verhindert hatte?

Auch wenn diese Fragen hier nicht erschöpfend beantwortet werden können, so liefert die Suche nach Antworten doch wichtige Hinweise für die generelle Ambivalenz vermeintlich eindeutiger historischer Vorgaben. Am Modernisierungsparadoxon Honduras zeigt sich besonders deutlich, wie schnell aus einer Niederlage ein Sieg werden und sich ein aktueller Nachteil zum langfristigen Vorteil wandelt kann – und umgekehrt.

Fußballkrieg: Verloren – und dennoch gewonnen?

Ein Lehrstück, wie schnell sich das Ergebnis historischer Entscheidungen umkehren kann, bietet der Ausgang des Fußballkriegs zwischen Honduras und El Salvador.[2] Am 14. Juli 1969 marschierten salvadorianische Truppen in Honduras ein und bereiteten der gegnerischen Armee innerhalb von vier Tagen eine empfindliche Niederlage. Formeller Anlaß der militärischen Intervention waren die tätlichen Auseinandersetzungen um den Ausgang der Länderspiele der Fußballnationalmannschaften beider Länder im Monat zuvor, die mehrere Todesopfer gefordert hatten. Die Ursachen lagen jedoch tiefer. Zum einen hatte der Gemeinsame Zentralamerikanische Markt (MCCA), zu dem sich fünf Länder der Region Anfang der 60er Jahre zusammengeschlossen hatten, gegensätzliche Ergebnisse für beide Kontrahenten gebracht. Profitiert hatten vor allem El Salvador und Guatemala, während Honduras aufgrund seiner ökonomischen Schwäche schon schnell ins Hintertreffen geraten war. Aus dieser Verliererposition heraus bot sich anti-salvadorianischer Nationalismus für die honduranischen Militärs, die das Land regierten, gleich mehrfach als einfachste Lösung an. Am 30. April 1969 forderten die honduranischen Behörden die etwa 300.000 Salvadorianer, die der Misere im eigenen Land über die Grenze nach Honduras zu entkommen glaubten, im Zuge einer Agrarreform zur Rückkehr in ihre Heimat auf. Das von den salvadorianischen Campesinos zumeist illegal bebaute Land sollte an honduranische Bauern verteilt und damit die soziale Basis der Militärregierung stabilisiert werden. Zugleich traf man damit den ökomomisch stärkeren Nachbarn an seiner empfindlichsten Stelle. War das Agrarproblem bereits vor dem Krieg das brennendste soziale Problem in El Salvador, so wurde es durch die Schließung der gemeinsamen Grenze und unter dem zusätzlichen Druck der 80.-150.000 Rückkehrer höchstexplosiv. Diese beiden entscheidenden ökonomischen Ursachen des Konflikts wurden durch die ungelöste Grenzfrage noch verschärft. Der Nationalismus beider Seiten goß zusätzlich Öl ins Feuer, das dann den Krieg entfachte. De jure wurde der Krieg erst am 30. Oktober 1980 mit einem Friedensabkommen beendet. Obwohl sich schon am 4. August 1969 die salvadorianischen Truppen unter dem Druck der OAS zurückgezogen hatten und somit die territoriale Ausgangslage wiederhergestellt war, wirkte der Krieg noch lange nach. Unmittelbar führte er zur Vertreibung der salvadorianischen Immigranten und zum Ende des MCCA, was beides vor allem zu Lasten El Salvadors ging. Langfristig gesehen gilt dies auch für den politischen Bereich.

Die Niederlage im Krieg hatte der honduranischen Armeeführung vor Augen geführt, wie prekär ihre Machtstellung ohne entsprechende soziale Basis war. Unter Führung von López Arellano, der noch 1963 mit antikommunistischen Argumenten den liberalen Reformismus weggeputscht hatte, schwenkte sie auf eine Reformpolitik ein und ergriff 1972 erste Maßnahmen für eine ernsthafte Agrarreform. In den Jahren 1972-1975 leistete die honduranische Militärführung damit in Sachen Reform nicht nur mehr als jede andere Armee Zentralamerikas vor ihr, sondern brach mit der in der Region schon traditionellen Regel, daß die Armee als Institution immer rechts – d.h. auf Seiten der oligarchischen Ordnung – steht und für das eigene Volk nur Repression bereithält. Die honduranische Armee hatte – so Oberst Suárez Benavides – mit der Agrarreform begreifen gelernt, daß „Veränderungen durch Dialog besser durchzusetzen sind als mit dem Gewehr” und daß die „Armee als Vermittler” mehr Zukunft hat denn als Unterdrücker.[3]

Ganz anders hingegen die Entwicklung in El Salvador. Nachdem die Euphorie des Sieges abgeflaut war und die Salvadorianer der Forderung nach Veränderungen gleich zweimal (1972 und 1977) mit dem Wahlsieg des oppositionellen Reformbündnisses von Christdemokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten unübersehbar Nachdruck verschafft hatten, blieb den regierenden Militärs nur der Wahlbetrug. Dem spontanen Aufbegehren der Bevölkerung und der blutigen Repression der Armee folgten schließlich 1980/81 Revolution und Bürgerkrieg. Nach dem Krieg 1969 gingen El Salvador und Honduras entgegengesetzte Wege. Hier Verhärtung, Ausschluss und Gewalt – dort Öffnung, Reform und Dialog. Der Weg der Repression führte den Sieger El Salvador an den Abgrund des Bürgerkrieges, während der Weg der Reform dem Verlierer Honduras zu einer Stabilität verhalf, die ihn nicht nur vor diesem Schicksal bewahrte, sondern ihm auch den Übergang zur Demokratie leichter machte. Gemessen an der Fähigkeit, widerstreitende Interessen im Rahmen des bestehenden Systems ausgleichend zu vermitteln, steht Honduras der dauerhaften Demokratie Costa Rica näher als sein Nachbar und verfügt damit – zumindest bis zum Ende des salvadorianischen Bürgerkrieges – über ein Regime mit moderneren Zügen (Offenheit, Reformfähigkeit) als El Salvador.

Nation-building: Stabilität auf fragmentierter Grundlage?

Die hohe Stabilität von Honduras inmitten revolutionären Wandels mutet um so erstaunlicher an, wenn man in die Vergangenheit zurückblickt. Bereits die spanischen Kolonialherren taten sich schwer, eine effektive administrative Kontrolle über den noch von Kolumbus entdeckten Landstrich zu errichten. Der Mangel an innerer Integration zeigte sich nach der Erlangung der Unabhängigkeit in drastischer Weise. Zwischen 1824 und 1876 regierten 83 Präsidenten das Land, das in dieser Zeit 170 Mal von Bürgerkriegswirren heimgesucht wurde. Die Verfassungen hatten immerhin schon eine durchschnittliche Lebensdauer von 11 1/2 Jahren.[4]

Bis Anfang der 30er Jahre unseres Jahrhunderts war das Land im Teufelskreis von territorialer Fragmentierung, geographischer Isolation, Caudillismo, Parteienstreit, Bürgerkrieg und ausländischer Dominanz gefangen. Vieles aus jener Zeit der Wirren wirkt bis heute fort: die Spaltung der politischen Klasse in Liberale und Nationale Partei, die Rivalität zwischen der Hauptstadt Tegucigalpa im Landesinneren und dem wirtschaftlichen Zentrum San Pedro Sula im Norden, die Abgeschiedenheit der wenig erschlossenen Landesteile im Osten (Olancho, Gracias a Dios und Colón), die Unterwürfigkeit der politischen Elite gegenüber äußeren Einflüssen, die geringe Wirtschaftskraft und die Überfremdung der wenigen modernen Sektoren.

Aus dem Scheitern der Liberalen Reform erwuchs Honduras eine Sonderstellung innerhalb Zentralamerikas, die auf die Ambivalenz dieser bis heute wirksamen Weichenstellung verweist. Einerseits teilt Honduras mit Nicaragua das Schicksal, Nachzügler in einer Region zu sein, die stärker als Südamerika von Abhängigkeit und Rückständigkeit geprägt ist. Während es den Nachbarn Guatemala, El Salvador und Costa Rica von ganz unterschiedlichen Ausgangspositionen aus gelungen war, mit der Durchsetzung der Kaffeewirtschaft der nationalen Identität eine ökonomische Grundlage zu geben und den eigenen Staat zu stärken, verpaßte Honduras diese Chance. Als sich dann Anfang des 20. Jahrhunderts drei nordamerikanische Bananengesellschaften auf Dauer im Norden niederließen, waren Bürgerkriege und Souveränitätsverlust die Folge. Andererseits boten sich aus der Nachzüglerposition heraus immer wieder unerwartete Alternativen. Eine solche eröffnete sich zunächst mit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Während sie in den Nachbarländern konfliktverschärfend bis hin zum Aufstand (El Salvador 1932) wirkte, schien es in Honduras wie eine Ironie der Geschichte, daß mit dem Bankrott der Cuyamel Fruit Co. endlich der Bürgerkriegszyklus beendet werden konnte. Der Caudillo der Nationalen Partei Carias, der von der United Fruit Company (UFCO) unterstützt wurde, blieb von 1933 bis 1949 unangefochten Präsident. Außer Somoza gelang dies keinem seiner zentralamerikanischen Diktator-Kollegen. Auch der Übergang in die 50er Jahre vollzog sich unter dem von Carias selbst auserwählten Nachfolger ohne größere Turbulenzen.

Allen späteren Herausforderungen – dem Auftrumpfen der Arbeiterbewegung im Streik von 1954, der Entstehung der Bauernbewegung in den 60er Jahren, der Agrarreform 1972-75, dem Übergang zur Zivilregierung Anfang der 80er Jahre – begegneten die jeweils Regierenden eher durch Kooptation und Reform denn durch Konfrontation und Repression. Insgesamt zeichnet sich die Entwicklung von Honduras seit 1933 durch eine größere Stabilität und weniger Konflikte als bei den unmittelbaren Nachbarn aus, obwohl – oder weil – es rückständiger war.

Liberale Reform: Scheitern als Chance?

Das Scheitern der liberalen Reform (1876- 189l)[5] bescherte Honduras einerseits 50 Jahre politische Instabilität und und hinterließ Defizite, die bis heute nicht überwunden sind, andererseits konnten die so entstandenen Leerstellen später durch neue Akteure für Reformen und politische Öffnung genutzt werden. Obwohl unter der „langen” Regierung des Liberalen de Soto (1876-1983) große Anstrengungen unternommen wurden, ähnlich wie in El Salvador und Guatemala mit der Kaffeewirtschaft eine tragfähige Anbindung an den Weltmarkt zu schaffen, mißlang dies aus mehreren Gründen. Die nachteiligen ökologischen Bedingungen und die isolierte geographische Lage der potentiellen Anbaugebiete waren nur durch hohe Investitionen auszugleichen. Die verschiedenen Anläufe, einheimische Agrarprodukte (Kaffee, Edelhölzer, Vieh) aus eigener Kraft zu exportieren, scheiterten jedoch an der chronischen Finanzschwäche des honduranischen Staates. Auch die angesichts des nationalen Versagens gewissermaßen als Kompensation angestrebte zentralamerikanische Einheit ließ sich nicht durchsetzten. Ausländische Kapitalanleihen brachten statt der erhofften Prosperität eine so hohe Verschuldung, daß für deren Begleichung selbst der Verkauf des gesamten Territoriums nicht ausgereicht hätte. Erst 1953 konnte Honduras die Schuldzahlungen beenden. Als noch tragischer erwies sich die Konzessionspolitik der Liberalen gegenüber dem Auslandkapital. In Gestalt der Bananenenklave entwickelte sich ein Wirtschaftsektor, der sich nicht nur – wie auch schon der Bergbau – außerhalb staatlicher Kontrolle befand, sondern zur Quelle der Desintegration des Landes wurde. Die Zeit des Eindringens und der Implantation der Bananenenklave war erneut durch hohe Instabilität geprägt. Zwischen 1900 und 1930 fanden 14 Regierungswechsel statt und es ereigneten sich mehr als 150 militärische Konfrontationen. Hinter diesen Auseinandersetzungen stand der Kampf der Bananengesellschaften um die Kontrolle der Regierung. Während die Konservativen von der Nationalen Partei die Interessen der United Fruit vertraten, repräsentierten die Liberalen die Konkurrenz von der Cuyamel Fruit. Politische Stabilität kehrte in Honduras erst 1933 ein, nachdem die United Fruit den Konkurrenten aufgekauft und ihren Mann Carias ins Präsidentenamt gebracht hatte. Als zwischen 1870 und 1900 in der Region die Weichen für das 20. Jahrhundert gestellt wurden, war Honduras also gleich doppelt im Nachteil. Ohne Kaffee fehlte die Grundlage für ein erfolgreiches Nation-building, das zusätzlich durch die Dominanz der Bananenenklave blockiert wurde. Während sich in den Nachbarländern eine nationale Kaffeeoligarchie vor der Bananenenklave etablieren und so ein gewisses Gegengewicht bilden konnte, wurde Honduras allein durch das Auslandskapital beherrscht. Spätere Versuche, ein nationales Gegengewicht – auf welcher Basis auch immer – zu schaffen, hatten gegen diese Dominanz kaum eine Chance. Es gab aber auch eine – positive – Kehrseite der Medaille. Im Unterschied zu den Nachbarländern vermochte sich keine starke, im Exportsektor verwurzelte Oligarchie herausbilden. Als dann die Bananengesellschaften mit dem Übergang in die 50er Jahre wirtschaftlich und politisch unter Druck gerieten, konnte die sich auftuende Leerstelle durch neue Akteure ausgefüllt werden, die – in unterschiedlicher Weise – zu Protagonisten einer Reformpolitik wurden. 1954 stieß zunächst die Arbeiterbewegung von unten das Tor zum 20. Jahrhundert auf. Nach einigem Schwanken zwischen liberalem Reformismus (1956) und eigenem Anti-Reformismus (1963) folgten ihr die Streitkräfte mit dem Militärreformismus (1972-1975) von oben nach. Das Fehlen einer Agrarexport-Oligarchie führte also dazu, daß die zur Sicherung ihrer Macht notwendige Repression weitgehend entfiel und sich für eine Reformpolitik ein ähnlich großer Spielraum wie im demokratisch regierten Costa Rica eröffnete.

Agrarstruktur: Arm, aber gerecht?

Das Scheitern des liberalen Kaffee-Experiments hatte langfristig einen weiteren stabilitäts-fördernden Effekt, der von zahlreichen Kennern des Landes[6] als entscheidend für die Revolutionsabstinenz der Honduraner in den 80er Jahren angesehen wird – die ausgeglichene, wenig polarisierte Agrarstruktur. Im Vergleich mit El Salvador offenbart sich der Kontrast in folgenden Punkten (Stand 1. Hälfte 70er Jahre; Ruhl, S. 41 ff):

  • Der Anteil des Klein- und Kleinstbesitzes an der Gesamtzahl der Betriebe hat in Honduras (53%) ein deutlich geringeres Gewicht als im Nachbarland (71%), während es in der Kategorie der mittelgroßen Betriebe (5-50 ha) genau umgedreht ist (32 % aller Betriebe in Honduras gegenüber 12 % in El Salvador).
  • Honduras hat zwar einen etwas geringeren Anteil der landwirtschaftlichen Betriebe in Privateigentum (34 % gegenüber 40 % in El Salvador), was aber durch die 33 % Gemeindelandes (Ejidos; in El Salvador gleich 0) mehr als wettgemacht wird. Damit hat Honduras einen deutlich höheren Anteil der Betriebe (zusammen 67 %) in sicheren Eigentumsformen.
  • Auch wenn die Unterschiede bei der landlosen Agrarbevölkerung beider Länder (Honduras 36%; El Salvador 41 %) auf den ersten Blick gering ausfallen, so ist doch zu berücksichtigen, daß in Honduras durch die nordamerikanischen Bananengesellschaften (in El Salvador inexistent) ein nicht geringer Teil der Landlosen als gut bezahlte Lohnarbeiter (damals ca. 18.000) absorbiert wird. Ferner ist die Zahl der Landlosen in Honduras nur allmählich gestiegen, während die Freisetzung der Landbevölkerung in El Salvador weitaus drastischer vonstatten ging (von 16 % 1961 auf 41 % 1975). Ein wichtiger Faktor, der bei der Entwicklung der Agrarstruktur ausgleichend gewirkt hat und der in den Nachbarländern fehlt, ist die Agrarreform, die in der Zeit des Militärreformismus ihre Hochzeit hatte. Auch wenn vier Fünftel des verteilten Landes der öffentlichen Hand gehörte (nur ein Fünftel wurde enteignet) und Tempo wie Umfang der Agrarreform weit unter den Erwartungen der Anfangseuphorie blieben, so wurden dennoch die polarisierenden Wirkungen des in den 50er Jahren begonnenen Modernisierungsprozesses, die in den Nachbarländern voll durchschlugen, in Honduras deutlich gemindert. In 20 Jahren (1962-1981) wurden insgesamt 231.000 ha Land an knapp 54.000 Familien verteilt, wovon allein ca. 2/3 auf die Jahre von 1972 bis 1976 entfielen. Die Zahl der Nutznießer umfaßte immerhin 22% der landlosen und -armen Bevölkerung. Waren die Proteste der Landbevölkerung gegen die Modernisierungsfolgen in El Salvador, Guatemala und Nicaragua Vorboten der Revolution, konnten sie in Honduras Dank der Agrarreform kanalisiert und gedämpft werden. Trotz der großen- Armut der Bevölkerung waren Einkommens- und Besitzverhältnisse in Honduras deutlich weniger polarisiert als in der unmittelbaren Nachbarschaft. Dies macht deutlich, daß weniger die absolute Armut als vielmehr ihr Verhältnis zum Gegenpol Reichtum sowie das Tempo der Verarmung darüber entscheiden, ob und wie sich der Protest Bahn bricht. Gerade das Beispiel der honduranischen Agrarpolitik zeigt, wie wichtig politische Kanäle und Institutionen dabei sind.

Arbeiterbewegung: Je später, desto stärker?

Der enge Zusammenhang von subalternem Protest, seiner institutionellen Kanalisierung und Reformpolitik von oben fällt auch bei der Analyse der honduranischen Gewerkschafts- und Bauernbewegung ins Auge. Später als in den Nachbarländern, dafür aber mit unerwarteter Kampfbereitschaft und Langzeitwirkung betrat die Arbeiterbewegung 1954 die politische Bühne. Der Streik der Bananenarbeiter von 1954, der 69 Tage dauerte und mit einem Teilerfolg endete, zog einheimische Unternehmer, Händler, Handwerker und Hausfrauen in seinen Bann. Danach war Honduras ein anderes, moderneres Land. Die unmittelbar betroffenen Bananengesellschaften sahen ihrer bis dahin uneingeschränkten Macht deutliche Grenzen gesetzt und suchten sich per Modernisierung den neuen Gegenbenheiten anzupassen. Vor die grundsätzliche Entscheidung Repression oder Reform gestellt, setzten sich unter den Politikern und Parteien jene durch, die der reformistischen Kanalisierung der neuen Bewegung den Vorzug gaben, auch wenn dem später bisweilen mit Repression nachgeholfen wurde. Die Streitkräfte sahen sich in der anfänglichen Patt-Situation zwischen beiden Lagern 1956 erstmals veranlaßt, als Institution politisch zu intervenieren und verhalfen so dem liberalen Reformer Villeda Morales nach dem autoritären Intermezzo von Lozano (1954-1956) an die Regierung (1957-1963). Unter ihm wurde eine für Lateinamerika vorbildliche Arbeits-, Gewerkschafts- und Sozialgesetzgebung verabschiedet und 1962 mit der Agrarreform begonnen.

Auch die honduranische Bauernbewegung, bis zur nikaraguanischen Revolution die stärkste und am besten organisierteste Zentralamerikas, hat ihren Ursprung letztlich im Streik von 1954. Als die Bananengesellschaften im Zuge ihrer technischen Modernisierung über zehntausend Arbeiter entließen und diese wieder „verbäuerlichten”, ahnten sie nicht, daß sie damit dem Grundstein einer mächtigen Bauernbewegung gelegt hatten. Die Militanz und Organisiertheit der Bananenarbeiter wurde auf diese Weise einer Bauernschaft „eingeimpft”, die ansonsten weiter in Passivität und Isoliertheit verharrt wäre. Auf dieser Grundlage entstand die enge Verzahnung von Arbeiter- und Bauernbewegung. Als gefragter Bündnispartner für Reformkräfte besaß diese Bewegung ein großes politisches Gewicht. Damit wurde zugleich die reformistische Ausrichtung der ursprünglichen Protestbewegung befördert. Mit nordamerikanischer Unterstützung profilierten sich Teile der Gewerkschaftsbürokratie als Juniorpartner der Regierung, mit deren Hilfe der revolutionäre Impetus der Basis (Landbesetzungen) in systemstabilisierenden Reformismus transformiert wurde. In den 80er Jahren vereinigten die drei großen Gewerkschaftsföderationen CTH, CGT und FUTH zusammen über 170.000 Mitglieder (ca. 14 % der ökonomisch aktiven Bevölkerung, wobei der Anteil der organisierten Landbevölkerung sogar bei 20% liegt). Markenzeichen der honduranischen Gewerkschaftsbewegung sind ihr agrarischer Charakter (ca. 2/3 der Mitglieder) und ihre starke geographische Konzentration (über 70 % der Mitglieder sind im Departamento Cortés mit San Pedro Sula als Zentrum organisiert).[7]

Demokratisierung: Wie gewonnen, so zerronnen?

In der hohen Außenabhängigkeit, die ihre Entsprechung in der Schwäche und Servilität der heimischen Akteure hat, offenbart sich die Achillesferse honduranischer „Vorbildlichkeit”. Bezeichnendes Beispiel für die Verwundbarkeit durch äußere Faktoren ist der Sturz des Präsidenten López Arellano von 1975, der zweifach von außen initiiert wurde. Zuerst erwirkte der nordamerikanischen Multi United Brands per Bestechung, in die Arellano involviert war, die Herabsetzung der Bananenexportsteuer, was dann durch ein führendes nordamerikanisches Blatt publik gemacht wurde. Das war der Anfang vom Ende des Militärreformismus.

Beide Seiten – Außenabhängigkeit und interne Fragilität – belasten auch den Übergang des Landes zur Demokratie, obwohl auf den ersten Blick gerade in diesem Punkt Honduras eine regionale Vorreiterrolle reklamieren könnte. Es war das erste der vier von Militärs regierten Länder Zentralamerikas, das mit den Wahlen von 1980 den Übergang zur Demokratie eingeleitet hatte und auch das einzige, in dem dies ohne Bürgerkrieg möglich war. Gerade deshalb ist die honduranische Transition besonders geeignet, Möglichkeiten und Grenzen der Demokratisierung in der Region auch für den „leichteren”, d.h. nicht unmittelbar von revolutionärer Gewalt und Bürgerkrieg betroffenen Fall aufzuzeigen. Dabei spielen drei Faktoren eine entscheidende Rolle: Einbindung in den Regionalkonflikt, beherrschender Einfluß der USA und zunehmendes Gewicht der Militärs. Wie sich die Demokratisierung in Honduras ohne die nikaraguanische Revolution entwickelt hätte, ist schwer abzuschätzen. Schon zuvor gab es Anzeichen, daß die abgewirtschafteten Militärs über einen partiellen Rückzug von den unmittelbaren Regierungsgeschäften nachzudenken begonnen hatten. 1979 machte aus der Möglichkeit insofern eine Notwendigkeit, als daß in den Augen der USA der Übergang zur Demokratie die sicherste Alternative gegen die Revolution darstellte. In diesem Kontext kam Honduras eine doppelte Schlüsselrolle zu: Im Zentrum des Isthmus gelegen, grenzt Honduras an alle drei revolutionär gefährdeten Länder. Die Aufrechterhaltung der Stabilität in Honduras war deshalb die wichtigste Voraussetzung für das geplante Rollback des revolutionären Einflusses. Die Rückkehr zur Demokratie bot dafür die besten Aussichten. Zum zweiten schien Honduras als Schaufenster der Demokratie bestens geeignet, da die USA bei der Durchsetzung des „Demokratie-Exports” mit weniger Widerstand und besseren Voraussetzungen als in den Nachbarländern (weniger Repression, geringere Polarisierung, mehr institutionelle Ansatzpunkte und Stabilität) rechnen konnten.

Dieser Weg zur Demokratie kostete Honduras jedoch einen dreifachen Preis: Erstens wurde das Land „eine Art politische und militärische Enklave der Reagan-Administration in Zentralamerika” [8], was so weit ging, daß der USA-Botschafter wie ein Prokonsul auftrat und die Regierung des Liberalen Suazo den USA das Angebot unterbreitete, sich wie Puerto Rico als Protektorat unter die Fittiche des Koloß im Norden zu begeben.[9] Zweitens wurde es direkt in die militärischen und politischen Auseinandersetzungen zwischen Revolution und Konterrevolution hineingezogen und lief damit Gefahr, selber zum Kriegsschauplatz zu werden.[10] Drittens verband sich der Prozeß der Demokratisierung untrennbar mit der Militarisierung der gesamten Gesellschaft. Damit wurde gerade jene Institution gestärkt, die schon in der Vergangenheit der Hort des Autoritarismus war, das Militär. Es wuchs zahlenmäßig auf das Doppelte, konnte trotz formeller Demokratisierung (Wahlen, Zivilregierung) seine politische Vorherrschaft hinter den Kulissen aufrechterhalten, ohne den Preis der umittelbaren Verantwortung tragen zu müssen, wurde mit einer Militärhilfe in einer Höhe bedacht wie nie zuvor, und versuchte schließlich seinen Einfluß in Bereiche ausdehnen, die zuvor zur Domäne der Politiker gezählt hatten. Besonders letzteres war vor allem mit der Person von General Alvarez verbunden, der 1982-1984 an der Spitze des Streikräfte stand. Unter seiner Führung nahm die Repression gegen Oppositionelle, vor allem Linke, erstmals systematische Züge an (Todesschwadrone, gewaltsames Verschwindenlassen, geheime Folterstätten und Friedhöfe).[11]

Die Unterordnung unter die konterrevolutionäre Strategie führte dazu, daß Honduras als von vier Armeen (US-Armee, salvadorianische Elitetruppen, die Puerto Castillo ausgebildet wurden, Contra-Rebellen aus Nicaragua und schließlich die eigenen Streitkräfte) okkupiertes Land galt. Der Regionalkonflikt, der einerseits den Druck für den Übergang zur Demokratie verstärkt hatte, beförderte andererseits den militärischen Autoritarismus und die Abhängigkeit von den USA, die beide der demokratischen Selbstbestimmung der Honduraner entgegenwirkten und die Demokratisierung auf das Feld der Wahlen reduzierten. Erst die Änderung der USA-Zentralamerika-Politik und die Beendigung des Regionalkonflikts 1990 eröffneten eine zweite Etappe der Transition, in der die Überwindung der autoritären Strukturen ernsthaft in Angriff genommen werden konnte.[12] Auch in Sachen Demokratisierung präsentiert sich Honduras ungeachtet seiner sozio-ökonomischen Rückständigkeit keineswegs als Schlußlicht, ohne aber gleich als Vorbild gelten zu können. In dieser ambivalenten Verbindung von Schlußlicht und Vorbild zeigen sich zwei Seiten eines Modernisierungsparadoxons in unterentwickelten Ländern. Größere Rückständigkeit kann zu einer größeren Offenheit für Modernisierungsimpulse oder zum Vermeiden negativer Modernisierungsfolgen führen, was wiederum in Vorteilen gegenüber weniger rückständigen Ländern münden kann. Andererseits bewirkt die größere Rückständigkeit eine höhere Verwundbarkeit und Umkehrbarkeit der so gewonnenen Vorteile. Maximierung und Stabilisierung der Vorteile bei gleichzeitiger Minimierung ihrer Verwundbarkeit bieten die Chance zu einem Entwicklungssprung, sind aber zugleich die größte Herausforderung an das Handeln politischer Akteure. Eine Herausforderung, die auch in Honduras erst noch angenommen und bewältigt werden muss.

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[1] Vgl. Dunkerley l988, S. 173-176, Vilas 1994:68, 80.
[2] Vgl. QUETZAL Nr. 4-5/ 1994, S. 49 (Lexikon)
[3] Benjamin, M.: Campesinos: Between Carrot and Stick, in: NACLA, Jan.-Feb. 1988, S.22.
[4] Rosenberg, M. B.: Honduras…, S. 6.
[5] Vgl. zu diesem Problem Euraque 1991.
[6] Vgl. Ruhl 1984, S.34.
[7] Vgl. Posas 1986.
[8] Meza, V., in: “Honduras: pieza clave…”, S. 5.
[9] Vgl. Shepard, Ph., in: ebenda, S. 136.
[10] Vgl. Meza, V., in: ebenda, S. 7.
[11] Vgl. Shepard, Ph., in: ebenda, S. 122.
[12] Vgl. Salomon, L.: Honduras: Los retos de la democracia, in: Nueva Sociedad, Nr. 14l/ 1995,S. 10-11.

Literatur:

Versch. Autoren: Honduras -Realidad “Nacional y Crisis Regional. Tegucigalpa 1986.

Versch. Autoren: Honduras: Pieza calve de la politica de Estados Unidos en Centro America. Tegucigalpa 1986.

Arancibia, J.: Honduras: Un estado nacional? Tegucigalpa 1984.

Dunkerley, J.: Power in the Isthmus. A Political History of Modern Central America. London 1988.

Euraque, D. A.: La reforma liberal en Honduras y la hipótesis de la oligarquia ausente: 1870-1930, in: Revista de Historia, No. 23/ 1991, S.7-56.

Meza, V.: Historia del movimiento obrero hondureno. Tegucigalpa 1991 (2.Aufl.)

Pleitez Chávez, R. A.: Por qud occurió una guerra civil en El Salvador y no en Honduras, in: Realidad, San Salvador, Nr. 45/ 1995, S.439-462.

Posas, M.: Honduras;: un movimiento sindical joven, in: Nueva Sociedad, No. 83, Mai-Juni 1986, S. 146-155.

Posas, M.: El Movimiento campesino hondureno: Un panorama general (siglo XX), in: González Casanova, P. Hrsg.): Historia politica de los campesinos latinoamericanos, Mexico D.F. 1985, Bd. 2, S. 28-76.

Posas, M./ Cid, R. del: La construcción del sector püblico y del estado nacional en Honduras, 1876-1979. San José 1981.

Rudolph, J.: Honduras – a Coutry Study. Washington 1983.

Ruhl, M. J.: Agrarian Structure and Political Stability in Honduras, in: Journal of Interamerican Studies and World Affairs, 26 (19984) l, S. 33-68.

Rosenberg, M. B.: Honduras – una introducción, in: Realidad Nacional…, S. 3-26. Schulz, D. E.: Como Honduras evitó la violencia revolucionaria. Tegucigalpa 1993.


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