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Roberto Sosa* im Gespräch

Autor:  |  Frühjahr 2000

Der Anfang

Ich fing in meiner Jugend zu schreiben an, obwohl man auch schon als Kind einen gewissen kreativen Impuls verspürt, der jedoch sehr vage ist und sich erst mit der Zeit entwickelt. Ich begann in einer Art poetischen Prähistorie, als ich 14 Jahre alt war und mit einigen lateinamerikanischen und französischen Autoren (in Übersetzungen) in Kontakt kam. Ich las Juan de Dios Peza und Victor Hugo, mit Anmerkungen von Andres Bello. Ein Gedicht hieß „La Oración por todos”. Ich las außerdem Rüben Dario und Juan Ramón Molina, die Begründer des zentralamerikanischen Modernismo. Und auf diese Weise erweiterte sich stets der Umfang meiner Lektüre. Die Möglichkeit des eigenen poetischen Schaffens ergab sich relativ spät. Meine ersten Gedichte erschienen, als ich 27 oder 28 Jahre alt war, gefolgt von einer „Dispziplinierung” und „Reinigung” der Texte. Einen Stil konsequent zu verfolgen, ist vielleicht der schwierigste Teil der literarischen Arbeit. Der Stil ist der Mensch selbst, wie einst Buffon sagte. Diesen Prozeß vervollständigte ich durch Lektüre, u.a. von italienischen und französischen Autoren.

Literarische Vorbilder

Ich erinnere mich, daß ich Kafka bereits in jungen Jahren gelesen habe und er mich nachhaltig begeisterte. Ich habe immer gesagt, daß Kafka der bedeutendste Schriftsteller unserer Zeit ist. Seine Strukturierung der Realität und sein Konzept des Absurden erscheinen mir essentiell. Die Präsenz europäischer Bücher hier in Tegucigalpa war vor dreißig Jahren sehr groß. Man las Jean Paul Sartre, Anatole France, Eça de Queiros und natürlich spanische Autoren, fast immer Klassiker. Es zirkulierten zudem Bücher von nordamerikanischen Autoren, aber auch Goethe, Brecht etc.. Man befand sich jedoch unter Minderheiten, weil in diesem Land nur eine Minderheit liest. Es gibt keine breite Leserschaft, da man entweder nur unzureichend lesen kann oder sich nicht für das Lesen interessiert. Daraus resultiert eine ignorante, unkritische und infolgedessen manipulierbare Masse, die keinen Zugang zum Buch hat. Die Leser müssen lesen können. Und vor allem müssen sie wissen, daß man liest und über das nachdenkt, was man liest und daß dies den Lektürevorgang ausmacht – den Nutzen der Lektüre und seine reale Wechselwirkung.

Die poetische Entwicklung

Ich besitze einen Abschluß in Kunst und Literatur, aber mein poetischer Werdegang ist der eines Autodidakten. Ich habe mich selbst ausgebildet. Niemand kann Dichtersein lernen, weil es keine Formel, kein Rezept und kein Wundermittel dafür gibt. Auch die Computer sind bis jetzt daran gescheitert. Sie sind schlechte Poeten und werden nie Gedichte schreiben können. Zum Glück läßt dieses technologische Phänomen noch eine Hoffnung für die Menschheit.

Das Problem des Schreibens ist immer die Qualität und die Lehre; die Disziplin, umschreiben zu lernen. Ich habe immer an den Ausspruch von Oscar Wilde geglaubt, daß ein Buch „gut oder schlecht geschrieben ist”. Abgesehen von bestimmten literarischen Bewegungen, von traditionell bis revolutionär, besteht das Problem stets darin, „gut schreiben zu können”. Und um dies zu beherrschen, muß man die Sprache studieren. Man muß lernen zu Adjektivieren, ein Wort von einem anderen abzugrenzen und ihm eine Richtung, einen Sinn innerhalb des Konzeptes der Wirklichkeit zu geben, weil die Realität das große Problem des menschlichen Wesens ist, egal ob in Deutschland, Chile, China oder New York. Es gibt eine Ideologie; eine ästhetische und eine politische Richtung; es gibt Haß, Groll und Liebe. All diese „Zutaten” ergeben ein Werk, d.h. eine Annäherung an das Leben, das wir leben oder von dem wir träumen. Und vor allem ist es eine Annäherung an die Wahrheit.

Ideologische Verwicklung

Der poetische Text läßt sich nicht vorsätzlich ideologisieren. Es ist deshalb nicht möglich, weil sobald einer es wagt, in diesem Sinne zu schreiben, er in etwas verfällt, was langläufig als Pamphlet bezeichnet wird. Diese sind kurz, episodenhaft und opportunistisch. Die Dauerhaftigkeit in der Kunst ist die unentbehrliche Bedingung einer Transzendenz, die den Autor überleben wird.

Die Interpretation

Der Leser ist das freiste Wesen der Welt, indem er sich ein Buch kauft und einen bestimmten Preis dafür bezahlt, was ihn befähigt, dieses Buch zu beurteilen. Es gibt eine Meinungsfreiheit – er kann das Buch unter sein Bett oder in den Müll werfen und dann seine Meinung sagen, mit der er sich besser fühlt oder die ihm Spaß bereitet. Ich glaube, daß jede Interpretation ein Teil der Kritik ist. Manche Kritik ist eine gute Form, um einen Text zu „schmecken”, ihn zu beobachten und zu reflektieren. Kritik ist wichtig, insbesondere die von Kritikern mit ausreichender intellektueller Autorität, die auch eine ethische beinhaltet, um Anmerkungen zu einem poetischen Text machen zu können. Es gibt verschiedene Arten, einen Text zu sehen: die strukturalistische, die traditionelle etc.. Sie alle unternehmen den Versuch, eine Erklärung des Textes zu liefern. Andererseits habe ich den Eindruck, daß ein lyrischer Text nicht erklärbar sein kann. Er trägt eine Erklärung in sich selbst und diese kann nicht auf eine andere Weise ausgedrückt werden, als nur durch den Text. An sich erscheint mir jeder parapoetische Erklärungsversuch unnütz. Vielleicht kann es eine Interpretation für Literarurstudenten geben, die eine gewisse Neugier zeigen und eine Aufgabe zu erfüllen haben. Die Arbeit an der Struktur eines Textes, an den „inneren Versen”, ist äußerst schwierig und zuweilen unmöglich. Vielleicht ist dies auch besser so – für die Würde der Poesie. Ein Dichter ist das Produkt einer Kultur, einer Gesellschaft, einer sozialen Klasse. Bis hierher ergeben Interpretationen einen logischen Sinn. Aber der Text überschreitet manchmal diese äußeren Grenzen, um sich auf einer transzendenten Ebene niederzulassen. Und „transzendent” bedeutet hier Identifikation in der Zeit – dem unnachgiebigsten aller Richter. So spricht man zum Beispiel von einem Dichter aus irgendeiner chinesischen Dynastie; von Dichtern, die vor Christus geboren sind oder von indigenen Dichtern. Ihre Texte sind transzendent, weil sie die chronologische Zeitachse überwunden haben. Man spricht noch immer von ihnen, durch jene künstlerische Form, in der sie geschrieben worden sind und die ihnen eine wahre Dauerhaftigkeit verliehen hat.

Das eigene Werk

„Los pobres” („Die Armen”) hat gewiß die Richtung zu einer bestimmten Form der Auseinandersetzung mit sozialer Gewalt gewiesen. Ich habe auf diesem Gebiet sicherlich auch einiges erreicht. Andererseits wurde es immer problematisch, sobald man glaubte, ich schreibe nur diese Art von Lyrik. Ich habe aber auch andere Themen behandelt. Schließlich mache ich es nicht wie ein Rennpferd, das mit Scheuklappen nur in eine Richtung schaut. Ich habe die Möglichkeit, in alle Richtungen zu sehen. Meine Poesie hat fast immer den unterdrückten Menschen glorifiziert. Er bildete den dominanten Charakter, geprägt von der Gesellschaft, der sozialen Gruppe und der Nation, in der ich lebe – einer Gesellschaft in einer ständigen und sich verschärfenden Krise. Momentan befinden wir uns in einer Krise, die sich durch die Naturkatastrophe und die Zerstörung des Landes zugespitzt hat. Man spricht zwar von Wiederaufbau, aber in Wahrheit wurde dieses Land immer zerstört. Es passierte lediglich eine Zerstörung der Zerstörung.

Meine Lyrik spricht über die Probleme Honduras’, über den nordamerikanischen Kapitalismus. Es ist wichtig, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, damit jemand diese Realität sieht, diesen Abgrund mit Namen Honduras. Ich habe immer gedacht, daß Honduras ein Bettler ist, der auf einem Goldklumpen sitzt. Es ist eine Hoffnung , woran es sich zumindest zu denken lohnt; die Hoffnung, daß dieses Land sich wandeln wird.

Reaktionen der Öffentlichkeit

Natürlich gab es negative Reaktionen, weil Leute die diese Art von Lyrik schreiben, Links einzuordnen sind. Wir waren es nicht, weil wir bewußt so gedacht hätten, sondern weil wir etwas zu sagen hatten. Man mußte kein Genie sein, um die Dinge auszusprechen, die vor einem lagen. Wir wollten Aufmerksamkeit erregen, damit sich jemand umdreht. Wie sagte einmal Rilke: „Wer würde mich hören, wenn ich schreie”.

Der Gedichtband fand ein Echo im Ausland, obwohl er noch nicht in andere Sprachen übersetzt worden war. Jetzt liegt er auch auf Französisch, Deutsch, Englisch und Japanisch vor. Und daß einige Bücher an den Universitäten gelesen werden, trägt auch dazu bei, ein wenig Licht in die herrschende Dunkelheit zu bringen.

Aktuelle Vorhaben

Ich arbeite an lyrischen Texten, überarbeite eigene und fremde Bücher und veröffentliche sie, um zu überleben. Derzeit bin ich mit dem Projekt „Honduras, imagenes y palabras” beschäftigt -einer wegweisenden Anthologie zur Verbreitung historischer Dokumente. Es handelt sich um ein sehr ambitioniertes Vorhaben in gut 12 Bänden, die demnächst veröffentlicht werden sollen. Der erste Teil heißt „Documentos para la historia de Honduras” und ist eine Sammlung von Aufsätzen rund um die Geschichte des Landes, aufgeteilt in drei Bände mit je rund 650 Seiten. Fast niemand, oder nur sehr wenige Leute, haben Zugang zu historischem Material. Dieses Projekt wird einen wichtigen Beitrag zum Wissen über das Land und die honduranische Gesellschaft leisten. Sie wird durch Anthologien zur Kunst, Politik, Soziologie, Lyrik und Narrativik ergänzt.

Ich habe außerdem an einem Projekt gearbeitet, das von der EU finanziert worden ist – eine Publikation von Texten aus Zentralamerika. Eine rein editorische Aufgabe. Gleichzeitig arbeite ich an poetischen Texten, um ein wenig in meinem kreativen Schaffen voran zu kommen. Natürlich lese ich viel und höre oft klassische Musik.

Ich lebe wie jeder andere gewöhnliche Städter auch. Wir überleben hier, indem wir uns mit ganz kurzen Schritten vorwärts bewegen, wie ein kleiner Papagei.

Das Gespräch führte Ilona Medrikat im Januar 1999 in Tegucigalpa
Übers, aus dem Span. Nora Pester

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* I930 in Yoro, Honduras geboren; schreibt Lyrik und Prosa; erhielt für seine Werke zahlreiche Literaturpreise

Die Aufgabe des Intellektuellen
Eine seiner Aufgaben ist es, „das Steinchen im Schuh des Systems”, „das Staubkorn im Auge des Systems” oder vielleicht auch „die Feder am Fuß des Systems” zu sein, um es „totzulachen”.


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