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Interview mit Lety Elvir
Honduranische Schriftstellerin

Autor:  |  Frühjahr 2003

Eine Frau zwischen Hund und Wolf

Beim 1. Kongress der Zentralamerikanischen Schriftstellerinnen hielt die Honduranerin Lety Elvir Laza (1966) einen Vortrag, der für viele wenig aufschlussreich war, jedoch für andere in außergewöhnlicher Weise das Problem der von Frauen geschaffenen Literatur anschnitt. Ihre Fragestellung war: Gibt es eine Frauenliteratur? Sie schloss mit einer Reihe von theoretischen und historischen Darlegungen zur Literatur ihres Landes, Honduras.

Elvira absolviert zur Zeit ein Doktorat über zentralamerikanische Literatur an der Nationaluniversität von Costa Rica. Mit „Luna que no cesa” (2000) und ihrer Gedichtsammlung „Mujer entre perro y lobo” profilierte sie sich als neue vielversprechende Stimme in der Poesie ihres Landes. „Luna que no cesa” wurde mit dem Preis der Chilenischen Botschaft und mit dem Internationalen Preis der Internationalen Biennale der Poesie 1997 ausgezeichnet.

Wie sie sagt, sind ihre Lieblingsschriftsteller neben einigen Zentralamerikanern, Clarise Lispector, Gabriel Garcia Marquez, Ernesto Sabato, Julia Kristeva, Hermann Hesse, Marcela Serrano, lsabel Allende und Andres Mastreta. Während des Gesprächs wirkt sie gefühlvoll, liebenswürdig und sehr jugendlich.

Welches sind nach „Mujer entre perro y lobo ” deine literarischen Vorhaben?

Ich versuche, Geschichten aufzuschreiben, die seit einer Weile in meinen Gedanken herumschwirren, mich beherrschen. Und ich halte das für so notwendig und dringlich, dass ich die Arbeit an meinem Gedichtband „Bajo sospecha” zurückgestellt habe.

Wir bewertest du rückblickend dein erstes Buch „Luna que no cesa”?

Es hat mir Türen geöffnet, oder besser gesagt, habe ich die Türen geöffnet zur honduranischen Literatur und noch ein Stückchen weiter. Deshalb ist das für mich so wichtig: Es ist – wie die Menschen – ein Kind seiner Zeit. Fast die Hälfte seine Gedichte habe ich im Alter von 19 und 20 Jahren geschrieben. Es gefällt mir weiterhin, ich hoffe, dass ich keines verleugnen muss, obwohl ich immer mein vorheriges Buch übertreffen möchte, was bedeutet, mich selbst zu übertreffen.

Was ist Literatur für dich?

Sie ist der Raum, wo man die wahre Geschichte der Länder, der Völker schreiben, lesen oder hören kann, des Wesens, das schreibt oder spricht, seine Zeit, seine Umwelt. Sie ist die Stimme, die den Autor oder die Autorin in einer eigenen Sprache überlebt.

Welche Themen beschäftigen dich in der Literatur?

Die Themen, die das Wesen des Seins zur Sprache bringen, die Konfrontation mit dem inneren „Ich” oder die Beziehung zu ihm. Ich denke, dass hier die inneren Probleme behandelt werden, die die äußeren Konflikte des Individuums bedingen und einen Typ von persönlichen Beziehungen schaffen, die wir mit anderen aufbauen. Das ist das Schwierigste, weil die menschlichen Beziehungen durchsetzt sind von Machtbeziehungen jeglicher Art. Außerdem gefallen mir literarische Werke, in denen Frauen sich autonom bewegen, eine eigene Präsenz und Stimme besitzen. Diese sind übrigens am leichtesten in der für Frauen geschriebenen Literatur zu finden.

Wann hast du in deiner Poesie Sicherheit gefunden?

Nun, ich denke, nachdem „Luna que no cesa” veröffentlicht wurde , blieben dennoch Zweifel, die ich Freundinnen und Freunden mitteilte, Menschen, die mich mögen. Sie gaben mir konstruktive Anregungen und mir scheint, die kann man mir nicht mehr nehmen. Es sich vor ja allem um eine einsame Arbeit, die ich, wenn es sein muss, lieber einige Zeit ruhen lasse. Später kehre ich zu den Gedichten zurück, und wenn sie mich überraschen, wenn ich es genieße, fast glaube, nicht ich sei die Autorin, verlasse ich sie, überarbeite, vergesse sie stellenweise oder besser -ich verwerfe sie.

Bist du Feministin?

Ja. Ich fühle und denke völlig feministisch. Ich gehöre weder einem feministischen Gremium an, noch engagiere ich mich für eins, aber mir gefällt die Arbeit, die sie voranbringen. Ich bin Feministin aus Überzeugung, aus Dankbarkeit, wegen meiner persönlichen Geschichte als lateinamerikanische Frau. Wegen meiner Dummheit, mit großer Freude durchs Leben zu gehen. Weil ich lebe, eine Frau bin. Weil ich Mutter bin. Weil ich Männer mag und kämpfe, dass die Liebe sie entwickelt, ihre weiblich Seite, die sie so sehr fürchten und die ihnen mehr Freude an der Welt geben würde. Wie soll man nicht feministisch sein, wenn man den Mut und den Schmerz von mehr als zehn Millionen Frauen geerbt hat: Der Frauen, die während der Inquisition auf den Scheiterhaufen geworfen wurden (Gelehrte, Heilerinnen, Unternehmerinnen, Zauberinnen), weil sie gelehrt, heilkundig, faszinierend, mutig, rebellisch waren; der Frauen der Französischen Revolution, der Vereinigten Staaten, die nicht das Recht hatten, die Schule und die Universität zu besuchen, das Recht zu wählen und gewählt zu werden, das Recht Mutterschaft und sexuelle Lust zu genießen. Die nicht das Recht hatten, eigene Ideen zu vertreten, mit dem (unter?) eigenen Namen zu schreiben, ihn von der Spitze des Vulkans in den Himmel zu rufen; das Recht, Anfang oder Ende einer Beziehung zu entscheiden, das Recht Vaterschaft zu fordern oder abzulehnen, ohne Schuldgefühle und falschen Stolz, denn für einen Sohn oder eine Tochter sind zwei verantwortlich. Das Recht, meiner Tochter und allen Kindern eine gerechtere Welt zu vererben. Das Recht zu lieben und meinen Körper zu pflegen.

Ist deine Poesie feministisch?

Ja, aber nicht ständig und exklusiv. Die Literatur, besonders die Poesie, hat einen Nährboden in vielen Elementen, die über oder unter den Theorien und den anderen Aspekten des Wissens liegen. Mich interessieren nicht die „Ghettos” in meiner literarischen Arbeit, doch wenn es mir gefallen würde, dass sie helfen, dass sie Frauen (und Männern) dienen, die Liebe, Zärtlichkeit, Gerechtigkeit und Lust geben und empfangen wollen, dann stört es mich auch nicht, dass man meine Arbeit feministisch nennt.

Wie ergeht es feministischen Frauen? Gibt es Ausgrenzung?

Wenn wir in einer toleranten Gesellschaft leben, passiert gar nichts. Trotzdem, verlässt eine Frau den zugewiesenen Bereich, erschreckt sie, dann wird sie verteufelt, als Verrückte stigmatisiert, als Hure, Lesbe, Gleichmacherin, Lächerliche, Hysterische etc. Die Frauen, die wissen, wohin sie gehen, was sie wollen, lassen sich nicht von abschätzigen Meinungen aufhalten. Sie bitten nicht um die Erlaubnis, Räume zurückzugewinnen, obwohl andere sich die Zeiten zurückwünschen, in denen wir die Ausgrenzung akzeptierten.

Welche Möglichkeiten haben honduranische Schriftstellerinnen, publiziert zu werden?

Infolge der institutionellen oder institutionalisierten Abstempelung haben wir sehr geringe Möglichkeiten. Es herrscht die Meinung, feministische Literatur sei wenig rentabel, und stets entscheidet ein Sachverständiger, ob du publiziert wirst oder nicht. Also haben wir entschieden, mit unseren eigenen Mitteln zu veröffentlichen, ohne Verlagsstempel (-siegel?) oder. Anfangssiegel(?).Und tatsächlich haben sie sich geirrt, denn unsere Literatur ist rentabel.

Wie bewertest du die literarische Kritik deines Landes?

Unzulänglich, sektiererisch und voller Vorurteile, in der Mehrzahl der Fälle.

Welche sind deine hauptsächlichen Wegweiser in der honduranischen Literatur?

Jose Cecilio del Valle, Ramon Rosa, die Begründerin der Novelle in Honduras – Lucila Gamero Medina, Argentina Diaz Lozano, Clementina Suarez. Dann Roberte Sosa, Oscar Acosta, Eduardo Bahr, Leticia de Oyuela und andere aus der Generation der 50er Jahre.

Um auf deinen Vortrag auf dem Schriftstellerinnen-Kongress zurück zu kommen, gibt es eine Frauenliteratur?

Seit die Rhetorik zum Handwerk der Götter und Männer erklärt wurde – nicht der Frauen -, seit der Humanismus bestimmte, dass der Mann das Allgemeine sei, stellt es sich Männern und Frauen dar, als würden Frauen nicht existieren. Das bereitete den Weg und die Sprache, wonach alle Tätigkeit nebensächlich war, die Frauen entsprechend der ihnen zugewiesenen Rolle ausführten. Deshalb gibt es eine Literatur von Frauen oder für eine für Frauen geschriebene Literatur. Manche nennen sie Frauenliteratur, was nicht genau dasselbe ist wie feministische Literatur. Aus diesem Grund ist die euphemistische Redewendung „es gibt nur gute und schlechte Literatur” wirklichkeitsfremd. Wir haben die Rollen durcheinander gebracht, übertreten und die Sprache musste uns adjektivieren, um das Universelle, die Literatur zu differenzieren.

Wie schätzt du die honduranische Literatur ein?

Die honduranischen Schriftsteller machen -jeder für sich genommen – eine gute Arbeit. Doch es gibt auch Unsichtbare, die noch entdeckt werden müssen. Wenn es etwas Interessantes in der honduranischen Literatur gibt, so sollte man – außer denen, die ich bereits nannte -, so sollte man die literarische Produktion der 90er Jahre lesen. Es gibt bis heute so etwas wie einen weiblichen honduranischen „Boom”, von hoher Qualität und von den Lesern akzeptiert. Ich nenne einige Namen: Claudia Torres, Maria Eugenia Ramos, Rocio Tabora, Waldina Mejia, Alejandra Flores, Francesca Randazo, Diana Espinal, Diana Vallejo, Indira Flamenco, Deborah Ramos, Amanda Castro, Heien Umana, Juana Pavon, Lety Elvir und viele andere, die in der Anthologie der Lizentiatin Ada Luz Pineda, und in der zweisprachigen Anthologie (englisch/ spanisch) von Dr. Amanda Castro erscheinen.

Aus d. Span.: Gabi Töpferwein


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