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Haiti und der „verfluchte Vodou“

Autor:  | Februar 2010 | Artikel empfehlen
Haiti - Haiti und der „verfluchte Vodou“

Das schwere Erdbeben in Haiti vom 12. Januar hat unter anderem auch zur Folge, dass sich eine Vielzahl von Journalisten mit dem haitianischen Vodou auseinandersetzt. Meist geschieht das in einer oberflächlichen und unreflektierten Art und Weise. Vodou wird mal als „obskurantische“ Staatsreligion, dann wieder als „blutiger“ Untergrundkult beschrieben. Evolutionistische Argumente der Verwurzelung im „Afrikanischen“ mengen sich mit religiös-fundamentalistischen vom „Pakt mit dem Teufel“. Wenn im Zuge des Erdbebens über Haitis desaströse wirtschaftliche Lage und die Religion berichtet wird, dann meist in negativen Zusammenhängen. Einige Autoren gehen sogar soweit, den Vodou als eigentlichen Sündenbock für das Elend des Karibikstaates verantwortlich zu machen. Leider haben sich die wenigsten Kommentatoren die Mühe gemacht, sich differenziert mit der afroamerikanischen Religion auseinanderzusetzen und reproduzieren ein ums andere Mal Klischeevorstellungen.

Vodou wurde im Verlauf haitianischer Geschichte vielfach diskriminiert und verfolgt, aber auch politisch instrumentalisiert. Akteure in diesem Ringen sind die Kolonialmächte, die katholische Kirche, verschiedene Staatsoberhäupter, Besatzungsmächte und gerade heute neuevangelikale Gruppen.

Historische Darstellung der Landung von Kolumbus auf Hispaniola. Bild: Public Domain.Vodou hat den westlichen Teil der Insel Hispaniola seit der „Entdeckung“ durch Christopher Kolumbus 1492 und der wenig später darauf folgenden Versklavung westafrikanischer Bevölkerung entscheidend geprägt. Schätzungen besagen, dass jährlich ca. 50.000 Sklaven zur Arbeit auf den kolonialen Plantagen verschleppt wurden. Die Behandlung der Sklaven auf Saint-Domingue, wie das heutige Haiti seit der Übernahme durch die Franzosen 1697 genannt wurde, war selbst für koloniale Verhältnisse außerordentlich brutal. Schnell entwickelte sich Saint-Domingue zum reichsten kolonialen Besitz Frankreichs. Ende des 18. Jahrhunderts wurden drei Viertel des weltweit vertriebenen Zuckers aus der „Perle der Karibik“ exportiert. Dieser Reichtum wurde auf dem Rücken der Sklaven erwirtschaftet. Beständig mussten neue „menschliche Ressourcen“ auf die Insel gebracht werden. So gelangten auch afrikanische religiöse Vorstellungen nach Saint-Domingue. Die Erfahrung der Entwurzelung und der Versklavung hatten ebenso Einfluss auf die Genese des haitianischen Vodou wie die christlich dominante Kultur. Eine Vielzahl heterogener Gruppen wurden Opfer des transatlantischen Sklavenhandels. Der Großteil gehörte zu den Ethnien der Fon, der Bakongo  und der Yoruba. Der Begriff „Vodou“ leitet sich von „Vodu“ ab. In der Fonsprache ist dies die Bezeichnung für ein göttliches Wesen bzw. dessen religiöse Verehrung. Die populäre Schreibweise „Voodoo“ festigte sich während der Zeit der US-amerikanischen Besatzung Haitis (1915-34) und verbreitete sich mitsamt klischeehaften Vorstellungen von Zombies, „Voodoopuppen“ und blutigen Opferritualen in der ganzen Welt.

Die Kolonialmächte Spanien und Frankreich begegneten dem Vodou von Anfang an mit Misstrauen. Sie versuchten die nächtlichen religiösen Zusammenkünfte der Sklaven durch drakonische Strafen zu unterbinden. Zu groß war die Gefahr, dass durch diese auch der Widerstand gegen das Kolonialregime zusammengeführt werden würde. Der 1685 von Louis XIV erlassene Code Noir sollte den Umgang mit Sklaven in den französischen Kolonien regeln. Demzufolge mussten alle Sklaven getauft werden. Alle Religionen mit Ausnahme des römisch-katholischen Christentums wurden verboten. Zwangstaufen und Christianisierung wurden von den Plantagenbesitzern auf Saint-Domingue jedoch nur halbherzig durchgeführt, da die Unzivilisiertheit und damit Unmenschlichkeit der Afrikaner die rhetorische Rechtfertigung für ihre wirtschaftliche Ausbeutung waren. Da viele Sklaven aufgrund der brutalen Behandlung nicht lange überlebten, war eine massenhafte stete Neueinfuhr von Afrikanern notwendig. Das führte auch dazu, dass sich der christliche Glauben lange Zeit nicht festigen konnte. Mit jeder Schiffsladung an Sklaven wurde die Verbindung zu afrikanischen Religionsvorstellungen erneuert und gestärkt. Zum Zeitpunkt der Revolution waren noch drei Viertel aller Sklaven in Afrika geboren. Und tatsächlich war der Vodou eine integrative Kraft, ein Motor der Rebellion. Die heute mythologisierte Zeremonie von Bois Caïman (1791) gilt als der Beginn des ersten erfolgreichen Sklavenaufstandes, der 13 Jahre später zur Gründung der Republik Haiti führte. Im Krokodilwald bat der Vodoupriester Boukman um die Unterstützung der loa, der Götter und Geistwesen, im Kampf gegen die Unterdrücker. Für Pat Robertson, einen US-amerikanischen Evangelikalen, ist genau dieser “Pakt mit dem Teufel” der Grund für das verheerende Erdbeben vom 12. Januar diesen Jahres.

Jean-Jaques Dessalines. Bild: Public Domain.Allerdings kam und kommt die Kritik und Diskriminierung des Vodou nicht allein von außen. Revolutionsführer Toussaint L’Ouverture und Jean-Jaques Dessalines standen in einem eher als ambivalent zu bezeichnenden Verhältnis zum Vodou. L’Ouverture, dem ein weißes Herz unter schwarzer Haut nachgesagt wird, war ein vehementer Verfechter christlichen Glaubens und lehnte den Vodou ab. Dessalines hingegen wird als “authentischer Schwarzer” beschrieben, der nicht wie L’Ouverture mit französischer Kultur liebäugelte, Analphabet war und kein Französisch sprach. Die historischen Beschreibungen seines Verhältnisses zum Vodou gehen weit auseinander. In einigen Quellen wird er als Diener Oguns, des loa des Krieges, beschrieben. Andere Aufzeichnungen decken die von ihm vollführte Verfolgung des Vodou auf. In heutiger haitianischer Geschichtsschreibung gilt er als Revolutionsheld schlechthin, der die Nation mit Blut und Schwert einigte. Die Nationalhymne trägt den Namen des “schwarzen Robespierre”. Im Pantheon des Vodou-Petroritus, der sich stärker aus der Erfahrung der brutalen Sklaverei entwickelte als der gemäßigtere Radaritus, findet sich heute der loa Dessalines.

Die römisch-katholische Kirche verließ Haiti nach der Ausrufung der Republik 1804. Das Schisma währte fast 60 Jahre und begünstigte die Festigung des Vodou in Haiti. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Haiti weitestgehend von äußeren Einflüssen isoliert. Neben der katholischen Kirche verwehrten auch die USA und alle entscheidenden europäischen Mächte Haiti die Anerkennung. Die bloße Existenz einer freien Republik ehemaliger Sklaven war eine nicht zu tolerierende Bedrohung für den Status quo der sklavenhaltenden Nationen. Nach der Rückkehr setzte die katholische Kirche alles daran, den “afrikanischen Aberglauben” aus dem Alltag der Haitianer zu vertreiben. Der Vodou hatte jedoch längst katholische Vorstellungen in sein eigenes religiöses System integriert. Rituale wurden mit katholischen Liturgien durch den père savanne, den so genannten Buschpriester, eingeleitet. Katholische Heilige wurden mit den loa verglichen und teilweise mit diesen verehrt. Dies geschah einerseits um den Vodou zu schützen, andererseits aber auch aus der Überzeugung der Wirkmacht der Heiligen heraus. Viele Haitianer sahen im Gegensatz zu den mehrheitlich französischen Missionaren keinen Widerspruch darin, nach einem nächtlichen Vodouritual am Sonntag Morgen in die Kirche zu gehen. Die Zweckentfremdung des „rechten“ Glaubens durch diese Mélange war für katholische Priester inakzeptabel. Der Katechismus dieser Zeit klassifizierte den houngan, den Vodoupriester, als größten Sklaven Satans. 1896 wurde vom Bischof von Cap-Haïtien, Monsignore Kersuzan, die Liga gegen den Vodou gegründet. Er setzte unter anderem einen Kommunionsausschluß für Vodouanhänger durch. Während der US-Besatzung Haitis, die zwischen 1915 und 1934 unter anderem als Reaktion auf den weitreichenden wirtschaftlichen Einfluß Deutschlands in Haiti implementiert wurde, unterstützten die stationierten US-Marinekorps die Verfolgung des Vodou. Die längste und gewaltsamste Offensive gegen den Vodou begann allerdings erst 1939 mit der campagne anti-superstitieuse, der Kampagne gegen den Aberglauben. Diese nutzte das 1935 erlassene Gesetz gegen abergläubische Praktiken, les pratiques superstitieuses, als Basis. Der Vodou wurde hier explizit kriminalisiert. 1941 bekam die Kirche in ihrem Kampf gegen den Vodou volle staatliche Unterstützung von Präsident Lescot. Vodoupriester fielen tätlichen Übergriffen zum Opfer. Tempel, sakrale Instrumente und andere Devotionalien wurden zerstört. Dieser versuchte Kulturgenozid hatte auch zur Folge, dass 1941 auf Initiative des Franzosen Alfred Metraux das Bureau d’Ethnologie auf Haiti gegründet wurde, um die vom Untergang bedrohte Religion wenigstens wissenschaftlich am Leben erhalten zu können.

Die Kampagnen der katholischen Kirche machten den Vodou in dieser Zeit zu einer Religion des Untergrunds. Allerdings wirkten sich Unterdrückung und Bedrohung auch begünstigend auf den Vodou aus. Im Untergrund erstarkte die religiöse Bewegung, bis sie 1956 durch den Diktator François Duvalier ins Zentrum der politischen Macht gehoben wurde. Duvalier missbrauchte und politisierte den Vodou in bis dahin ungekanntem Ausmaß. Zeit seiner Präsidentschaft auf Lebenszeit arbeitete er an der eigenen Vergöttlichung. Sein Vorbild war der Republikgründer Dessalines, und genau wie er wollte Duvalier sich eines Tages im Pantheon des Vodou verewigt sehen. In der Öffentlichkeit trat er als immanente Manifestation von Baron Samedi auf, einem loa aus der Familie der Gede, der Totengötter des Vodou. Die näselnde Rede Baron Samedis ergänzte Duvaliers Auftreten mit schwarzem Anzug, schwarzem Hut und schwarzer Sonnenbrille. Duvalier benutzte die Autorität des geheimen Vodouwissens um seinen Machtstatus zu untermauern. Seine private Armee, die Tonton Macoute, traten ebenso wie er als Totengeister in Erscheinung und machten dieser Reputation alle Ehre. Willkürlich wurden durch sie unzählige Menschen getötet und verschleppt. Seine angestrebte Apotheosis hat François Duvalier zuletzt erreicht: im Petroritus des Vodou findet man heute Loa22Os, der Duvalier symbolisiert. Dennoch bekannte sich Duvalier nie offiziell zum Vodou. Er zog es vor, Schrecken erregende Gerüchte über sich selbst in Umlauf zu bringen. Die geheime Politik war ein Pfeiler seiner Macht. Bei öffentlichen Anlässen präsentierte er sich verbal als Christ und hielt am Katholizismus als Staatsreligion fest. Dennoch kritisierte er die Anti-Vodoukampagnen der Kirche scharf. Er verstand es perfekt, die Brücke zwischen Staat, d.h. der urbanen Elite aus mehrheitlich Katholiken und der Nation, d.h. der armen ländlichen Bevölkerung, die Vodou praktizierte, zu schlagen. Auch sein Verhältnis zur USA balancierte er geschickt aus, indem er sich als Kämpfer gegen den internationalen Kommunismus positionierte. Die beinahe 30 Jahre währende Diktatur der Duvalierfamilie wurde billigend in Kauf genommen, da den USA eine auch noch so tyrannische Diktatur lieber war als ein zweiter Castro vor der Haustür.

Nachdem Duvaliers Sohn, Jean Claude Duvalier, 1986 aus dem Land gejagt wurde, führte man eine Verfassungsreform durch. Seit 1987 herrscht offiziell Religionsfreiheit in Haiti.

Mit Jean Bertrand Aristide wurde 1990 erstmals ein Staatsoberhaupt demokratisch gewählt. Er folgte der Befreiungstheologie, einer in Lateinamerika entstandenen Ausrichtung des Christentums. Diese wand sich gegen Unterdrückung und Entrechtung der indigenen Bevölkerung und trat für Selbstbehauptung und soziale Gerechtigkeit ein. Der damalige US-Präsident Reagan sah in der von Aristide vertretenen Theologie allerdings eher eine ritualisierte Form des Kommunismus denn eine christliche Religion. Aristide wurde mit großer Mehrheit gewählt und fand seine Unterstützer vor allem im breiten Volk, d.h. der mehrheitlich armen Bevölkerung. Er erkannte wie Duvalier vor ihm, dass man den Vodou nicht ignorieren und verdammen darf. So erklärte er Vodou zum haitianischen religiösen Erbe und essentiellen Teil nationaler Identität. 2003 wurde Vodou unter ihm explizit anerkannt. Vodou-Priestern wurde erstmals das Recht gewährt, Ehen zu schließen, Taufen durchzuführen und Begräbnisse zu leiten. Dies war für einen Großteil der haitianischen Elite, die dem Vodou kritisch gegenüber stand, und die katholische Kirche nicht akzeptabel. Der “Armenpriester” Aristide hatte zwar die Mehrheit der haitianischen Bevölkerung hinter sich, die oberen Schichten sahen durch ihn aber den Erhalt ihres Status quo bedroht. Der Präsident wurde zweimal während seiner Amtszeit durch Staatsstreiche entmachtet und ins Exil getrieben. Er findet noch heute viele Anhänger in der armen Bevölkerung Haitis

Vodou-Zeremonie, Haiti. Foto: Doron.Der heutige Diskurs über Vodou wird auch durch eine Vielzahl neuevangelikaler Gruppen geprägt. Ihr Einfluss auf das religiöse Gefüge Haitis nimmt wie in anderen Teilen der Welt stetig zu. Im Gegensatz zur katholischen Kirche, die trotz der Verfolgung des Vodou in der Praxis oft zu stillschweigenden Kompromissen bereit war, ist der “heilige Krieg” einiger Evangelikaler gegen die Ungläubigen des Vodou ungleich hartnäckiger. Für viele Evangelikale ist der Vodou eine Religion des Teufels, die unter keinen Umständen akzeptiert werden kann. Ihre Missionserfolge in der haitianischen Bevölkerung sind auch darauf zurückzuführen, dass die neuevanglikalen Sekten, besonders die charismatischer Prägung, religiöse Bedürfnisse bedienen, die dem Vodou nicht unähnlich sind. Die “religiöse Schwärmerei bis hin zur mystischen Trance”, wie Alfred Metraux es nannte, wirkt auf viele anziehender als die trockenen Gottesdienste der katholischen Kirche.

Der Vodou wird seit Jahrhunderten von verschiedensten Akteuren dazu benutzt, ihre eigenen Machtpositionen zu festigen. Seine Reaktion auf Bedrohungen von außen ist gekennzeichnet von äußerster Flexibilität. Wenn es zum Überleben nötig ist, ziehen sich die Vodou-Priester tatsächlich in den Untergrund zurück. Ihre Beständigkeit hat viele Angriffe überdauert. Der Vodou selbst tritt auf einer Makroebene nach außen selten in Erscheinung. unter anderem weil er im Gegensatz zu verschiedenen kirchlichen Gruppen keinen Missionscharakter hat. Er zielt nicht darauf ab, andere von seinen Vorzügen zu überzeugen, sondern existiert als sinnstiftendes religiöses System für die Gemeinschaft seiner Anhänger. Es hat in den letzten Jahren Bestrebungen gegeben, nationale Vodouorganisationen in Haiti zu gründen. In der westlichen Wahrnehmung tritt hier vor allem Max Beauvoir als Sprecher des Vodou hervor. Dennoch hat er keinen von allen akzeptierten Vertretungsanspruch. Die religiöse Struktur des Vodou ist nicht mit der der christlichen Kirche zu vergleichen. Es gibt keinen Klerus und kein weltliches Oberhaupt. Vodou ist im eigentlichen Sinne eine Offenbarungsreligion. Jeder Einzelne hat, sofern er von den loa dazu bestimmt ist, die Möglichkeit mit Hilfe der Besessenheitstrance Kontakt mit dem Göttlichen aufzunehmen, gar selbst zur Inkarnation der Gottheit zu werden. Lokale Vodoupriester praktizieren diesen Zugang ohne einer heiligen Schrift zu folgen. Der Vodou kann eine Vielzahl von Formen annehmen. Das spiegelt sich in der unüberschaubaren Menge von loa wider, die die spirituelle Welt Haitis bewohnen,. In vielerlei Hinsicht ist der Vodou aufgrund seines direkten und offenen Zugangs zur göttlichen Sphäre und seiner oft undogmatischen lokalen Auslegung eine Religion, die modernen, basisdemokratischen Prinzipien entspricht.

Zestörte Slums in Port-au-Prince nach dem Erdbeben Anfang 2010. Foto: UNDPWenn sich Journalisten, Evangelikale und sogar Staatsdiener dieser Tage über den “Fluch des Vodou” äußern, dann legen sie nicht nur ihre religiöses Unverständnis offen, sondern sie verklären auch die globalen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, die Haiti dort hingebracht haben, wo es heute ist. Für die Anerkennung durch Frankreich beispielsweise musste der junge haitianische Staat einen hohen Preis bezahlen. In einer Situation, wo Haiti durch die weitgehende Isolation wirtschaftlich am Boden war und eine weitere militärische Invasion der Franzosen fürchtete, willigte man 1825 in die Zahlung von Reparationsleistungen ein, um beides abzuwenden. Frankreich, das Heimatland der Ideale von Liberté, Égalité und Fraternité, erzwang die Entschädigung für den Verlust der Sklaven auf Haiti. Die ehemaligen Sklaven mussten nachträglich einen Preis für ihre Unabhängigkeit bezahlen, den sie und ihre Vorfahren mehr als 200 Jahre lang mit ihrem Blut bezahlten. Diese historische Perversion kritisierte Aristide und verlangte 2003 die Rückzahlung der umgerechnet 21 Milliarden US Dollar von Frankreich. Die französische Regierung richtete eine Prüfungskommission ein, die zum Ergebnis kam, dass die Forderungen Haitis historisch nicht gerechtfertigt wären. Frankreich entschied für rechtmäßig, dass Sklavenhalter für den Verlust ihres „Besitzes“ entschädigt werden, nicht aber die Sklaven und deren Nachkommen für ihre Misshandlung und Ausbeutung. Sieben Jahre später und zwei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben ist es der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der in der Geberkonferenz der “Freunde von Haiti” die Chance sieht, Haiti durch internationale Katastrophenhilfe “ein für alle mal vom Fluch zu befreien, der seit langer Zeit an ihm zu haften scheint”. Die Misere Haitis wird hier als eine Art unglücklicher Naturzustand verschleiert.

Der Vodou wird im heutigen Diskurs zu einer fortschrittsresistenten Anti-Kultur gemacht, die nicht in das Gefüge einer modernen Welt passt. Seine Wahrnehmung folgt den klassischen Dichotomien von schwarz und weiß, arm und reich, unzivilisiert und zivilisiert und ist geprägt von evolutionistischem Denken. Der Vodou selbst denkt nicht in dichotomen Kategorien, sondern pflegt eher einen ambivalenten Zugang zu diesen Sphären. Es gibt weder das genuin Gute noch eine dem Teufel vergleichbare Vorstellung im Vodou. In jedem loa wohnt wie in jedem Menschen eine Vielzahl von Qualitäten. Er kann Gutes für die Menschen tun, aber auch für Schaden verantwortlich sein.

Vodou ist, wie jede andere Religion, ein komplexes System von Mythen und Ritualen, das das Leben seiner Anhänger mit den Göttern, die das Leben steuern, verbindet. Er ist sinnstiftende Alltagspraxis und beinhaltet ein elaboriertes System von Heilungspraktiken und künstlerischem Ausdruck. Vodouanhänger sprechen selbst nicht vom Glauben, sondern vom Dienst an den loa. Durch diesen wird die Alltagswelt mit der spirituellen Sphäre ins Gleichgewicht gebracht. Gerade jetzt, da die Erde gegen die Korruption der Eliten aufbegehrt hat, wie einige Vodoupriester das Erdbeben interpretieren, kann der Vodou den Menschen helfen, handelndes Subjekt zu bleiben, trotz widrigster Lebensumständen. Die Verteufelung und Diskriminierung ihrer Religion und deren Wurzeln von innen wie von außen hilft den Haitianern mit Sicherheit nicht.

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* Die Autorin ist am Institut für Ethnologie der Universität Leipzig angestellt und beschäftigt sich schon länger mit afroamerikanischen Religionen.

Bildquellen: 1 & 2) Public Domain, 3) Doron, 4) United Nations Development Programme (UNDP).


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1 Kommentar zu “Haiti und der „verfluchte Vodou“”

  1. Haiti und der “verfluchte Vodou” « Cirquedelire vom 11. Februar 2010 - 15:37 Uhr

    […] Erschienen im Lateinamerikamagazin Quetzal […]

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