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Haïti Art Naïf in Sachsen

Autor:  | Mai 2010 | Artikel empfehlen

Haiti - Art Naif

Kaditzsch ist ein Dörfchen in Sachsen mit vielleicht 200 Einwohnern. Das Dorf gehört zu Grimma, oder um genauer zu sein – Kaditzsch gehört zu Höfgen und Höfgen ist ein Ortsteil von Grimma. Das spricht für eine unbedeutende Existenz. Aber in Kaditzsch gibt es die Denkmalschmiede Höfgen, die ein Ort der Musen ist. In der Studiogalerie ist zur Zeit naive Malerei aus Haiti zu sehen. Diese Ausstellung mit Werken von 16 Künstlern ist eine Antwort auf die Nachrichten, die uns seit Januar, seit jenem verheerenden Erdbeben, aus Haiti erreichen. Den Bildern von Zerstörung, Tod, Elend sollen Bilder der Hoffnung entgegengesetzt werden. Die Ausstellung will auch eine Hilfe sein, um das beim Erdbeben zerstörte Centre d‘Art in Port-au-Prince wieder aufzubauen, dafür wurde ein Spendenkonto eingerichtet.

Wir werden an dieser Stelle keine Bilder erklären, wir zeigen einige. Um neugierig zu machen. Die Ausstellung, die derzeit einmalig sein dürfte in Deutschland, ist auf jeden Fall einen Besuch wert.
Bis zum 24. Mai sind die Bilder in Kaditzsch zu sehen. Und allen, die es leider nicht bis ins Muldental schaffen, sei zumindest der informative Katalog empfohlen.

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Vor der Gründung des Centre d‘Art in Port-au-Prince war selbst die Mehrheit der Menschen Haitis der Annahme, „dass der Neger, der brutal verschleppt und auf dieser schönen gebirgsreichen Insel versklavt worden war, mit der Freiheit seinen bildnerischen Sinn verloren hatte.“ (aus: Ici la Renaissance: In: Mundo Hispanico, Nr. 137, 1959)

Dass dem nicht so war, beweisen die Bilder, die in dieser Ausstellung zu sehen sind [1].

Haïti Art Naïf - Unbekannter Maler [Bucht] So wie das Licht in diesen Breiten aus einem anderen
Winkel, mit anderer Intensität und Dauer fällt,
so viel stärker markieren sich auch die Schatten da,
wo es nicht hintrifft. Extreme Kontraste sind das
vielleicht augenfälligste Merkmal auf allen Gebieten,
einschließlich der Menschen und ihrer Lebensumstände [2].

 

Wir sind noch Sklaven,
jetzt die unserer eigenen Reichen [3].
Haïti Art Naïf - Frantz Zéphirin: Legende der Carib-Indianer II

 

Haïti Art Naïf - Rebert Damour: Bananen tragen Ich erinnere mich an einen Mann,
der oft an unserem Haus vorbeikam,
als ich noch ein Kind war.
Er war sehr groß und dünn und ich musste lachen…
Dann malte ich ihn, wie einen Stock…[4]

 

Aber: wenn man der Straße entkommen ist, und in die Ruhe der Museen und Galerien eintauchen oder gar die Künstler selbst kennenlernen kann, findet man auch heute noch die Größe und Einmaligkeit einer haitianischen Kunst, die sich von naiven Ursprüngen der Autodidakten zu einer Vielzahl von individuellen künstlerischen Stilen entwickelt hat. Wenn ich sie trotzdem unter der Rubrik der Naiven stehen lasse, dann dankt sich das vor allem der Tatsache, dass diese Künstler trotz Schulung keine akademischen Künstler geworden sind und ihren „Imaginationen der Nähe“ treu geblieben sind. Naiv oder primitiv, das war für die Avantgarde der Moderne, das war für die Surrealisten die Nähe zu einer Ästhetik des Lebendigen [5]. Haïti Art Naïf - Jacques Richard Chéry: [Die Ananas tragen]

 

Haïti Art Naïf - Philton LaTortue: Tierschule Haiti
Haiti, erwache!
Haiti, hebe den Blick!
Sei schön wie einst und blühend!
Sei abermals die „Perle der Antillen“!
Sei wieder unser hellstes Licht!
Sei der weithin leuchtende Strahl der Karibik!
Sei wieder unsere größte Freude!
Sei wieder unser ganzer Stolz!
Sei wieder AYITI! [6]

 

Haïti Art Naïf. Erinnerungen an ein Paradies?
Denkmalschmiede Höfgen/ Studiogalerie
Ausstellung: 7. März bis 24. Mai 2010
Öffnungszeiten: Di bis Fr 10–17 Uhr, nach Vereinbarung, Sonn- und Feiertage 11–17 Uhr
www.hoefgen.de

 

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Alle Bilder und Texte sind dem Katalog Haïti Art Naïf. Erinnerungen an ein Paradies? entnommen.

Die Texte stammen von:

[1] Claus Deimel (S. 9); Direktor der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen

[2] Kristina Bahr/ Kurt Uwe Andrich (S. 49); Denkmalschmiede Höfgen –  Künstlerische Leiterin/ Geschäftsführer

[3] und [5] Ina-Maria Greverus (S. 73, S. 79); Prof. em., Gründerin und langjährige Leiterin des Instituts für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Frankfurt/ Main

[4] Rebert Damour (S. 91); Maler, geb. in Leogane/ Haiti, lebt in Montreal/ Kanada

[6] Gina Athena Ulysse (S.63); Dozentin für Anthropologie, African-American Studies, Feminismus, Gender und  Sexualität an der Wesleyan University in Middletown, CT, geb. in Petion-Ville/ Haiti


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