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Die Malerei Haitis – geprägt von Hoffnung, Kampfesmut und Freude am Leben
Träume, mit dem Herzen gemalt

Autor:  | März 2010 | Artikel empfehlen
Haiti Malerei

Volmar Etienne: Straßenszene in Cap-Haitien.Wer von Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik im Osten der Insel Hispanola, in die westlich gelegene Republik Haiti fliegt, sieht vom Flugzeug aus nicht nur Trümmerlandschaften, sondern kann auch die Grenze sofort erkennen. Dort, wo keine Bäume mehr auf den Hügeln wachsen, beginnt Haiti. Dieser langsame ökologische Kollaps ist das Thema des Malers Jean Latiné aus Cap-Haitien im nördlichen Haiti. Damit sie den Unterhalt für die Familien bestreiten können, fällen die Kleinbauern seit Jahrzehnten sogar schon armdicke Bäume, um Holzkohle zu produzieren. Diese oft einzige Einnahmequelle sichert nur für kurze Zeit die Existenz. Der Tropenregen schwemmt den fruchtbaren Boden in die Täler. Später können sich die Kinder der Kleinbauern in den Bergen nicht mehr von den Erträgen aus ihrem kleinen Fleckchen Land ernähren. Eine Landflucht ist die Folge. In den Städten erwartet sie das Elend der Wellblechhütten ohne Strom, Wasser und Kanalisation. So vegetieren dort circa 80 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze in den vor Menschen überquellenden Städten.Die Armen in den Slums hat das Erdbeben besonders schwer getroffen. Aber so tragisch die Wirklichkeit in der 200-jährigen Geschichte der Inselrepublik auch sein mag, haben Tausende von Malern in ihren naiven Bildern mit leuchtenden Farben neue Hoffnung geweckt.

Die Malerei ist die kollektive Begabung der Haitianer. Mit Formen von wunderbaren Träumen und fernen Imaginationen lebten die kreativen, meist autodidaktischen Maler über ihr Leben und sich selbst hinaus oder erinnern sich an die Vergangenheit. Die Tap-Tap, das Verkehrsmittel der armen Haitianer, sind bunt bemalt. Sie wirken wie Museen auf Rädern und spiegeln den Alltag, die religiösen Werte, aber auch das Gedenken an die Finsternis der 30-jährigen Duvalier-Diktatur wider, über die einst der englische Schriftsteller Graham Greene in seinem Roman »Die Stunde der Komödianten« schrieb: »Die Regierungsmethoden des Dr. Duvalier sind nicht erfunden, diese letzteren, nicht der dramaturgischen Wirkung wegen, düsterer gefärbt (…). Das ununterbrochene Leichenbegängnis ist der Wirklichkeit entnommen«. Die Haitianer überstanden mit ihrer Kultur den Terror der Todesschwadronen, den berüchtigten Tontons Macoutes.

Latine: Waldzerstörungen in Haiti»Was für ein grünes, üppiges Land!«, schrieb Christoph Kolumbus begeistert in sein Tagebuch, als er nach den Bahamas und Kuba im Dezember 1492 die Insel Hispanola entdeckte. »Seine Bäume reichen bis zu den Sternen; seine Fruchtbarkeit, sein mildes Klima und das allgegenwärtige helle, klare Wasser übertrifft alles, was ich in anderen Ländern gesehen habe.« Heute ist Haiti zerstört, verkarstet und fast eine Müllkippe. Trotzdem verzagten die Maler Haitis nie. Sie sahen stets das Schöne, so dass ihre Malerei geprägt ist von Hoffnung, Kampfesmut und der Freude am Leben mit seinen kleinen Geheimnissen. Mit ihrer Vorliebe für pure, starke, fast explosive Farben, die flach und ohne Schatten oder Perspektiven aufgetragen werden, verbindet sich Natürliches mit Übernatürlichem. Formen afrikanischer, indianischer und europäischer Malerei verschmelzen zu einer Synthese.

Das Land hatte sich bereits im Jahr 1804 für unabhängig erklärt. Erstmals in der Geschichte war es schwarzen Zwangsarbeitern nach zahlreichen blutigen Aufständen gelungen, die Kolonialherren abzuschütteln. Dieses Virus der Freiheit fürchteten die USA, Großbritannien und Frankreich. So entstand eine eigene, selbstständige Kultur, die auf die historische Isolation Haitis vom Rest der Welt zurückzuführen ist.

Zum Förderer und Mentor der haitianischen Malerei wurde der Amerikaner De Witt Peters. Er war als Kriegsdienstverweigerer im Jahr 1943 nach Haiti gekommen, um als freiwillige Alternative zum Einsatz mit der Waffe Unterricht in Englisch zu geben. Peters, selbst Maler, war von dem farbenprächtigen Port-au-Prince, der exotischen Landschaft mit vielen sinnenfroh malenden Menschen so fasziniert, dass er bereits ein Jahr später gemeinsam mit Freunden eine Mal- und Kunstschule, das »Centre de Art«, gründete.

André Pierre: Meeresgott mit GemahlinEines Tages brachte ihm ein schüchterner Bote ein Paket, das ein auf Pappe gepinseltes Gemälde und einen Brief enthielt. Das Bild stellte die Ankunft Präsident Roosevelts in der Hafenstadt Cap-Haitien anlässlich der Aufhebung der US-amerikanischen Besatzung auf Haiti im Jahr 1934 dar. In dem Brief stellte sich der Maler als Philomé Obin aus Cap-Haitien vor. »Ich male nun schon mein ganzes Leben lang. Aber niemand will an mein Talent glauben«, schrieb er. An dem Bild stimmte nichts: Weder die Perspektive, die Licht- und Schatteneffekte noch die Wirklichkeit der Proportionen, meinte Peters später. Aber der Amerikaner war von der seelischen Kraft der künstlerischen Naivität so beeindruckt, dass er das Werk kaufte und dem Maler Material für weitere Arbeiten schenkte.

Heute zählen Obins Werke zu den berühmtesten der Naiven Kunst. Seine bevorzugten Motive waren, wie »Die Bauernhochzeit«, Reflexionen aus dem Leben seines Volkes. Sein erschütterndstes Bild ist der Tod des Freiheitskämpfers Charlemagne Péralte, der während der US-amerikanischen Okkupation (1918-1922) ermordet wurde und dessen Leichnam, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, im Hauptquartier der US-amerikanischen Marine zur Schau gestellt wurde.

Später ging Peters in Haiti, das in der Sprache der ausgerotteten Ureinwohner, der Arawaks, »bergiges Land« bedeutet, systematisch auf Talentsuche. Er entdeckte viele Arbeiter, Bauern und Handwerker, die sich neben ihrer Arbeit der Malerei verschrieben hatten. So traf er Rigaud Benoit, einen malenden Lastwagenfahrer, den Flugzeugmechaniker Louveture Poisson, den Tischler Préféte Duffaut sowie den Gelegenheitsanstreicher und Voodoo-Priester Hector Hippolite – Letzterer malte mit Resten von Ölfarben und Vogelfedern, denn Geld für richtige Pinsel hatte er nicht – Bilder von Vögeln, Früchten und Voodoo-Göttern.

Edgar Zean: Bunte Hausfassade in Cap-HaitienDiese Maler der ersten Generation sind heute alle ein fester Begriff für Sammler und Museen. Zu ihnen gehörte auch André Pierre, ein Voodoo-Priester wie Hector Hippolite, der zunächst »Govi-Krüge« aus Keramik verzierte. In ihnen werden auf Haiti die gesegneten Überreste Verstorbener aufbewahrt, um sie vor bösen Geistern zu schützen. Vermutlich wäre er nie ein Künstler geworden, wenn er nicht die Bekanntschaft mit Odette Rigaud, einer Expertin für Voodoo-Kult, gemacht hätte. Nachdem sie seine Arbeiten auf den Krügen gesehen hatte, ermutigte sie ihn zu malen. Zunächst weigerte sich André Pierre mit der Begründung, dass die Götter ihn dazu noch nicht angewiesen hätten. Später malte er dann religiöse Zeremonien des Voodoo-Kults. Die Menschen auf seinen Bildern werden hauptsächlich bei der Anbetung der Götter gezeigt.

André Pierres Bilder fanden aufgrund ihrer starken Spiritualität viele Käufer in den USA. Aber der Maler erlag nicht den Verlockungen der Dollars, sondern erfüllte sich nur einen Jugendtraum, indem er sich ein pinkfarbenes Chevi-Cabriolet zulegte. Die meisten Einnahmen verteilte er an die Ärmsten in den Slums von Port-au-Prince. Heute gibt es kein Buch über Naive Malerei, in dem nicht einige seiner Bilder beschrieben werden.

Noch größere Bekanntheit und Verbreitung erfuhr die haitianische Malerei durch das Buch »Surrealismus und Malerei« von dem französischen Schriftsteller André Breton. Zu seiner Zeit wie heute sind die meisten Maler Haitis Menschen aus dem Volk, die trotz ihrer Armut Freude an dem schöpferischen Schaffen mit Pinsel und Farbe haben. Sie malen aus dem Herzen. Ihre Bilder zeigen fröhliche Dorffeste, die Natur, Szenen des Alltags und Menschen bei der Arbeit; Themen, die von der elitären akademischen Kunst meistens übersehen werden. Die blasiert-prätentiöse Aristokratie des westlichen Geistes nennt diese Malerei herablassend »Volkskunst«.

Bernard Byron: Erzulie, Göttin der LiebeMittlerweile gibt es in Haiti eine gut ausgebildete dritte Generation von Künstlern, die fast alle aus dem »Centre de Art« in Port-au-Prince hervorgegangen sind und in der Kunstwelt schon einen Namen haben. Ihre Bilder zeugen von westlicher und afrikanischer Kulturgeschichte und sind Teil einer Globalisierung der Kunst, die auch schon in den Werken von Pablo Picasso und Georges Braque sichtbar wird. Sie besuchten im Pariser Quartier Latin regelmäßig einen Händler, der Holzmasken aus dem afrikanischen Humb-Gebiet (dem heutigen Gabun und Kongo) verkaufte. Sie ließen sich durch die Formgebung der afrikanischen Volkskunst offensichtlich inspirieren, bei Pablo Picasso zum Beispiel in seinem Werk »Mädchen von Avignon«.

Die Hingabe der vielen unbekannten haitianischen Maler ist mit dem Erfolg nicht verloren gegangen. Die Maler aus dem Volk gemahnen an Joseph Beuys, der sagte, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Das bewahrheitet sich in Haiti mit seinen Kreativen.

Dank der Kultur von unten sind die Menschen in Haiti trotz Unterdrückung durch eine parasitäre Oberschicht nie verzweifelt. Die Kunst der Geschichtenerzähler, die Musik, der Tanz und vor allem die Malerei sind Zeugnisse dafür, dass sie sich nie in Passivität dem Schicksal ergeben. Der ehemalige Präsident Jean-Bertrand Aristide, die einstige Hoffnung der Armen, will aus dem Exil auf die Insel zurückkehren. Er sagt: »Ich habe ein Volk erlebt, das nie in Resignation verfiel: So unerbittlich das Leben oder der Tod auch sein mochten.«

* Hans Wallow, Jg. 1939, langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestages, war Leiter und Teilnehmer an Inspektionsreisen zu Entwicklungsprojekten und Regierungsgesprächen auf mehreren Kontinenten, u.a. in Haiti. Er ist Autor des Dokumentar-Stückes »Die Brücke von Varvarin«.

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Ausführliche Bildbeschreibungen:

  1. Eine Straßenszene mit spielenden Kindern im nördlichen Cap-Haitien, die der Jugendliche Volmar Etienne auf Pappe malte. Um die Straßenkinder anzuleiten, haben bekannte haitianische Künstler mitten in dem Armenviertel zwischen Wellblechhütten und stinkenden Kanälen ein einfaches Studio eingerichtet.
  2. Das Abhacken der Bäume, die von armen Bauern zu Holzkohle verarbeitet werden, führte zu Bodenerosionen in ganz Haiti. Der noch junge Künstler Latine hat die Zerstörung seiner Heimat zum zentralen Thema gemacht.
  3. Der Voodoo-Priester André Pierre malte den Meeresgott und dessen Gemahlin, die durch reiche Gaben gnädig gestimmt werden. Die Zeremonie findet nur einmal im Jahr statt, da sie sehr kostspielig ist. Seine Bilder sind voller Symbolik. Jedes Detail, jede Farbe haben eine bestimmte Bedeutung.
  4. Die Bürger von Cap-Haitien sind stolz auf ihre bunt bemalten Häuser mit den hohen französischen Türen. Edgar Zean, der dieses Bild malte, war wie Volmar Etienne ein arbeitsloser Jugendlicher, der in den Slums lebte, bis sein Talent von älteren Malern entdeckt und gefördert wurde.
  5. Bernard Byron präsentiert Erzulie, die Göttin der Liebe, Symbol aller Weiblichkeit. Als Nixe kündet sie hier von neuem Leben.

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Dieser Artikel erschien bereits am 6./7. Februar 2010 in der Zeitung Neues Deutschland. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.


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