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Wiederkehr des Alptraums – Das Massaker von Xamán

Autor:  |  Winter 1995

Die Gemeindehalle, provisorisch wie vieles in La Aurora 8 de Octubre, der Morgenröte des 8. Oktober, wird gerade für den Festtanz in zwei Tagen hergerichtet.[1]

Es fehlt dann nur noch eine Nacht, bis es genau ein Jahr her ist, dass sie wieder hier sind. Und diese Nacht soll gefeiert werden. Vor Jahren und Jahrzehnten waren sie vor dem Terror nach Mexiko geflüchtet, um dort in Lagern auf eine Zukunft in ihrer Heimat zu hoffen.

Es ist 10 Uhr 30, da laufen plötzlich Kinder zu ihren Eltern und berichten von Soldaten in der Nähe. Das Leitungsgremium der Kooperative wird verständigt. Denn es gibt die vertraglich garantierte Zusicherung, dass das Militär Gemeindeland nicht betreten darf. Gegen 12 Uhr 30 kommen die Leiter der Kooperative dann an die von den Kindern beschriebene Stelle und treffen dort auf die Patrouille von Unteroffizier Camilo Antonio Lacan Chaclan: Sechsundzwanzig schwerbewaffnete Soldaten. Auf den Grund ihrer Anwesenheit hin befragt, antwortet Lacan, er und seine Männer wollten am Fest zum Jahrestag teilnehmen. Mitglieder des Kooperativrates erklären Chaclan, wenn die Soldaten an dem Fest teilnehmen wollten, dann sollten sie nicht am Fuß der umliegenden Hügel ums Dorf herumschleichen, sondern in Zivil hereinkommen und ein Gespräch mit den Verantwortlichen suchen. In diesem Moment fordert eine Gruppe Frauen die Männer auf, im Zentrum des Dorfes weiterzureden.

Dort angekommen, wird die Situation zunehmend gespannter: Gemeindemitglieder umringen die Soldaten und fangen an, sie zu beschimpfen. Als nach einer halben Stunde Soldaten gegen die unbewaffnete Menschengruppe drängen, versucht einer der Dorfbewohner, den Gewehrkolben eines Unteroffiziers zu packen, um ihn am Weggehen zu hindern. An einen Soldaten ergeht der Befehl zu schießen. Der Mann, der der nach dem Gewehr gegriffen hatte, sowie zwei weitere, in unmittelbarer Nähe stehende, werden sofort getötet. Es kommt zu einer wahllosen Schießerei. Außerdem werden nun auch auf dem Boden liegende Personen regelrecht exekutiert. Die Soldaten, darunter drei von den Kugeln der eigenen Kameraden verletzte, bewegen sich -wild um sich schießend – in Richtung Dorfausgang. Etwa 200 Meter vom Gemetzel in der Mitte des Dorfes entfernt, wird der achtjährige Santiago Pop Tut zunächst verletzt. Als er versucht davonzurennen, tötet ihn ein Soldat durch Schüsse in Kopf und Brust. Insgesamt sind bei dem Massaker elf Bewohner der Rückkehrer-Gemeinde ums Leben gekommen: sieben Männer, zwei Frauen und zwei Kinder. Über 30 wurden verletzt. Unklar ist, ob der Chef der Patrouille auf eigene Verantwortung hin gehandelt oder doch Befehle über Funk entgegengenommen hat.

Während das Militär in der Folge eine formelle Klage wegen Angriffs auf die Soldaten gegen die Bewohner von La Aurora anzustrengen versucht, übt sich die zivile Regierung unter De Leon Carpio in Schadensbegrenzung. Der Verteidigungsminister reicht seinen Rücktritt ein und wird durch den Generalstabschef ersetzt.

Nichtregierungsorganisationen vertreten unterdessen die Ansicht, dass das Betreten der Gemeinde durchaus in die Strategie des Heeres passt, die sich “Annäherung an die Flüchtlingsgemeinden” nennt und zu der eine ganze Reihe von Einschüchterungsmethoden gehören. So wurden erst einige Tage vor dem Massaker in der Nähe einer anderen Rückkehrer-Gemeinde im Petén Bomben abgeworfen. Auch die bis Jahresende geplante Rückkehr von Guatemaltekinnen aus mexikanischen Flüchtlingslagern wird immer Ungewisser. Ihre Vertreter in den Ständigen Kommissionen haben zwar angekündigt, die Rückkehr werde fortgesetzt. Es bleibt aber die Frage, ob die Regierung willens oder in der Lage ist, die notwendigen Garantien zu geben. De León Carpio lässt durchblicken, man könne damit bis nach Beendigung der derzeit stagnierenden Friedensverhandlungen warten. Héctor Rosada, Chef der Regierungskommission bei den Verhandlungen, fordert gar die Verhängung des Ausnahmezustandes über die Rücksiedlungsgebiete. Währenddessen gibt es auch schon konkrete Hinweise, dass wichtige Beweismittel zum Fall La Aurora verschwunden sind. Der anfangs beauftragte Staatsanwalt musste wegen der Hinweise auf seine Verbindungen zum Militär zurücktreten. Rigoberta Menchú, die als Nebenklägerin im Prozess auftritt, versucht, dem Militärgericht im Osten des Landes den Fall entziehen und ihn in die Hauptstadt überweisen zu lassen. Außerdem fordert Guatemalas Bischofskonferenz ausdrücklich, dass “auch die zur Rechenschaft gezogen werden, die den Oberbefehl über das Heer haben”. Derzeit soll nur den Mitgliedern der Patrouille der Prozess gemacht werden, darunter einem Minderjährigen, der mit 15 Jahren in die Armee eingetreten war. Schon jetzt ist sicher, dass “Xamán” sich zu einem Schlüsselfall im Kampf gegen die Straflosigkeit entwickelt. (la)

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[1] Die Rekonstruktion der Ereignisse in La Aurora beruht hauptsächlich auf persönlichen Gesprächen mit den Verletzten, die in ein Krankenhaus in Guatemala Stadt eingegliedert wurden und den Ereignissen einer Untersuchung durch die Mission der Vereinten Nationen zur Überwachung der Menschenrechte in Guatemala (MINUGUA).


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