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Schrei nach Land – Agrosprit und Landgrabbing in Zentralamerika

Autor:  | Mai 2013 | Artikel empfehlen

G.Trucchi Plakat Landgrabbing 12-05-13; hondurasdelegation

Am 12. Mai 2013 fand in Leipzig eine Veranstaltung zum Thema „Agrosprit und Landgrabbing in Zentralamerika“ statt. Gast war Giorgio Trucchi, ein in Nicaragua lebender Italiener, der als Korrespondent der Nahrungsmittelgewerkschaft REL-UITA über die jüngsten Entwicklungen informierte. Zu Beginn wurde die dreißigminütige Reportage „Bajo Aguán – Grito por la tierra“, die von Giorgio Trucchi 2012 produziert worden war, gezeigt. Dem schloss sich ein kurzer Vortrag über Landkonflikte in Honduras und Guatemala an, die in Bezug zu einer anders ausgerichteten Politik in Nicaragua gesetzt wurden. Beiden Teilen folgte eine intensiv geführte Diskussion.

Im Film kommen vor allem die kleinbäuerlichen Aktivisten und Aktivistinnen aus dem Bajo Aguán zu Wort, die von ihrem harten Kampf um Land und für die Durchsetzung ihrer Menschenrechte berichten. Im Zentrum des Konfliktes stehen 20.000 Hektar Agrarreformland, das sich drei honduranische Großgrundbesitzer – Miguel Facussé, Reynaldo Carnales und René Morales – gesetzeswidrig angeeignet hatten, um darauf gewinnbringend Ölpalmen anzubauen. Nach dem Putsch 2009 (siehe Quetzal-Dossier „Tegucigolpe“) hat die Repression gegen die 3.500 Campesino-Familien, die in ca. 160 Genossenschaften organisiert sind, rapide zugenommen. Die gesamte Konfliktzone wurde militarisiert. Bis heute sind über 60 Menschen, in ihrer Mehrzahl KleinbäuerInnen sowie ein Rechtsanwalt und ein Journalist, umgebracht worden. Nicht nur die Privatarmeen der Großagrarier, sondern auch Angehörige von Armee und Polizei setzen massiv Gewalt gegen die um ihre Rechte kämpfenden Campesinos ein. Die Täter gingen bisher alle straffrei aus. Es kommen aber auch die wichtigen Teilerfolge zur Sprache, die von den drei Bauernbewegungen MCA (Movimiento Campesino Aguán), MUCA (Movimiento Unificado Campesino del BajoAguán) und MARCA (Movimiento Auténtico Renovador de Campesinos) trotz des Terrors erkämpft werden konnten. Die Menschen, die in Bajo Aguán seit mehr als zwei Jahrzehnten für ihre Rechte kämpfen, werden sich – so macht der Film deutlich – nicht unterkriegen lassen. Ihr „Schrei nach Land“ (span.: Grito por la tierra) wird solange erschallen, bis sie ihr Recht darauf durchgesetzt haben werden.

Was un grito por la tierra bedeutet

Giorgio Trucchi und Axel Anlauf; Quetzal-Redaktion, frp

Im darauf folgenden Vortrag zeigte Giorgio Trucchi die regionalen und strukturellen Zusammenhänge auf, die zwischen der Produktion von Agrosprit, dem Landgrabbing und der zunehmenden Armut bestehen. Vergleichend nahm er dabei die drei zentralamerikanischen Länder Honduras, Guatemala und Nicaragua näher unter die Lupe. Die hohen Armutsraten in den beiden erstgenannten Ländern (67 bzw. 55 Prozent der Bevölkerung) stehen in klar erkennbarem Gegensatz zur Entwicklung in Nicaragua, wo diese Zahl im Zeitraum von 2005 bis 2010 von 55 auf 20 Prozent gesunken ist. Der entscheidende Grund dafür sei die Intervention seitens des Staates, der mit Sozial- und Bildungsprogrammen dafür gesorgt habe, dass es den Betroffenen besser gehe. Auch versuche er nicht, durch Repression die arme Landbevölkerung zu unterdrücken. Allerdings bestehe auch hier eine ähnliche Agrar- und Produktionsstruktur wie in den beiden nördlichen Nachbarländern. Diese ist durch zunehmende Landkonzentration auf Kosten der Kleinbauern sowie die Expansion von Anbauflächen, die der Produktion von Agrosprit dienen, gekennzeichnet. So sind in Honduras mehr als 300.00 Familien ohne Land, während sich allein die Fläche, auf der Ölpalmen angebaut werden, von 80.000 Hektar (2005) auf 150.000 Hektar (2012) mehr als verdoppelt hat. Ölpalmen sind inzwischen zum wichtigsten Agrarexportprodukt des Landes geworden. Die 97.000 Hektar, auf denen Zuckerrohr wächst, teilen sich nur sechs Großeigentümer.

In Guatemala liegt die Fläche, auf der Zuckerrohr angebaut wird, bei 300.000 Hektar, so dass das kleine zentralamerikanische Land nach Brasilien und der EU zum drittgrößten Zuckerproduzenten aufgestiegen ist. Die Kehrseite dieser weltmarktorientierten Agrarpolitik besteht zum einen darin, dass immer mehr Kleinbauern, die zahlenmäßig in der Region noch vergleichsweise stark vertreten sind, ihr Land verlieren und verarmen. Infolge dessen geht andererseits die Produktion lokaler Grundnahrungsmittel wie Mais, Weizen, Reis und Bohnen drastisch nach unten, womit die betroffenen Länder zum Import bisher selbst produzierter Lebensmittel gezwungen sind. Trucchi konnte aus eigener Erfahrung darauf verweisen, dass sich ähnliche Landvertreibungen und Gewaltanwendungen wie in Bajo Aguán im guatemaltekischen Polonchic-Tal abspielen. Auch der expandierende Raubbau an Bodenschätzen führe zu einem explosionsartigen Anstieg des Landgrabbing in ganz Zentralamerika.

Widerstand gegen Landgrabbing: weltweit

G.Trucchi  Landgrabbing Vortag und Diskussion; Quetzal-Redaktion, frp

Im dritten Teil der Veranstaltung hatte dann das zahlreich erschienene Publikum Gelegenheit, Fragen zu stellen und Meinungen auszutauschen, wovon reichlich Gebrauch gemacht wurde. Neben ergänzenden und vertiefenden Bemerkungen zu den im Film geschilderten Ereignissen sowie zu den im Vortrag aufgezeigten Fakten und Zusammenhängen ging es in der Diskussion vor allem um die globalen Dimensionen des Landgrabbing. Hervorgehoben wurde hier zum einen die treibende Rolle transnationaler Unternehmen und der internationalen Finanzmärkte. Zum anderen verwies Trucchi darauf, dass gerade der Widerstand gegen Landgrabbing ein weltweiter sein müsse. So habe die Weltbank einen bereits zugesagten 30-Millionen-Dollar-Kredit an Miguel Facussé, einen der drei großen Ölpalmen-Produzenten in Bajo Aguán, aufgrund internationaler Proteste zurückziehen müssen. Wichtig sei auch deutlich zu machen, dass die finanzielle Förderung der Palmölproduktion durch die EU und die Weltbank nicht – wie behauptet – ökologisch nachhaltig sei, ganz zu schweigen von den sozialen Folgen. Um eine kritische Öffentlichkeit zu schaffen, sei es besonders wichtig, das Schweigen der Mainstream-Medien über die Menschenrechtsverletzungen in Honduras und Guatemala durch alternative Berichterstattung zu durchbrechen.

Dass bei der Organisation und Durchführung der Veranstaltung die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Arbeit und Leben Sachsen, der Leipziger Lateinamerika-Verein QUETZAL und die Mitglieder der Honduras-Delegation von 2012 zusammengearbeitet haben und Giorgio Trucchi nach Leipzig holen konnten, war ein erster, wichtiger Schritt, um die Situation in Honduras ins Bewusstsein der hiesigen Öffentlichkeit zu rücken. Neben Beiträgen auf den Internet-Seiten der Honduras-Delegation und des Online-Magazins QUETZAL können Interessierte Näheres bei FIAN (www.fian.de) erfahren, so im FIAN Fact Sheet 2013/1: Honduras: Blutiger Landkonflikt im Bajo Aguán. Ab Mitte Juni ist auch eine 60seitige Broschüre unter dem Titel „Honduras: Stimmen gegen den Ausverkauf“ mit Interviews, Fotos und Hintergründen zu Landkonflikten und Widerstand erhältlich (siehe unter: www.krautreporter.de/de/honduras_stimmen).

Giorgio Trucchi schreibt auch auf: nicaraguaymasespanol.blogspot.com

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Bildquelle: [1] Plakat der Veranstaltung, hondurasdelegation; [2] Giorgio Trucchi und Axel Anlauf, Quetzal-Redaktion, frp; [3] Giorgio Trucchi, Axel Anlauf und Peter Gärtner, Quetzal-Redaktion, frp.


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