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Guatemala – würdige Heimat.
Aufsatz über die gegenwärtige Situation in Guatemala

Autor:  | Oktober 2009 | Artikel empfehlen
Guatemala - würdige Heimat

Guatemaltekische Flagge auf Halbmast nach der Ermordung von Rodrigo Rosenberg. Foto: Surizar.Zitat eines Freundes: „Für uns Lateinamerikaner scheint es kein anderes Schicksal zu geben als Diktaturen oder Oligarchien – oder, wenn letztere abgewirtschaftet haben, populistische linke Bewegungen.“

Nach langen Jahren mit Militärdiktaturen und Bürgerkrieg hat Guatemala endlich den Weg der Demokratie eingeschlagen.

Aber was ist Demokratie? Wissen alle Guatemalteken, was dieses Wort bedeutet?

Vorgeschichte

 

Der Friedensvertrag, der nach 36 Jahren den bewaffneten Konflikt zwischen Regierung und Guerilla beendet, wird 1996 unterzeichnet. Zusätzlich zum Frieden vereinbart man unter anderem die Einhaltung der Rechte der indigenen Bevölkerung.

Die Friedensvereinbarungen stehen weiterhin nur auf dem Papier.

Etwa 1998 beginnen die Entführungen Wohlhabender. Man geht davon aus, dass nicht alle Waffen abgeliefert wurden und dass ehemalige Militär- und Guerillamitglieder in Anbetracht fehlender Perspektiven nun ein neues Betätigungsfeld suchen.

Im April des gleichen Jahres wird Monsignore Gerardi ermordet, nur zwei Tage nachdem er seinen Bericht „Guatemala: Nunca más“ (deutsch: Guatemala – Nie wieder) vorgestellt hatte. Darin listet er Verstöße gegen die Menschenrechte auf, die mehrheitlich von Armee oder Polizei verübt worden und von der Regierung mitzuverantworten sind.

Währenddessen steigen die Kriminalität und die Zahl der Straftaten ins Unermessliche. Zunehmend werden auch weniger Wohlhabende entführt.

So lebt man in Friedenszeiten.

Die vormals Regierenden beenden ihre Amtszeit und die neuen Kandidaten stürzen sich in ihre Kampagnen wie Hunde auf den Knochen. Darunter ein Ex-Diktator und sein Stellvertreter, die letztendlich gewählt werden. Demagogie und Versprechen, der Kriminalität ein Ende zu setzen, sind die Hauptaussagen ihrer Kampagne; sobald sie jedoch an der Regierung sind, vergessen sie das Versprochene und die Kriminalität nimmt weiter zu…

In diesem Chaos findet der Drogenhandel eine perfekte Nische.

Die traditionellen Oligarchen sind an der Reihe, doch die Lage verschlimmert sich unaufhaltsam.

Sie ermüden und gänzlich unerwartet gelangen Linksgerichtete an die Macht.

Bisher wurde nur wenig dafür getan, die Bildung der Guatemalteken zu verbessern. Mit spärlichen Sozialprogrammen versucht die neue Regierung, die Analphabetenrate zu senken. Das Problem ist allerdings nicht allein der Analphabetismus, das Problem sind fehlende Perspektiven für Kinder und Jugendliche, die zur Schule gehen; vor allem in ländlichen Gebieten.

Im Jahr 2008 wurden mehr als 6000 Tötungsdelikte verübt, das sind im Durchschnitt 17 Morde pro Tag. Morde an Frauen sind besonders grausam und äußerst brutal.

Organisiertes Verbrechen, Jugendbanden und Gewohnheitsverbrecher – Guatemala ist zu einem der gefährlichsten Länder Lateinamerikas geworden, in dem die Achtung vor einem Menschenleben nicht mehr zu existieren scheint.

Wenn 98 Prozent der Verbrechen straffrei bleiben und das Strafsystem versagt, lebt die Bevölkerung in Angst und – schlimmer noch – glaubt, dass es keine Alternative gibt.

 

Das Video

Demonstranten vor dem guatemaltekischen Präsidentenpalast nach der Ermordung des Anwaltes Rodrigo Rosenberg. Foto: Surizar.Als einer von vielen wurde am 10. Mai dieses Jahres der Anwalt Rodrigo Rosenberg ermordet. Als Absolvent einer guatemaltekischen Privatuniversität und mit akademischer Ausbildung in Cambridge und Harvard gehörte er zur Elite des Landes. Rosenberg hinterließ ein Video, in dem er Präsident Álvaro Colom, dessen Ehefrau und weitere ihm unterstellte Personen des Mordes an ihm sowie am Unternehmer Khalil Musa und dessen Tochter beschuldigt.

Neben dieser Anschuldigung umfasst das Video einen Aufruf an die Guatemalteken, aufzubegehren.

Fragt sich jedoch: wogegen?

Die Probleme Guatemalas – die Trennung der ethnischen Gruppen, Klassen, Geschlechter und Religionen sowie die politisch ablehnende Haltung vieler – verfolgen uns in jeder Minute unserer Geschichte. Rette sich wer kann, scheint unser Motto zu sein.

Guatemala hat genug und es scheint, als sei das Video der Tropfen gewesen, der das Fass zum überlaufen brachte.

Einige Patrioten, die die Probleme des Landes erkannt haben, und andere, die sich einfach mitreißen lassen, gehen zum Protest auf die Straße.

„Weg mit dem Präsidenten!“

Diejenigen, die Geld haben, sind verärgert über eine Regierung, die ihre Interessen nicht vertritt und das gerade in Zeiten der Finanzkrise. Die Erhöhung des Mindestlohns nutzt niemandem etwas.

Die Entrüstung, die das Video hervorruft, treibt die Menschen auf die Straßen, um so die Aufklärung des Mordes an ihrem Märtyrer sowie den Rücktritt des Präsidenten zu fordern und ihren neuen Kandidaten vorzustellen.

Aber nicht nur sie protestieren, auch andere gehen auf die Straße, einige einfach nur so, andere weil man von ihnen erwartet, dass sie teilnehmen, wieder andere weil sie Stimmen für die kommenden Wahlen sammeln wollen und auch die, die auf der Suche nach Vandalismus sind, fehlen nicht…

In dieser angespannten Situation gibt es auch die negativ eingestellten; diejenigen, die nur kritisieren, jedoch nichts zur Lösung beitragen, und diejenigen, die überhaupt nichts unternehmen.

Währenddessen bekräftigt der Präsident seine Unschuld, beantragt eine Untersuchung des Falls, ersucht die Unterstützung der CICIG (Internationale Kommission gegen Straflosigkeit in Guatemala) und ruft seine Anhänger auf, die Unterstützung seiner Regierung zu bekunden. Dabei handelt es sich vor allem um Personen, die von der Regierung mit „Hühnern und Macheten“ gekauft werden.

Das Video geht um die Welt und die internationalen Reaktionen sind äußerst unterschiedlich. Einige Länder äußern sich nicht, andere unterstützen die Untersuchungen.

Die Medien spielen bei all dem eine wichtige Rolle und einige verbreiten die Nachrichten sensationslüstern, womit sie nur dazu beitragen, dass sich die Gräben, die uns teilen, weiter vertiefen.

Einmal mehr sieht sich die Demokratie angesichts der Untätigen und der Opportunisten in Gefahr.

Die Geschichte Guatemalas steht an einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, an dem nur zwei Dinge zu hoffen bleiben: Entweder geht Guatemala siegreich hervor und seine Bürger schaffen den Wandel oder aber Guatemala macht sich lächerlich, indem seine Bürger nur auf die Straße gehen, um eine Zirkusvorstellung zu bieten und am Ende bleibt alles wie immer.

 

Zum Glück gibt es Hoffnung

 

Die Guatemalteken sind Menschen mit ausgezeichneten persönlichen Eigenschaften und viele von ihnen verfügen über die notwendigen Kenntnisse, um das Land nach vorn zu bringen.

Ich glaube, dass es in Guatemala möglich ist, die Krise zu überwinden, in der sich das Land befindet, sofern seine Bürger es schaffen, sich zu organisieren.

Viele von ihnen gehen auf die Straße und erheben ihre eigenen Forderungen nach Sicherheit und Gerechtigkeit in Anbetracht der unzähligen ungeklärten Mordfälle.

Guatemala braucht die Unterstützung jedes einzelnen Bürgers.

Feststeht, dass das keine einfache Aufgabe ist.

Es braucht nachhaltige Bildungs- und Entwicklungsprojekte in allen Regionen. Es muss gegen die Korruption vorgegangen werden. Es muss, wenn nötig, umstrukturiert werden und das umgesetzt werden, was zwar gut erdacht aber bisher nicht ausreichend umgesetzt wird.

Die Pläne der Regierung müssen überprüft werden. Vor dem Gang auf die Straße gilt es, sich darüber im Klaren zu sein, was erreicht werden soll.

Bevor man blindlings seine Unterstützung gewährt, muss man sehen, ob die neuen Vorschläge Verbesserungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Gerechtigkeit, Freiheit und vor allem Transparenz mit einschließen.

Rassismus und Ausbeutung der Arbeitskraft sind abzuschaffen, Frauen ist bei ihrer Entwicklung Unterstützung zu gewähren und die Rechte der Kinder sind geltend zu machen.

Auf dass kommende Generationen eine würdige Heimat haben, einen Ort, an dem sie sich entwickeln können, sich nicht nur mit Geschenken (Hühner und Macheten) begnügen, sondern dafür sorgen, dass nachfolgende Generationen durch eigene Mühen viel mehr erreichen können, als Lohn für ihre ehrliche Arbeit.

Guatemala liegt in den Händen seiner Bürger.

Während des bewaffneten Konflikts war es schwierig, seine Gedanken preiszugeben, man lief Gefahr verfolgt zu werden und zu verschwinden. Viele haben gelernt zu schweigen und, schlimmer noch, viele haben gelernt zu ignorieren.

Mein Beitrag als Guatemaltekin aus der Ferne ist es, gegen das Schweigen zu kämpfen und auf ein besseres Land zu hoffen.

Mai 2009

Übersetzung aus dem Spanischen: Katja Schmiedgen

Bildquelle: Surizar

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Interessante Links:

_http://www.congreso.gob.gt/Docs/PAZ/Acuerdo%20de%20paz%20firme%20y%20duradera.pdf (Der Link konnte am 11.03.2013 nicht mehr aufgerufen werden.)

www.dailymotion.com/video/x95h2g_acuerdos-de-paz-en-guatemala-1996-2_news

_http://asiapacific.amnesty.org (Der Link konnte am 24.04.2013 nicht mehr aufgerufen werden.)

http://www.elperiodico.com.gt

http://www.industriaguate.com (siehe Nachrichten, Video von Guatevision)


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