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Guatemala im Visier der Zetas

Autor:  | Januar 2012 | Artikel empfehlen

Waffen - Foto: Presidencia de la República MexicoDies ist der zweite Teil über das Vorrücken der mexikanischen Kartelle nach Mittelamerika, in diesem Fall Guatemala, und die Umstände, die ihnen dies ermöglicht haben.

Der spanische Jurist Carlos Castresana stand als Präsident der durch die UN ins Leben gerufenen Kommission gegen die Straffreiheit in Guatemala (CICIG) vor. 2008 warnte er davor, dass, sollte nichts gegen die Ausbreitung der mexikanischen Drogenkartelle unternommen werden, sie innerhalb von zwei Jahren „Guatemala-Stadt einnehmen könnten”.

Guatemala litt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Bürgerkriegen, die 200.000 Todesopfer forderten und ist weiterhin von großen wirtschaftlichen wie sozialen Problemen geprägt. Das Land kämpft mit der weit verbreiteten Armut und der schlechten Sicherheitslage, weshalb Castresana eine Modernisierung der Sicherheitssysteme forderte und beklagte, dass „die Sicherheitsvorkehrungen dem 19. Jahrhundert entstammen, während das organisierte Verbrechen mit Technologien des 21. Jahrhunderts arbeitet”.

Castresana warnte ausdrücklich vor dem Kartell der Zetas, die er als die gefährlichste in Guatemala aktive Gruppierung der Drogenmafia bezeichnete und schlug den Bau von Hochsicherheitsgefängnissen und Justizreformen zur Ermöglichung von Telefonüberwachung vor.

Diese Warnung liegt nun fast zwei Jahre zurück, aber ob sie sich bewahrheitet, kann Castresana zumindest nicht mehr aus seinem damaligen Amt mitverfolgen. Er wurde gewissermaßen ein Opfer des vergifteten Klimas in der guatemaltekischen Politik und reichte am 8. Juni 2010 seinen Rücktritt ein. Zuvor hatte er schwere Vorwürfe gegen den neu eingesetzten Generalstaatsanwalt Conrado Reyes erhoben, dem er Verbindungen zum organisierten Verbrechen vorwarf. Zudem hätte dieser den Kampf gegen die Straffreiheit erschwert, indem er beispielsweise eine damit betraute Spezialeinheit der CICIG auflöste.

Die Bedrohung der Sicherheit

Der Weltdrogenbericht der UN von 2010 bekräftigt, dass sich Guatemala in einer der am stärksten von Ungleichheit geprägten Regionen der Welt befindet, vergleichbar nur mit Südafrika und der Andenregion. Einige guatemaltekische Provinzen, wie etwa das dünnbesiedelte Petén oder Escuintla, sind strategisch wichtige Korridore für den Drogenhandel und sind von den Kartellen hart umkämpft. Versteckte Start- und Landebahnen ermöglichen einen einfachen Zugang zur mexikanischen Grenze.

Kriminalität ist ein Alltagsphänomen in Guatemala. Der UN-Bericht über Verbrechen und Entwicklung in Zentralamerika zitiert eine Umfrage der Weltbank unter Firmen aus 53 Staaten, derzufolge die Unternehmen in der grassierenden Kriminalität das größte Fortschrittshemmnis ausmachen.

Der Bericht führt an, dass „im Vergleich zu einem internationalen Durchschnitt von 25 Prozent in Guatemala 42 Prozent der befragten Unternehmen angaben, auf Kriminalität zurückzuführende Verluste erlitten zu haben, womit Guatemala an vierter Stelle der Statistik steht.”

Auch andere Statistiken sind alarmierend. In einer Umfrage in fünf zentralamerikanischen Staaten wird in Guatemala die Polizei als der korrupteste Sektor des Landes bezeichnet. Das Latinobarómetro von 2005, eine Meinungsumfrage in 17 lateinamerikanischen Ländern, besagte, dass 39 von 100 Guatemalteken die Kriminalität als das dringendste Problem des Landes ansehen.

Fusion von Zetas und Kaibiles

Guatemala hat, wie der östliche Nachbar Honduras, in den letzten Jahren unter der Ausbreitung des Drogenhandels gelitten. In Guatemala konnte sich das Kartell der Zetas durchsetzen. Bis Anfang 2010 agierten die Zetas noch als bewaffneter Zweig des mexikanischen Golfkartells, haben sich aber mittlerweile von diesem Kartell losgesagt und stehen nun unter Führung des ehemaligen Soldaten Heriberto Lazcano, El Lazca.

Am 23. April 2008 meldete das mexikanische Nachrichtenportal Esmas, dass die Zetas über Piratenradiosender versuchten, ehemalige Angehörige der Kaibiles, eine Spezialeinheit der Armee, anzuwerben. Die Kaibiles wurden 1974 gegründet und mit Unterstützung der USA ausgebildet. Sie sind in speziellen Antiguerrilla-Taktiken unterwiesen und für ihre grausamen Methoden berüchtigt. Die von den UN eingesetzte Comisión de Esclarecimiento Histórico hat zahlreiche Menschenrechtsverletzungen dokumentiert. Ihre Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass die Kaibiles an Massakern an der Zivilbevölkerung beteiligt waren, unter anderem an der Ermordung von 251 Personen in Dos Erres im Jahr 1982.

2006 schrieb der Journalist Ricardo Ravelo in seinem Buch Los Narcoabogados (Die Drogenanwälte) davon, dass das Golfkartell bereits 2005 damit begann, Kaibiles zu rekrutieren, um der Grausamkeit von Mitgliedern der Mara zu begegnen. Sie wurden von Édgar Valdez Villarreal, La Barbie, vom Sinaloakartell verpflichtet. Dieser war zu jener Zeit ein Vertrauensmann der beiden mächtigen Mafiabrüder Beltrán Leyva.

Im März 2009 wurde ein weiterer Hinweis auf die Verbindung zwischen Zetas und Kaibiles entdeckt, als guatemaltekische Beamte in Zusammenarbeit mit der DEA nahe der mexikanischen Grenze in El Quiche ein Ausbildungscamp, eine illegale Landepiste und ein Arsenal an Granaten, Gewehren und Munition der Zetas aufspürten.

Einen Monat später beschlagnahmten Anti-Drogeneinheiten nach einer Schießerei mit Zetas in der guatemaltekischen Hauptstadt mehrere Tausend Kugeln Gewehrmunition und Hunderte Granaten, die eindeutig aus dem Besitz der Armee stammten.

Weiterhin wird davon berichtet, dass ehemalige mexikanische Armeeangehörige, nachdem sie zu den Zetas übergelaufen waren, von Kaibiles ausgebildet wurden. Derartige Berichte bestätigen die vermutete Kollaboration zwischen Ex-Militärs beider Länder.

Das Nachrichtenportal Cinco de Septiembre berichtet im November 2009 von Aktivitäten der Zetas in dem kleinen Ort Santa Teresa in der Gemeinde Nentón im Westen Guatemalas. Der Ort diente als Lager für Drogenlieferungen und Waffen sowie als Versteck für die Drogenkuriere, die die Ware nach Mexiko bringen. Santa Teresa liegt etwa eine Stunde entfernt von der Grenze zu Mexiko, wohin an die 40 illegale Grenzpfade führen und von wo die gepanzerten und bewaffneten Autos für die Transporte kommen. Im Dorf selbst wurden 12 gesicherte Häuser entdeckt.

Die New York Times vom 17. Juli 2010 beschäftigte sich in einem Artikel mit einem weiteren Effekt der langsamen Ausbreitung der Zetas in Guatemala. Demnach ist im Biosphärenreservat Maya, dem größten zentralamerikanischen Schutzgebiet, ein fortschreitendes Waldsterben zu beobachten. Die Ursache liegt in den Rodungen für die Viehhaltung und den Drogenanbau. Das US-Außenministerium wurde im selben Artikel mit der Feststellung zitiert, dass sich das Departament El Petén praktisch unter Kontrolle der Zetas befindet.

Die Zetas haben Fuß gefasst

Auch die guatemaltekische Polizei ist weitgehend von der organisierten Kriminalität durchsetzt. Am 13. April 2010 wurden mehrere Beamte der Policía Nacional Civil wegen des Verdachts auf Weitergabe von Informationen zu Polizeieinsätzen festgenommen. Bereits im März desselben Jahres wurde Polizeichef Baltazar Gómez in Haft genommen. Ihm wurden der Raub von konfiszierten Drogen und Verbindungen zu den Zetas vorgeworfen.

Auch der Fall des Generalstaatsanwaltes Conrado Reyes zeigte das Ausmaß der Korruption und der Verstrickung hoher Regierungsbeamter in die Drogenkriminalität. Reyes wurde am 10. Juni 2010 seines Amtes enthoben, nachdem Carlos Castresana seine Ernennung durch Präsident Álvaro Colom als Teil eines Paktes mit verdächtigen Anwaltskreisen, die in den Drogenhandel verwickelt seien, bezeichnet hatte.

Am Tag der Amtsenthebung von Reyes wurden an verschiedenen Orten von Guatemala-Stadt die abgetrennten Köpfe von vier Personen gefunden.

Polizeisprecher Donald González nannte den Vorfall beispiellos und brachte ihn in Zusammenhang mit der Drogenmafia. Gegenüber der Tageszeitung Reforma sagte er: „Es handelt sich offensichtlich um eine Reaktion seitens der Zetas und anderer Narcos. Derartige unterschwellige Nachrichten sind eine Strategie des organisierten Verbrechens”.

Die Verdächtigungen gegenüber Reyes waren des Weiteren nicht der erste Skandal um eine Führungsperson der Polizeikräfte. Am 16. November 2005 wurde der Chef der Staatlichen Drogenbekämpfungseinheit SAIA, Adán Castillo, zusammen mit seinem Berater und anderen Ermittlungsbeamten bei ihrer Ankunft im US-amerikanischen Virgina festgenommen. Als Chef der SAIA war Castillo der ranghöchste Ermittler in Sachen Drogenhandel, in den USA wollte er an einem Kurs zur Drogenbekämpfung teilnehmen. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits Anschuldigungen gegen ihn wegen der Einfuhr von Drogen und Amtsmissbrauch vor.

Ironischerweise hatte Castillo nur wenige Wochen zuvor mit seinem Rücktritt gedroht, falls er nicht stärker von der Regierung unterstützt würde, die er als von Korruption durchdrungen bezeichnete. Nach der Verhaftung des SAIA-Chefes wurden in seinem Büro 19 Päckchen mit Kokain und Lidocain, einem Stoff zum Strecken des Kokains, und 23.000 Dollar beschlagnahmt.

Die SAIA wurde als Ersatz für die Behörde zur Drogenbekämpfung (DOAN) eingerichtet, die 2003 geschlossen wurde, nachdem mehrere Beamte der Unterschlagung von konfiszierten Drogen und der Korruption überführt worden waren.

Dies blieben nicht die einzigen Regierungsbeamten, denen Verstrickung in den Drogenhandel nachgewiesen wurde. Dem UN-Bericht über Verbrechen und Entwicklung in Zentralamerika zufolge wurden den beiden ehemaligen Geheimdienstbeamten Manuel Antonio Callejas und Francisco Ortega Menaldo ihre US-Visa wegen Beteiligung am Drogenhandel entzogen.

Am 19. Februar 2007 wurden drei salvadorianische Abgeordnete des Zentralamerikanischen Parlamentes nach einem rätselhaften Autounfall hingerichtet. Die Untersuchungen ergaben, dass sie von Luis Arturo Herrera, Chef der Einheit für organisiertes Verbrechen der Nationalpolizei, und drei seiner Beamten ermordet wurden. Ein Zeuge sagte aus, dass die Mörder eine Drogenlieferung im Wert von fünf Millionen Dollar entgegennehmen wollten. Da die Salvadorianer die Drogen nicht im Wagen hatten, erschossen sie die drei und brannten den Wagen ab. Die festgenommenen Polizeibeamten fielen auf dem Weg ins Gefängnis einem Attentat zum Opfer und konnten somit keine weiteren Angaben machen.

Auch guatemaltekische Richter waren in der Vergangenheit in den Drogenhandel involviert. 2001 wurde der Fall der Richterin Delmi Castañeda bekannt, die für Bestechungszahlungen in einem Fall die angeklagten Drogenkuriere deckte und diese sogar in ihrem Privatauto herumfuhr. Castañeda verlor daraufhin ihren Richterinnenposten, wurde jedoch nicht vor Gericht gestellt.

Als Reaktion auf derartige Vorfälle strich die Bush-Regierung Guatemala Anfang 2003 von der Liste der alliierten Staaten im Anti-Drogenkampf.

In den Jahren 2000-2004 war Alfonso Portillo Präsident von Guatemala. Auf Betreiben der USA wurde er 2009 wegen des Verdachts, 70 Millionen Dollar Drogengelder gewaschen zu haben, angeklagt und sitzt derzeit im Gefängnis.

Einer der bekanntesten Zetas, die in Guatemala inhaftiert sind, ist Daniel Pérez Rojas, „El Cachetes”. Seit 2008 sitzt er zwei Haftstrafen ab und soll danach nach Mexiko abgeschoben werden.

Der Drogenhandel floriert

Präsident Álvaro Colom schätzte im Oktober 2009, dass aufgrund der enormen Zahl an abgefangenen Drogentransporten aller Art zum Jahresende die Gesamtmenge an konfiszierten Drogen 8000 Kilogramm betragen, und damit den Rekordwert des Jahres 2003 übertreffen könnte. Der Bericht des Suchtstoffkontrollrates der UNO von 2009 beziffert die Menge konfiszierten Kokains für das Jahr 2008 auf 2200 Kilogramm.

Außer Kokain werden auch illegale Substanzen für die Herstellung von Metamphetamin, auch als Crystal bekannt, durch Guatemala nach Mexiko geschleust, wo sie zur konsumfertigen Droge weiterverarbeitet werden. Laut dem Bericht des Suchtstoffkontrollrates wurden 2008 zudem mehr als 300.000 Tabletten des in Guatemala verbotenen Dopingmittels Pseudoephedrin sichergestellt. Der Bericht konstatiert weiterhin einen alarmierenden Anstieg beim Handel mit Opium und Heroin, der von den guatemaltekischen Behörden mit der Ausbreitung der Zetas in Verbindung gebracht wird. 2008 wurden 300 Millionen Schlafmohnpflanzen vernichtet und zehn Kilogramm Heroin beschlagnahmt.

Fazit

Alle Anzeichen bezeugen die deutliche Zunahme und Ausbreitung des Drogenhandels in Guatemala. Die Macht der transnational agierenden Narco-Organisationen ist zugleich Folge und Ursache der Schwäche des guatemaltekischen Staatswesens, das auch noch stark von den Jahrzehnten des Bürgerkrieges geprägt ist. Vier Jahre nachdem in Mexiko der „Drogenkrieg” ausgerufen wurde, gelingt es den Zetas, in Guatemala weiter Fuß zu fassen. Das zeigt deutlich, dass es nicht gelungen ist, die Drogenmafia zurückzudrängen, die stattdessen die Region immer weiter in ihre Gewalt bekommt. Für ein verarmtes Land mit rudimentären Sicherheitssystemen wie Guatemala ist dieser Konflikt nicht leicht zu gewinnen.

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Marco Antonio Martínez García ist mexikanischer Journalist und an der Nachrichtenplattform Programa de las Américas beteiligt.

Der Artikel erschien bereits am 26.08.2010 bei Cipamericas. Mit freundlicher Genehmigung des Americas Program.

Den ersten Teil der Serie finden Sie hier: Honduras nach dem Staatsstreich – Ein Paradies für Drogenhändler.

Übersetzung aus dem Spanischen: René Steffen

Bildquelle: Presidencia de la República Mexico.


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