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Fabeln

Autor:  |  Sommer 1995

Das gesamte Werk oder Der Fuchs ist der Schlauste

Als der Fuchs sich einmal langweilte und ein wenig melancholisch war und auch kein Geld hatte, beschloß er, Schriftsteller zu werden, ein Entschluß, den er sofort ausführte, denn er haßte diese Art Leute, die immer sagen, ich will dies tun oder das, und es dann nicht machen.

Sein erstes Buch war sehr gut; ein Erfolg. Es wurde überall in den höchsten Tönen gelobt und bald (nicht immer gleich gut) in die verschiedensten Sprachen übersetzt.

Das zweite Buch war noch besser als das erste, und ein paar nordamerikanische Professoren, die Blüte der Wissenschaft jener weit zurückliegenden Zeit, kommentierten sie begeistert und schrieben sogar Bücher über die Bücher, die über die Bücher des Fuchses geschrieben wurden.

Von diesem Augenblick an gab sich der Fuchs mit Recht zufrieden, und die Jahre gingen hin, ohne daß er etwas Neues veröffentlichte.

Aber die ändern begannen zu tuscheln: „Was ist bloß mit dem Fuchs los?” Und wenn sie ihn auf den Cocktails trafen, machten sie sich regelmäßig an ihn heran und sagten: „Sie müssen mehr publizieren.”

„Aber ich habe doch schon zwei Bücher veröffentlicht”, sagte er müde.

„Und zwar zwei gute”, entgegneten sie ihm, „eben darum müssen Sie noch eins schreiben.”

Der Fuchs sagte es nicht, aber er dachte: ,In Wirklichkeit wollen die ja nur, daß ich ein schlechtes Buch veröffentliche. Weil ich aber der Fuchs bin, werde ich das nicht tun.’ Und er hat es nicht getan.

Das schwarze Schaf

In einem fernen Land gab es vor vielen Jahren einmal ein schwarzes Schaf.

Es wurde erschossen.

Ein Jahrhundert danach errichtete ihm die reumütige Herde eine Statue, die sehr hübsch in den Park paßte.

So geschah es, daß man fortan jedesmal, wenn schwarze Schafe auftauchten, kurzen Prozeß mit ihnen machte, damit sich zukünftige Geschlechter von gewöhnlichen Schafen auch in der Bildhauerei üben konnten.

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Der guatemaltekische Schriftsteller Augusto Monteroso wurde am 21. Dezember 1921 in Honduras geboren. Wie viele andere seiner lateinamerikanischen Kollegen verbrachte er viele Jahre im Exil vor allem wegen seines Engagementes als Diplomat von 1944 bis 1953 unter der demokratischen Regierung von Jacobo Arbenz. Dem Sturz dieser Regierung folgten jahrzehntelange Militärdiktatur und Repression in Guatemala. Monteroso ist Autodidakt und hat bisher nur wenige Bücher veröffentlicht. Aber die wenigen Werke, die von ihm vorliegen, bestechen durch einen kaum zu übertreffenden Lakonismus und geistigen Witz.

Aufschußreich über Person und Schriftsteller Monteroso ist folgendes Interview aus dem Jahre 1976:

„ Warum bist du so wachsam?”

„Aus Angst.”

„Und worauf führst du diese Angst zurück?”

„Vielleicht darauf, daß ich Autodidakt bin und mich niemals als Schriftsteller betrachte. Noch heute, wenn ich anfange zu schreiben, bin ich genauso wie mit neunzehn oder zwanzig Jahren: vollkommen wehrlos.”

„Das Merkwürdige ist nur, daß dein Humor und die Leichtigkeit deines Stils diese Angst sehr gut verbergen.”

„Wachsame Tiere tarnen oder verstellen sich; sie täuschen vor, etwas anderes zu sein. Wahrscheinlich bin ich ein gewaltiges, aber als Ameise getarntes Tier, aus Angst, dem Leserpublikum oder meinen Freunden eine zu große Angriffsfläche zu bieten.”

„Erzähl mir mehr von dir.”

„Ich bin praktisch nie richtig zur Schule gegangen, zumindest habe ich die Grundschule nie abgeschlossen. Als ich mir dieses Mangels bewußt wurde – da war ich sechzehn oder siebzehn Jahre alt -, bekam ich einen Schreck und versuchte, in der Staatsbibliothek von Guatemala alles aufzuholen, aber vergeblich. Unbewußt bin ich noch heute dabei, die Grundschule zu absolvieren. Vielleicht gefallen mir deswegen Schulbücher so sehr, vor allen Dingen jetzt, da ich in einigen auch Texte von mir wiederfinde. Es ist ein merkwürdiges Gefühl: Du bekommst sie per Zufall in die Hand und liest dich auf einmal darin wieder, und man bittet dich schließlich sogar, deine eigenen Plusquamperfekts zu bestimmen.”


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