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Arbeits- und Frauenrechte in Weltmarkttextilfabriken

Autor:  | Juli 2011 | Artikel empfehlen

Maquiladora in Guatemala (Foto: CIR)

Am 6. Mai 2011 fand in Leipzig (Haus Steinstraße) eine Veranstaltung statt, auf der über die Situation der Beschäftigten in Textilfabriken informiert und diskutiert wurde, die für den Weltmarkt produzieren. Hauptreferentin war Ana María Morales von der Asociación de Mujeres en Solidaridad aus Guatemala. Zu Beginn nannte sie einige Fakten, die ein Bild der Bedeutung der maquiladoras, wie diese Unternehmen vor Ort genannt werden, vermitteln. In dem zentralamerikanischen Land – wie anderswo auch – stellen Frauen die überwiegende Mehrheit (85 Prozent) der Beschäftigten in diesem Sektor. Die Produktion geht fast ausschließlich (zu 90 Prozent) in die USA. Als Eigentümer fungieren überwiegend Südkoreaner (70 Prozent), gefolgt von Bürgern der Vereinigten Staaten (20 Prozent) und Guatemalteken (10 Prozent). Insgesamt sind über 150.000 Arbeitskräfte in den Textil-Maquiladoras tätig.

Danach ging Ana María Morales näher auf die Arbeitsbedingungen ein, die in vielem an Zustände wie im Gefängnis erinnern: Arbeiten im Akkord, ständige Kontrollen, kaum Pausen, hygienische Bedingungen, die zum Himmel schreien, keine Belüftung, kein Trinkwasser, keine Kantinen und immer wieder Überstunden, die in der Regel nicht bezahlt werden, wobei die Arbeitszeit in Stoßzeiten schon mal 18 Stunden betragen kann.

Hinzu kommen persönliche Risiken, denen vor allem die Frauen ausgesetzt sind: Angefangen bei den obligatorischen Schwangerschaftstests vor der Einstellung über sexuelle Belästigungen, bei denen die Täter ihre hierarchische Stellung im Betrieb gezielt einsetzen, bis hin zu Gewalttaten auf dem Arbeitsweg, die besonders nachts eine große Gefahr für Leib und Leben darstellen. Auch die rechtliche Situation der Frauen ist höchst prekär. Die gesetzlichen Bestimmungen zum Mutterschutz werden seitens der Unternehmen zumeist ignoriert, Gewerkschaften sind unerwünscht. Und es existieren schwarze Listen für jene, die in dieser oder anderer Hinsicht „negativ“ auffallen.

Angesichts der miserablen Bedingungen stellt sich die Frage, wie diese zum Besseren geändert werden können. Die Referentin verwies besonders darauf, dass neben starken Gewerkschaften die Kontrolle durch die Zivilgesellschaft dringend nötig sei. Auch die staatlichen Behörden müssten endlich ihren Aufgaben nachkommen und für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen sorgen. Stattdessen grassieren dort Korruption und Amtsmissbrauch. Ana María Morales erachtet die Sensibilisierung der Konsumenten als besonders wichtig, um die Situation in den maquiladoras zu verbessern. Ohne Solidarität aus solchen Ländern wie Deutschland bestehe wenig Hoffnung, dies auch durchzusetzen.

Tauschten sich über Arbeitsbedingungen in ihren Heimatländern aus: Ana Maria Morales, Irene Nyambura Kiarie, Gabriel Zelada und Redemta Akoth Josia (v.l.) (Foto: CIR)

In der sich anschließenden Diskussion, an der sich viele der mehr als 50 Teilnehmer beteiligten, ging es vor allem um die Frage, wie den Frauen in Guatemala am besten geholfen werden kann. Neben Fair Trade, einem Verhaltenskodex für die Textilunternehmen und den Spielräumen, die besonders staatliche oder öffentliche Käufer aus den westlichen Ländern haben, wurde auch über die Möglichkeiten in den Produzentenländern selbst debattiert. Dort kommt dem öffentlichen Bewusstsein eine Schlüsselrolle zu, die allerdings aufgrund der weitverbreiteten Angst bei den Betroffenen und der vielen Risiken, denen sich engagierte Menschenrechtler und Gewerkschafter ausgesetzt sehen, nur schwer wahrgenommen werden kann. Auch hier sei internationale Solidarität unabdingbar, betonte Ana María Morales. Auf die Frage, wie sie an ihre Informationen aus den maquiladoras komme, antwortete sie, dass die Herstellung von Vertrauen entscheidend sei. Bei der Kontaktaufnahme und den folgenden Gesprächen mit den Betroffenen müsse oftmals konspirativ vorgegangen werden, da Verrat und Spitzel ein hohes Risiko darstellen. Aufklärungsarbeit bilde einen Schwerpunkt der Arbeit ihrer Organisation. Gegenüber den Unternehmern und den höheren Angestellten müsse meist ein anderer, getarnter Diskurs praktiziert werden, um überhaupt mit den Frauen in Kontakt treten zu können. Entscheidend sei, dass diese ihr Schweigen brechen. Nur so kann die dringend nötige Öffentlichkeit hergestellt werden.
Eine intensive Diskussion entspann sich an dem Problem, wie angesichts der globalen Niedriglohnkonkurrenz die Arbeitsbedingungen und -löhne in den maquiladoras verbessert werden könnten. Zudem – so wurde ergänzt – seien die Adressaten möglicher Solidarität in den entwickelten westlichen Ländern identisch mit den Nutznießern der billig produzierten Textilien. Auf Nachfrage musste die Referentin außerdem bestätigen, dass mit Streiks, die es selten gibt, selbst in erfolgreichen Ausnahmefällen bislang keine dauerhaften Verbesserungen erkämpft werden konnten.

Seitens der Co-Referentin, die die Christlichen Initiative Romero (Münster) als Mitveranstalter in Leipzig vertrat, wurde auf das positive Beispiel der Asien-Kampagne verwiesen, mit der es gelungen sei, einen einheitlichen Mindestlohn in der Region durchzusetzen. Hier hätten sich auch Image-Kampagnen als hilfreich erwiesen. Bei einem Tageslohn von 6 Euro, der lediglich 0,4 Prozent der Gesamtkosten ausmache, sowie Materialkosten von 8 Prozent beständen immerhin erhebliche Spielräume für eine Umverteilung zugunsten der Beschäftigten. Ohne Druck von außen und eine internationale Koordinierung sei dies aber nicht zu bewerkstelligen. Globaler Ausbeutung müsse globale Solidarität entgegengesetzt werden.

Die sehr gut besuchte Veranstaltung erwies sich als ein weiteres gelungenes Beispiel der Kooperation verschiedener Nichtregierungsorganisationen und Vereine. Als Veranstalter zeichnete diesmal die Deutsch-Spanischen Freundschaft in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Lateinamerika-Verein Quetzal für die Organisation verantwortlich, unterstützt vom Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen, dem Referat für Migration und Integration der Stadt Leipzig sowie dem Studentenwerk.

 

Bildquelle: [1] und  [2] Christliche Initiative Romero_ (CIR)


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