lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Söhne der Sonne. Die Maya – Eine Dokumentation aus der Reihe Terra X

Autor:  | September 2020 | Artikel empfehlen

Drei Filme über lateinamerikanische Hochkulturen, das klingt interessant und weckt a priori großes Interesse. Söhne der Sonne heißen diese Dokumentationen und beschäftigen sich mit den Maya, Inka und Azteken. Aber wie das nicht selten so ist, sehr schnell mischt sich ein Wermutstropfen in die Quetzal-Vorfreude: Die Dokumentationen gehören zur Reihe Terra X. Und diese hat einen unübersehbaren Hang zum Reenactment und zur Boulevardisierung. Doch die Vorbehalte sollen bei diesen neuen Dokumentationen kurzerhand ignoriert und die Filme in drei Folgen vorgestellt werden.

 

Film Nummer 1 dieser Trilogie wurde mit zwei sehr überzeugenden Fakten beworben: Zum einen hat Nikolai Grube diese Sendung über die Maya wissenschaftlich betreut, was eine fundierte wissenschaftliche Expertise verspricht. Zum anderen wurde die erste Sendung damit beworben, dass neue Laserscans wesentlich fundiertere Aussagen über die Ausmaße der Maya-Städte möglich machen. Und Laserscans kann man ja schlecht von Schauspielern nachspielen lassen. Jetzt, nach dem Film Die Maya kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Entscheidung für die Trilogie durchaus richtig war.

rezensiert_Söhne_der_Sonne_Maya_Tiergehege_SnapshotAn den Laserscans lag das jetzt am allerwenigstens. Natürlich erlaubt dieser neue Blick unter die Oberfläche des Mayalandes ein wirklich neues Bild auf die Mayastätten. Doch der Film bietet viel mehr, bemüht er sich doch, die Komplexität der Mayagesellschaft darzustellen. Er schildert diese alten Amerikaner als Meister in Architektur, Astronomie und Mathematik. Aus der Fülle der Informationen über Kultur, Architektur und Religion bis hin zur Schrift der Maya wollen wir nur einige wenige herausgreifen.

Da wäre z.B. El Mirador. Diese Ruinenstätte im guatemaltekischen Petén wurde 1926 wiederentdeckt und man wusste bisher durchaus, dass sie groß ist. Wie groß, ahnte wohl keiner so richtig. Der Blick aus der Luft mit Hilfe der modernen Lasertechnik offenbart den nachgerade ungeheuren Umfang dieser Stadt. Nicht allein die Ausmaße der Stadt sind unglaublich, auch die Gebäude sind zum Teil riesig. La Danta, die größte Pyramide von El Mirador ist in ihrem Volumen durchaus mit der ägyptischen Cheopspyramide vergleichbar. Meinen jedenfalls die Experten. Für ihren Bau, so schätzt der US-amerikanische Archäologe Richard Hansen, waren 30 Jahre lang ca. 4.000 Arbeiter beschäftigt. Die Laserscans zeigen zahlreiche Ruinen, die z.T. bereits 1.000 Jahre v.u.Z. entstanden. Zu sehen sind Paläste und Verteidigungsanlagen ebenso wie Terrassenfelder und Tiergehege. El Mirador war offenbar eine grüne Stadt mit Plantagen und Obsthainen. Archäologen schätzen, dass einst mehr als 250.000 Menschen in der Stadt lebten, im Umland noch einmal circa eine Million. Damit gehörte diese Mayametropole seinerzeit zu den größten Städten der Welt.

El Mirador war eine Gartenstadt mitten im Urwald, in einer recht lebensfeindlichen Landschaft mit eher nährstoffarmen Böden. Wie machten die Maya diesen Boden urbar und schafften es, so viele Menschen zu ernähren? Und hier sind wir bei einer weiteren Errungenschaft der Maya – dem Mais. Dieser, gezüchtet aus dem Wildgras Teosinte, dessen wenige Körner kaum Nährstoffe und eine kaum verdaubare Schale haben, sei eine der größten Domestizierungsleistungen der Menschen. Ohne den Maisanbau, so Nikolai Grube, hätte die Mayagesellschaft nicht existieren können. Die jahrtausendealten Anbaumethoden wirken heute sehr modern, vermieden es die Maya doch, ihr wichtigstes Nahrungsmittel in Monokultur zu ziehen. Vielmehr schufen sie Pflanzensymbiosen zwischen Mais, Bohnen und Kürbis, die die Erträge sicherten.

Erkenntnisse über die Anbaumethoden der Maya stammen nicht zuletzt auch aus den Ausgrabungen im Pompeji Amerikas. Um 660 begrub der pyroklastische Strom eines Ausbruchs des Loma Caldera ein Dorf unter sich. Die heute Joya de Cerén genannte Grabungsstätte gibt ein lebendiges Bild vom Alltagsleben der einfachen Mayabevölkerung, denn die Dorfbewohner konnten sich zwar offensichtlich in Sicherheit bringen, aber sie ließen auf ihrer Flucht quasi alles stehen und liegen. Und so fand man, wie im antiken Pompeji, unter der Vulkanasche in den gut erhaltenen Gebäuden zahlreiche Alltagsgegenstände. Als besonders bedeutsam erwiesen sich vor allem die Pflanzenfunde. Die Pflanzen hinterließen in der Asche Hohlräume, und diese lassen Rückschlüsse darüber zu, was die Maya wie kultivierten. Dabei stand natürlich der Mais im Mittelpunkt.

Und doch war es schlussendlich der Mangel an Nahrungsmitteln, der zum Untergang der Hochkultur führte, was im Film am Beispiel der vorklassischen Metropole El Mirador dargestellt wird. Der Niedergang dieser Hochkultur infolge des Raubbaus an der natürlichen Umwelt sollte uns durchaus Mahnung sein.

rezensiert_Söhne_der_Sonne_Maya_Maisanbau_SnapshotNatürlich geht es in diesem Film auch um Religion und Blutopfer, die großartige Architektur, das astronomische und mathematische Wissen, den präzisen Kalender und das komplexe Schriftsystem. Und und und … Aber das sei hier nur erwähnt.

Abschließend muss der Vollständigkeit halber festgestellt werden, dass Söhne der Sonne. Die Maya natürlich nicht ohne das Nachspielen historischer (oder pseudohistorischer) Ereignisse auskam. Offensichtlich geht das bei Terra X einfach nicht, der Hang zu Übertreibung, zur Inszenierung und zur Spekulation, m.E. ein inhärenter Bestandteil des Reenactments, war auch hier unübersehbar. Mir drängt sich mittlerweile der Verdacht auf, dass man die Zuschauer wohl für zu doof hält, sich selbst ein Bild zu machen und ihrer Fantasie zu vertrauen; oder aber, die Filmemacher trauen sich selbst nicht mehr allzu viel zu. Jedenfalls habe ich bisher nicht eine Dokumentation gesehen, wo die Praxis des Reeenactments einen wirklichen Mehrwert gebracht hätte; eher im Gegenteil. Vereinzelt vermittelt die Dokumentation aber auch den Eindruck, dass es den Filmemacherinnen nicht immer um die Expertise des Altamerikanisten Nikolai Grube ging, sondern mehr um das Spektakuläre, die Sensation. Irgendwie muss bei dieser Reihe alles immer das Größte, das Unwahrscheinlichste, das Grausamste und natürlich die neueste Entdeckung sein. Ja, und warum müssen Sprecher heutzutage jedes Ereignis, sei es noch so banal, in einem sensationsheischenden Ton mitteilen?

Aber, sei’s drum, selber gucken macht schlau. Und das kann ich guten Gewissens empfehlen, denn von diesem kurzen Einwand abgesehen, ist Söhne der Sonne. Die Maya ein wirklich interessanter, kurzweiliger und auch noch lehrreicher Film.

 

———————————————

[1] Umrissen von Tierhegen in El Mirador

[2] Historischer Maiaunbau im Laienspiel

Bildquellen: [1, 2] Snapshots


Weitersagen:

Kommentar schreiben




top