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Interview mit Adolfo Aguilar Payes
Ehemaliger politischer Gefangener in El Salvador

Autor:  |  Frühjahr 1993

Widerstand hinter Gittern

Erlebnisse eines politischen Gefangenen

Adolfo war Student an der Universität von San Salvador und Mitglied der Studentenbewegung an der Uni. Im Juli 1989 verhaftete man ihn. Im Gefängnis wurde er gefoltert. Ohne Verurteilung brachte man ihn von einem Gefängnis ins andere. Der Prozeß wurde immer wieder verschoben. Adolfo trat in den Hungerstreik und schließlich mußte der Prozeß stattfinden. Er endete mit dem Freispruch. Doch an ein ‘ruhiges’ Leben war nicht zu denken. Man verfolgte Adolfo ständig, er wurde beschattet. Auf seinen Bruder Salvador wurde ein Mordanschlag verübt. Dieser hatte Glück und überlebte. Inzwischen ist er nach Spanien ausgereist. Adolfo bekam Morddrohungen von den salvadorenischen Todesschwadronen und aus Sicherheitsgründen, auch wegen seiner beiden Kinder, beantragte er Asyl bei der Kanadischen Botschaft in Guatemala. Jetzt lebt er in Kanada mit seinen Kindern; von dort aus wird er seine politische Arbeit weiterführen. Sein jüngerer Bruder Israel setzt die Arbeit in El Salvador fort. Im folgenden Auszüge aus einem Interview mit Adolfo über seine Erfahrungen mit der salvadorenischen Justiz und der Regierung.

I.

“Ich war Student an der Universität in San Salvador, studierte Soziologie. Ich gehörte der studentischen Organisation UCEU (Union Consecuente de Estudiantes Universatarios) an. Am Sonntag, dem 23.7.89, mittags, wurde ich festgenommen. Fünf stark bewaffnete Männer in Zivil holten mich aus dem Seminar. Sie nahmen mich fast schleifend mit, fingen an, mich zu schlagen, mich mit den Füßen zu treten, am ganzen Körper. Sie schleppten mich zu einem Fahrzeug, viertürig, ohne Nummernschild, mit abgedunkelten Scheiben – typisch für die Todesschwadrone. Die ganze Zeit wurde ich geschlagen und verhört. Man brachte mich zur Polizei. Am Abend kam ich zum Verhör. Fast 10 Männer waren dort versammelt, einige in Zivil, andere in Uniform. Und sie begannen alle auf einmal, mich zu verhören; sie sprachen alle zur gleichen Zeit. Sie fragten und schlugen mich. Ich war in der Mitte, die Männer bildeten einen Kreis um mich. Sie schlugen auf den Rücken, auf den Kopf, in den Genitalbereich, auf den Brustkorb – alle verhörten mich, vielleicht zwei Stunden lang. Ich lag auf dem Boden. Ein Mann setzte sich auf meine Füße, ein anderer auf die Beine, ein dritter auf den Rücken. Und während sie mich schlugen, zog mir der dritte eine Kapuze über den Kopf, eine Art Plastiktüte, mit Kalk gefüllt. Man kann damit nicht atmen, erstickt fast. Sie wollten mich zwingen. Namen zu sagen, von Companeros an der Uni. Das war am Sonntagabend. Im Morgengrauen des Montags brachten sie mich zu einem See in der Nähe der Hauptstadt. Ich war barfuß, fast unbekleidet, die Augen verbunden und die Hände gefesselt. Sie stießen mich in den See und gaben ein paar Schüsse in Richtung See ab, dicht an meinem Kopf vorbei. Dann holten sie mich wieder raus und ich mußte laufen, auf der Landstraße. Später legten sie mich auf die Straße und fuhren mit den Reifen ganz nah an mein Gesicht. Danach hoben sie mich wieder auf und brachten mich zurück zur Polizeistation. Die Tage, die ich dort verbrachte, waren ziemlich hart, die Folter; ohne Wasser und Nahrung. Das einzige Wasser, das ich trank, kam aus dem Toilettenbecken in meiner Zelle. Mit Fieber, unterernährt und fast bewußtlos übergaben sie mich dann am vierten Tag dem Gericht. Dort erfuhr ich, daß ich des Mordes an zwei Männern, Garcheco und Payes, angeklagt wurde, die Anhänger der Regierungspartei ARENA und Mitglieder des Instituts für Internationale Beziehungen waren; außerdemgehörten sie der rechtsgerichteten Organisation Defensas Civiles Patrioticas (Patriotische Zivile Verteidigung), die von der Regierung selbst noch in ihrem Gründungsmonat wieder aufgelöst wurde, an.

II.

Am 26.7.89 kam ich ins Gefängnis von Mariona, ziemlich nahe der Hauptstadt. Dort, in meiner Zelle, traf ich einige Freunde, auch politische Häftlinge. In den Zellen gab es insgesamt nur 25 politische Häftlinge. Davon waren 21 von der Universität, 2 kamen vom Land und die anderen zwei waren Gewerkschaftler. In den darauffolgenden Tagen kamen noch mehr Politische, obwohl die Regierung 1989 die Existenz von politischen Gefangenen bestritt. Wir wurden dann auch bald in andere Gefängnisse des Landes gebracht. Man wollte damit das Comite de Presos Politicos de El Salvador, COPPES, (Kommitee der politischen Gefangenen El Salvadors) auseinanderreißen, zum Schweigen bringen. In verschiedenen Haftanstalten des Landes gibt es diese Komitees, in Gotera, in San Miguel, San Vicente, Santa Ana, Mariona, im Frauengefängnis und in anderen weniger bekannten Gefängnissen. In Sensuntepeque, wohin ich im August verlegt worden war, machte ich gute Erfahrungen, was das COPPES betrifft. Unsere Aufgabe war es, uns zu organisieren, politische Präsenz im Gefängnis zu beweisen, auch außerhalb der Gefängnismauern, im politischsozialen Umfeld der Gesellschaft. Wir veranstalteten Meetings, um den anderen Häftlingen die Realität unseres Landes vor Augen zu führen. Wir wollten erreichen, daß auch sie sich für die Situation des Landes interessierten, sich vielleicht in die Komitees integrierten. Wichtige Aktionen waren auch die Hungerstreiks. Wir wollten damit Druck auf nationaler Ebene auf die Regierung ausüben, forderten die sofortige Freilassung aller politischen Häftlinge. Doch diese Streiks waren immer ziemlich kurz, drei oder vier Tage, manchmal eine Woche. Jedoch wurden sie auf nationaler Ebene organisiert und gleichzeitig durchgeführt. Am 1.9.89 kamen drei Männer zu mir ins Gefängnis und wie immer gelang ihnen der Zutritt mit falschen Papieren – Ausweispapiere des Justizministeriums oder der Regierung. Sie verhörten uns im Gefängnis, obwohl dies laut internationalen Abkommen völlig illegal ist, eine Verletzung der Menschenrechte der Häftlinge. Mein Verhör fand, und das ist wichtig zu betonen, im Büro des Gefängnisdirektors statt. Ich habe mich geweigert, mit ihnen zu sprechen. Ein anderes Mal, auch im September, kam ein hoher Offizier zu uns. Er drohte uns, uns aus dem Gefängnis holen zu lassen und uns dann zu erschießen.

Zwei Jahre später kam ich dann nach Mariona zurück. Einen Monat vor meiner Ankunft dort, wurde dieses Gefängnis von der Guerilla angegriffen und alle politischen Gefangenen konnten befreit werden. Daher waren die Bestimmungen in Mariona sehr streng; den Häftlingen war es verboten, sich zu organisieren. Die Repression war deutlich spürbar. Ich kam dort am 24.7.91 an und zusammen mit anderen Companeros begannen wir, das COPPES neu zu organisieren. Doch ich blieb nur eine Woche in Mariona.

Am 2.8.91 wurde ich ohne Gerichtsbeschluß, ohne Befehl und unter Schlägen nach Santa Ana gebracht. In Santa Ana gab es 30 Politische; mit uns zusammen waren es dann so 50 oder 60 insgesamt. Wir forderten immer wieder die Freilassung der politischen Häftlinge. Schon in diesem Jahr, 1991, sprach man von Verhandlungen zwischen der Regierung und der FMLN. Später dann, am 31.1.91 wurden die Friedensverträge unterschrieben. Doch es gab noch immer politische Gefangene in den Haftanstalten.

Am 16.1.92 wurde vom Parlament ein Gesetz über die Amnestie für politische Gefangene angenommen. Es war das Gesetz der Nationalen Aussöhnung (Ley de Reconciliacion Nacional). Danach sollten alle politischen Häftlinge freigelassen werden, die in irgendeiner Weise am politischen Kampf teilgenommen hatten. Doch dieser Beschluß wurde nur teilweise verwirklicht, wir kamen nicht alle frei. Nach der Amnestie, im März 92, waren wir noch immer 8 politische Häftlinge und von diesen waren schon einige zu 30, andere zu 25 Jahren Haft verurteilt. Was mich betrifft, so war ich noch nicht verurteilt, und fiel somit eigentlich auch unter das Amnestiegesetz. Aber man übte Druck aus, das Justizministerium, das Oberste Gericht, die Todesschwadrone, und ich kam nicht frei.

III.

Was meinen Prozeß angeht, so wurde viel manipuliert. Bei der Gerichtsverhandlung im Gefängnis, nach einem Jahr Gefangenschaft, präsentierte die Staatsanwaltschaft dem Richter ein Dokument, in dem es hieß, daß es keinen Beweis für meine Verwicklung in die beiden Mordfälle gäbe und ich aus diesem Grunde freigelassen werden müsse. Doch der Richter sprach mich nicht frei und ich blieb weiter in Gefangenschaft. Am 27.7.92 beantragte die Staatsanwaltschaft den Ausschluß der Öffentlichkeit und die Verschiebung der Prozeßverhandlung. Ich war sehr besorgt über die Entwicklung der Dinge und wußte, daß man versuchte, mich ohne Beweise wegen der beiden Morde, die ich nie verübt habe, zu verurteilen. In dieser Zeit begannen meine Familie und mein Anwalt Jose-Maria Mendez mit aller Kraft, etwas gegen den Verlauf der Geschehnisse zu tun und meine sofortige Freilassung zu fordern. Im Oktober 92 entschlossen wir uns, meine Brüder und ich, in den Hungerstreik zu treten, um nicht nur meine, sondern auch die Freheit der anderen politischen Häftlinge zu erzwingen. Nach 12 oder 13 Tagen Hungerstreik begann die Gefängnisleitung, die anderen Häftlinge dafür zu bezahlen, daß sie uns bedrohten. Einmal kamen beispielsweise drei Häftlinge zu mir und drohten, mich auszurauben, umzubringen. Sie machten jedoch keine weiteren Probleme. Im Komitee beschlossen wir trotzdem, daß nur zwei von uns, ein Lehrer und ich, den Hungerstreik fortsetzen sollten, während die anderen für die Sicherheit der Streikenden verantwortlich sein sollten.

Nach 27 Tagen, am 11.1.92, teilte ich meiner Familie mit, daß ich nun auch kein Wasser und keinen Honig mehr zu mir nehmen würde, wie ich es die Tage zuvor noch getan hatte. Ich wollte damit den Druck auf den Richter verstärken. Nach zwei weiteren Tagen bekam ich dann Besuch von verschiedenen Ärzten, die feststellen mußten, daß mein Zustand ziemlich schlecht war. Sie forderten den Gefängnisdirektor auf, mir ärztliche Behandlung zu gewähren. Erst am nächsten Morgen wurde ich dann ins Krankenhaus gebracht. Zwei Companeros mußten mich aus der Zelle tragen, laufen konnte ich nicht mehr. Im Krankenhaus begann man sofort mit der Behandlung, doch ich weigerte mich, an den Tropf zu gehen. Daraufhin wurde jegliche medizinische Hilfe suspendiert und die Ärzte selbst beantragten meine Rückführung ins Gefängnis. Meine Familie kam zu mir am Nachmittag in die Haftanstalt und forderten die erneute Einweisung ins Krankenhaus. Diesmal akzeptierte ich den Tropf, um im Krankenhaus bleiben zu können. Ich bekam die ganze Nacht und den darauffolgenden Tag Transfusionen, danach nahm ich wieder nur Wasser und Honig zu mir. Nach 31 Tagen Hungerstreik hatte ich wenigstens erreicht, daß die internationale Öffentlichkeit und das salvadorenische Volk erfahren konnte, daß es noch immer politische Häftlinge im Land gab. Durch den so entstandenen Druck kam am 42. Tag des Hungerstreiks auf Anweisung des Richters das Gericht zusammen, und das Datum für die Verhandlung wurde auf den 2.12.92 festgelegt. Daraufhin brach ich den Hungerstreik ab und begab mich in ärztliche Behandlung. Am Vortag der Verhandlung wurde ich ohne die Zustimmung der Ärzte wieder ins Gefängnis gebracht. Der Prozeß hatte inzwischen große Aufmerksamkeit auf nationaler Ebene erregt, so daß die Regierung am Tage der Verhandlung große Teile der Umgebung des Gerichtssaales durch Sicherheitsbeamte absperren ließ. Mir wurde verboten, Presseerklärungen abzugeben, ich durfte meine Freunde und Verwandten nicht begrüßen. Im Gefängnis mußte ich auf den Richterspruch warten. Später wurde dann mein Freispruch bekannt gegeben, der mit sofortiger Freilassung verbunden war. Meine Familie überbrachte mir am nächsten Morgen die Nachricht. Das war wirklich ein sehr bewegender Augenblick. Vor allen Dingen war es sehr motivierend, daß der Kampf, der Hungerstreik, zu meiner Freilassung geführt hat. Und meine einzige Waffe in diesem Fall war der Hungerstreik.

Hier an dieser Stelle, wenn ich von Freiheit spreche, dann möchte ich auch sagen, daß während des Hungerstreiks Vertreter von Menschenrechtskommissionen, Companeros des FMLN und andere zur mir kamen, um mich davon zu überzeugen, den Hungerstreik abzubrechen. In Friedenszeiten sei es nicht notwendig, in Konfrontation mit der Regierung zu stehen. Ich habe mich immer gegen diese Meinung gewehrt. Und meine Erfahrung hat mir bewiesen, daß der Hungerstreik ein Mittel des Kampfes ist, um gewisse Ziele zu erreichen.”

(Das Gespräch wurde von Thomas Ritter am 22.1.1993 in San Salvador aufgezeichnet.)


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