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Tigua – Naive indianische Malerei aus Ecuador

Autor:  |  Herbst 1994

Es begann mit Alexander von Humboldt. Sein Leben stand im Mittelpunkt des Spielfilms „Die Besteigung des Chimborazo“, den ich 1988 in Ecuador drehte. Wir arbeiteten zusammen mit Filmemachern von ASOCINE aus Quito und mit Indígenas aus Dörfern am Chimborazo, lebten mit ihnen, drehten gemeinsam in über 5 000 Meter Höhe.

An der touristenträchtigen Avenida Amazonas in Quito liegt das Hotel „Colón“, neben seinem Eingang sah ich zum ersten Mal die naiven bunten Bilder aus Tigua. Hochland-Indianer boten sie an, wo Touristen zu erwarten waren, vor Hotels und Restaurants, an Straßenecken und in Parks. Abgebildet waren ebensolche Indianer in bunten Ponchos vor strahlend weißen, mit braunem Punagras gedeckten Häuschen, auf Märkten, bei der Feldarbeit, mit ihren Tieren: Lamas, Schafen, Eseln. Man sah die traditionellen Feste mit Tänzern und Musikanten in prächtigen Kostümen und Masken. Hinter terrassenartig angelegten Feldern, umsäumt von blühenden Phantasie-Gewächsen, erhoben sich Berge, über denen der Kondor schwebte, und über allem thronte der schneebedeckte Vulkan Cotopaxi. Die Komposition der Bilder war flächenhaft dekorativ, die Perspektive wurde nicht beherrscht, Vorder- und Hintergrund standen gleichberechtigt nebeneinander. Menschliche oder tierische Bewegungsabläufe waren unterschiedlich gemeistert. Bei den Farben fiel der Kontrast zwischen den dunklen Tönen der Erde, der Felder zu den hellen, idealisiert bunten Darstellungen von Menschen und Tieren auf. Die Bilder waren auf Schafsleder gemalt, die Rahmen meist mit Ornamenten verziert.

Als ich von den Dreharbeiten zurückflog, hatte ich auch ein paar Bilder der Indígena-Maler aus Tigua im Gepäck. Nach der Arbeit mit den Indígenas vom Chimborazo verstand ich sie als naiven Ausdruck gegenständlichen indianischen Weltsehens, das ganz erstaunlich seinen Eigenwert behauptete gegenüber dem kommerziellen Zweck, zu dem gemalt wurde. Der Plan, diese Malerei erstmals in Europa in einer Ausstellung vorzustellen, nahm Gestalt an, als ich Anfang 1991 zur Premiere unseres Films in Quito war. Im September 1992 reiste ich wieder nach Ecuador und kam mit den Malern ins Gespräch. Ich traf sie sonntags im Ejidor Park von Quito, wo sie neben professionellen Malern, neben den Webern aus Otavalo und Kunsthandwerkern aus allen Teilen des Landes ihre Ware anboten. Im Laufe der Jahre haben sich persönliche Handschriften entwickelt, in vielen Bildern werden Geschichten erzählt, das erzählerische Moment ist geschickt verbunden mit dem dekorativen. Die Pinsel ist feiner geworden. Immer mehr Maler beginnen die Farben zu mischen. Weiterhin herrscht die flächige Darstellung vor, die nur in Ausnahmefällen eine perspektivische Verkürzung kennt und jedem Bildelement die gleiche Genauigkeit zukommen lässt. Eine Hierarchie der Bildelemente wird durch die Größe der Abbildung geschaffen, so sind z.B. die rituellen Tänzer, die Shamanen und auch christliche Heilige oft größer dargestellt. Das klare Licht ohne Luftperspektive aber entspricht dem Licht der Anden, in dem man selbst in der Großstadt Quito auf viele Kilometer jedes Details erkennen kann.

Ich erklärte mein Anliegen und bekam die Adresse des Vorsitzenden einer der Malerorganisationen. An einem der nächsten Tage trafen wir uns in Francisco Chugchiláns Wohnung in der Nähe des Großmarkts im Arbeiterviertel von Quito-Sur. Über dem Gittertor zum Hof verweist ein bemaltes, in Ketschua und Englisch beschriftetes Schild auf den Maler, darunter bot die Hauswirtin ihre Dienste als Schneiderin an. Francisco wohnte mit seiner Frau und fünf Kindern in zwei Zimmerchen eines flachen, rohen Steinbaus. Im Haus gab es zwei Betten, einen Schrank, einen Tisch und für einen Indígena ungewöhnliche Reichtümer, wie Fernsehapparat, Video-Recorder, Stereoanlage und ein riesengroßes Wörterbuch Spanisch-Englisch. Es gab elektrisches Licht und auf dem Hof Wasser und eine Toilette. Am einzigen Fenster stand der Malertisch, 1,20 x 0,75 Meter, Färbnäpfchen, Pinsel, Dosen, Lösungsmittel, grundierte oder angefangene Bilder, kleine Formate, große kann man hier kaum malen. Fertige Bilder stapelten sich hochkant und verkehrt herum an den Wänden. Nicht nur Francisco malte, auch seine Söhne Ricardo (15), Ruben (12) und Raúl (10) und seine Tochter Bianca (8). Die Familie freut sich über jeden Besuch, wir wurden mit der üblichen indianischen Gastfreundschaft empfangen, selbst wenn man wenig hat, für Gäste findet sich immer etwas, ein heißes Zimtgetränk und ein gekochtes Ei.

Wir hielten uns nicht lange auf, denn wir wollten nach Tigua fahren, dem Ausgangspunkt der naiven Malerei Ecuadors. Es liegt in der westlichen Kordilleren. Von Quito fährt man 100 Kilometer auf der Panamericana Richtung Süden am Vulkan Cotopaxi vorbei bis Latacunga und von dort über 4 000 Meter hoch in die Berge von Zumbahua. In den canonartig zerklüfteten, von Kakteen und Agaven gesäumtem Hochtälern liegen kleine Ansiedlungen, einzelne Häuschen und Hütten. Hier wächst kaum noch ein Baum, aber die steilen, kargen Gebirgshänge sind von Feldern gemustert wie eine Flickendecke, die Indígenas bearbeiten sie mit Hacke und Stock wie seit eh und je. Kinder treiben Schafherden vor sich her, vereinzelt sieht man angepflockte Lamas. Für die 60 Kilometer bis zum Krater des Vulkans Quilotoa benötigten wir fast drei Stunden. Dann standen wir in 4 000 Meter Höhe am Kraterrand, 500 Meter unter uns lag tiefblau der sagenumwobene Krater-See. Ein paar Kinder kamen mit Bildern angerannt, sie vermuteten in uns Touristen. Im Gemeindehaus trafen wir uns mit den hier ansässigen Malern. In ihren kleinen Wohnhütten sind neben dem Wohn-, Schlaf -und Kochplatz winzige Fenster-Eckchen mit Plastikplanen abgeteilt. In diesen „Zelten“ malen sie, immer umgeben von ein paar Schaulustigen, Kindern oder Jugendlichen, die jeden Strich verfolgen, jede Darstellung kommentieren. Die Zelte sollen den Staub abhalten, den der eiskalte Wind in Böen aufweht. Wenn sekundenschnell Wolken die Sonne verdecken und das Dörfchen einhüllen, liegen die Temperaturen an der Frostgrenze.

Wir fanden nicht sehr viele fertige Bilder vor. Die Maler hatten Glück gehabt. Vor ein paar Tagen war ein Bus mit US-Touristen hier, und sie konnten viel verkaufen, reine Glückssache, kauft einer, ziehen die anderen meist nach, wenn aber keiner den Anfang macht, sieht es schlecht aus. Und diesen Trip zum Quilotoa, ins Gebiet von Tigua bieten nur wenige Agenturen an.

Deshalb sind viele Maler nach Quito gezogen oder nach Latacunga und Pujilí runter ins mildere Umland. Unter diesen Bedingungen, dass ihre Malerei eine Überlebensstrategie ist, ist es erstaunlich, wie treu die Maler ihrer Kultur bleiben, nach wie vor malen sie nichts anderes als ihr Leben, ihre Feste, ihre Bräuche, sehnsüchtig bunte Bilder von Bergen, Feldern, maskierten Tänzern, Lamas, Kondoren, von Weihnachtsfesten, Dreikönigen und San Juan, von indianischem Karneval und katholischen Messen, von Hochzeiten, Taufen und Geburten, in denen sich die alten indianischen Mythen vermischen mit den religiösen Zeremonien des Christentums. In den Bildern lebt nach 501 Jahren die alte animistisch-schamanistische Religion weiter.

Die Gegenwart ist, getreu der vorkolumbianischen Kosmologie, dargestellt als Teil des Vergangenen und als Schritt in die Zukunft. Bezeichnenderweise hat Francisco Chugchilán seinen jüngsten Sohn auf den Namen Pachacutic getauft, das Quichua-Wort, dass diese Dreieinigkeit von Kraft der Ahnen, Gegenwart und Hoffnung auf die Zukunft ausdrückt. Wenn die Maler das katholische Corpus-Christi-Fest malen, so treten bei ihm die rituellen Tänzer des indianischen Inti-Raymi auf, in ihren mit Spiegelchen und Münzen behangenen Gewändern. Bei christlichen Begräbnissen werden nach vorkolumbianischem Brauch Teigpuppen und Früchte für die Toten bereitgestellt. Gute und böse Geister sind lebendig im Alltag, in den Zeremonien der Schamanen, äußern sich in der Verehrung für heilige Berge wie Cotopaxi, Quilotoa und Amina oder für heilige Tiere wie Kondor, Meerschweinchen und Schlange. Trotz Völkermord und Religionskriegen haben die Indianer ihre Weltsicht bewahrt. Die Bilder von Tigua drücken dies aus in ihrer Einheit von Realität und Traum, in ihrer Fröhlichkeit, in ihrem Glauben an das Magische und ihrem Respekt vor Mensch, Tier und Pflanze, in allererster Linie aber vor Pachamama, der Mutter Erde. Jeder Indianer weiß, das sie unser höchstes Gut ist.

Potsdam, August 1994


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