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Por qué murió Bosco Wisum – Warum starb Bosco Wisum

Autor:  | März 2011 | Artikel empfehlen

Mit Speeren und Schleudern kämpfen die Shuar um ihren Lebensraum

Por qué murió Bosco WisumEs regnet in Strömen. Ein Einbaum mit Außenborder fährt einen Fluss in Ecuadors Selva hinauf. Frauen und Männer in gelben und blauen Regenmänteln entsteigen dem Boot und gehen einen Berghang hinauf. Ihr Ziel: der Sitz der Federación Shuar (FICSH). Zum 46. Mal treffen sich hier zu ihrer jährlichen Generalversammlung die Vertreter von 50 Kommunen und 500 Gemeinden der Shuar. Es ist ein wichtiges Treffen, so dass sogar der extreme Regen keinen der Abgeordneten abhalten kann, sich einzufinden. Wir schreiben den Februar 2009, und es geht einmal mehr um die Ressourcen der Selva, den Lebensraum der indigenen Völker – es geht ums Überleben. Erneut müssen die Shuar den Widerstand organisieren, damit ihre Gebiete nicht den Kreissägen, Schaufelbaggern und Öltürmen zum Opfer fallen. Wieder verteidigen sie ihre Heimat vor dem Raubbau, der zu oft als Entwicklungsoption dargestellt wurde.

Der Widerstand, der zunächst versucht, durch den Einbezug von sechs Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern institutionelle Wege zu gehen, nimmt ab September 2009 einen gewaltsamen Charakter an. Speere, Blasrohre und Schleudern kämpfen fortan gegen Hubschrauber und Gewehre. Häufig nimmt in Ecuador der politische Diskurs diese Entwicklung – auch unter Präsident Rafael Correa. Die Debatte über ein neues Wasser- und Bergbaugesetz (LINK) wird zum Auslöser, dass die Indigenen die nationale Mobilisierung ausrufen. Straßen werden verbarrikadiert, Brücken gesperrt: „Wir wollen eine saubere Umwelt, wir wollen keine Verschmutzung. Wir wollen, dass unsere Kinder die Natur genießen, wie es immer war.“ Der Aktion folgt eine Reaktion: Tränengas, Gummigeschosse, Verletzte. Doch die Shuar versichern immer wieder, dass ihr Widerstand keine Revolution sei. „Hier werden wir sterben, hier vergießen wir unser Blut für unsere Umwelt, für unser Wasser.“

Und so stirbt Bosco Wisum, Lehrer der Shuar, am 30.09.2009. Fünf Tage später marschiert die CONAIE zum Regierungspalast. Der Präsident der Republik Ecuador, Rafael Correa, empfängt höchstpersönlich den Präsidenten der CONAIE, Marlon Santi, und den Sprecher der Shuar, Pepe Acacho. Und doch reden sie aneinander vorbei. „Wir, die Shuar, werden unser Territorium verteidigen, weil die großen multinationalen Unternehmen unseren Reichtum wegnehmen wollen. Wir wollen eine ökologische Provinz sein.“ Correa argumentiert einmal mehr in der Logik der Entwicklungsperspektive. Er könne sehr wohl ihr Anliegen unterstützen, vielleicht sogar per Dekret Bergbauaktivitäten in den Gebieten der Shuar verbieten. „Aber fordert dann nicht von uns Elektrifizierung, Trinkwasser, Gesundheit, Wohnungsbau, Schulen, Straßen. Denn woher sollen wir das Geld nehmen?“ Es ist ein scheinbar unlösbarer Widerspruch: Schutz der Biodiversität vs. Entwicklung. Und die Shuar wissen das sehr wohl. „In den urbanen Räumen, da gibt es Elektrizität. Wir, in unserem Territorium, in der Selva, wir brauchen keine Elektrizität.“ Sie fordern das Dekret – „bitte“.

In seinem eigenen Regierungssitz, als Gastgeber und Initiator des Runden Tisches ist es schließlich der Präsident Ecuadors, der sich Gehör verschaffen muss. Der Grundkonflikt wird einmal mehr vertagt. Aber die Widersprüche zwischen beiden Weltanschauungen betreffen nicht nur ökonomisch-ökologische Fragen. Es geht auch um den Staat, Autonomie und Plurinationalität. Und deshalb, weil all diese Aspekte weiter einer Antwort harren, starb Bosco Wisum.

Träge fließt der Fluss im Sonnenschein. Kinder spielen an seinem Ufer. Ein Einbaum gleitet in der Strömung dahin. Unberührte Natur. Wie lange noch?

Por qué murió Bosco Wisum
Ein Dokumentarfilm von
Julián Larrea Arias und Tania Laurini
!!uviacomunication,
Ecuador, 2010


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3 Kommentare zu “Por qué murió Bosco Wisum – Warum starb Bosco Wisum”

  1. Martin Huber vom 8. März 2011 - 11:51 Uhr

    Bosco Wisuma starb, weil einer der Demonstranten, Fidel Kaniras, seine Schrotflinte in Richtung der Polizisten abfeuerte, die kamen um die Brücke über den Río Upano zu räumen. 40 Polizisten wurden dabei verletzt. Eine der Schrotkugeln traf Bosco Wisuma.
    Dies bezeugen die Shuar Freddy y Alberto Anguasha.
    Die Autopsie durch die französische Expertin Tania Delabarde bestätigte, dass Wisuma durch eine Schrotkugel starb.
    Die ballistische Untersuchung durch den argentinischen Kriminologen Roberto Meza ergab, dass die Schrotkugeln, die die Polizisten und Wisuma trafen, die gleiche chemische Zusammensetzung hatten und dass es solche Kugeln im Arsenal der Polizei nicht gibt.
    Ecuador ist eine Demokratie. In einer Demokratie gibt es legitime Formen des Protestes. Feuerwaffen gehören sicherlich nicht dazu.

  2. Andreas Mueller vom 15. März 2011 - 23:13 Uhr

    Ich denke, der Titel des Filmes meint etwas anderes und nicht die Todesart des Shuarlehrers. Es ist der Sinn des Engagements gemeint, das so tragisch endete.
    Die Shuar kämpfen für einen nachhaltigen Umgang mit ihrer Heimat und ihr menschenwürdiges Leben dort. Wenn selbst der progressive Raffael Correa diesen Kampf als Hindernis für die weitere Entwicklung des Landstrichs sieht, weiß man um die Widerstände, die die Shuar überwinden müssen. Leider, denn die Welt von heute hat das Wissen und die Techniken für die entsprechende Entwicklung!

  3. charles vom 5. März 2012 - 17:24 Uhr

    Hallo, weiß jemand wo man den Film anschauen oder kaufen kann?danke!

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