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Interview mit José Galinga
Repräsentant der ecuadorianischen Indígenas in Europa

Autor:  |  Frühjahr 1993

Kampf um den Regenwald

Der Widerstand der Indigenas Ecuadors gegen die Vernichtung ihres Lebensraumes

Die indianische Bevölkerung Lateinamerikas ist in Bewegung geraten. So fand im Juni 1990 ein Aufstand der Indigeas in Ecuador statt. Erstmals traten sie geschlossen auf und stellten das bestehende Regime ersthaft in Frage. Der Aufstand gipfelte im Marsch der Indianer auf Quito, die Hauptstadt des Landes. Dort forderten sie von der Regierung die Anerkennung ihrer legitimen Rechte auf Grund und Boden, das Recht auf politische Mitsprache und vor allem Maßnahmen zum Schutz des Regenwaldes. Weitere Forderungen erhoben sie bei ihren zweiten Marsch auf Quito im April 1992. Die 10 000 in der Hauptstadt angekommen Indianer verlangten jetzt auch die Änderung der ecaudorianischen Verfassung dahingehend, daß sich die Republik Ecuador als multinational erklärt und die kulturellen Unterschiede innnerhalb der Bevölkerung “anerkennt, schützt und respektiert.” Ein Hauptgegenstand der Auseinandersetzungen mit der Regierung und den staatlichen Behörden war die Anerkennung ihrer angestammten Siedlungsgebiete. Die territorialen Rechte der Indianer über ihren Lebensraum sind notwendig für das Überleben der Indianer und den Schutz ihres natürlichen Lebensraumes, besonders der tropischen Regenwälder des Amazonastieflandes. Dieser ist durch die rücksichtslosen Ausbeutungsmethoden der nationalen und internationalen Ölkonzerne ersthaft bedroht und in weiten Teilen schon zerstört. Bisher sind lediglich die Siedlungsgebiete der Muaorani in der Provinz Pestaza und der Awa an der Grenze zu Kolumbien den Indigenas legal übereignet worden. Das ist erst die Hälfte der von Ihnen beanspruchten Gebiete. Dieser wichtige Teilerfolg war auch ein Ergebnis des starken internationalen Drucks auf die Regierung.

Diese und andere Probleme waren Gegenstand eines Interviews mit Jose Galinga, einem Repräsentanten der ecuadorianischen Indianer in Europa, der im November 1992 zu diesem Themenkreis in Leipzig sprach. Vertreter der Redaktion führten folgendes Interview mit ihm:

Frage: Jose, was ist deine Aufgabe hier in Europa?

Jose: Wir empfanden es als eine Notwendigkeit, eine Aktion zu starten, die der Information und Aufnahme von Verbindungen mit der internationalen Gemeinschaft dienen soll. Dies ist in gewisser Weise eine neue Initiative der indigenen Völker Ekuadors, insbesondere der OPIP, einer Provinz-Organisation der Indigenas von Pastaza in der Region des Amazonas. Wir wollen natürlich unsere Probleme zu Gehör bringen. So informieren wir – auch in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen über kleinere Projekte, die vor allem im Gebiet des Amazonas von den indigenen Völkern erstellt werden. Wir sind auf der Suche nach Entwicklungsprogramme, welche mit unserer eigenen Art und Weise zu leben im Einklang stehen. Auf der anderen Seite wollen wir, an die Türen der Politiker, des europäischen Parlaments, der EG und der Solidaritätskommitees und der UNO klopfen, um über die spezifischen Probleme der indigenen Völker, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu informieren. Wir wollen keine ethnozentristischen Informationen verbreiten; auch nicht aus einer romantischen Sicht heraus. Wir wollen Information betreiben, die uns hilft, unsere Probleme zu lösen: den Landraub, neuauftretende Krankheiten, die Zerstörung des Regenwaldes, die Umweltverschmutzung, die Verletzung der Menschenrechte. Es ist notwendig, die internationalen Verträge und Instrumentarien zu kennen, um unsere Rechte verteidigen zu können, denn unser Problem ist es, daß wir offiziell nicht anerkannt werden, obwohl wir existieren.

Frage: Das sind eine ganze Reihe von Zielen und Aufgaben, die sich die OPIP gestellt hat. Welche dieser Ziele oder Aufgaben sind bis jetzt erfüllt worden?

Jose: Eigentlich ist es nicht nur ein Ziel der OPIP, sondern auch ein Ziel aller indigenen Völker Ecuadors, und nicht nur Ecuadors, sondern auch aller indigenen Völker des amerikanischen Kontinents. Da in gewisser Weise diese Verbindung zwischen den indigenen Völkern auf die eine oder andere Art besteht, gab es verschiedene Erfahrungen bei den zahlreichen internationalen Rundreisen der vielen Indigena-Führer. Auf internationaler Ebene ist es uns schon gelungen, einige Probleme ganz konkret zu lösen. So zum Beispiel konnte die Situation von Pastaza in der Welt bekannt gemacht, direkt im Europäischen Parlament zur Sprache gebracht werden und es wurde die Aufmerksamkeit über die Anwesenheit britischer Ölgesellschaften hl unserer Region geweckt. Wir haben erreicht, daß die ekuadorianische Regierung im September 1991 mit der indigenen Bevölkerung in Dialog getreten ist, obwohl sie dies offensichtlich nicht wollte, vor allem nicht mit der OPIP. Die Regierung meinte, daß wir innerhalb des schon existierenden Staates einen neuen gründen wollten, ohne überhaupt unsere Vorschläge gelesen zu haben. Es war für uns ein Triumpf, daß uns die Minister anhörten und unsere Vorschläge im September 1991 annahmen. Wir haben auch erreicht, daß das Europa-Parlament eine explizite Lösung für die indigenen Völker, insbesondere für die Bevölkerung von Pastaza angenommen hat. In diesem Fall wurde für die Chilia, Achua und auch für Orani eine Resolution bestätigt, die folgendes festlegte: die Weltbank soll ihre Kredite an die ecuadorianische Regierung überprüfen, die Gesellschaft ARCO soll vor Beginn der Erdölförderung verhandeln und die Regierung Ecuadors soll mit der indigenen Bevölkerung in Kontakt treten, um über eine breite Palette von Kriterien zu diskutieren; und genau das ist es, was wir von Anfang an wollten. Außerdem wurde darauf orientiert, daß die Europäische Gemeinschaft die Forderungen der Indigena-Bevölkerung dahingehend unterstützen solle, daß die Entwicklung von Projekten zur Nutzung der natürlichen Ressourcen des Amazonasgebietes seitens der Bevölkerung angeregt wird. 1992 haben wir es durch einen großen Marsch durch die Dörfer geschafft, l 115 000 ha für 3 Orte zu bekommen. Das ist ein Resultat unseres Kampfes, sowohl auf nationaler Ebene in Ecuador, als auch auf internationaler Ebene, Wir begannen mit Öko-Vereinigungen in den USA.

Zur gleichen Zeit entsandten wir einen Vertreter der OPIP nach Spanien, nach Frankreich und mich nach Belgien, denn hier ist das europäische Zentrum, auch das Europäische Parlament. Und so haben wir versucht, unsere Arbeit voranzutreiben, um die verschiedenen Probleme zu lösen und unsere Rechte zu verteidigen. Die OPIP wird gegenwärtig international als Organisation anerkannt und auch ihre Ziele und Forderungen sind inzwischen publik geworden. Rein wirtschaftlich gesehen, denke ich, haben wir nicht viel erreicht und die Mittel, die uns zur Fortsetzung unserer Arbeit zur Verfügung stehen, sind lächerlich. Wir tun, was wir können und manchmal erhalten wir auch irgendeine solidarische Unterstützung. Die OPIP schickt uns handgefertigte Produkte, die wir dann verkaufen. So können wir uns finanzieren und unsere Arbeit fortsetzen. Ich denke, daß wir in 10 oder 20 Jahren wenigstens eine eigene Botschaft im Ausland haben können.

Frage: Könntest Du etwas mehr über die Ziele Deiner Organisation erzählen und ob es eine Zusammenarbeit mit anderen Organisationen gibt?

Jose: Die OPIP ist eine Organisation der Indigenas und ihre Hauptziel ist es, die Rechte der indigenen Völker zu verteidigen, ihre Kultur und Lebensformen und auch das historische Recht auf das Gebiet des Amazonas, auf den Urwald. Ein weiteres Ziel ist es, die Autonomie der indigenen Bevölkerung von Pastaza aufrecht zu erhalten und den Schutz der natürlichen Ressourcen und die kommunale Selbstverwaltung durchzusetzen. In Pastaza handeln wir nach diesem Prinzip und oft hat man uns nicht anhören wollen, weil wir stark und fest in unseren Kriterien waren. Die OPIP verfolgt dasselbe Ziel wie die CONGENIA, unsere überregionale Organisation, die sämtliche indigenen Vereinigungen des Amazonasgebietes repräsentiert. Die CONAIE ist ein Zusammenschluß aller Indigena-Organisationen Ecuadors. Sie fordert vom ecuadorianischen Staat eine Überprüfung und Modifizierung des Systems und die Anerkennung des multikulturellen Charakters des Landes. Das sind die Ziele der ecuadorianischen Indigenas, die durch die CONAIE vertreten werden und die praktisch jede Organisation, jede Familie und jeder Einzelne kennt.

Frage: Worin besteht eure Zusammenarbeit?

Tose: Wir arbeiten seit ungefähr 10 Jahren und die OPIP verteidigt die Region von Pastaza seit 15 Jahren, seit 1979 ungefähr. Es war nicht leicht, aber wir haben uns organisiert: in kleinen Gruppen und Zentren, in Vereinigungen und Förderationen, in regionalen Kommunen bis hin zu einer nationalen Organisation. Anfangs gab es Probleme wegen der Zusammenstöße zwischen Indigenas aus den Bergen und aus dem Amazonasgebiet. Viele Indigenas aus der Sierra kamen ins Tiefland, um der Wirtschaftskrise zu entgehen und um ihre Familien ernähren zu können. In den Bergen war das Land auf Grund der wachsenden Bevölkerung knapp geworden. Die Migration ins Amazonasgebiet verschärfte die Situation dort, weshalb es zu diesen Auseinandersetzungen kam. Allerdings gelang es im Verlaufe von zehn Jahren, die Spannungen zu mindern und später gänzlich abzubauen. Die Migration aus den Bergen konnte zu 90 Prozent gestoppt werden. Wir haben angefangen, uns zu organisieren und Verbindung zu den indigenen Organisationen und Kommunen der Sierra aufzunehmen. Wir arbeiten mit verschiedenen Mitteln: Konferenzen, Seminare, Arbeitskreise, kulturelle Veranstaltungen, Kongresse und Versammlungen. So haben wir in diesen Jahren gearbeitet und uns zusammengeschlossen, haben Vereinbarungen getroffen und uns auf ein gemeinsames Ziel geeinigt. Es gab deswegen viele Diskussionen, Organisationen sind auseinandergebrochen, doch letztendlich haben wir es geschafft, einen gemeinsamen Weg zu finden. Das hat dazu geführt, das die indianische Bevölkerung als einheitliche politische Kraft in Ecuador gilt.

Frage: Fanden die Zusammenschlüsse nur zwischen den indigenen Gruppen statt oder gab es auch Vereinigungen mit anderen politischen Organisationen Ecuadors?

Jose: Der erste Schritt ist die Vereinigung der indigenen Bevölkerung gewesen; jetzt haben wir unsere eigene Plattform. Als indigene Bewegung haben wir Koordinationsfähigkeit, Einheit und Solidarität mit anderen Volksbewegungen bewiesen. Doch auch dabei gab es zahlreiche Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten. Man dachte, daß die indigene Bewegung nur eine Bewegung mit sozialen Hintergründen sein sollte. Aber das kennen wir ja schon aus der Geschichte. Daraufhin haben wir jedoch unsere eigene Plattform behauptet und eine Vereinigung mit anderen Teilern der Volksbewegung gesucht. Diese hatten ebenfalls ihre eigenen Ziele, aber letztendlich haben wir eine gemeinsame Strategie für alle Bewegungen gesucht. Politische Allianzen hat es bisher unsererseits noch nicht gegeben, keine Allianz mit politischen Parteien. Wir in der CÖNAIE verstehen uns als Sprachrohr, als Mittler für die indigene Bewegung. Seit 1990 gibt es Verhandlungen mit der Regierung und mit dem Verteidigungsministerium. Als Vertreter für der Bewegung der Indigenas nahm die CÖNAIE und andere indigene Bewegungen an dem Dialog teil. Auch die Katholische Kirche und die Volksbewegung haben an diesem Dialog teilgenommen. Doch ein Bündnis mit politischen Parteien hat es noch nicht gegeben. Diese haben die Belange und Forderungen der indigenen Bewegung noch nicht aufgenommen. Zum Beispiel ist die Forderung nach einer Verfassungsänderung von noch keiner Partei in ihr Programm aufgenommen worden. Und wenn unsere Probleme nicht berücksichtigt werden, denken wir, daß es eine politische Allianz nicht geben kann.

Frage: Wie siehst Du die Zukunft der Indigena-Bewegung ?

Jose: Wir sprechen von 10 Jahren der Organisation in Ecuador und wir versuchen, ein politisches Projekt aufzubauen, das die Interessen der Indigenas vor der restlichen Gesellschaft als Teil der ecuadorianischen Problematik verteidigt. Wir denken auch in lateinamerikanischen Dimensionen. Wir glauben, daß man sich für eine wirkliche Revolution, die momentan gescheitert zu sein scheint einsetzen muß, die sich ihrerseits auf verschiedene Schichten und Sektoren in jedem einzelnen Land stützen und die vereinigende Kraft nutzen kann. Vielleicht kann man daraus ein neues Projekt, eine neue Theorie der Befreiung, die die eigene Identität Lateinamerikas beinhaltet, schaffen. Und dies bedeutet nicht etwa, sich erneut der Kosmologie zuzuwenden oder sich wieder mit Federn zu schmücken. Die indigene Bevölkerung vielleicht, denn wir leben noch heute naturverbunden und versuchen dies aufrecht zu erhalten. Aber für globale Fragen müssen andere Strategien gefunden werden. Strategien, die einen sozialen Umbruch zugunsten der Mehrheit der lateinamerikanischen Bevölkerung herbeiführen können. Doch die indigenen Völker können dies nicht allein realisieren. Dafür müssen alle arbeiten und vor allem müssen wir uns gegenseitig respektieren, die existierende Vielfalt achten und dann glaube ich, gehen wir einen Schritt in Richtung Zukunft.

Frage: 1992 begingen wir den 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas. Wie war eure Haltung zu diesem Ereignis?

Jose: Generell hat die indigene Bevölkerung diese Feierlichkeiten abgelehnt. Auch für uns ist dieses Datum ein historisches Datum. Doch für uns ist es der Beginn des größten Völkermordes in der Geschichte, was die Geschichte selbst belegt. Indem wir uns erinnern, entdecken wir uns auch selbst, reflektieren unsere gegenwärtige Situation und denken an eine neue Art der Beziehung zu den lateinamerikanischen Regierungen, zu unserer Gesellschaft. Am 12. Oktober gab es fast eine dritte Erhebung der Indigenas. Ganz Ecuador war auf den Beinen. Es gab Repression, Mord, Gefangene und Verletzte. Und genau dieser Aufstand der indigenen Bevölkerung und der breiten Volksbewegung richtet sich gegen die letzten wirtschaftlichen Entscheidungen der ecuadorianischen Regierung, zum Beispiel die Privatisierung aller nationalen Erdölunternehmen und die hohen Lebenshaltungskosten. Die Indigenas protestierten auch, weil die neue Regierung unsere Forderungen nicht berücksichtigt. Für uns war dieses Jahr also historisch, aber es bestand kein Grund zum Feiern. Deshalb haben wir die Feierlichkeiten abgelehnt. Es konnte keine Feier des Stolzes sein, weil wir genau wußten, daß die Bedingungen für die indigene Bevölerung die selben sind, wie schon vor Jahren. Das Amazonasgebiet ist das beste Beispiel dafür. Nichts hat sich geändert. Und deshalb lehnten wir jegliche Feierlichkeiten ab. Verstecken mußten wir uns trotzdem nicht. Wir denken, daß es ein gutes Jahr war, in dem wir Wege zur Lösung unserer Probleme finden konnten.


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