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Überraschung am Tungurahua

Autor:  | November 2011 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Ecuador, Lebensart

Ökotourismus in Ecuador: Chamanabamba - Foto: Quetzal-Redaktion,amEs gibt so einige Stellen in Ecuador, die man einfach mal gesehen haben muss. Und eine davon war bei meinem vorjährigen Aufenthalt dort der Vulkan, der sich 2010 aktiv im wahrsten Sinne des Wortes um einen weltweiten Bekanntheitsgrad bemühte: der Tungurahua.

Mit Ernesto und Alvaro, also Vater und Sohn Armas, fuhr ich mit in ihrem PKW also los, von Quito auf Alexander von Humboldts Straße der Vulkane Richtung Süden. Dass der gute Humboldt diesen Begriff wählte, kann ich inzwischen gut nachvollziehen. Die Riesen aus Fels und Eis stehen links und rechts regelrecht Spalier. Einer erhabener als der andere. Und, was mir ganz wichtig war in diesem Moment, sie waren ruhig. Als hätten sie niemals auch nur ein Steinchen in ihre Umgebung geschleudert. Dass dem nicht so ist, sieht man am Erscheinungsbild der Städte in dieser Region. Man findet überwiegend neuere Bausubstanz, da jede Kommune mindestens einmal durch die Folgen eines Vulkanausbruchs und/oder durch Erdbeben zerstört wurde. Um so mehr erstaunen Ortsnamen wie Latacunga (aus der Quechuasprache: Land meiner Wahl). Auch der fruchtbaren Erde sieht man ihre vulkanische Herkunft an, sie ist rabenschwarz und feinkrümelig.

Schon ziemlich nahe am Tungurahua fuhren wir dann durch die Dörfer der Salasaca, einem indigenen Völkchen. Mir fiel sofort ein regelrechter Bauboom von ansehnlichen Einfamilienhäusern auf, was wohl auf ihre gewerblichen Erfolge zurückzuführen ist. Schließlich sind die Webereierzeugnisse der Salasaca sehr gefragt, und nicht nur in Ecuador.

Nicht lange danach kam der Tungurahua ins Bild, sehr imposant. An einer Stelle hatte die Lava die Straße weggerissen. Über die von der Lava gerissenen Spalte, für jemanden aus dem Flachland schon ein kleines Tal, hatte man eine stählerne Behelfsbrücke gelegt. Für mich ein Sinnbild, wie die Ecuadorianer mit den Naturgewalten umgehen, gelassen und gottergeben.

Nach ca. zehn Kilometern stetig bergab, erreichten wir Baños, die Stadt mit dem wohl angenehmsten Klima im Lande. Die Lage inmitten von begrünten Bergmassiven ist einmalig schön. Aber auch einmalig in einem anderen Sinne. Ob ich zehn Kilometer nah an einem aktiven Vulkan leben wollte? Na, ich weiß nicht so recht.

Jedenfalls machte das Zentrum der Stadt, die mit vollem Namen Baños de Agua Santa heißt, einen sehr lieblichen Eindruck auf mich. Hier kann man es aushalten … Passend zum Ambiente berichtete Ernesto von einer Peruanerin, die eine Rundreise durch Ecuador machen wollte, aber gleich in der ersten Station hängenblieb – in Baños. Die Rundreise war für sie passé, und vermutlich wäre es die Rückreise nach Lima auch fast gewesen!

Wir blieben nicht allzu lange im Zentrum, da ich in meinem Reiseführer einen Hinweis auf “Regines Cafe” gefunden hatte. Das Eigentümerehepaar wurde dort als legendär und gastfreundlich klassifiziert. Also nichts wie hin! Und somit könnte ich auch mal was Deutsches präsentieren! “Regines Cafe” übertraf dann alle Erwartungen. Schon die Fahrt auf das Gelände mit Blick auf den hauseigenen Wasserfall verschlug mir die Sprache. Das Café entpuppte sich als eine Finca mit starken Tendenzen in Richtung Paradies. So etwas hätte Friedensreich Hundertwasser auch in Äquatornähe gebaut, war mein erster Gedanke, als ich das Hauptgebäude erblickte.

Die am Bauplatz vorhandenen Bäume mussten nicht weichen, sondern wurden in das Gesamtkonzept einbezogen. Einer dient sogar als Fluchtweg aus einem   Zimmer. Beim Betreten des kombinierten Rezeptions- und Gastraums verschlug es mir – na was wohl – wiederum die Sprache. Eine von unten offene Dachkonstruktion aus Bambus, lichtdurchflutet durch Fenster in Dach und Wänden und eine Ausgestaltung mit vermutlich allen erreichbaren natürlichen Materialien. Eine Etage tiefer begrüßte uns dann die Dame des Hauses vor ihrer offenen Küche. Wir entschieden uns für die unbeschreiblich kreativ gebaute Terrasse mit Blick zum Wasserfall als Sitzplatz. Ich weiß noch, dass Alvaro sich für Gulasch nach ungarischer Art entschied. Und ich weiß seitdem, wie Kassler auf Spanisch heißt. Wie ein Symbol deutsch-ecuadorianischer Symbiose mutete dann der Nachtisch an, Quarkkuchen mit Kokosraspeln.

Der Herr des Hauses zeigte uns dann noch einige Zimmer, sagenhaft in Bau und Einrichtung: Z. B. wurden beim Hausbau 16 Sorten an Holz verwendet. Konstruktive Mängel sind nicht zu befürchten, denn Herr Hoffmann ist von Haus aus Schiffsbauingenieur. Familie Hoffmann stammt aus Düsseldorf und lebt seit ca. 30 Jahren in Ecuador. Die Eröffnung eines Lokals war anfänglich eine Notlösung, um nach einer missglückten Existenzgründung im Lande bleiben zu können. Wenn bei allen Notlösungen so etwas am Ende herauskäme, dann wäre ich Gegner aller Planungen! Wenn Sie meinen, ich übertreibe, schauen Sie nach unter www.chamanapamba.com. Der Name der Finca kommt laut Herrn Hoffmann aus der Quechuasprache – Chamana ist der Name einer Baumart, Pamba bedeutet Ebene im landschaftlichen Sinne.

Es fiel schon schwer, sich von diesem Flecken Erde loszureißen, aber wir wollten ja noch Macas erreichen. Und so ging es den Rio Pastaza entlang weiter, mit Ausblicken – einer schöner als der andere. Die Berge wurden flacher, die Vegetation tropischer, die Straßenkurven weniger extrem. Wir kamen unserem Tagesziel im Siedlungsgebiet der Shuar näher und näher. Aber das ist dann schon eine andere Geschichte.

Bildrechte: Quetzal-Redaktion, am


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