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Das kulturelle Problem Ecuadors

Autor:  |  Sommer / Herbst 2000

Von Kultur zu sprechen, heißt von einem äußerst komplexen Thema zu sprechen, das die verschiedensten Felder umfasst, von den ökonomischen Prozessen, in denen sich Wissenschaft und Technologie als Fundament der produktiven Prozesse vermischen, bis zu Bereichen, die rein spiritueller-subjektiver Natur sind: Sprache, Sensibilität, Gewissen etc. Diese Komplexität erscheint noch größer, wenn man das „Problem” der Minderheitenkulturen innerhalb einer Gesellschaft oder die sogenannten Subkulturen innerhalb der herrschenden Kulturen betrachtet. In Lateinamerika wird diese Frage im Zusammenhang mit den indigenen Kulturen aufgeworfen. Es gibt viele Zugänge, um dieses Phänomen zu studieren oder zu verstehen: die Anthroplogie, Soziologie, Geschichte, Theologie und die Politik. Wir wollen versuchen, einige der wissenschaftlichen Fortschritte aufzunehmen und mit den gelebten Erfahrungen der Indigenen Bewegung Ecuadors im Kampf um die Demokratisierung der Kultur zu verbinden.

Das Problem

Die kulturelle Vielfalt ist keine rein zeitgenössische Erscheinung. Sie ist eine Konstante seitdem die Menschheit die ersten Gemeinschaften formiert hat. Während diese Zusammenschlüsse ihre Grenzen aufrecht erhielten und den Charakter von totalen Gesellschaften hatten – trotz der diskreten Verbindungen die untereinander existierten -konnte die Pluralität von Normen, Sitten, Gebräuchen, Visionen und Sprachen wegen Spannungen und Konflikten nicht umgesetzt werden. Mit der Komplexisierung der sozialen Beziehungen und insbesondere mit der Entwicklung des Staates haben sich diese Beziehungen verflochten und hierarchisiert und viele kulturelle Bereiche sind nur Unterschlupf für ein politisches und für ein ökonomisches System. Auf diese Weise erscheinen die Pluralität und der soziokulturelle Andere als ein potentieller Konfliktfaktor, der die Anpassung von Institutionen und sozialen bzw. politischen Instrumenten erforderlich macht, die versuchen, die Pluralität zu kontrollieren oder gar zu eliminieren.

Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte des Kampfes um die Hegemonie einer Kultur über die anderen, die Geschichte der Verteidigung von herrschenden Kulturen und des Auftauchens von kritischen oder alternativen Kulturen. Schon seit dem 15. Jahrhundert sieht man im Liberalismus eine vereinheitlichende Ideologie. Mit der Französischen Revolution von 1789 glaubte die Welt, die Überwindung dieses Konfliktes erreicht zu haben. Pluralität und Diversität bleiben aber ein zu lösendes Problem, das in Lateinamerika von der ethnisch-soziokulturellen Konzeption bis zu den politischökonomischen Implikationen reicht.

Historische Synthese des Problems

Als die Spanier die Andenregion und die Gebiete des Tahuantinsuyo erreichten (heutiges Bolivien, Peru, Ecuador, Nordchile und Südkolumbien), lebten die Indios in einem fortschreitenden Prozess der nationalen Vereinigung, deren Pfeiler die Gemeinschaft, die herrschaftlichen Ethnien, die Bündnisse und die junge Inka-Nation waren. Die Inkas waren Überbringer des Universellen – der Sonnenreligion, des Quechua, des Mais, des Dezimalsystems, der Infrastruktur.

Die Conquista und die nachfolgende spanische Kolonialisierung waren ein brutaler und schmerzlicher Akt für die indigenen Völker. Das einzige, was sie nicht zerstören konnten, war die Gemeinschaft, dieser spezielle Raum ihrer historischen Existenz, in den sich die Indios zurückzogen, um zu überleben und Widerstand zu leisten. Ihr Kampf richtete sich immer auf die nationale Wiedervereinigung, auf die Wiederaufnahme des durch die Kolonisatoren unterbrochenen Prozesses. Während der Kolonialzeit und in den Anfangsjahren der Republik war der Kampf der Indios durch den Kampf um nationale Befreiung gekennzeichnet.

Mit der Konsolidierung der Republik und der Besitzverhältnisse wurden auch die indigenen Nationen zerlegt und in eine andere Struktur, in eine globale Ökonomie integriert. Es zerbrach die kommunale Bindung und der Indio wurde zum Bauern, der nationale Kampf wich dem Kampf um Land. Der von Fernando Daquilema im Jahre 1871 angeführte Aufstand war der letzte in der Phase der nationalen Indio-Bewegung.

Die zentralen Elemente, aus denen die jetzige indigene Bewegung hervorgegangen ist, finden ihren Ursprung im Kampf der Kleinbauern gegen die ungleiche und ungerechte Verteilung von Landbesitz und den Agrartransformationen der 60er und 70er Jahre. Diese Reform war die Antwort der herrschenden Sektoren und der USA auf den wachsenden bäuerlichen Kampf um Land in Lateinamerika, der durch den Triumph der Kubanischen Revolution bestärkt wurde.

Die genannte Agrarreform verfolgte zwei fundamentale Ziele: Dem starken bäuerlichen Protest entgegenwirkend, sollte das Großgrundbesitzregime beendet und Landarbeiter zu Kleineigentümern werden. Der Agrarsektor sollte in den Weltmarkt integriert und einer kapitalistischen Modernisierung unterzogen werden – vom veralteten Kleinbetrieb zur Agrarindustrie.

Dieser Prozess verlagerte die bäuerlichen Forderungen auf die institutionelle Ebene des Staates. Das beste Land konzentrierte sich in den Händen des gefestigten und einflussreichen agroindustriellen Bürgertums; die zwischen den Kleinbauern verteilten Ländereien gehörten dem Staat oder religiösen Gruppierungen und waren von schlechterer Qualität. Das Eigentum der Großgrundbesitzer wurde nicht angetastet. Mit der zufriedenstellenden Vollendung dieser Transformationen rechnete man nicht mehr mit dem Wiedererscheinen der Indios.

Die Agrarreform befreite die Indios aus dem alten Hacienda-System und aus ihren dienerschaftlichen Verhältnissen und schuf somit die Bedingungen für eine Neuordnung der indigenen Gemeinschaft. Anstatt der verstreuten Kleinbauern wurde nun wieder die Gemeinschaft ins Leben gerufen, nicht nur als physischer Ort, sondern als historisches Wesen und kulturelle Realität, die den Weg zu einer nationalen Indigenen Bewegung öffnete. Gegründet in einem ausschließlich durch den Kampf um Land bestimmten Moment, hat sie sich auf kulturelle und ethnische Forderungen ausgeweitet: zweisprachiges Bildungssystem, Anerkennung der eigenen medizinischen Praktiken, der Spiritualität, des Rechtssystems – das sind die Ansprüche, die in dem indigenen Aufstand von 1990 zusammengefasst werden.

Zweifellos hat das Erstarken der indigenen Bewegung in Ecuador auch zu einem kulturellen Aufschwung in Musik, Tanz und Literatur geführt. Ihre Ansichten hinsichtlich der Menschheit und der Natur sind starke Stützen für eine Gesellschaft in der Krise. Ihre zivilisatorische Vision spiegelt sich auch im modernen ökologischen Denken wider. Ihre politischen Konzepte und Vorschläge sind eine radikale Kritik an der Demokratie und dem ausschließenden und hierarchischen Staat. Sie gehen damit eine direkte Konfrontation mit dem ecuadorianischen Nationalstaat ein.

Der ecuadorianische Nationalstaat

Der ecuadorianische Staat entwickelte sich auf der Basis des kolonialen Regimes, unter der politischen Führung und der kulturellen Hegemonie der grundbesitzenden Klasse. Mit dem Eintritt Ecuadors in den Weltmarkt, vor allem über den Export von Agrarprodukten der ecuadorianischen Küste, entstand ein neuer sozialer Sektor von sowohl ökonomischer als auch politischer Macht – die Agrarexporteure. Ecuador wurde ohne ökonomische Integration, ohne definiertes Territorium, ohne gefestigte Nationalkultur und mit einer gespaltenen Bevölkerung geboren: Küsten- vs. Bergbewohner, huasipungeros (?) vs. Großgrundbesitzer, Mestizen vs. Indios. Spanisch wurde zur einzigen offiziellen Sprache, während die Mehrheit der Bevölkerung nur Kichua sprach. Der Staat definierte sich offiziell als mestizische Nation, auf der Basis einer indigenen und einer spanisch-kolonialen Geschichte, was zur Folge hatte, dass man von einer einzigen ecuadorianischen Identität ausging. Die konstitutionellen und rechtlichen Grundlagen stimmten nicht mit der sozial-komplexen und heterogenen Realität überein. Man deklarierte Gleichheit vor dem Gesetz, sah aber gleichzeitig schwarze Sklaven als Ware an, verkaufte Grundbesitz mit den dazugehörigen Indios etc.

Mit der Liberalen Revolution von 1895, politisch angeführt von der agrarexportierenden Oligarchie der Küste, wird der gegenwärtige moderne Staat mit folgenden Merkmalen ins Leben gerufen:

  • ein starker Staat und eine schwache Gesellschaft
  • ökonomische und politische Abhängigkeit von den Zentren der Weltmacht und der USA
  • ein schwaches Bürgertum ohne ein nationales Vorhaben
  • zweigeteilte Machtverhältnisse: die Agrarexporteure der Küste und die Agrarindustriellen des Binnenlandes
  • ausschließend und homogenisierend hinsichtlich der Anerkennung einer einzigen mestizischen Identität und einer einzigen ecuadorianischen Nationalität
  • eine radikale soziokulturelle und ökonomische Fragmentierung und Spaltung
  • ein Land, das sich weigert, die vielfältige Realität anzuerkennen, weil außerhalb der mestizischen Gesellschaft und innerhalb seines Territoriums nicht nur Individuen ohne Volk und Nationalität existieren, sondern die neben ihrer ecuadorianischen Identität auch noch eine andere besitzen, die weit vor der Formierung des ecuadorianischen Staates definiert wurde.

Diese Identitäten sind sie nicht nur Geschichte, sondern auch latente Realität.

Das ethnische Problem und Demokratie im Nationalstaat

Die Suche nach Lösungen des ethnischen Problems verkörpert eine komplexe soziopolitische Herausforderung, sowohl für die Verteidiger des uninationalen Staates als auch für dessen Gegner. Dieser Prozess zeigt die Ablehnung von kulturellen und sprachlichen Differenzen und das zentralistische Vorhaben, nur die Kultur und Ideologie der herrschenden Klasse anzuerkennen, die die andere Kultur als unterlegen, nicht zivilisiert und unterentwickelt betrachtet, die es zu überwinden gilt, da sie die nationale Einheit gefährdet.

Wie bereits erwähnt, hat der indigene Aufstand von 1990 den gesamten Prozess der Konstituierung eines neuen sozialen Subjekts zusammengefasst. Die Präsenz des Indianischen auf der sozialen und nationalen politischen Bühne hat zu einer tiefgreifenden Hinterfragung der strukturellen Probleme des ecuadorianischen Staates geführt. Fünf der insgesamt 16 Punkte der Plattform des Aufstandes waren:

  • Deklarierung von Ecuador als plurinationalen Staat
  • Bereitstellung von Grundnahrungsmitteln
  • Übergabe von Land und Legalisierung von Gebieten der indigenen Nationalitäten
  • Lösung des Wasser- und Bewässerungsproblems
  • Kontrolle, Schutz und Entwicklung archäologisch wichtiger Orte durch die CONAIE

Der Aufstand provozierte eine Vielzahl von Reaktionen. In den Machtgruppen ging man davon aus, dass die Indios von der extremen Linken und sogar von subversiven ausländischen Organisationen missbraucht worden wären, was deutlich macht, dass unsere Bourgeoisie dieses Volk noch immer als unterlegen und unfähig betrachtet.

Die Forderung nach einen plurinationalen Staat barg das größte Konfliktpotential in sich. Das Bürgertum sah in ihr die Gefahr einer Aufhebung seiner hegemonialen Politik und den drohenden Zusammenbruch des uninationalen, zentralistischen, homogenisierenden Staates. Aus diesem Grund warfen sie diesem Vorschlag auch vor, eine Gefahr für die nationale Einheit darzustellen.

Der Inhalt der Plurinationalität

Um Plurinationalität zu verstehen, bedarf es einer neuen Vorstellung von historischer, kultureller, sozialer und ökonomischer Realität. Zwei Grundvoraussetzungen sind dafür zu erfüllen:

(l) Ein struktureller Wandel, der die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen modifiziert, die auf der Ausbeutung einiger sozialer Gruppen durch andere basieren, was im Falle der Indios eine doppelte Ausbeutung bedeutet: eine soziale und eine ethnische. (2) Ein soziokultureller Wandel, der die Einheit der Nation als menschliche Gemeinschaft wieder in den Mittelpunkt rückt, was zugleich eine Neuordnung der Beziehungen zwischen den soziokulturellen Gruppen impliziert, die gemeinsam in einem Nationalstaat, wie eben in Ecuador, koexistieren.

Der Raum, den das nationale Territorium umfasst, muss neu definiert werden. Die innere geo-politische Spaltung Ecuadors gehorcht Kriterien einer administrativen, zentralistischen Notwendigkeit, den Eigentumsverhältnissen und der Ausbeutung von Natur und Arbeitskraft. Aufgrund dieser orthodoxen geographischen Kriterien finden sich Teile von Volksgruppen in den verschiedenen Provinzen. So sind beispielsweise die Kichuas-Caymbis zwischen den Provinzen Pichincha und Imbabura verteilt. Die geforderte
Neudefinition muss Gebiete dieser Völker oder Gebiete mit mehrheitlich indigener Bevölkerung bestimmen und/oder vereinen und so einen adäquaten Raum für deren soziales, wirtschaftliches, kulturelles und politisches Leben bereitstellen. Es müssen sich neue lokale Kräfte herausbilden, die auf juristisch-politischer Ebene diverse Formen von Selbstverwaltung ermöglichen, um den indigenen Nationalitäten Einfluss in ihren Gebieten und gemäß ihrer gegenwärtigen Bedürfnisse und ihrer historischen und kulturellen Realität zu gewährleisten.

Der Anteil der indigenen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung liegt zwischen 40 und 45 Prozent, was eine Teilhabe diese Bevölkerungsgruppen auch auf nationaler Ebene notwendig macht. Ihre soziale, kulturelle und politische Realität ist von nationalem Charakter und so muss auch ihre Partizipation im Staat von dieser Dimension und mit ihrer eigenen Identität sein. Die Anerkennung des multiethnischen und plurikulturellen Charakters bedarf der Etablierung juristisch-politischer Räume zur Überwindung von Ungleichheiten auf soziokultureller Basis, ohne die Eliminierung von Unterschieden; wo die reale und nicht nur die juristische Gleichheit und der Respekt das Fundament der sozialen Beziehungen und der Beziehungen zum Staat bzw. umgekehrt bilden. Im ersten Halbjahr 1998 erlebte Ecuador den Ausarbeitungsprozess einer neuen Verfassung, in der sich einige der Vorschläge der indigenen Bewegung herauskristalisierten, vor allem diejenigen, die mit Plurikulturalität und Multiethnizität und mit kollektiven Rechten zu tun haben. Die wichtigsten Forderungen der Plurinationalität, nämlich die nach politischer und wirtschaftlicher Demokratisierung, erfuhren jedoch eine Ablehnung durch die ecuadorianischen Rechten.

Im Artikel l der ecuadorianischen Verfassung widmet man sich dem plurikulturellen und multiethnischen Charakter des Staates. Die Artikel 83, 84 und 85 erkennen die kollektiven Rechte der indigenen Völker an. Dass man sie aber nicht als Nationalität anerkennt, heißt, dass man die Voraussetzung jeder Plurinationalität leugnet.

Wie wir festgestellt haben, umfasst die Kultur die materiell-ökonomische Sphäre ebenso wie die subjektiv-spirituelle Sphäre einer menschlichen Gesellschaft und für ihre Subsistenz und Evolution ist die Entwicklung beider notwendig. Ohne eine solide ökonomische Grundlage kann keine Kultur überleben und sich erst recht nicht entwickeln. Die neue Verfassung Ecuadors behauptet, dass die indigene Kultur sich nur dank der herrschenden Klasse und des alleinigen Willens der Indios entwickeln kann, die in chronischem Elend und politischer Ungleichheit leben.

* Übers. a. d. Span.: Nora Pester


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