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Die Karibik – Eine Inselwelt mit großer Vielfalt und voller Widersprüche

Autor:  | Dezember 2020 | Artikel empfehlen

Wenn hierzulande die Sprache auf die Karibik kommt, dann gehören zu den ersten und häufigsten Assoziationen sonnenüberflutete Strände, blaues Meer, tropische Flora und Fauna, beschwingte Musik und tanzende Menschen. Nicht wenige meinen diese paradiesische Inselwelt gut zu kennen, wenn sie in der Dominikanischen Republik, auf Jamaika oder Kuba ihren Urlaub verbracht haben oder mit den großen Luxuskreuzern von einem Eiland zum nächsten geschippert sind. Andere denken vielleicht an Piratenfilme wie „Die Schatzinsel“ oder „Fluch der “. Und bei Rum-Kennern steht die Region, wo diese köstliche Spirituose „erfunden“ wurde, sowieso hoch im Kurs. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sich nun auch GEOEPOCHE dieses Themas angenommen hat.

Im Heft Nummer 104, das 2020 erschienen ist, steht – dem Profil des Magazins entsprechend – die Geschichte der Karibik im Zentrum.Rezension_GeoEpoche 104_Karibik_CoverScan Die 15 Beiträge, die durch ein Panorama historischer Fotos (1890-1960) mit Motiven aus Haiti, Jamaika; Kuba, Guadeloupe und Martinique sowie den Bahamas nebst einer Zeittafel ergänzt werden, folgen dem Lauf der Geschichte. Dabei wechseln sich Überblicksdarstellungen mit Insel-, Länder-, Stadt- und Personenporträts ab. Der Zeit- und Themenbogen reicht von der Karibik vor Kolumbus bis zur Kubanischen Revolution und wird durch einen Beitrag über die Rastafaris und den Besuch des äthiopischen Kaisers Haile Selassie I. 1966 in Jamaika abgeschlossen. Zwischen dem Anfangs- und dem Endpunkt der Beiträge über die Geschichte der Karibik finden die Leser und Leserinnen Darstellungen zu zentralen Themen wie Kolonialismus, Sklaverei, Mächterivalität, Seeräuberei sowie zu den beiden Revolutionen, die zwar in der Karibik verortet sind, aber eine Wirk- und Strahlkraft entfaltet haben, die weit darüber hinaus reicht – neben der bereits erwähnten Kubanischen handelt es sich um die Haitianische Revolution 1791-1804. Auch die Revolte von 1950 in Puerto Rico, die sich gegen Vorherrschaft Washingtons richtete, wird näher beleuchtet. Darüber hinaus werden von den zahlreichen kleineren Inseln der Karibik vier – St. Kitts, Barbados, Guadeloupe und Trinidad – in je einem zweiseitigen Beitrag (mit Karte) näher dargestellt. Auch ein karibischer Massenmörder und Diktator – Rafael Trujillo, der die Dominikanische Republik von 1930 bis 1961 regiert hat – findet seinen Platz im historischen Reigen. Wahlweise können diejenigen, die sich zum Kauf eines Heftes entschlossen haben, für einen Aufpreis von 6,50 Euro eine DVD erwerben, die anschließend noch kurz besprochen wird. Um das Thema „Karibik“ abzurunden sei außerdem auf zwei Dokumentar­filme verwiesen, die am 14. Dezember 2020 bei 3sat zu sehen waren und die im Anschluss ebenfalls kurz rezensiert werden.

Das 151 Seiten umfassende Heft vermittelt all jenen, die sich für die Karibik interessieren, aber wenig oder keine Kenntnisse von ihrer Geschichte haben einen guten Einstieg. Die zahlreichen Karten, Bilder und Fotos illustrieren in gelungener Weise die ausgewählten Themen. „Das Erbe der Eroberer“, das auf den einleitenden Fototeil folgt, beschreibt auf zwei Seiten (mit Karte) knapp die Region: In einem Bogen von 3.000 km, der von Kuba bis Trinidad reicht, erstreckt sich eine Kette von rund 700 Inseln. Neben 13 souveränen Staaten gibt es 17 Gebiete, die sich nach wie vor in kolonialer Abhängigkeit befinden. Wer wissen will, wie viele Menschen die Inselwelt gegenwärtig bewohnen (2019 waren es 44,42 Millionen) und welche Fläche sie umfasst (2.754.000 km²), muss sich an anderer Stelle informieren. In diesem Zusammenhang wäre es hilfreich gewesen, auf die unterschiedlichen Auffassungen einzugehen, die es über die Reichweite der zwischen Nord- und Südamerika gelegenen Region gibt. So zählt der Dokumentarfilm von 2017 (s.u.), der interessante Einblicke in die Tier- und Pflanzenwelt gibt, auch die Länder Zentralamerikas – bzw. die Ostküste der Landbrücke – zur Karibik. In anderen Darstellungen gelten außerdem Guyana, Surinam und Französisch-Guayana, die geographisch in Südamerika liegen, als deren Teil. Ferner sei darauf verwiesen, dass laut UNO einige Inseln, die zu Nicaragua (Corn-Island), Venezuela (Margarita) oder Kolumbien (Islas del Rosario sowie San Andrés und Providencia) gehören, ebenfalls zur Karibik zählen. Im umfassenden Sinne (Karibisches Becken bzw. Greater Caribbean/ Gran Caribe) trifft dies auch auf die nördlichen Küstengebiete der beiden letztgenannten Länder zu.

Im Editorial machen die Herausgeber deutlich, wie sie die Geschichte der Inselwelt vermitteln wollen: „In dieser Ausgabe von GEOEPOCHE erzählen wir Ihnen von Menschen, die die Karibik geprägt und an ihre historischen Wendepunkte geführt haben: von Konquistadoren und Piraten, von Plantagen-Schindern und von Sklaven-Kaisern, von Revoluzzern, Diktatoren und Rastafaris.“ Diese Perspektive erweist sich bei bestimmten Themen wie Piraterie oder Trujillo-Diktatur als sinnvolle und anschauliche Herangehensweise. Selbst in Hinblick auf Sklaverei stellt sich die Fokussierung auf den Sklavenaufseher Thomas Thistlewood, den „Schinder von Jamaika“, als eine plausible historische Erzählung heraus. Problematisch wird die Personifizierung von Geschichte, wenn es um die beiden Revolutionen geht. Bei der Darstellung der vorkolumbischen Zeit oder der Skizze der Stadt Havanna um 1850 verzichten selbst die Autoren darauf.

Niemand wird dem Postulat widersprechen, dass Geschichte – und damit auch Revolutionen – von Menschen gemacht werden. Die wichtige, oftmals entscheidende Rolle führender Persönlichkeiten bei großen Umbrüchen ist ebenfalls unbestritten. Wenn jedoch die Haitianischen Revolution unter der Überschrift „Ein Sklave als Kaiser“ (S. 92-101) abgehandelt wird, dann werden – wie der Beitrag in GEOEPOCHE zeigt – wesentliche Aspekte dieser Revolution ausgeblendet oder bleiben in ihrer Bedeutung unverstanden. Der Artikel beginnt mit der Beschreibung eines Massakers an 300 weißen Männern, mit dem Jean-Jaques Dessalines, der Anführer der aufständischen Sklaven, Vergeltung übt: „… für Jahre des Unrechts, für gnadenlose Ausbeutung und ungezählte Peitschenhiebe … im Kuba_Menge_Bild_Quetzal-Redaktion_pgNamen von Generationen schwarzer Männer und Frauen, die auf den Plantagen schuften mussten, oft bis zum Tod“. Auf den folgenden acht Seiten wird der Aufstieg Dessalines’ vom Sklaven zum Kaiser im Kontext der 13jährigen Kämpfe beschrieben, die 1804 mit der Unabhängigkeit Haitis enden. Die Aufständischen haben sich damit doppelt befreit – von der Kolonialmacht Frankreich und von der Sklaverei. Es wäre spannend und erkenntnisreich gewesen, wenn sich der Artikel im weiteren damit befasst hätte, wie sich diese beiden Stränge der Haitianischen Revolution entwickelt und aufeinander eingewirkt haben. Es wird zwar zutreffend konstatiert, dass es sich dabei um „die durchschlagendste Sklavenrebellion in der Geschichte der Menschheit“ handelte. Es ist auch von „Schockwellen über den Atlantik“ die Rede, was diese aber konkret bewirkt oder ausgelöst haben, bleibt im Dunkeln. Auch die wechselnden Koalitionen und Fronten der militärischen Auseinandersetzungen bleiben unverständlich. Statt dessen verliert sich der Text in der Beschreibung der zahlreichen Gräueltaten der kämpfenden Parteien oder den Charaktereigenschaften von Dessalines und bleibt damit – leider – an der Oberfläche.

Ähnliches lässt sich über den „Umsturz auf Kuba“ (S. 130-143), der als „Fidels Revolution“ gegen den Diktator Batista beschrieben wird. Auch an dieser weit verbreiteten Sicht ist zunächst einmal nichts falsches. Aber gerade weil Fidel Castro und die kubanische Revolution so oft gleich gesetzt werden, hätte die Einbeziehung struktureller Faktoren oder der Besonderheiten des kubanischen Nationalismus neue Einsichten vermittelt. Insgesamt bleibt der Beitrag, soweit er den geschichtlichen Ereignissen (bis 1962) folgt, weitgehend sachlich. Der Schlussabsatz über das von Fidel Castro „geschaffene Regime“ gerät dann allerdings – anders als der Film über die globalen Aspekte von „Fidels Revolution bis heute“ in der beiliegenden DVD – leider nur noch zum holzschnittartigen Klischee.

Abschließend zum Heft eine kurze Bemerkung zu den 20 Literaturempfehlungen (je zwei zu zehn verschiedenen Themen): Abgesehen vom Inhalt, der hier nicht bewertet werden soll, verwundern zwei eher formale, aber nicht unwichtige Dinge: Warum wird jeweils der Verlag angegeben, aber kein Erscheinungsjahr? Und warum sind nur drei deutschsprachige Titel aufgeführt, darunter Las Casas „Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder“ und der Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ von Vargas Llosa? Alle anderen empfohlenen Bücher sind englischsprachig. Was soll die deutschsprachige Leserschaft nun tun, wenn sie mehr über die jeweiligen Themen wissen will? Gibt es dazu keine geeignete Literatur in deutscher Sprache? Oder ist sind die englischen Titel einfach nur besser? Oder waren die Herausgeber bzw. Autoren gar zu bequem, um dieses Defizit zu beheben? Wie auch immer: An dieser Stelle bleibt ein Beigeschmack der Enttäuschung, den auch all die schönen Fotos und Illustrationen nicht mildern können.

Nun zum Film. Bereits der Titel „Kuba im globalen Spiel. Von Fidel Castros Revolution bis heute“ weist über die Karibik hinaus und erweitert damit einerseits den Fokus des Heftes, dem die DVD beigefügt ist. Andererseits vertieft der Dokumentarfilm den Beitrag über die Kubanische Revolution in GEOEPOCHE Nr. 104. Er gliedert sich in zwei etwa gleich lange Teile – „Die Kämpfer“ bzw. „Die Diplomaten“ – mit einer Dauer von je einer Stunde. Sein Anliegen besteht darin, das „Geheimnis eines Mannes“ (Fidel Castro) bzw. seiner Revolution zu enthüllen und verspricht einen „Blick hinter die Kulissen“. Die zahlreichen Interviews, darunter mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, Carlos Salinas de Gortari, von 1988 bis 1994 mexikanischer Präsident, dem salvadorianischen Ex-Guerillero Joaquín Villalobos oder mit Kampfgefährten von Ernesto Che Guevara wie Harry Villegas (Pombo), maßgeblichen kubanischen Diplomaten und Geheimdienstmitarbeitern sowie geheimen US-Unterhändlern geben tatsächlich interessante Einblicke in das Handeln und die Motive wichtiger Akteure.

Der erste Teil beginnt mit dem Sturz des kubanischen Diktators Fulgencio Batista am 1. Januar 1959 und endet 1991, als Kuba nach dem Verlust seiner sozialistischen Verbündeten in seine schwerste Krise stürzt und sich dem Druck der USA weitgehend isoliert ausgesetzt sieht. Hier wird vor allem die rasante Eskalation im Verhältnis zwischen Kuba und den USA nachgezeichnet. Beginnend mit dem Treffen zwischen Fidel Castro und Richard Nixon (damals Vizepräsident der USA) im April 1959 in New York über die Invasion in der Schweinebucht (April 1961) und die Verhängung des vollständigen US-Wirtschaftsembargos über die Insel bis zum Höhepunkt der Raketenkrise (Oktober 1962) rekonstruiert der Film vor allem den geopolitischen Schwenk Kubas von einer Halbkolonie Washingtons (1902-1959) zu einem wichtigen Verbündeten Moskaus. Der Ausgang der Raketenkrise, den Kennedy und Chruschtschow unter sich ausgehandelt haben, ohne die Kubaner zu konsultieren, markiert zugleich eine wichtige Veränderung im Verhältnis zur Sowjetunion. Vor allem Che Guevara ist enttäuscht und wendet sich nun vor allem der Dritten Welt zu. Diese Wende fällt mit tiefgreifenden Veränderungen auf dem afrikanischen Kontinent und der Ausweitung des Krieges der USA gegen Vietnam zusammen. Im Film werden vor allem die strategische Allianz mit Algerien, das nach einem blutigen Kolonialkrieg im März 1962 seine Unabhängigkeit von Frankreich erkämpft hatte, und die geheime Mission Che Guevaras im Kongo (1965) beleuchtet. Die Trikontinentale im Januar 1966 in Havanna – auch als Kubas Internationale bezeichnet – bildet den Höhepunkt der Mobilisierung der nationalen Befreiungsbewegungen im Zeichen der kubanischen Revolution. Mit der Ermordung Che Guevaras am 9. Oktober 1967 in Bolivien wird klar, dass die kubanische Hoffnung auf eine kontinentale Revolution gescheitert ist.

Obwohl das Bündnis mit der Sowjetunion für Kuba lebenswichtig ist, entschließt sich Fidel Castro – ohne dies mit Moskau abzusprechen – im November 1975 zur Militärintervention in Angola. Mit ihrem Eingreifen sicherten die Kubaner die gerade errungene Unabhängigkeit des afrikanischen Landes, das sich seit dem 23. August durch den Einmarsch der südafrikanischen Armee bedroht sah. In der Schlacht von Cuito Cuanavale Anfang 1988 – der größten nach dem 2. Weltkrieg auf afrikanischem Boden – wurden die Südafrikaner von den angolanisch-kubanischen Verbänden vernichtend geschlagen. Bei den folgenden Verhandlungen, die mit der Unabhängigkeit Namibias endeten, saßen sich nun die Vertreter der USA und Kubas erstmals offiziell gegenüber – nach Aussagen der Filmemacher „Fidels größter Sieg“. Im folgenden werden noch das Ende des Zentralamerika-Konfliktes und die Preisgabe Kubas durch Gorbatschow, der damit dem Druck Washingtons nachgibt, geschildert. 1991 – am Ende des ersten Teils – steht Kuba den USA, der siegreichen Supermacht, allein gegenüber.

Im zweiten Teil stehen die Diplomaten im Mittelpunkt. Hier geht es – so die treffende Ankündigung – um die „Rettung der Revolution“ (bzw. des Sozialismus). In den 1990er Jahren, der „Sonderperiode in Friedenszeiten“, steht Kuba am Abgrund: Die wichtigsten Wirtschaftspartner sind weggebrochen, die USA scheinen übermächtig, die Bevölkerung leidet Hunger, das Bruttoinlandsprodukt sinkt um fast 40 Prozent. Im August 1994 kommt es in Havanna zu schweren Ausschreitungen, bei denen auch Rufe wie „Nieder mit Fidel!“ zu hören sind. Durch sein persönliches Auftauchen und die direkte Aussprache mit den Protestierenden gelingt es dem Revolutionsführer, die Menge zu beruhigen, die sich daraufhin zerstreut. Doch damit ist die Krise keineswegs gelöst. In dieser äußerst schwierigen Situation entschließt sich die Regierung, denjenigen, die auf eigene Gefahr die Überfahrt nach Florida riskieren wollen, nicht mehr daran zu hindern. Daraufhin setzen zehntausende Kubaner alles auf eine Karte und versuchen, mit selbst gebauten Booten, die US-Küste zu erreichen, wo ihnen – da sie als politische Flüchtlinge gelten – die Einbürgerung winkt. Bill Clinton, von 1993 bis 2001 US-Präsident, fühlt sich in dieser Situation an 1980 erinnert, als nach der Besetzung der peruanischen Botschaft in Kuba_Berg_Bild_Quetzal-Redaktion_pgHavanna ca. 125.000 Kubaner die Einreise in die USA erzwungen hatten. Damals war Clinton als Gouverneur von Arkansas mit einer Revolte von Exil-Kubanern konfrontiert, die aus einem Lager in seinem Bundesstaat geflohen waren und fast eine blutige Konfrontation mit der Nationalgarde ausgelöst hätten. Um ähnliche zu vermeiden, will sich Bill Clinton direkt an Fidel wenden und bittet Salinas de Gortari, den Präsidenten Mexikos, um eine geheime Vermittlung seines Ansinnens. Fidel willigt schließlich ein, die kubanische Grenze wieder zu schließen. Clinton gibt ihm dafür sein Wort, dass er sich persönlich für die Aufhebung des US-Embargos gegen Kuba einsetzen werde. Dazu kommt es jedoch nicht, da Exil-Kubaner einen Zwischenfall mit der kubanischen Luftwaffe provozieren. Das heizt die Stimmung in den USA derart an, dass stattdessen 1996 der Helms-Burton Act verabschiedet wird, was zu einer Verschärfung des Embargos führt.

In dieser schier ausweglosen Situation wird Lateinamerika erneut zur Hoffnung des revolutionären Kubas. 1996 erklärt Fidel den bewaffneten Kampf für „anachronistisch“ und erlangt damit die Unterstützung seiner Amtskollegen in der Region. Zugleich reifen in Venezuela Veränderungen heran, die Ende 1998 mit der Wahl von Hugo Chávez zum Präsidenten Gestalt annehmen und später in eine kontinentale Linkswende münden. Im Film wird der Putsch gegen Chávez vom April 2002 näher beleuchtet. Indem die Kubaner die Botschaft der Tochter des gestürzten Präsidenten öffentlich machen, dass die Putschisten mit ihrer Behauptung von dessen Rücktritt lügen, retten sie diesem wahrscheinlich nicht nur das Leben, sondern lösen in Venezuela auch ein breite Welle der Mobilisierung aus, die Chávez – mit Unterstützung loyaler Teile der Armee – zurück in den Präsidentenpalast bringt. Spannend wird es noch einmal gegen Ende des zweiten Teils der Dokumentation, wo es um die Normalisierung der US-amerikanischen Kuba-Politik durch Barack Obama geht. Der Film klingt mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten aus. Im gleichen Monat – am 22. November 2016 – gab Raúl Castro den Tod seines Bruders bekannt. Wie der Film konstatiert, lastet damit der Druck der USA stärker denn je auf Kuba. Trotz alledem – so das Fazit – habe sich der Inselstaat einen besonderen Platz in der Geschichte verdient: „Das Gespenst der kubanischen Revolution ist nicht bereit zu verschwinden.“ Daran wird wohl auch der 46. Präsident der USA, Joe Biden, ebensowenig ändern können wie seine Vorgänger.

Wem das Karibik-Heft von GEOEPOCHE und die beiliegende DVD zu viel an harten historischen Fakten zumuten, der kann sich an zwei Dokumentarfilmen erfreuen, in denen die angenehmen und sonnigen Seiten der Region stärker zum Tragen kommen. Im 2017 gedrehten Naturfilm stehen zunächst Vulkane, die fruchtbare Vegetation und die auf den Inseln beheimatete Tierwelt im Mittelpunkt, wobei der Fokus hauptsächlich auf Dominica gerichtet ist. Die Szenen über die Lederschildkröten leiten über zur Welt unter Wasser über. Neben Pfauenflundern, Oktopoden und sonstigen Meeresgetier sind beeindruckende Bilder von Pottwalen zu sehen, die im Unterschied zu ihren Artgenossen, die die Ozeane und Meere durchwandern, hier in der Karibik ortstreu sind, was den Experten bis heute Rätsel aufgibt. Im zweiten Teil des Films macht der Zuschauer bzw. die Zuschauerin Bekanntschaft mit dem mittelamerikanischer Teil der Karibik. Vom Panamakanal über Costa Rica bis zur Halbinsel Yucatán werden die beeindruckenden Landschaften und Küsten mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt gezeigt. Man erfährt Interessantes über die Fortpflanzung der Korallen, das Netz der Zenoten, das sich über zehntausende Kilometer erstreckt und bis in 70 Meter Tiefe reicht. Herrliche Soldatenaras gleiten durch die Lüfte und Pionierpflanzen bereiten die Rückkehr des Dschungels an die Ufer des Panamakanals vor. Dort werden die Wälder vor allem deshalb geschützt, weil der die inter-ozeanische Wasserstraße große Mengen Frischwasser benötigt.

Nach 90 Minuten Naturfilm hat 3sat noch die Gelegenheit genutzt, um die Insel Grenada kurz (in 15 Minuten) vorzustellen. Man erfährt, dass sie von Kolumbus 1498 entdeckt wurde, sich Franzosen und Briten lange Zeit um das Eiland stritten und dass sich das Leben auf Grenada durch Ruhe und Gelassenheit auszeichnet. Alle Strände der Insel sind frei zugänglich und die großen Hotelbauten des Massentourismus fehlen bislang. Auch Bilder von der Nachbarinsel Carriacou, wo ca. 9.000 Menschen leben, sind zu sehen. Leider finden die Revolution Anfang der 1980er Jahre und die US-Intervention von 1983 keine Erwähnung. Vielleicht, weil das die Idylle gestört hätte. Die Leser und Leserinnen dieser Sammelrezension über die Karibik können nun selbst entscheiden, ob und in welcher Richtung sie ihre hier Kenntnisse über diese einzigartige Region vertiefen wollen. Es lohnt sich auf alle Fälle!

 

Die Karibik – Zwischen Zauber und Elend: Die Geschichte einer Inselwelt.

GEOEPOCHE. Das Magazin für Geschichte, Nr. 104, Hamburg 2020

 

Kuba im globalen Spiel. Von Fidel Castros Revolution bis heute.

Frankreich/ Großbritannien 2019 (DVD, Dauer 116 Minuten)

 

Die Karibik (2017),

gesendet bei 3sat, am 14.12.2020 um 20:15 (Dauer 90 Minuten)

 

Grenada (2009),

gesendet bei 3sat, am 14.12.2020 um 21:45 (Dauer 15 Minuten)

 

Bildquellen: [1] CoverScan; [2-3] Quetzal-Redaktion_pg


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