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Schuldenkrise und Entwicklung des Bildungssystems in Lateinamerika in den achtziger Jahren

Autor:  |  Frühjahr 1995

Diese Studie untersucht, ob die Schuldenkrise der achtziger Jahre die Entwicklung des Bildungssektors in lateinamerikanischen Ländern beeinträchtigt hat.

Lateinamerika ist die am meisten verschuldete Region der Erde. Elf der zwanzig am höchsten verschuldeten Länder der Welt sind lateinamerikanische Staaten. Der Schuldendienst der lateinamerikanischen Länder erhöhte sich während des letzten Jahrzehnts rasch: während er im Zeitraum 1970-1975 jährlich um 2 Prozent stieg, erhöhte sich der Schuldendienst der gesamten Region im Verlauf der achtziger Jahre jährlich um 6.5 Prozent. Als Mexiko 1982 bekanntgab, daß es nicht mehr zur Rückzahlung seiner Schulden in der Lage sei, stellte dies den Anfang einer Schuldenkrise in Lateinamerika dar.

Schuldenkrise und wirtschaftliche Rezession bewogen die meisten lateinamerikanischen Regierungen zur Verabschiedung von Anpassungsprogrammen, die von Verhandlungen über die Schuldenrückzahlung begleitet waren. Die meisten dieser Programme waren das Ergebnis von Übereinkünften zwischen der jeweiligen Regierung und dem IWF sowie der Weltbank. Diese Programme strebten unter anderem eine Reduzierung des Haushaltsdefizits an. Der Zwang, die öffentlichen Ausgaben zu reduzieren, veränderte die Vorrangstellung des Bildungssektors gegenüber anderen Sektoren bei den Regierungsausgaben.

Einige Studien haben das mengenmäßige Verhältnis zwischen der Erhöhung der Schuldenrückzahlungen und dem Rückgang öffentlicher Ausgaben für die Bildung berechnet. So zeigt z.B. Reimers (1990), daß in Costa Rica die Erhöhung der Schuldenrückzahlungen um ein Prozent zu einer dreiprozentigen Kürzung des Bildungsbudgets führte. In El Salvador bewirkte eine einprozentige Erhöhung der Schuldenrückzahlungen die Reduzierung der öffentlichen Ausgaben für den Bildungssektor um 0,7 Prozent. Ähnliche Zahlen sind für andere lateinamerikanische Länder ermittelt worden, und sie zeigen die negative Verbindung zwischen Schuldenrückzahlungen und Bildungsbudget.

Ein erster Beweis für die negativen Auswirkungen der Schuldenkrise auf die Entwicklung des Bildungssystems ist die Verlangsamung der Aufstockung des Bildungshaushalts während der achtziger Jahre. Ein Vergleich der öffentlichen Ausgaben für Bildung zwischen den siebziger und den achtziger Jahren zeigt das deutlich. Während die Ausgaben den siebziger Jahren in ganz Lateinamerika jährlich um etwa sieben Prozent stiegen, sanken sie in den achtziger Jahren jährlich effektiv um ca. ein Prozent. Die Stagnation (in einigen Ländern der Rückgang) führte zu einer Senkung des Bildungsanteils im Bruttosozialprodukt: zwölf von neunzehn lateinamerikanischen Ländern erfuhren eine anteilige Verminderung des Bildungsanteils. Die Stagnation bewirkte auch eine Verringerung der Ausgaben für den Bildungssektor innerhalb der Gesamtaufwendungen der jeweiligen Zentralregierung. In Argentinien betrug der Anteil der Bildung an den gesamten öffentlichen Aufwendungen 1970 zehn Prozent; 1986 waren es noch sechs Prozent. In Bolivien fielen die Ausgaben von 30% 1970 auf 12% 1984, in Mexiko von 17% 1972 auf 7,5% 1988. In ganz Lateinamerika sank der Anteil der öffentlichen Aufwendungen für die Bildung in den achtziger Jahren um ca. drei Prozent jährlich.

Während der Etat für die Bildung kleiner wurde oder stagnierte, wuchs die Bevölkerung weiter. Im Ergebnis dessen sank der Pro-Kopf-Anteil der Aufwendungen für die Bildung im genannten Zeitraum in fünfzehn der neunzehn lateinamerikanischen Länder. Damit sank für die gesamte Region der Pro-Kopf-Anteil um jährlich 2,4%. 1986 betrug er in vielen lateinamerikanischen Ländern noch 80% dessen, was 1980 ausgegeben worden war. In Bolivien, dem krassesten Beispiel, betrug der Anteil noch zwanzig Prozent des Standes von 1980 (Grosh 1990).

Die Stagnation bzw. Senkung der öffentlichen Aufwendungen für den Bildungssektor führte zu Veränderungen in der Art der Ausgaben: der Anteil der Investitionsausgaben sank drastisch, während laufende Ausgaben als ein Teil der Gesamtaufwendungen stiegen. Dies beeinträchtigte in großem Umfang den Ausbau des Bildungssystems und die Verbesserung seiner Qualität. Es gab keine öffentlichen Gelder, um Schulen zu bauen. Es gab auch keine Fonds für die Verbesserung des Lernumfeldes. So gaben lateinamerikanische Länder in den siebziger Jahren im Durchschnitt zehn Prozent ihres laufenden Bildungsbudgets für Lehrmaterialien aus; in den achtziger Jahren war es dagegen weniger als ein Prozent. In vielen lateinamerikanischen Ländern gab es auch Kürzungen im laufenden effektiven Budget, die zu einer Senkung der Lehrereinkommen führten. So sanken die Einkommen von Grundschullehrern in Mexiko zwischen 1983 und 1988 um 35 Prozent. In Costa Rica verringerten sich die Lehrereinkommen während der Anpassungsjahre um 33 Prozent.

Diese Entwicklung führte auch zu Veränderungen der Ausgaben in Abhängigkeit von der Bildungsstufe. Obwohl es auf allen Stufen zu Kürzungen kam, waren Grundschulen in höherem Maß betroffen als Sekundärschulen und diese wiederum in höherem Maß als die Universitäten.

Im Ergebnis der Reduzierung bzw. Stagnation der öffentlichen Aufwendungen für die Bildung wurden sowohl die Gewährleistung der Grundschulbildung als auch ihre innere Effektivität beeinträchtigt. Auf einem Kontinent, wo die Bevölkerung im schulpflichtigen Alter noch anwächst, und wo die Grundschulbildung noch nicht überall gewährleistet ist, führte die beschriebene Entwicklung zu einer Chancenverminderung für Kinder, eine Grundschulausbildung zu erhalten, und zu einer Senkung der Immatrikulationszahlen. So sank die Immatrikulationszahl für die Grundschule im Verlauf der achtziger Jahre in Kolumbien von 101 % auf 91% (Duarte, 1991). In Costa Rica sank die Anzahl der Schüler in Sekundärschulen um drei Prozent jährlich zwischen 1980 und 1986. Außerdem blieben Schulabbruchs- und Wiederholerraten auf allen Bildungsstufen, vor allem aber in den ersten Jahren der Grundschulausbildung hoch. Infolgedessen wiederholt ein Drittel aller Schüler der Grundschule dieselbe Klasse ein zweites oder drittes Mal, während fünfzehn Prozent der Kinder überhaupt keine Schule besuchen, weil es nicht genügend Plätze gibt.

Auch wenn keine Daten zur Stützung dieser Hypothese vorliegen, könnte die Reduzierung des Investitionsbudgets schließlich zu einer Verschlechterung der Bildungsqualität in Lateinamerika führen, da es an Geldern für Erziehungsforschung, pädagogische Experimente, kostenlose Schulbücher und Lehrmaterialien mangelt.

Aus dem Gesagten resultiert, daß der Bildungssektor in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise nicht mehr die Priorität genießt, die ihm von den lateinamerikanischen Regierungen zugebilligt wurde. Die Senkung der öffentlichen Aufwendungen für die Bildung und die Verschlechterung der Qualität und der Zugangsmöglichkeiten sind eng mit der Erhöhung der Schulden in den meisten lateinamerikanischen Ländern verbunden. Die bemerkenswerten Fortschritte der sechziger und siebziger Jahre in bezug auf die Grundschulbildung wurden im Ergebnis der Krise in den achtziger Jahren zunichte gemacht. Darüber hinaus haben die Schuldenkrise und die Anpassungsprogramme der achtziger Jahre die Fähigkeit des Bildungssystems gelähmt, den Bildungssektor in Latein-amerika quantitativ und qualitativ zu erweitern.

Übers. aus dem Englischen: Gabi Pisarz

Bibliographie:

1. Duarte, J. (1992), Education in Colombia during the 1980s: plans and achievements, M. Sc. Thesis in Public Policy in Latin America, St. Antony’s College, Oxford.
2. Grosh, M. (1990), Social spen-ding in Latin America, the story of the 1980s, World Bank Discussion Papers, Washington.
3. Reimers, F. (1991), The impact of economic stabilization and ad-justment on education in Latin America, in Comparative Education Review, vol. 35, no.2.
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* Postgraduate Student, St. Antony’s College, Oxford.


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