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Felsgravuren in Costa Rica

Autor:  |  Winter 1997

Seit Ende der 80er Jahre hat das Interesse an Felsgravuren und Felsbildern weltweit enorm zugenommen. Hinter den verstärkten Bemühungen um die Erhaltung und Interpretation von Felskunst steht der Versuch, anhand der ältesten künstlerischen Zeugnisse der Menschheit gesamt-geschichtliche Traditionslinien nachzuzeichnen. In Amerika befinden sich nach einer Studie, die 1982 im Auftrag der UNESCO vom World Archive of Rock Art angefertigt wurde, 34 der weltweit wichtigsten 144 Felskunstgebiete. Große Konzentrationen von Felsbildern und -gravuren existieren im Südwesten der USA, im Nordosten Mexikos, auf Haiti, in Venezuela, in der Andenregion, im Nordwesten Argentiniens und im Nordosten Brasiliens.

Zentralamerika dagegen bildet immer noch einen weißen Fleck in der Felsbildforschung. Im Unterschied zu anderen Felskunstgebieten sind die Felskunststätten dieser Region bisher nur spärlich dokumentiert und wissenschaftlich aufbereitet. Bisher existieren weder allgemeinverbindliche Stil- und Epochenabfolgen noch lassen sich auch nur annäherungsweise die Schöpfer dieser Kunstwerke benennen.

Eine der unerforschten Felskunstgebiete Zentralamerikas ist das Valle de EI General. Es liegt im Südwesten Costa Ricas und erstreckt sich im Gebirgsvorland der Talamanca beiderseits des Flusses EI General. Die Region ist landwirtschaftlich geprägt und die Städte San Isidro und Buenos Aires bilden die einzigen größeren Siedlungen des Tales. Hier befinden sich mehrere Felskunststätten, die eine besonders große Konzentration an Steinen mit Felsgravuren (Petroglyphen) aufweisen. Die lokalisierbaren Petroglyphen liegen auf Feldern, Weide- und Brandrodungsflächen und variieren sehr stark in Höhe, Breite und Tiefe. Ihre Größe reicht von der Ausdehnung eines Fußballs bis zum Umfang eines Einfamilienhauses. Die Steine sind vermutlich vulkanischen Ursprungs und liegen häufig in Senken. Die Felsgravuren befinden sich mehrheitlich auf glatten Oberflächen oder Kämmen und sind himmelwärts gerichtet. Dargestellt sind unerschöpflich scheinende Variationen von Spiralen, Kreisen, Linien, Masken und Punkten. Daneben finden sich anthropomorphe und zoomorphe Motive. Die genannten Elemente treten entweder als Einzeldarstellungen auf oder sind in großen, kunstvollen Kompositionen zusammengestellt. Anders als auf der Insel Ometepe (Nikaragua), der prominentesten Felsfundstätte Mittelamerikas, überwiegen hier deutlich abstrakte Figuren. Ihre kindliche Verspieltheit und ihre Ähnlichkeit mit Motiven von Penk, Kandinsky oder Klee lässt sie dem in den Verwerfungen der Moderne lebenden Westeuropäer durchaus vertraut erscheinen.

Die Herkunft und Bedeutung der Themen dieser frühzeitlichen Moderne ist bis heute ungeklärt. Die Lage der Petroglyphen zwischen mesoamerikanischem und zirkumkaribischem Kulturraum erschwert ihre Zuordnung zu einer bestimmten ethnischen Gruppe. Häufig sind von den ursprünglichen Bewohnern nur Ortsbezeichnungen und Sagen geblieben. Auch eine Beschreibung der ethnischen Verhältnisse des Valle de EI General ist für die präkolumbische Zeit nur bedingt möglich. Die meisten Ureinwohner der südwestlichen Regionen Costa Ricas wurden im 16. Jahrhundert in den Reducciones (Modelldörfer) von Boruca und Terraba konzentriert. Die heute für die indígenas im Südwesten Costa Ricas gebrauchten Ethnonyme stammen aus dieser Zeit und beschreiben eher kolonialzeitliche Lokalruppen als ursprüngliche ethnische Gemeinschaften. Dies gilt für die Borucas und die Terrabas ebenso wie für die Bewohner von Ujarras, Cabagra und Salitre. Nur wenige indigene Gruppen konnten sich nach der Eroberung Amerikas der Zwangsansiedlung durch die spanische Kolonialverwaltung entziehen und in Rückzugsgebiete wie die Talamanca fliehen. Dort bildeten sie neue Sozialverbände oder schlössen sich bereits bestehenden an.

Nachfahren einer dieser Gruppen sind die Bribri. Sie leben heute in unzugänglichen Regionen der Talamancaberge und in den Ebenen der Südwestküste Costa Ricas. Ebenso wie die Cabécar (eine indigene Gruppe im Hochland um den Vulkan Chirripó) benutzen die Bribri in ihrer kulturellen Alltagspraxis noch heute Symbole, die denen auf den Petroglyphen sehr ähnlich sind. So handhaben traditionelle Heilpraktiker (jawá) bei ihren Zeremonien Stäbe (urú), die mit Spiralmotiven, Linien und anthropomorphen Darstellungen verziert sind. Diese veranschaulichen traditionelle mythologische Vorstellungen. Spiralen repräsentieren hier einen stockwerkartigen Weltenaufbau, wie er von den Bribri angenommen wird. Das Universum unterteilt sich in mehrere überirdische, männliche Geschosse (meistens vier) und eine gleich große Anzahl unterirdischer, weiblicher Stockwerke. Jede Etage ist die Heimat bestimmter Naturkräfte, die als Geister personifiziert werden. Wenn sie ihr Energieniveau verlassen, entstehen Krankheiten, Missverständnisse oder Unfälle. Diese können nur durch einen Schamanen kuriert werden. Die Motive seines Heilstabes bilden für ihn dabei Energiequellen, über die er sich mit den entgleisten Naturkräften in Verbindung setzt. Kann der jawá die Geister in ihre Etagen zurückbewegen, ist die Krankheit geheilt bzw. das soziale Einvernehmen wiederhergestellt. Die Spirale symbolisiert aber auch die in ihrer Verschiedenheit ewig wiederkehrenden Stationen der Jahreszyklen und des individuellen Lebenslaufes.

Die auf den Petroglyphen sichtbaren konzentrischen Kreise können nach Aussagen der Bribri traditionelle Haustypen kennzeichnen. Das orówe oder das u-sure sind runde, nach oben konisch zulaufende Palmdachzelte. Sie wurden im Inneren durch acht bis zwölf Pfosten und einen Zentralpfeiler gestützt. Diese Bauten waren bis zu 18 Meter hoch und erreichten Durchmesser bis zu 30 Metern. In ihnen konnten maximal 300 Personen eines Verwandtschaftskreises leben. Drei Palmholzringe unterteilten die Wohnstatt im Inneren in vier übereinander liegende Niveaus. Nach überlieferten Vorstellungen befindet sich genau unterhalb des Zeltes sein reziprokes, unterirdisches Gegenstück. Das traditionelle Haus der Bribri war die gegenständliche Verkörperung ihres mythologischen, dualen Weltbildes. Im Denken der Bribri wurden mit konzentrischen Kreissymbolen Gegensatzgruppen wie Zelt-Universum, innen-außen, frisch-heiß, dunkel-hell, weiblich-männlich, heimisch-feindlich verbunden. Der Übergang von dem einem in das andere Kraftniveau bzw. vertikale Zeltsegment wurde durch den Zentralpfosten ermöglicht. Dieser war an seiner Spitze mit Maskensymbolen und anthropomorphen Darstellungen verziert. Sie beschrieben den obersten Schöpfergott und Kulturheros Sibú und seinen weiblichen, unterirdischen Gegenpart Sura. Die anderen acht Pfosten der traditionellen Häuser der Bribri waren häufig mit Darstellungen der acht Tiere geschmückt, die Sibú bei der Schaffung des Universums und des Menschen halfen. Schlange, Affe, Bergschwein, Jaguar etc. kennzeichneten aber gleichzeitig auch bestimmte Energieströme und Clangruppen. So ist beispielsweise eine bestimmte Affenart verantwortlich für das Auftreten von Glieder- oder Kopfschmerzen. Weitergehende Interpretationen der Felsgravuren im Valle de El General sind jedoch problematisch. Durch die Auflösung der traditionellen Sozialstrukturen in den indigenen Rückzugsgebieten und die fortschreitende Zerstörung der natürlichen Lebensumwelten verschwinden auch das traditionelle Wissen und die gruppeneigenen kulturellen Praktiken der Bribri und Cabbécar. Hier kann nur noch die Auswertung archäologischer Funde einen Rettungsanker für die Deutung urgeschichtlicher Kunstwerke darstellen. Das Valle de El General liegt in der archäologischen Subregion Diquis. Diese bildet den nördlichen Teil der Region Gran Chiriqui, die außerdem die panamaischen Provinzen Chiriqui und Bocas del Toro umfasst. Neben den Petroglyphen der Nachbarregionen (z. B. am Volcán Barú in Chiriqui) können auch Tongefäße, Tonfiguren, Steinmetates sowie Jade- und Goldarbeiten zum Vergleich herangezogen werden. Bedeutend für die archäologische Auswertung sind die Fundorte Aguas Buenas und El Bosque. Typisch für den Diquis ist die hohe Konzentration von Goldarbeiten. Besonders Masken, Figuren (anthropomorph, zoomorph, anthropozoomorph) und Amulette sind mit abstrakten Linien- und Spiraldekors verziert. Auch aufgefundene Tonfiguren tragen zoomorphen oder anthropozoomorphen Charakter. Nach Soto Méndez weisen sie stilistische Ähnlichkeiten zu den Steinskulpturen von San Augustin (Kolumbien) auf.

Felsbild von der Insel Ometepe, Nikaragua (nach einem Kalender, hrsg. Von Martin Künne u. Hartmut Lettow)

Die Annahme tiefer liegender Bedeutungen heute noch auffindbarer Felskunstwerke suggeriert dabei die Existenz und Entschlüsselungsmöglichkeit raumzeitlich unabhängiger menschlicher Denk- und Äußerungscodes. Diese tragen nach einem Schema des amerikanischen Anthropologen S. Morley piktogrammatischen, ideogrammatischen oder psyogrammatischen Charakter. Nach diesem Konzept gibt es Zeichen, welche die gemeinten Gegenstände einfach nur abbilden, Zeichen, die über das konkrete Bild hinausgehende Bedeutungen tragen und Zeichen, die emotionale Zustände versinnbildlichen sollen. Meistens lässt sich dabei für das konkrete Symbol keine genaue Zuordnung treffen, da seine Interpretation immer eine Mischung dieser Analysekonzepte bedeutet.

Das Centro Commuo di Studi Preistorici unterscheidet angelehnt an evolutionistische Entwicklungsvorstellungen weltweit vier Felsbildhorizonte. Danach gebrauchten archaische Jäger, entwickelte Jäger (jene, die Bogen und Pfeil benutzten), Viehhirten und -Züchter sowie ethnische Gruppen mit gemischter Wirtschaft besondere Motive oder Kompositionen. Andererseits tauchen häufig Zeichen auf, die archetypischen Charakter tragen und sich in allen Epochen nachweisen lassen.

Die Datierung von Gravuren ist im Unterschied zur Altersbestimmung von Höhlenmalereien durch das Fehlen von organischen Rückständen äußerst schwierig. Der Mangel an dokumentierten archäologischen Vergleichsmaterialien und wissenschaftlichen Grabungen kompliziert eine genaue zeitliche Einordnung der Motive zusätzlich. In der neueren Literatur werden für den Diquis die archäologischen Phasen Concepción und Aguas Buenas (300 v. Z. bis 600 u.Z.), Burica (600 u.Z. bis 800 u.Z.), Chiriquí A (800 u. Z. bis 1200 u.Z.) und Chiriqui B (1200 u.Z. bis 1500 u.Z.) differenziert. Die im Valle de EI General dokumentierten Tongefäße und Goldarbeiten fallen nach Aussagen kostarikanischer Anthropologen mehrheitlich in die erste und zweite Zeitetappe. Ob sich allerdings ein Zusammenhang zwischen diesen Funden und den Felsgravuren herstellen lässt, bleibt offen.

Der weitgehend unbekannte ethnische, kulturelle und zeitliche Kontext der Gravuren lässt letztendlich eine Vielzahl möglicher Interpretationen zu. Einige Bewohner des Valle de El General vermuten, dass die Petroglyphen steinzeitliche Landkarten darstellen oder Grabstellen kennzeichnen. Andere glauben, dass in den Petroglyphen Gold-nuggets eingeschlossen sind. Wahrscheinlicher ist, dass die Felsgravuren keine Tabuzonen oder Ritualplätze kennzeichneten, sondern als Familienzeichen oder andersartige Gruppensymbole verwandt wurden. Diese können u. a. der Abgrenzung von Territorien, der Kennzeichnung von Wasserrechten oder der Beschreibung von Heirats- und Kriegsklassen gedient haben. Die große Dichte und die Nähe der Petroglyphen zu den lebenswichtigen Wasserquellen spricht für ihre allgemeine Zugänglichkeit oder sogar für eine Lage der Steine am Rande von Siedlungen. Diese Hypothese wird auch durch mehrere Siedlungsbefunde gestützt.

Die Jahrhunderte sicher überdauert hat nur die dunkle Faszination von Zeichen einer fremden Zivilisation, deren Denken und Empfinden uns weitgehend unbekannt bleiben wird. Heute jedoch sind die Felsgravuren im Valle de EI General in ihrem Bestand gefährdet. Durch die großflächige Abholzung der Wälder befinden sich die meisten Steine auf schattenlosen Feldern und Weiden und sind von schützenden Erd- und Moosschichten befreit. Beim Abbrennen des Brachelandes im Brandrodungsfeldbau platzen häufig die Steinoberflächen mit den Gravuren ab. Evangelische Religionsgemeinschaften der Region betrachten die Gravuren oft als Satanswerk und gießen sie mit Zement aus. Der zukünftige Erhalt dieser Botschaften einer fernen Kultur ist jedoch nur möglich, wenn entschiedene Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen wurden, an denen auch die lokale Bevölkerung beteiligt und interessiert wird.


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