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Hilse, Ina/ Büttner, Kirstin (Hrsg.): Engagiert – Resistent – Bedroht. Soziale Bewegungen in Mittelamerika

Autor:  | Juni 2015 | Artikel empfehlen

Gelesen: Hilse Büttner Soziale Bewegungen in Zentralamerika - Foto: BuchcoverUm es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch füllt nicht nur eine Lücke, sondern bietet auch einen sehr kompetenten, breit gefächerten und gut lesbaren Überblick über die sozialen Bewegungen einer Region, der hierzulande selbst von der linken Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. 15 Autoren haben sich zusammen getan, um dieses Defizit zu beheben. Auf „nur“ 210 Seiten findet der Leser prägnante Porträts aller sieben Länder Mittelamerikas (Belize, Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, Panama), dazwischen eingestreut Beiträge zu Querschnittsthemen, in denen die Gewalt gegen Frauen, die US-Politik, die Situation der Kirchen, das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und Zentralamerika und der Tourismus kritisch untersucht werden. Die Länderbeiträge untergliedern sich in Abschnitte über Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und – last but not least – soziale Bewegungen, was den doppelten Vorteil hat, dass sich letztere vom Leser als logische Quintessenz seiner Lektüre und in ihrer Einbettung in die vielfältige Entwicklung des jeweiligen Landes gut erschließen lassen. Es sei außerdem erwähnt, dass die Autoren trotz der unterschiedlichen Bereiche, aus denen sie kommen (Redaktionsmitglieder der Zeitschrift „ila“, NGO-Aktivisten und Akademiker), ihrem gemeinsamen Anliegen in gleicher Weise gerecht werden. Am Ende jedes Beitrages finden sich ferner Literaturempfehlungen zum Weiterlesen.

Gerade wegen der vielen Vorzüge des hier besprochenen Buches ist es schade, dass es keine Überblicksdarstellung zum genannten Thema enthält. Mit einer solchen hätten drei wichtige Aspekte einführend oder noch einmal zusammenfassend geklärt werden können:

Erstens die Spezifik der Region: Dies beginnt bereits beim Namen „Mittelamerika“. Obwohl keineswegs falsch, stellt sich dennoch die Frage, warum nicht das inzwischen gebräuchlichere „Zentralamerika“ verwendet wurde. Eine mögliche Erklärung ist die Einbeziehung Belizes und Panamas in den Band, die diesem zweifellos zum Besten gereicht. Gemeinhin sind mit „Zentralamerika“ jene fünf Länder gemeint, die aus dem Zerfall der Föderation gleichen Namens nach 1838 hervorgegangen sind, während Belize als ehemalige britische Kolonie mit karibischer Ausrichtung erst 1981 unabhängig wurde und Panama bis zu seiner Abtrennung 1903 zu Kolumbien gehört hatte. Inzwischen beteiligen sich sowohl Belize als auch Panama am zentralamerikanischen Integrationsprozess und werden damit zunehmend unter der Rubrik „Zentralamerika“ eingeordnet. Mit der Begründung der „Namenswahl“ hätte sich eine Darstellung der Grenzen und der Spezifika der Region verbinden lassen. Eine solche ist schon deshalb geboten, weil der Isthmus von seinen Nachbarn und anderen äußeren Akteuren als zusammenhängender Raum angesehen wird, die regionale Integration rasche Fortschritte macht und viele Zentralamerikaner die Region im historischen Selbstverständnis als „patria grande“ wahrnehmen.

Zweitens die Stellung der einzelnen Länder innerhalb der Region: Ungeachtet vieler Gemeinsamkeiten und Interaktionen besitzt jedes der sieben Länder Besonderheiten, die ihm innerhalb des regionalen Ganzen einen spezifischen Platz zuweisen: Das kleine und dünn besiedelte Belize als Tor oder Brücke zur Karibik; Panama mit seiner „Transit-Mission“ und der Prägung durch den 1914 eröffneten Kanal und die von den USA angeeignete Kanalzone, die erst 2000 vollständig der Souveränität Panamas unterstellt wurden; Guatemala als das am meisten indigen geprägte Land auf dem Isthmus; Honduras als Prototyp der „Bananenrepublik“; El Salvador als das territorial kleinste und einzige Land Zentralamerikas ohne Zugang zur Karibik; Nicaragua als der am längsten von den USA besetzte isthmische Staat mit seiner wechselvollen Geschichte zwischen Diktatur und Revolution; Costa Rica als die viel beschworene positive Ausnahme („Schweiz Zentralamerikas“). Obwohl sich diese Kurzbeschreibung weiter vertiefen und ausweiten ließe, soll hier der Hinweis auf die Einordnung der sieben Länder in den regionalen Kontext genügen.

Drittens eine vergleichende Analyse der sozialen Bewegungen: Die beiden ersten Punkte implizieren, dass auch die sozialen Bewegungen, auf denen der inhaltliche Fokus des Sammelbandes liegt, im Spannungsfeld von regionalen Gemeinsamkeiten und Landesspezifik analysiert werden sollten. Viele soziale Bewegungen Zentralamerikas wenden sich gegen Einschnitte, Gefahren und Zwänge, die von regionaler oder gar globaler Dimension sind, so der Widerstand gegen das Freihandelsabkommen mit den USA (CAFTA), gegen Mega-Projekte, gegen die Auswirkungen von Gewalt, Polarisierung und Ausschluss, gegen die Ursachen und Folgen des Klimawandels, gegen die Militarisierung der Region etc. Stärken und Schwächen, Erfolge und Niederlagen sowie die Besonderheiten der sozialen Bewegungen der einzelnen Länder lassen sich am besten darstellen, wenn dies vergleichend innerhalb der Region geschieht. Immer wieder gibt es zudem Versuche, diesen Widerstand auf regionaler Ebene zu bündeln. Besonders hierzu wäre eine nähere Betrachtung sinnvoll gewesen, zumal sich dann auch die Frage nach den Spielräumen und den Perspektiven der sozialen Bewegungen Mittel- bzw. Zentralamerikas systematisch beantworten ließe.

Ungeachtet der kritischen Bemerkungen verdienen das Engagement der Autoren und des Verlages ebenso wie die formulierten Ergebnisse, die ihren Niederschlag im vorliegenden Sammelband gefunden haben, hohe Wertschätzung. Jeder, der sich für die Region bzw. das Thema der sozialen Bewegungen interessiert, sollte dieses Buch lesen. Selbst Kennern der Region dürfte dessen Lektüre neue Einsichten auf aktuellem Stand bieten. Vielleicht ist die Nachfrage so groß, dass sich eine zweite Auflage lohnt – dann aber bitte mit einem entsprechenden Regionalüberblick.

Bildquelle: Buchcover

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Hilse, Ina/ Büttner, Kirstin (Hrsg.): Engagiert – resistent – bedroht.
Handlungsspielräume und Perspektiven sozialer Bewegungen
in Mittelamerika.

Schmetterling Verlag, Stuttgart 2015


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