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Die Welt der Masken

Autor:  |  Frühjahr 2001

Die Länder Panama, Costa Rica und El Salvador vereint eine kulturelle Besonderheit: die Tradition der Maske. Ihre Bedeutung für die Kulturen Mittelamerikas wurde lange unterschätzt. Bei fast allen Festen, religiösen Feierlichkeiten und Tänzen erscheint die Maske in einer ihrer unzähligen Formen, sei es bei den Toritos in Guatemala, den Moros und Cristianos in Costa Rica oder Los Congos in Panama. Meist präkolumbinischen oder kolonialen Ursprungs, ahmen die Holzmasken mythische Wesen oder historische Personen nach.

Im letzten Jahr sorgte eine Ausstellung für Aufsehen, die sich erstmals umfassend dieser Kunstform widmete. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung, die nicht nur durch Mittelamerika, sondern auch durch Spanien, Deutschland und Frankreich reiste, standen vor allem die Masken von Ismael Gonzalez aus Costa Rica. Erstmals wurden hier die Arbeiten eines Indios als Werke eines Künstlers vorgestellt. Seine Mascaras de los diablos („Masken des Teufels”) drücken einerseits die Grobheit und Brutalität ritueller Spiele aus und erinnern andererseits in ihrer Einfachheit und bildhaften Präzision an die Werke Picassos. An der Realisierung des Projekts war maßgeblich Alejandro Tosatti, Mitglied der Asociacion Cultural Incorpore, beteiligt, der mit seinem costaricanischen Tanztheater „Diquis Tiquis” im November letzten Jahres auch an der Schaubühne Lindenfels in Leipzig gastierte und verschiedene Projekte vorstellte.

In Costa Rica lassen sich zwei Regionen unterscheiden, in denen Masken traditionell beheimatet sind: das Valle Central, wo die Mehrheit der mestizischen Bevölkerung Costa Ricas lebt, und das Gebiet der Boruca, einem indigenen Volk aus Pacifico Sur. Die Retrospektive der Arbeiten von Ismael Gonzalez, einem Nachfahren dieser Kultur, reflektiert die Transformation der Masken von einer symbolischen Manifestation zu einer autonomen Kunstform und ihre Kommerzialisierung.

Seit kolonialer Zeit ist die Herstellung und der Gebrauch von Masken durch Zeugnisse belegt. Ihre Tradition läßt sich wahrscheinlich sogar bis in präkolumbinische Zeiten zurückführen. Von der alten kolonialen Hauptstadt Cartago aus erfaßte diese Kunst das gesamte Valle Central und das Guanacaste, wo Masken bis heute aus Pappmache, vermischt mit Glasfasern, hergestellt werden. Aus der Kolonialzeit stammen auch die indigenen Tänze, bei denen Masken aus Federn getragen wurden. Heutzutage findet man die Masken in den Indio-Gemeinden vor allem bei den Feiern zum Jahreswechsel, den dreitägigen Fiestas de Diablos, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauern. Die jungen Männer tragen dabei Holzmasken und stellen sich der Figur des Torito. Historisch läßt sich diese Zeremonie als das kämpferische Aufeinandertreffen von Indios (maskierte Teufel) und Spaniern (Stier) interpretieren, das mit dem finalen Triumph der Indios und dem Tod des Torito endet.

Auch in El Salvador nimmt die Maske einen wichtigen Platz in der Volkskultur ein. Tänze, Paraden und viele andere Kunstformen zeigen die Entwicklung der Maske als ein künstlerisches Genre von hoher Qualität, das leider noch wenig erforscht ist. Deshalb ist es noch immer schwierig, Aussagen über stilistische Besonderheiten und den symbolischen Inhalt dieser Kunst zu treffen. Die Holzmasken sind meist grob geschnitzt, intensiv bemalt und evozieren eine Vorstellung von animalischen Geistern, die im Kontrast zu den Gesichtern von Heiligen und Kolonisatoren stehen. In Apastepeque findet man auch heute noch eine sehr filigrane Schnitzkunst und Meister, die sich das Kunsthandwerk ihrer Vorfahren angeeignet haben. In Jicalpa, Cuisnahuat und Jayaque fallen die Teufel durch ihre schwarzen Gesichter, die hervorstechenden Augen, ausgeprägte Zähne und vielseitig geformte Hörner auf. Die blauen und roten Gesichter der Moros und Cristianos sind im gesamten Zentrum und Westen des Landes anzutreffen. Hier lassen sich auch die Veränderungen feststellen, die die „Originalmaske” mit der Zeit erfahren hat, bis sie sich in eine Art Ikone verwandelte. Deren polierte und industriell lackierte Oberfläche verkörpert eine Moderne, hinter der sich eine Tradition verbirgt, die sich ihrem Untergang verweigert. Die Sammlung aus El Salvador setzt sich aus drei verschiedenen Traditionen zusammen: den Tänzen der Moros und Cristianos, den Viejos und dem Teufel. Los Viejos stehen der Parade, dem Correo, vor, mit der die Feierlichkeiten eröffnet werden. Der Teufel erscheint als zentrale Figur in den Feiern zum Jahresende, seine Anwesenheit ist aber auch zu anderen Veranstaltungen gewiß.

Der Tanz der Moros und Cristianos wird besonders im Westen und Zentrum des Landes zu Ehren von Schutzheiligen aufgeführt. Die Pfeife und die Trommel erzählen die Geschichte. Die Abfolge ihrer Rhythmen und Klänge bestimmt den Einsatz der Personen und den Ablauf der Handlung. Die Masken verkörpern grausame Könige mit gekräuselten Schnurbärten und mit Blumen verzierten Helmen. Die Christen hingegen haben freundliche Gesichter und tragen Kronen auf ihren Köpfen. In einigen Gebieten gehören auch Teufel mit schwarzen Gesichtern und riesigen weißen Zähnen zu diesem Schauspiel.

Zur Herstellung der Masken wird ein besonderes leichtes Holz verwendet, das nicht nur einfach zu verarbeiten, sondern auch bei mehrstündigen Tänzen für die Darsteller im wahrsten Sinne des Wortes „erträglich” ist. Die Masken werden aus verschiedenen Holzarten, wie Avocado- oder Zedernholz, eingeweichtem Papier oder Pappe gefertigt. Während die costaricanischen Masken ihre natürliche Farbe behalten, damit sie leichter sind, zeigen die Masken aus El Salvador lebendige Farben, bei historischen Figuren vorzugsweise Rot, Blau und Schwarz, und betonen auf diese Weise ihren feierlichen Charakter. Im präkolumbinischen Weltbild existierte die Vorstellung von einem Teufel als Personifizierung des Bösen nicht. Es gab gute und böse Götter, und einige von ihnen konnten sogar beide Kräfte in sich vereinen. Die Kolonisierung „satanisierte” die religiösen Wesen der Indios. Die starke Präsenz des Teufels in der Populärkultur kann als Versuch verstanden werden, die alten Götter am Leben zu halten. Der Teufel verkörpert den Kampf zwischen Gut und Böse. Christliche Elemente werden symbolisch adaptiert und in einen Synkretismus mit indigenen Mythen überführt. Trotz vieler Unterschiede besitzen allen Masken einen dramatischen Charakter, der eng mit der bewegten Geschichte dieser Länder verbunden scheint.


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