lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Ich liebe die Dinge, die ich niemals besaß
Zum 125. Geburtstag von Gabriela Mistral

Autor:  | April 2014 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Chile, Kunst & Kultur, Literatur

Zu jener Zeit kam nach Temuco eine hochgewachsene Dame in langen Kleidern und Schuhen mit niederen Absätzen. Sie war die neue Direktorin der Mädchenschule. Sie kam aus unserer australen Stadt, von den Schneefeldern an der Magallanes-Straße. Sie hieß Gabriela Mistral. Ich sah sie in ihren Priestergewändern durch die Gassen meines Dorfes gehen und hatte Angst vor ihr.

Chile: Nobelpreisträgerin Gabriela Mistral - Foto: Public DomainDer ängstliche Knabe sollte seine Meinung bald ändern, denn die hochgewachsene Dame erwies sich als sehr freundlich, und sie weckte seine Liebe zur russischen Literatur. Zudem ermutigte sie ihn, seine Schreibversuche nicht aufzugeben. Diese Geschichte wirkt fast so, als wäre sie erfunden, zu schön, um wahr zu sein: Die erste Begegnung zweier künftiger Nobelpreisträger – Gabriela Mistral, die eigentlich Lucila de María del Perpetuo Socorro Godoy Alcayaga hieß und Neftali Ricardo Reyes Basoalto, später bekannt als Pablo Neruda.

Lucila Godoy wurde am 7. April 1889 in Vicuña geboren, einem Städtchen in Nordchile. Aufgewachsen ist sie in dem nahegelegenen Montegrande, das für sie stets ihr Heimatort war, den sie später als idyllischen Ort pries. Sie wuchs mit Mutter und Schwester auf; der Vater, ein Abenteuer suchender Volksschullehrer, der Gedichte für seine Tochter schrieb, verließ die Familie früh.

Lucila Godoy wollte Lehrerin werden. Und sie wurde es, ohne je eine reguläre Ausbildung absolviert zu haben. Die Escuela Normal in La Serena hatte die 17-Jährige abgelehnt. Als Grund wurden ihre Schriften genannt, die angeblich pantheistische Ideen verbreiteten, die dem für eine Lehrerin unabdingbaren christlichen Glauben widersprächen. Lucila hatte bereits ab 1904 in örtlichen Zeitungen Texte veröffentlicht, darunter einen mit dem Titel „La instrucción de la mujer“, in welchem sie für Frauen die gleiche Ausbildung forderte wie für Männer, denn es gäbe keinen Grund, warum man ihnen „einen niederen Platz als dem Mann“ zuweisen solle. Die publizistische Arbeit blieb ihr zeitlebens ein wichtiges Ausdrucksmittel.

Auch ohne Ausbildung unterrichtete sie in kleinen Dorfschulen und arbeitete hart, um sich das nötige Wissen im Selbststudium anzueignen; das Examen bestand sie 1910 schließlich mit Bravour. Dass man ihr eine reguläre, umfassende Bildung verweigerte, beklagte sie ihr Leben lang. Nicht nur aus diesem Grund fühlte sie sich in ihrem Leben ungerecht behandelt, vor allem auch von ihren Landsleuten. „Gabriela fühlte sich beleidigt und starb beleidigt“, schrieb Neruda Jahre später.

Zwölf Jahre lang arbeitete sie als Lehrerin, vor allem im Süden des Landes, und sie sollte sich in diesen Jahren ein großes Renommee in diesem Beruf erwerben, das bis heute gewürdigt wird. Als Lehrerin und Direktorin gründete sie Bibliotheken und hielt auch Kurse für Arbeiter. Zeit ihres Lebens setzte sich Gabriela Mistral für die Marginalisierten ein, für Kinder, Frauen, Arme, Indigene.

Die Lehrerin war arm. Ihr Reich war nicht von dieser Welt.
(Wie das des schmerzensreichen Säers aus Israel)
Sie trug graubraune Kleider, schmückte ihren Finger nicht
Doch ihre Seele war ein unermessliches Juwel! (La maestra rural)

Chile: Wandbild von Gabriela Mistral auf dem Cerro Santa Lucia in Santiago - Foto: Ricardo HurtubiaAls die mexikanische Regierung sie 1922 einlud, bei der Reorganisation der dortigen Volksbildung mitzuwirken, nahm sie dieses Angebot nur zu gern an. In diese Zeit fällt auch die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbandes „Desolación“. Doch bereits acht Jahre zuvor hatte sie für ihre „Sonetos de la muerte“ einen Lyrikpreis gewonnen. Anlass für die Sonetos war der Suizid ihres ehemaligen Geliebten. Es steht außer Zweifel, dass der Freitod des jungen Mannes nicht aus tragischer Liebe resultierte. Doch Gabriela Mistral bekam den Ruf der verlassenen Frau, die auf eigene Mutterschaft verzichtet und sich stattdessen um anderer Leute Kinder kümmert. Liebe, Tod, Mutterschaft, Glaube, Kinder und die Natur waren ihre bevorzugten Themen. Sie schrieb Gedichte für Kinder, Gedichte für die Schule. Ihr „Gedicht des Sohnes“, in dem sie über Liebe, Leidenschaft und Schwangerschaft schrieb, führten in Temuco, wo sie die Mädchenschule leitete, zu bösartigen Gerüchten, und in der Folge zu der von Neruda beschriebenen Beleidigung.

Ein Sohn, ein Sohn, ein Sohn! Ich wollte einen Sohn von dir
und mir; damals in den Tagen der heißen Entzückung
in denen meine Knochen selbst von deinem Wispern erzitterten
und ein breites Licht auf meiner Stirn erstrahlte. (Poema del hijo)

Ihre Gedichte hatte sie zunächst unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht, bis sie sich um 1913 für Gabriela Mistral entschied. Die Deutungen für diesen Namen gehen auseinander. Steht Gabriela für den italienischen Dichter Gabriele D’Annunzio oder für den Erzengel Gabriel? Und geht Mistral auf den Franzosen Frédéric Mistral zurück, dessen Gedichte sie in dieser Zeit las? Oder handelt es sich doch um eine Referenz an den gleichnamigen Wind?

Ich empfinde eine große Liebe für den Wind. Ich sehe ihn als das spirituellste Element, noch spiritueller als das Wasser. Ich wollte deshalb einen Namen für den Wind wählen, der nicht ‚Hurrikan‘ oder ‚Brise‘ lautete.

Mit der Reise nach Mexiko begann eine Zeit des selbstgewählten Exils, sie selbst bezeichnete sich einmal als Pilgerin. In den folgenden 35 Jahren hat Gabriela Mistral eher im Ausland gelebt, sie war ständig auf Reisen und kam zumeist nur noch zu kurzen Besuchen nach Chile. Als sie ihr Heimatland im Jahr 1954 zum letzten Mal besuchte, war das ihre erste Reise nach Chile seit 16 Jahren.

Chile: Grab der Nobelpreisträgerin Gabriela Mistral - Foto: Ryan GreenbergAb 1925 zahlte ihr der chilenische Staat eine Pension für ihre Tätigkeit in der Volksbildung, diese wurde ihr 1930 während der Regierung von General Carlos Ibáñez wieder gestrichen. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, intensivierte sie ihre publizistische Arbeit und schrieb für zahlreiche internationale Zeitungen. Zudem hielt sie Vorträge. Eine ganze Reihe von spanischsprachigen Zeitungen hatten ihr Verträge angeboten, die ihr eine reguläre Bezahlung sichern sollten. Diese Angebote zeigen die große Wertschätzung, die Mistral damals bereits genoss. Die Regierung Puerto Ricos ernannte sie 1933 zur Adoptivtochter des Landes, die Universität verlieh ihr die Ehrendoktorwürde – die erste von vielen, die noch folgen sollten. Doch auch die chilenische Regierung bemühte sich um die Dichterin. 1932 wurde sie zur Konsulin ernannt, ein seinerzeit nicht ungewöhnlicher Schritt in Lateinamerika, um Dichtern eine (geringe) Existenz zu sichern. Die Arbeit in Neapel sollte sie allerdings nie aufnehmen, Mussolini lehnte die Dichterin wegen ihres erklärten Antifaschismus ab. 1935 erfolgte ihre Ernennung zur Konsulin auf Lebenszeit, wobei sie das Recht hatte, den Ort ihres Wirkens selbst zu wählen. Sie wird in den folgenden Jahren ihr Land u.a. in Spanien, Frankreich, Brasilien, den USA und bei den Vereinten Nationen vertreten. Spanien musste sie wegen unbedachter kritischer Äußerungen 1935 verlassen. Von Portugal aus versuchte sie, verfolgte spanische Republikaner zu unterstützen. Als 1938 der Gedichtband „Tala“ erschien, übertrug sie die Autorenrechte und damit die Erlöse an spanische Flüchtlings- und Waisenkinder. In den 1950er Jahren wird sie dann schließlich doch noch Konsulin in Neapel.

1945 verlieh die Schwedische Akademie ihr den Nobelpreis für Literatur „als große Sängerin der Gnade und der Mutterschaft“. Das war der erste Literaturnobelpreis, der nach Lateinamerika ging. Mistral reiste nur deshalb zur Entgegennahme des Preises nach Stockholm, weil sie ihn als eine Anerkennung für Lateinamerika verstand. Acht Jahre später ehrte Chile seine große Dichterin mit dem Nationalpreis für Literatur. Doch erst 1954 stattete sie dem Land wieder einen kurzen Besuch ab. Am 10. Januar 1957 erlag Gabriela Mistral in den USA einer Krebserkrankung, ihrem Wunsch entsprechend wurde sie in Montegrande, dem Ort ihrer Kindheit beigesetzt.

La divina Gabriela, die göttliche Gabriele, so nannten sie ihre Landsleute. Pablo Neruda, der andere chilenische Nobelpreisträger, lud sie ein, ihren alten Groll zu vergessen:
Komm Gabriela, geliebte Tochter dieser Rapsfelder, dieser Steine, dieses Gigantenwindes. Wir alle heißen dich freudig willkommen. (…) Du bist Chilenin. Du gehörst dem Volk. (…) Du bist eine ergreifende Vorkämpferin für den Frieden. Aus diesen und anderen Gründen lieben wir dich.

Quellen:

  • Daydí-Tolson, Santiago: Gabriela Mistral. http://www.poetryfoundation.org/bio/gabriela-mistral
  • Mistral, Gabriela: Motive des Töpfertons. Lyrik. Leipzig 1989.
  • Neruda, Pablo: Ich bekenne, ich habe gelebt. Berlin 1975.

Bildquellen: [1] Public Domain; [2] Ricardo Hurtubia_; [3] Ryan Greenberg_


Weitersagen:

3 Kommentare zu “Ich liebe die Dinge, die ich niemals besaß
Zum 125. Geburtstag von Gabriela Mistral”

  1. Gabriela Mistral: Poesiealbum 187 - planet lyrik @ planetlyrik.de vom 16. April 2014 - 18:33 Uhr

    […] Gabriele Töpferwein: Ich liebe die Dinge, die ich niemals besaß Quetzal, April 2014 […]

  2. Gabriela Mistral: Gedichte - planet lyrik @ planetlyrik.de vom 16. April 2014 - 18:34 Uhr

    […] Gabriele Töpferwein: Ich liebe die Dinge, die ich niemals besaß Quetzal, April 2014 […]

  3. 59. Gabriela Mistral | Lyrikzeitung & Poetry News vom 17. April 2014 - 05:17 Uhr

    […] / Gabriele Töpferwein, Quetzal. Politik und Kultur in Lateinamerika […]

Kommentar schreiben




top