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Warten auf die Barbaren

Autor:  |  Herbst 1995

Nach dem Fall der Berliner Mauer, sagte jemand, hat sich die Welt tribalisiert. Alles verwandelte sich, entgegen aller Erwartungen, in einen Krieg der Stämme, der Banden, der fanatischen Gegner. Es tribalisierte sich, sage ich, und es trivialisierte sich. Das Ende der Ideologien fiel zusammen mit einem Verfall des Denkens, der philosophischen Reflexion, der Kultur. Das Intelligenzniveau ist hoch, aber es fehlt an Weisheit. Manch einer glaubt, daß die so europäischen Lichter des sogenannten Zeitalters der Aufklärung gerade in Europa ausgelöscht wurden. Wir beobachten ein generelles Panorama der Barbarei, ähnlich dem des 4. Jahrhunderts der christlichen Ära. Mit einer Schattierung, mit einer Variante, die es wert ist, beachtet zu werden: die schlimmsten Barbaren sind die von Innen, nicht die aus der äußeren Finsternis.

Der Sprecher, den ich am Anfang erwähnte, hatte Jorge Luis Borges zitiert. Der Boom ging vorbei, und die literarischen und intellektuellen Moden auch, und Borges ist einer der wenigen lateinamerikanischen Klassiker, dem es gelang, sich im Weltmaßstab zu behaupten. Borges vertrat einmal die Meinung, die Europäer von heute seien wir, die Lateinamerikaner. Nicht immer, erwidere ich, seien wir nicht zu optimistisch. Außerdem war Borges Humorist und Dichter. Irgendeine seiner Behauptungen wörtlich zu nehmen, wäre naiv und ein Fehler. In der Tat beweisen Wesen und Form seines Denkens – das einzige, das eine wirklich klassische Kategorie erreichen konnte -daß die Dichtung unerläßlich notwendig und der Humor eine sehr ernste Angelegenheit ist.

Wie sind nun die Aussprüche von Borges ohne Mißverständnisse zu interpretieren? Und vor allem ohne Arroganz ? Vor kurzem hatte ich ein ziemlich aufschlußreiches Erlebnis. Ich zitierte einen klassischen Vers von Mallarmé in einer Zeitung; am folgenden Tag schrieb mir ein französischer Beamter zwei Zeilen, um mir liebenswürdig und mit herablassender Überheblichkeit zu erklären, daß der Vers von Paul Verlaine sei, einem Autor, der sich von Mallarmé unterscheidet wie kein anderer. Meine Antwort: lesen Sie, sehr geehrter Herr, den ersten Vers des Gedichtes »Brise maritime«, auf Seite soundso der Mallarméausgabe der Bibliothek von La Pléiade und überprüfen Sie, daß ich mit größter Genauigkeit zitiert habe. Vorläufige Schlußfolgerung: wir kennen das Werk von Stephane Mallarmé im Santiago von Vicente Huidobro, von Teófilo Cid, von Enrique Lihn, im Buenos Aires von Jörge Luis Borges, im Havanna von Lezama Lima, im Mexico von Octavio Paz und José Pacheco besser als im Frankreich der Prosperität, der Konsumgesellschaft, der Europäischen Union. Frankreich, Deutschland, Europa haben ein Gedächtnis, das seine großen Klassiker vergißt, während wir, die wir verliebt sind in Mallarmé, Rimbaud, Franz Kafka und Goethe, in einem gewissen Maße, auf eine metaphorische Weise (versteht sich!), die Europäer von heute sind. Das ist es, was der Autor der Geschichte der Ewigkeit (Historia de la Eternidad) halb im Scherz und halb im Ernst andeuten wollte. Haben Sie nicht bemerkt, daß selbst die Titel bei Borges gewöhnlieh ein Scherz sind, ein diskretes und ironisches Auf-den-Arm-nehmen?

Der Kommentar des Satzes von Borges kann uns weit fuhren. In Europa, zuerst im protestantischen, danach im gesamten übrigen Europa, setzte sich die strenge, rationalistische, trockene Ethik des Kapitalismus durch. Die Romantiker und später die Symbolisten, die Vorgänger der großen ästhetischen Revolution zu Beginn unseres Jahrhunderts, nahmen die Gefahr mit großer Hellsichtigkeit wahr. Die Engländer und die Deutschen waren besonders sensibel hinsichtlich der Umweltzerstörung durch die neue Industriegesellschaft. Die Franzosen mit Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud an der Spitze, aber auch mit dem Victor Hugo der Elenden, bekämpften mit besonderer Bösartigkeit die eiserne Disziplin, die die moderne Wirtschaft aufzuzwingen schien. Man erzählt, daß der junge Baudelaire während der Revolution von 1848 das Volk von Paris dazu aufrief, die Uhren der großen Fabriken und des öffentlichen Dienstes zu zerstören.

Die Dichtung Baudelaires erlangte Bürgerrecht, sie wurde zur obligatorischen Lehre in den Schulen wie die von Rimbaud, aber der Dichter verlor den Kampf gegen die Uhren, gegen die aus dem System einer entwickelten Wirtschaft herrührenden Unterjochungen. Auf der ganzen Linie siegte das time is money der Angelsachsen. Nur in den Randgebieten Europas, in Andalusien, Sizilien, den griechischen Inseln, hat die Zeit noch eine andere Bedeutung, und in dieser besteht sie als Anachronismus, als Köder für Touristen und Pensionäre fort. Man kann vielleicht behaupten, daß diese Kritik der Dichter in Europa in der Minderheit blieb, in Lateinamerika dagegen zu eigen gemacht wurde. Wollte Borges, der angelsächsischste unter den lateinamerikanischen Schriftstellern vielleicht das ausdrücken?

Ich bin mir da nicht so sicher. Manche sagen, daß die Lebensfreude unserem Kontinent eigen sei, aber leider haben wir als würdige Erben jenes gewissen iberischen caudillismo auch die Kultur des Todes praktiziert. Die Sache hat für uns alle, von Mexiko bis Feuerland, eine enorme Bedeutung. Wir haben begonnen, uns zu entwik-
keln, das ist eine nicht zu bestreitende Tatsache, aber gleichzeitig haben wir auch begonnen, abgesehen von einigen Vorteilen, die Nachteile der Entwicklung kennenzulernen. Es ist eine Entwicklung, die noch am Anfang steht und die Fragen aller Art aufwirft. Im Europa des 19. Jahrhunderts vollzog sich eine strenge Trennung zwischen der organisierten, geordneten Gesellschaft und ihren Dichtern, ihren Denkern, ihren Träumern. Diese Trennung war der Ursprung des revolutionären Bruches, der Gewalt, der Kriege, der Wirren des 20. Jahrhunderts. Heute, mit der Erfahrung unserer Vorfahren, hätten wir die einzigartige Gelegenheit, einen humaneren, kultivierteren und weniger umweltzerstörerischen Entwicklungsprozeß einzuschlagen.

Es ist ungewiß, ob es uns gelingen wird, die Erfahrungen der anderen zu nutzen, und es gibt viele Gründe, daran zu zweifeln. Wenn wir die Europäer von heute wären, und wenn die Lichter des 18. Jahrhunderts, die in Europa offensichtlich verlöscht sind, begonnen hätten, sich in Lateinamerika zu entzünden, wäre das nicht schlecht. Aber Borges war leider eine ziemlich rätselhafte Persönlichkeit. Wir ahnen sein skeptisches Lächeln, wir erinnern uns, daß er sich entschied, in die Alte Welt zurückzukehren und daß er in Genf begraben liegt, und wir bleiben voller Zweifel und Fragen zurück.

Aus: El Pais, 10.01.1995

Übers, aus dem Spanischen: Claudia Tast.

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* Chilenischer Schriftsteller, geb. 1931 in Santiago de Chile, studierte Philosophie und Jura an der Universität von Chile und in Princeton/USA. Arbeitete danach als Rechtsanwalt und als Journalist. Nach 1957 diplomatischer Dienst u.a. in Kuba und Paris. Mit dem Sturz der Allende -Regierung gibt er seine diplomatische Karriere auf und lebt bis 1978 in Barcelona. Danach Rückgang nach Chile und wird dort Präsident des Bürgerkomitees zur Verteidigung der Redefreiheit. Veröffentlicht wurden Romane und Erzählungen, u.a. “Erinnerungen an Neruda”.


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