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Víctor Montoya – Microcuentos – Teil 8

Autor:  | März 2017 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Chile, Kunst & Kultur, Literatur

QUETZAL veröffentlicht exklusiv die deutsche Übersetzung einer weiteren Reihe von “Microcuentos”

des chilenischen Schriftstellers Víctor Montoya.

 

Männlichkeitswahn

Einem jeden großen Mann folgt eine Frau als sein Schatten.

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Böse Zungen behaupteten, dass die Unverheiratete, mit schönem Körper und hübschem Gesicht, es satt war, auf den Traumprinzen zu warten und sich mit einem batteriebetriebenen Lover trösten musste; der Liebhaber hieß Dildo, war seelen- und hirnlos, aber in der Lage, die glühendsten Wünsche einer Frau ohne Partner oder Ehemann zu befriedigen.

Bordellangelegenheiten

Sie hieß Frígida und dennoch -– wer hätte das gedacht – hatte sie sich diesen Ruf als Teufelsweib erarbeitet, sagte die Puffmutter.

Das stimmt, bestätigte die jüngere Prostituierte. Ihr Name widersprach ihrem sexuellen Appetit; zudem verstand sie es, ihre Dienste mit tausend Wundern anzureichern.

Und wo ist sie jetzt?, fragte der Freier.

Sie ging nach Paris, änderte ihren Namen und wurde die Gattin eines arabischen Potentaten.

Da hatte sie aber Glück, rief der Freier aus, und sah die jüngere Dirne mit Verlangen an.

Das hatte nichts mit Glück zu tun, korrigierte die Puffmutter, das geht mit unserem Beruf einher. Es gibt eben Männer, die durch die Verzauberung einer Frau den Kopf und ihr gesamtes Vermögen verlieren.

Päderast

Es wurde gemunkelt, dass der Pfarrer – ein Satan in Soutane – fleischlichen Genüssen nicht abgeneigt sei. Er praktizierte Fellatio und Sodomie, während er mit himmlischer Stimme Gott darum bat, dass die Messdiener den Mund hielten und die Kirchenväter ihn nicht zu den Scheiterhaufen der Heiligen Inquisition verurteilten.

Der alte Zungendrescher

Der alte Schwafler, Fachmann in Sachen Liebeskunst, behauptet, die schönen Frauen seien innerlich hässlich. Beim ersten Missfallen fülle sich der Mund mit Kröten und Schlangen. Unansehnliche Frauen hingegen seien verzauberte Maiden, die sich beim ersten Kuss der Liebe in Schönheiten von Kopf bis Fuß zu verwandeln in der Lage seien.

Sie besäßen, im Unterschied zu den Schönen, – so der alte Quasselkopf – zwei magische Schlüssel: einen, um die Pforte ihres Herzens zu öffnen und einen anderen, um das geheime Schloss zwischen ihren Beinen zu entriegeln.

Verwunschene Prinzessinnen, erklärt der alte Faselhans, gebe es auch im wirklichen Leben und nicht nur im Märchen.

Die Wetterfahne

Die verliebte Frau ist wie eine Wetterfahne. Der Richtungszeiger ihres Herzens wird vom Hauch des Erstbesten bewegt.

Mysteriös

Als die Liebe seines Lebens an der Tür klopfte, machte er auf. Aber er nahm sie nicht physisch wahr, sondern hörte ihre Schritte aus dem Inneren des Hauses.

 

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Übersetzung aus dem Spanischen: Gabriele Eschweiler

Abbildung: Quetzal-Redaktion, gt


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