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Víctor Montoya – Microcuentos – Teil 11

Autor:  | Juli 2018 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Chile, Kunst & Kultur, Literatur

QUETZAL veröffentlicht exklusiv die deutsche Übersetzung einer weiteren Reihe von “Microcuentos” des chilenischen Schriftstellers Víctor Montoya.

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Einsamkeit

Wirkliche Einsamkeit besteht nicht im Alleinsein, dachte der Steppenwolf, sondern darin, sich in Gesellschaft von anderen einsam zu fühlen.

kultur_montoya_Microcuentos11-1_Edwin_Eschweiler-gtDing-Dong

Ding-Ding klopfte an die Tür.

Wer da? fragte Dong-Dong.

Ding-Ding!

Was ist Ihr Begehr?

Mit Dong-Dong ein bisschen Ding-Ding machen.

Und zu welchem Behuf?

Auf dass ein Ding-Dong zur Welt kommt!

Feuchter Traum

Ich träumte, mit einer Frau im Bett zu sein, die, ohne mir ihr Gesicht zu zeigen oder ihren Namen zu verraten, bereit war, mich in die Geheimnisse ihres Körpers einzuweihen.

Ich strich ihr mit den Fingern das Haar aus dem Gesicht und entdeckte im schwachen Licht des Mondes, das durch das Fenster drang, dass sie nicht die gleiche war, mit der ich mein Leben teilte, sondern eine andere, die sich mir im Traum ebenso unterschwellig hingab, wie sich die Geheimnisse in der Erinnerung offenbaren.

Bei Tagesanbruch, noch erregt und mit steifem Glied, hörte ich meine Lebensgefährtin, wie sie, ans Bett tretend, mit süßer Stimme ausrief: Meine Schwester kommt heute …

Da aber, während ich mich zwischen den Laken reckte, erinnerte ich mich, dass die Frau im Traum die jüngere Schwester meiner Freundin gewesen war.

Mutterliebe

kultur_montoya_Microcuentos11-2_Edwin_Eschweiler-gtKaum dass sie ihre Mutter verloren hatte und sich ihres eigenen Verstandes bedienen konnte, fühlte sie sich von den Blicken der Männer bedrängt. Mit zwölf versengte sie sich die Wimpern, um hässlich zu erscheinen, mit fünfzehn schnitt sie sich die Brüste ab, mit zwanzig die Pulsadern auf und träumte ihren eigenen Tod. Sie sah sich verirrt in einem Tunnel, bis es aus einem Licht vom Grunde ihres Traumes aus rief: Es war ihre Mutter, die von der anderen Seite des Lebens zurückgekehrt war, um sie durch die Dunkelheit zu leiten und ihr zu helfen, den Ausgang zu finden. Als sie erwachte, füllten sich ihre Augen mit Tränen und in ihrem Herzen spürte sie zum ersten Mal bedingungslose Mutterliebe.

 

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Übersetzung aus dem Spanischen: Gabriele Eschweiler

Abbildungen: Quetzal-Redaktion, Edwin Eschweiler


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