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„Tauziehen“ um Gerechtigkeit für Víctor Jara

Autor:  | Juni 2008 | Artikel empfehlen

Trotz der jüngsten erstzunehmenden Versuche der chilenischen Justiz bei der Aufklärung und Bestrafung von Verbrechen, die während der Pinochet-Diktatur begangen wurden, ist es nach wie vor unsicher, ob der Mord an Víctor Jara, dem chilenischen ‘Che Guevara mit Gitarre’, gesühnt wird. Der Musiker, Theaterregisseur und kommunistische Aktivist war vor 35 Jahren während der Militärdiktatur gefangen genommen, gefoltert und getötet worden. Víctor Jara wurde zusammen mit anderen Personen am 12. September 1973 in der Universidad Técnica del Estado verhaftet und in das Estadio Chile gebracht, welches heute seinen Namen trägt. Dort wurde er, mit dem Wissen um seine Person, gefoltert und buchstäblich massakriert. Nach Zeugenaussagen wurde Víctor Jara zwischen dem 15. und 16. September mit mehreren Dutzend Schüssen getötet. Seine Leiche wurde gemeinsam mit fünf weiteren Ermordeten in der Nähe des Cementerio Metropolitano aufgefunden.

Das Gerichtsverfahren wurde zunächst aufgrund mangelnder Beweise Mitte Mai 2008 eingestellt. Víctor Jaras Witwe Joan Jara zeigte sich geschockt über die Entscheidung. Auch waren mehrere Stimmen zu hören, die dem verantwortlichen Richter Juan Eduardo Fuentes vorwarfen, sich nur unzureichend um eine ernsthafte Aufklärung zu bemühen. Zwar wurde bereits unter dem Richter Juan Carlos Urrutia, der den Fall bis 2004/05 verhandelte, der Auftraggeber des Verbrechens, Oberst a. D. Mario Manríquez Bravo, ausfindig gemacht, nicht aber der/die Soldat(en), der/die die tödlichen Schüsse auf Jara abgefeuert hatte(n). Manríquez Bravo war der verantwortliche Offizier im Estadio Chile, das nach dem Putsch vom 9. September 1973 als Gefangenenlager und Folterstätte genutzt wurde. Er ist der einzige, dem der Mord bisher zur Last gelegt wird. Einige Zeugenaussagen, die aber bisher anscheinend nicht ausreichend waren, geben als möglichen Verantwortlichen für den Mord an Víctor Jara einen ominösen „Principe“ an, hinter dem sich der pensionierte Offizier Edwin Dimter Bianchi verbergen soll. In diesem Fall hat das Militär bisher alles getan, um nicht zur Aufklärung der Tat beizutragen. Der Anklagevertreter Nelson Caucoto erklärte außerdem, es gäbe noch immer keine Klarheit darüber, wer an den Folterungen Jaras vor seiner Ermordung beteiligt gewesen ist. Ein Streit zwischen dem Ex-Chef der damaligen Geheimpolizei DINA, Manuel Contreras, und seinem Stellvertreter Pedro Espinoza Bravo, der im Jahr 2007 an die Öffentlichkeit gelangte, konnte auch nicht mehr Licht ins Dunkel bringen. Die beiden verurteilten Verbrecher der Pinochet-Diktatur „verbüßen“ eine Haftstrafe im mehr als privilegierten Gefängnis „Cordillera“. In dem Streit beschuldigte Contreras Espinoza verantwortlich für den Mord an Víctor Jara zu sein, während Espinoza die Behauptung negierte und Contreras wiederum anderer Taten bezichtigte.

Trotz allem ist es nicht ausgeschlossen, dass das Verfahren nach rechtlichen Schritten der Kläger – die Angehörigen Jara’s – vor einem Berufungsgericht wieder aufgenommen wird. Menschenrechtsaktivisten haben bereits mit verschiedenen Veranstaltungen gegen die Entscheidung protestiert. Eine weiterhin stattfindende Unterschriftenaktion der Stiftung Victor Jara (www.fundacionvictorjara.cl) unter dem Motto „No más Impunidad“, um die Ablehnung und Empörung über die Einstellung auszudrücken und die Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen, scheint bereits erste Wirkung zu zeigen. Nach heftigen Protesten aus dem In- und Ausland und politischem Druck hat sich Fuentes nun bereit erklärt, die Untersuchungen wieder aufzunehmen. Der chilenische Justizminister Carlos Maldonado erklärte im Namen der Regierung, dass „diesen Sachen weiter auf den Grund gegangen werden muss, bis die Verantwortlichen ausfindig gemacht und ihrer entsprechenden Strafe zugeführt wurden.“. Neben Jaras Fall warten etliche weitere im Estadio Chile begangene Gräueltaten darauf aufgeklärt zu werden, um die Täter zu bestrafen. Eine endgültige Einstellung der Untersuchung wäre ein trauriges Signal für die Opfer und ihre Hinterbliebenen und würde einmal mehr die Täter der unter der Militärdiktatur begangenen Verbrechen unbehelligt davon kommen lassen.

Quellen:

Cuevas, Jacmel: Reabrirán investigación por el crimen de Víctor Jara. In: La Tercera, 31.05.2008.
Escalante, Jorge: Juez cerró caso Víctor Jara sin identificar a ningún autor. In: La Nación, 16.05.2008.
N.N.: Cierran investigación por la muerte de Víctor Jara. In: El Clarín de Chile, 15.05.2008.


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