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Schatten der Vergangenheit: Rohstoffexporte und soziale Ungleichheit in Chile

Autor:  | November 2013 | Artikel empfehlen

Chile: Ein Bettler am Straßenrand - Foto: Quetzal-Redaktion, egChile ist und bleibt ein Land starker sozialer Gegensätze und Ungleichheiten. Der schmale Andenstaat weist mit 7,065 US-Dollar das höchste Pro-Kopf Einkommen Südamerikas auf und wurde 2010 sogar in die OECD aufgenommen. Gemessen am Gini-Koeffizienten hat Chile aber mit einem Wert von 0,54 (2011) die höchste soziale Ungleichheit innerhalb des Clubs der Industriestaaten. Auch die hauptsächlich von Schülern und Studierenden getragenen Proteste der letzten Jahre können als Ausdruck der ungleichen Verteilung der gesellschaftlichen Reichtümer im Land gesehen werden. 40 Jahre nach dem Militärputsch am 11. September 1973 lohnt sich daher ein Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Umstrukturierungen unter der Militärdiktatur (1973-1989), welche die gesellschaftlichen Strukturen Chiles bis heute prägen.

Die Umsetzung des Neoliberalismus in Chile

Wie die meisten lateinamerikanischen Länder verfolgte Chile in den 1960er und 1970er Jahren ein binnenmarktorientiertes Entwicklungsmodell der Importsubstituierenden Industrialisierung (ISI), das unter Salvador Allende (1970-73) seinen Höhepunkt fand. Allgemein bekannt ist, dass der Putsch vom 11.September 1973 Allendes „Chilenischen Weg zum Sozialismus“ brutal stoppte.

Oftmals wird die neoliberale Umstrukturierung mit dem Militärputsch gleichgesetzt. Jedoch herrschte im Putsch-Block zwischen Militärfraktionen, Industriekapital, Finanzkapital, Großgrundbesitzern und den Oppositionsparteien PN und PDC keine einheitliche Vorstellung über ein zukünftiges ökonomisches Programm. Erst langsam setzten sich die Chicago Boys mit ihrer neoliberalen Schocktherapie durch, wobei sie von der Marine und Finanzkapital unterstützt wurden. Die Chicago-Boys waren eine kleine geschlossenen Gruppe von chilenischen Wirtschaftstechnokraten, die mit einem Postgraduiertenstipendium an der University of Chicago die marktradikalen Lehren von Milton Friedman (Monetarismus) studiert hatten. Friedman selbst empfahl Pinochet noch bei einem Besuch in Chile und in einem Brief die Schocktherapie. Ab April 1975 sollte sie dann von den zwei führenden Chicago Boys, Jorge Cauas als Finanzminister und Sergio de Castro als Wirtschaftsminister, umgesetzt werden.

Nachdem die Chicago-Boys mit der Schocktherapie eine tiefe Krise ausgelöst hatten, wodurch sie die Hälfte der Bevölkerung in Armut stürzten, konnten sie die galoppierende Inflation bannen. Sie sahen sich bestätigt und dehnten ihr Programm mit den folgenden Eckpunkten aus:

Chile: Hochhaus in Santiago - Foto: Quetzal-Redaktion,egDie Privatisierung von Banken und Staatsbetrieben ging weit über die Reprivatisierung der von Allende verstaatlichten Betriebe hinaus und zielte auf eine massive Stärkung des Privatsektors ab. Viele Betriebe wurden weit unter ihrem Preis verkauft, was die Bildung von Wirtschafts- und Finanzkonglomeraten, so genannten grupos económicos, erleichterte. Auch der Agrarsektor wurde von der Privatisierung erfasst. Die Veränderung der Besitzverhältnisse führte hier zum Aufstieg eines kapitalstarken, dynamischen, exportorientierten Sektors. Die Liberalisierung und Deregulierung der Wirtschaft schaffte Kontrollen für Preise, Kredite und Zinsen ab, was zu einem enormen Anstieg des Finanzsektors führte, der nur noch marginalen Kontrollen unterlag. Eine Steuerreform schaffte progressive Steuern, wie Unternehmens- und Vermögenssteuer, ab und fokussierte sich statt dessen auf umverteilende Steuern, wie die Mehrwertsteuer, die von allen Bürgern gleichermaßen gezahlt wird, unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Situation. Die Disziplinierung der Finanzpolitik (Austerität) erlaubte kaum noch öffentliche Ausgaben oder staatliche Investitionen. In Bezug auf den Außenhandel wurde die Wirtschaft drastisch geöffnet. Dies geschah zum einen über die sukzessive Senkung von Zolltarifen auf einen Einheitswert von 10% bis 1979. Zum anderen wurden die Kapitalmärkte für ausländische Investitionen geöffnet. Der chilenische Peso wurde aufgewertet, um die Inflation zu kontrollieren, was aber den Binnenmarkt schwächte und Importe verbilligte.

Zwar bot Chile die perfekten „Laborbedingungen“ zur Umsetzung der marktradikalen Umstrukturierung der Wirtschaft und Gesellschaft, wie sie liberale Intellektuelle um Friedrich von Hayek seit 1947 gegen den zunehmenden weltweiten Staatsinterventionismus (egal ob nach keynesianischem, sowjetischem oder ISI-Modell) propagiert hatten. Immerhin gab es keine lähmenden Institutionen, keine politische Opposition, und auch die Gewerkschaftsbewegung war weitgehend ausgeschaltet. Dennoch drohte das Experiment bald an sich selbst zu scheitern.

Durch die Wechselkurspolitik und die reduzierten Zolltarife kam ein immenser Sog von Importgütern nach Chile, die eine negative Handelsbilanz verursachten. Die Leistungsbilanz wurde zwar temporär mit privaten Auslandskrediten – ermöglicht durch die Deregulierung des Finanzsektors – ausgeglichen, aber die ausländischen Kapitalströme flossen vor allem in die Spekulation und in Luxuskonsumgüter. Die Auslandsverschuldung stieg somit ohne eine produktive Basis, da die Deregulierung der Wirtschaft zu einer massiven Deindustrialisierung geführt hatte. Das „Wunder von Chile“ stellte sich als Blase heraus, die mit dem externen Schock der zweiten Ölkrise platzte. 1982 erlebte Chile die tiefste Krise seit 1930. Nur der staatliche Eingriff in den Bankensektor verhinderte den Zusammenbruch des Bankensystems. Die Staatsquote war kurzzeitig höher als unter Allende, so dass zynisch vom „Chicago Way to Socialism“ gesprochen wurde. Die Wirtschaft schrumpfte um 14,7%, die Arbeitslosigkeit erreichte fast 30%, Hunger und Armut weiteten sich aus. Die Bevölkerung begann sich verstärkt zu organisieren und zu protestieren, doch das Pinochet-Regime antwortete in gewohnter Manier mit Repression. Ein Rettungspaket vom Internationalen Währungsfond sollte Chile aus der Krise retten. Während sich eine kleine Minderheit mit den Auslandskrediten bereichert hatte, wurden die Schulden nun sozialisiert und von der gesamten Bevölkerung getragen.

Chile: Lachszucht - Foto: Sam Beebe, EcotrustMit der Krise hatten sich die orthodoxen, radikalen Chicago Boys der ersten Generation weitgehend diskreditiert. Sie wurden folglich durch eine pragmatischere Gruppe um Hernán Büchi, ab 1985 Finanzminister, ersetzt. Ihre Wirtschaftspolitik basierte auf dem selben oben angeführten Grundprinzipien, erachtete aber temporäre und selektive Staatsinterventionen als notwendig.

Unter dieser neuen Version des Neoliberalismus erreichte Chile schließlich ein relativ konstantes Wirtschaftswachstum, das vor allem auf dem Export von nicht-traditionellen Agrarexporten, Fischzucht und Forstwirtschaft beruht.

Arbeitsbeziehungen im exportorientierten „Entwicklungsmodell“ Chile

Diese neuen dynamischen Exportsektoren sind das Herzstück des unter der Militärdiktatur eingeführten Wirtschaftsmodells. Zwischen 1975 und 1987 stieg die Zahl der Exportprodukte von 200 auf 1.400, und die Zahl der Exportfirmen von 200 auf 3.666. Bereits während des ersten neoliberalen Wirtschaftsbooms (1976-1980) verzeichneten diese Sektoren ein Wachstum, von bis zu 33% (Fischerei im Jahr 1976).

Die Chicago Boys wollten das interventionistische, auf den Binnenmarkt bezogene Entwicklungsmodell komplett umkehren, um mit einer Öffnung der Märkte die komparativen Kostenvorteile von Chile auf dem internationalen Markt zu nutzen.

Während die unmittelbar mit dem Putsch einsetzende Repression gegen Gewerkschaften und „linke“ Aktivisten dazu diente, Allendes Machtbasis zu brechen, war sie in den Folgejahren vor allem auch ein Mittel, um der chilenischen Wirtschaft zu helfen. Die Militärjunta hatte 1973 einen „Kriegszustand“ ausgerufen, der bis 1979 anhielt. Gewaltsam verbot die Junta Streiks und kollektive Verhandlungen und zerschlug den Gewerkschaftsbund CUT. Somit ließ sie den Arbeitern praktisch keine Möglichkeit sich gegen die Senkung des Lohnniveaus zu wehren, das bald nur noch 64% seines Werts von 1970 hatte, also vor der Zeit des Aufbruchs unter Allende.

Ab 1979 wurden die mit brutalem Zwang durchgesetzten Arbeitsbeziehungen formalisiert. Arbeitsminister José Piñera, Bruder des heutigen Präsidenten, erließ mehrere Dekrete, den so genannten „Plan Laboral“ (dt. Arbeitsplan): Er ließ Gewerkschaften wieder zu, aber nur als apolitische, technokratische Organisationen; das Streikrecht wurde derart limitiert, dass es quasi nicht existierte; verschiedene prekäre und flexible Arbeitsformen wurden etabliert.

Meist wickelten von nun an Drittunternehmen die Arbeitsorganisation ab, d.h., sie werben Arbeiter an, beschäftigen diese offiziell, stellen sie Arbeiter aber anderen Unternehmen zur Verfügung, wo die eigentliche Arbeit ausgeführt wird. Hierzulande kennen wir dieses System als Leiharbeit oder Zeitarbeit. Diese Arbeitsformen sind nur auf kurze Dauer angelegt und verunmöglichen somit gewerkschaftliche Organisation, während der Lohn oftmals nicht ausreicht, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. In Chile waren Mitte der 80er die Hälfte der Arbeiter im traditionellen Kupferbergbau „Leiharbeiter“.

Die Restrukturierung der Wirtschaft trieb viele Unternehmen, die in mit dem Weltmarkt nicht konkurrieren konnten, in den Bankrott. Zusammen mit der Senkung der öffentlichen Ausgaben verblieb die Arbeitslosenquote deshalb während der gesamten Diktatur durchschnittlich bei 17%. Sie war einerseits Folge der neuen Wirtschaftspolitik, andererseits aber eine Voraussetzung für das „Funktionieren“ des Export-Modells. Diese Reservearmee von Arbeitskräften ermöglichte es, die Löhne nach unten zu drücken und je nach konjunkturellem oder saisonalem Bedarf zusätzliche Arbeitskräfte einzustellen. Erst 1989, im letzten Jahr der Diktatur, ging die Arbeitslosigkeit auf 5,3% zurück und lag damit wieder auf ihrem historischen Wert der 1960er und frühen 1970er Jahre.

Chile: Der Finanzsektor in Santiago - Foto: Quetzal-Redaktion, sscInfolge der Liberalisierung des Arbeitsmarktes wurde das Lohnniveau bis 1987 auch während des Mitte der 80er Jahre einsetzenden Wirtschaftsbooms noch 80% unter seinem Wert von 1980 gehalten. Auch der Mindestlohn verlor 45% seines Wertes im selben Zeitraum. Erst 1992 erreichte das Lohnniveau wieder seinen Wert von 1970.

Der Fruchtsektor verdient in mehrerlei Hinsicht besondere Aufmerksamkeit. Zum einen ist er der wichtigste Sektor, der Ende der 1990er Jahre knapp 80% der agrar(industriellen) Exporte ausmachte, sofern Wein als verarbeitete Weintrauben mit eingerechnet wird. Nicht nur chilenische Weine und Trauben, sondern auch Äpfel und Birnen sind hierzulande in Supermärkten weit verbreitet. Die Etablierung dieses dynamischen agro-industriellen Sektors profitierte stark von den unter Eduardo Frei Montalva (1964-1970) eingeleiteten und unter Allende vertieften Agrarreformen. Sie haben die traditionelle Hacienda als Rückgrat der oligarchischen sozialen Ordnung zerschlagen und das Land an kleinbäuerliche Kooperativen verteilt. Ohne die finanzielle und politische Unterstützung der sozialistischen Regierung war es für die exportorientierte Unternehmerklasse mit engen Verbindungen zu den Chicago Boys ein leichtes, sich das Land der Kleinbauern anzueignen.

Die einsetzende Rekonzentrierung des Landbesitzes verursachte eine zunehmende soziale Differenzierung, so dass aus ehemaligen Kleinbauern ländliche Lohnarbeiter wurden (Proletarisierung). Zusammen mit den saisonalen Produktionszyklen des Fruchtexports, hat diese Aneignung von kleinbäuerlichem Besitz zu einem massiven Anstieg von prekärer Saisonarbeit geführt, die vor allem von Frauen ausgeführt wird. Waren Anfang der 1970er Jahre noch zwei Drittel der Landarbeiter permanent beschäftigt und ein Drittel temporär, hatte sich dieses Verhältnis bis Ende der 1980er Jahre umgekehrt. Darüber hinaus waren 60% der saisonalen Arbeiter im Fruchtsektor tätig – und etwa 70% sind Frauen. Diese temporeras haben kein Recht, sich zu organisieren, während die Plantagenbesitzer frei über Lohn und Dauer der Arbeit bestimmen können. Die Anstellung auf den Plantagen oder in den weiterverarbeitenden Betrieben erfolgt auch hier meist über Drittfirmen. In den nicht-traditionellen Export Sektoren sind nur 7% der Arbeiterschaft gewerkschaftlich organisiert. Viele der ehemaligen Kleinbauern haben sich auf der Suche nach neuen Einkommensmöglichkeiten in den Städten angesiedelt und füllen außerhalb der Erntesaison die „Industrielle Reservearmee“.

Während der gesamten Diktatur blieb das Wachstum des Lohnniveaus stets hinter dem Wachstum der Produktivität zurück, so dass sich vor allem die transnational orientierte Kapitalistenklasse über steigende Profite freuen konnte, während das Gros der Arbeiter bloß unzureichende, temporäre oder unsichere Einkommen hatten. Die Dominanz der besitzenden Klassen, vor allem des transnationalen Kapitals, über die Arbeiter und Kleinbauern wurde mit dem Putsch und in den folgenden Jahren mit brutaler Gewalt durchgesetzt und anschließend im Plan Laboral institutionell zementiert.

Ab 1980 akzentuierte das Pinochet-Regime diese Entwicklungen noch mit der Privatisierung der Renten-, Gesundheits- und Bildungssysteme. Alle Systeme weisen einen Dualismus von öffentlichen und privaten System auf, jedoch bleibt der Zugang zum privaten System dem Großteil der chilenischen Bevölkerung aufgrund ihres geringen Einkommens verwehrt. Trotzdem fand eine massive Umschichtung der Finanzierung zugunsten der privaten Anbieter statt, sodass die öffentlichen Systeme chronisch unterfinanziert sind. Daraus folgt steigende Altersarmut, schlechte Gesundheitsversorgung und schlechte Bildung in öffentlichen Schulen. Mit durchschnittlichen Studiengebühren, die höher liegen als das jährliche Einkommen aus einem Mindestlohn, bleibt der Zugang zu höherer Bildung den meisten verwehrt und die soziale Mobilität stark eingeschränkt.

La deuda social – die „soziale Schuld“ der Diktatur

Chile: Hütten in Marginalviertel - Foto: Quetzal-Redaktion, egDurch die tiefen Wirtschaftskrisen, die hohe Arbeitslosigkeit, die starken Ausbeutungsmechanismen, die Umschichtung von öffentlichen Geldern und die Privatisierung der Sozialsysteme erklärt sich in groben Zügen die miserable soziale Bilanz der Diktatur, bekannt als deuda social, die soziale Schuld. Darunter werden die gestiegenen Raten in Armut und sozialer Ungleichheit gefasst.

Nach offiziellen Angaben stieg die Armutsrate von 17% (1970) auf 44,6% (1987), jedoch soll hier die soziale Ungleichheit genauer betrachtet werden. Verstehen wir soziale Ungleichheit als ungleiche Verteilung, von „wertvollen Gütern“, die durch die Struktur der Gesellschaft verursacht wird (Hradil, 2001), ist die unter Pinochet durchgesetzte Dominanz einer transnational orientierten Kapitalistenklasse über eine atomisierte Arbeiterklasse zentral. Hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und flexible Arbeitsformen ermöglichten nicht nur die Anpassung an den Weltmarkt, sondern auch hohe Profite, während die Einkommen der Arbeiter gerade zum Überleben reichen.

Weitere Faktoren sind die Zerstörung jeglicher redistributiver Mechanismen, sowohl im Steuersystem (Einführung der Mehrwertsteuer), als auch in den Sozialsystemen; die enorme Konzentrierung von Unternehmen in den Grupos Economics; so wie die Sozialisierung der Schulden der Krise von 1982.

So hat sich die soziale Ungleichheit in Bezug auf die materiellen Einkommen während der Diktatur folgendermaßen akzentuiert: Das ärmste Fünftel der Gesellschaft, das 1969 noch 7,6% des nationalen Einkommens erhielt, verringerte seinen Anteil auf nur noch 4,4% in 1988. Das oberste Fünftel hingegen vermehrte seinen Anteil von 44,5% (1969) des nationalen Einkommens auf 54,9% im Jahr 1988 und bündelte damit Anteile, die zuvor von unteren Schichten gehalten wurde (Bonder 1999). Während am Ende der Diktatur fast die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebte, konzentrierte ein Fünftel der Bevölkerung über die Hälfte des nationalen Einkommens.

Redemokratisierung und neoliberaler Konsens

Ausschlaggebend für das Ende der Diktatur war das Wiedererstarken sozialer Proteste, ausgelöst durch die Krise von 1982. Die gemäßigt ausgerichtete Acción Democrática (AD), dominiert von Christdemokraten und Sozialisten, kanalisierte die Proteste auf ein gemeinsames Ziel: Pinochets Abtritt. Sie stellten nicht nur sozio-ökonomische Forderungen in den Hintergrund, sondern hatten auch bei der „pragmatischen“ Kapitalfraktion von Agrounternehmern und Großindustriellen um Unterstützung für die Redemokratisierung geworben. Da diese Gruppen ein Interesse an einem positiveren internationalen Bild von Chile hatten, waren sie bereit, die Redemokratisierung zu unterstützen, sofern die AD das ökonomische Modell unangetastet ließ.

Diesem Versprechen wurde die ehemalige AD auch gerecht, nachdem sie als „Concertación de partidos por el No“ das entscheidende Plebiszit gegen Pinochet, sowie die darauffolgende Wahl gewonnen hatte. Sie vertieften das Export-Modell sogar. Die Zolltarife wurden von 15% auf 11% (1997) gesenkt, und die ausländischen Direktinvestitionen verfünffachten sich. Die Concertación wollte eine „Zweite Phase“ des Export-Modells einleiten, mit verstärkter Wertschöpfung in Chile. Es sollten verarbeitete Produkte exportiert werden, um sich aus der Abhängigkeit der Rohstoffextraktion zu lösen. Bis zum Ende der 90er Jahre verzeichnete Chile auch ein beständiges wirtschaftliches Wachstum, und die industriellen Exporte verdoppelten sich. Jedoch basieren auch diese Exporte auf der Extraktion von Rohstoffen und kurzen Produktionsketten, wobei nur eine minimale Wertschöpfung in Chile stattfindet. Die verbreitete Analogie zu den „asiatischen Tigerstaaten“ ist weit verfehlt. Während diese nach Jahrzehnte langem selektiven Protektionismus Computer und andere Hightech-Produkte exportieren, beschränkt sich Chiles vom Neoliberalismus geprägte Exportpalette auf Papier, Holz, neuerdings wieder verstärkt auf Kupfer sowie die Früchte und die günstigen Weine, die wir aus dem Supermarkt kennen.

Die hohe Abhängigkeit von externen Märkten zeigte sich direkt bei den Wirtschaftskrisen in Asien, Brasilien und Argentinien zwischen 1997 und 2002. Auch wenn die Effekte nicht so zerstörerisch wie 1982 waren, offenbarten sie dennoch, wie fragil dieses Modell ist.

Die Sozialpolitik bleibt ebenfalls stark im neoliberalen Paradigma verhaftet und zielt eher darauf ab, die schlimmsten Auswirkungen in Bezug auf Armut auszugleichen, also darauf, Reichtum umzuverteilen. Um die Sozialausgaben zu erhöhen zu können, wurden die Steuern angehoben. Allerdings fand keine bedeutende Steuerreform statt, und sogar die Mehrwertsteuer, die am meisten auf den Ärmsten lastet, wurde erhöht. Ohne strukturelle Reformen, bleibt die Sozialpolitik eher kompensatorisch und zielt auf eine Bekämpfung der extremen Armut. Die zahlreichen Graswurzelorganisationen, die während der Krisenjahre zur Selbsthilfe entstanden, wurden in die staatliche Sozialpolitik kooptiert und somit ihr Widerstandspotential gehemmt.

Chile: Demonstranten kritisieren die enge Verbindung von Politik und Finanzkapital - Foto: Quetzal-Redaktion, Christine SchnichelsÄhnliches passierte mit der Gewerkschaftsbewegung, die in den 1980er Jahren wieder erstarkt war, aber aufgrund ihrer Nähe zur Concertación den neoliberalen Konsens mitgetragen hat, auch wenn die sie das im aktuellen anti-neoliberalen Diskurs verschweigt. Es gab einige formale Errungenschaften für die Gewerkschaften, wie eine Anhebung des Mindestlohns, verbesserte Streikbedingungen und eine Anerkennung der Gewerkschaften als Verhandlungspartner, aber wenige reale Verbesserungen. Dies führte zu einem Rückgang der Gewerkschaftsmitglieder, mit der Folge, dass 2002 mit 15,3% ein geringerer Anteil der Lohnabhängigen gewerkschaftlich organisiert war, als noch 1989. Die Soziologen Petras und Leiva (1994) urteilen: „Die Concertación hat einen bedeutenden Sieg in der Legitimierung der kapitalistischen Restrukturierung unter Pinochet errungen. Sie haben den Fall des Wertes von Arbeitskraft institutionalisiert und die neoliberale Gesetzgebung konsolidiert, sodass das Kapital die flexible Arbeitskraft hat, die es braucht um international zu konkurrieren.”[1]

Soziale Ungleichheit im redemokratisierten Chile

Die Regierung der Concertación hat effektiv die Armutsrate gesenkt. Nach Daten des Ministeriums für Soziale Entwicklung, das regelmäßig sozioökonomische Umfragen (Caracterización Socioeconómica Nacional, CASEN) durchführt, wurde die Armutsrate von 40% im Jahr 1990 auf 18,8% im Jahr 2003 gesenkt und liegt nach der letzten Studie von 2011 bei 14,4%. Vor allem die Reduktion in den ersten Regierungsjahren erscheint beeindruckend. Allerdings muss man sich vor Augen führen, dass die Armutsrate 2003 noch höher war als 1970 (17%). Zweitens ist die Methodik der CASEN-Umfragen höchst umstritten. Kritiker argumentieren, dass die von der CASEN festgelegte Armutslinie nicht zur Befriedigung der Grundbedürfnisse reicht. Studien, die Haushalte befragten, ob ihr Einkommen zur Deckung der Grundbedürfnisse reiche, bezifferten die Armutsrate rund ein Drittel höher. Drittens weisen selbst die Daten der CASEN darauf hin, dass die Armutsreduzierung eher auf die wirtschaftliche Expansion, denn auf aktive Sozialpolitik zurückzuführen ist, da die Reduzierungsquoten in Zeiten des Wachstum signifikant höher waren als während der Krisenjahre 1998-2002.

In Bezug auf die soziale Ungleichheit lässt sich in einer Längsschnittanalyse feststellen, dass sich in der ersten zehn Jahren der Concertación die Einkommensverteilung verschärft hat. Der Einfachheit halber wird hier der Gini-Koeffizient angeführt. Er stieg von 0,57 im Jahr 1990 auf 0,58 im Jahr 2000 und sank dann schrittweise auf 0,54 im Jahr 2011 ab (CASEN 2011). Hintergrund könnten die verstärkten Versuche redistributiver Politiken unter den sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos und Michelle Bachelet sein. In den 1990er Jahren regierten die Christdemokraten Patricio Aylwin und Eduardo Frei-Ruiz. Wie sich die Präsidentschaft des rechtsgerichteten Sebastián Piñera auf diese Daten auswirkt, bleibt noch abzuwarten. Zum Vergleich dieser eher abstrakten Zahlen: nach OECD-Angaben liegt Chiles Gini-Koeffizient bei 0,501, der von Deutschland bei 0,29, der von Mexiko bei 0,466.

Aufgeschlüsselt für das Jahr 2011 bedeutet dies nach offiziellen Zahlen der CASEN Umfrage, dass das ärmste Zehntel der Bevölkerung 1,7% des nationalen Einkommens hat, während das reichste Zehntel 38,1% für sich beansprucht. Laut CASEN beansprucht 1% der Bevölkerung 15,1% des nationalen Reichtums für sich. Eine Studie der Universidad de Chile berücksichtigt einen vollständigeren Datensatz des Internen Steuerbüros (Servicio de Impuestos Internos) sowie Kapitaleinkommen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass 1% der Bevölkerung 32,8% des nationalen Einkommens besitzt.

Den Hintergrund für diese Zahlen bilden zum einen der Fortbestand der Reichtumskonzentration in den grupos económicos, der durch das kaum veränderte regressive Steuersystem auch nicht angetastet wird. Zum anderen das nur minimal veränderte bzw. zum Teil vertiefte exportorientierte Entwicklungsmodell, das der kleinen besitzenden Klasse hohe Profite verspricht, aber 65% der Haushalte mit weniger als 203.000 Peso (~300€) pro Person pro Monat leben lässt. 1993 stieg die Produktivität drei mal schneller als das Lohnniveau, 1998 war das Verhältnis 5:1.

Somit lässt sich der Neoliberalismus im Sinne David Harveys (2007) als Projekt zur Wiederherstellung der Dominanz der besitzenden Klassen begreifen, dessen Erfolg weniger im wirtschaftlichen Wachstum liegt, als darin, eine regressive Reichtumsverteilung zugunsten der herrschenden Klassen zu etablieren.

Die Zerschlagung der Gewerkschaften, die Institutionalisierung dieser Verhältnisse mit dem Plan Laboral und die Legitimierung durch die Concertación ließen die Arbeiter ohne effektive Möglichkeit, den Wert ihrer Arbeit zu verteidigen. Somit konnten das niedrige Lohnniveau und die flexiblen Arbeitsformen als Voraussetzung für das Wachstum im Rohstoff-Exportmodell aufrecht erhalten werden.

Der ehemalige Wirtschaftsminister Carlos Ominami war sich dieser Widersprüche schon 1996 erstaunlich bewusst: „Chile ist ein Land mit asiatischen Wachstumsraten, aber eher afrikanischer Einkommensverteilung“.

Besetzte Schule in Santiago - Foto: Quetzal-Redaktion, sscDie Zerstörung der redistributiven Gesundheits- und Pensionssysteme sowie die Privatisierung des Bildungssystems trieben die Individualisierung der Gesellschaft voran. “Die Bildungsreform verwurzelte die neoliberale Welt tief in der chilenischen Gesellschaft”, erklärte der Wissenschaftler Michael Bonder bereits 1999. Die massive Expansion von Kreditkarten bis in die ärmsten Sektoren taten ihr Übriges zur Depolitisierung der Gesellschaft. Sie ermöglichten die Illusion von Wohlstand und eines übertriebenen Konsumverhaltens. Viele schienen weit mehr Konsumbewusstsein denn Klassenbewusstsein zu haben, was gewerkschaftliche Organisation und den Kampf gegen die Verhältnisse verunmöglicht.

So war lange das Urteil der kritischen Soziologie über die chilenische Gesellschaft. Doch die jüngste, vor allem von Schülern und Studenten getragene Protestwelle von 2011-2013 zeigt, dass jüngeren Generationen nicht mehr so apolitisch und atomisiert sind, wie die älteren Generationen. Der neoliberale Konsens bröckelt immer mehr. Aber bis zu seiner Überwindung in Chile ist es wohl noch ein langer Weg.

Bildquellen: [1], [2], [5] Quetzal-Redaktion, eg; [3] Sam Beebe, Ecotrust; [4], [7] Quetzal-Redaktion, ssc; [6] Quetzal-Redaktion, cs


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