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Microcuentos – Märchen (5) von Víctor Montoya

Autor:  | Juni 2016 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Chile, Kunst & Kultur, Literatur

Quetzal veröffentlicht exklusiv die deutsche Übersetzung einer weiteren Reihe von “Microcuentos” des chilenischen Schriftstellers Víctor Montoya.

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Vereitelte Flucht

Eine Gruppe von erkennungsdienstlich noch nicht erfassten Gefangenen stellte sich zu einem Gruppenfoto auf. Der Lichtbildner drückte auf den Auslöser, und eine heftige Explosion riss die Gefängnismauern ein. Die Häftlinge machten sich das Durcheinander und die Panik zu Nutze und entflohen einer nach dem anderen. Dabei ahnten sie nicht, dass sie von der Kamera festgehalten worden waren, um bald darauf in der Dunkelkammer fixiert zu werden.

 

Hausfriedensbruch

Mehrere Polizisten mit Helmen und Schusswaffen umstellten das Haus eines Professors, der des Umstürzlertums verdächtig war. Sie sprangen über die Mauer des Hofes, traten die Tür ein und begingen Hausfriedensbruch. Sie verwüsteten die Zimmer, zerwühlten das Bett, brachen die Schubladen der Möbel auf und schmissen alles, was ihnen im Weg war, zu Boden.

- Aha! „Rotkäppchen“!, rief einer von ihnen und trat noch näher an das Bücherbord heran.

Er ist ein Scheißkommunist! Nehmt ihn fest! -

Die anderen richteten ihre Pistolen auf ihn und führten ihn ab.

 

Abrechnung

Man gab mir den Auftrag, dich zu töten, sagte der Killer und richtete ihm die Pistole auf den Nacken. Du musst wissen … ich führe lediglich Befehle aus.

Kein Problem! Ziele gut und drücke ab, erwiderte das Opfer in aller Ruhe und mit einem teuflischen Grinsen, aber richte deinem dämlichen Chef aus, dass ich ihn in der Hölle erwarte, um mit ihm abzurechnen.

 

Der Flüchtling

Seit dem Tag seines Gefängnisausbruchs, mit nichts als dem Traum so frei zu sein wie ein Vogel, war er – für die Sicherheitspolizei und die Spürhunde gleichermaßen – nicht aufzufinden.

Der entlaufene Sträfling flüchtete vor der Justiz und blieb für alle unsichtbar und unhörbar. Er durchmaß Flüsse, Dörfer und Gebirge, hielt sich an die Nacht als seinen treuen Gefährten, und erst als er in den Höhenlagen war, brach ein Unwetter los, das seine Spuren verwischen konnte.

 

Das Gesetz der Flucht

Der Gefangene entkam seinen Häschern und rannte, sich seinen Weg durch die Menschenmenge bahnend, wie von uniformierten Furien gehetzt und untermalt von den Rufen: Haltet ihn! Zum Teufel nochmal, haltet ihn!! Haltet ihn!!!, davon. Dann fiel ein Schuss, und der Fliehende schlug der Länge nach hin. Der Hauptmann gab ihm den Gnadenschuss, drehte die Leiche mit dem Fuß um, sah sie voller Verachtung an und brummte: Endlich wende ich auf dich Dreckskerl das Gesetz der Flucht an!

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Übersetzung aus dem Spanischen: Gabriele Eschweiler

Bildquelle: [1] Quetzal-Redaktion, Edwin Eschweiler


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