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Microcuentos (5)

Autor:  | Mai 2011 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Chile, Kunst & Kultur, Literatur
Literatur - Microcuentos (5)

Microcuentos desde el sur profundo - Concepción - Punta ArenasMicrocuentos - der Name verrät es – sind kleinste Geschichten, eine in Lateinamerika beliebte literarische Form. Man denke nur an den Guatemalteken Augusto Monterroso.

Im Jahr 2009 brachte die Zeitschrift Caballo de proa eine Sammlung von Microcuentos aus der Feder südchilenischer Autoren heraus. QUETZAL wird diese kleinen Geschichten aus dem tiefen Süden in loser Folge vorstellen, als deutsche Erstveröffentlichung.

Wir danken den Autoren, insbesondere Herausgeber Pedro Guillermo Jara, für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Und wir danken Gabriele Eschweiler, die die Geschichten ins Deutsche übertragen hat.


Yuri Soria-Galvarro (Puerto Montt)

Die Arche

Microcuentos 5 - Arche (Foto: Quetzal Redaktion, nic)Gottes Vorliebe für die Landtiere ist bekannt. Seinem Chef treu ergeben nahm Noah nur solche an Bord sowie den einen oder anderen Sumpfräuber. Fische, Medusen, Krustazeen, Mollusken: Fehlanzeige. Als die Erde schließlich komplett unter Wasser war, bevölkerten die Wassertiere – ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen – alle Kontinente, schwammen nach Herzenslust und vollzogen schöne heidnische Riten. Als sie die wie eine unsichere Insel der Erinnerung schwankende Arche vorbei treiben sahen, bedachten viele sie mit Argwohn und Verachtung, andere wünschten ihr Seenot und Kentern. Der älteste und weiseste der Riesenzackenbarsche kommentierte: „Aus solch Niedrigem kann nichts Gutes entstehen; aus diesem tierischen Mischmasch wird sich etwas Seltsames bilden.“ Er sollte Recht behalten. Als das Wasser zurückging und die Arche wieder festen Boden unter dem Rumpf hatte, stieg eine neue Lebensform die Rampe herunter: das Schnabeltier.

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Germán Arestizábal (Valdivia)

Meuterei an Bord

Wir sehen den letzten Schiffsjungen der Bar „Die Pumpe” vor Gläsern, Flaschen, Krügen und vollen Aschenbechern sitzen und angestrengt darüber nachsinnen, wie es sein kann, dass dasselbe Meer, welches gestern zusammen mit der Sonne schlaff herabhängend wie ein großes Tischtuch oder die Schleppe von einem Brautkleid hinter dem Horizont verschwunden war, heute hier unter dem Tisch sorgfältig zusammengelegt seine letzte Ruhe findet.

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Ivonne Coñuecar (Coyhaique)

A. A.

Microcuentos 5 - Schnabeltier (Foto: Quetzal Redaktion, nic)Antonia lernte zuallererst, ihn zu küssen, Alonso, sie mit farbenfrohen Blumen zu beschenken. Antonia ist Allergikerin, was sie ihm aber verschweigt, und für Blumen hat sie auch nicht wirklich viel übrig. Alonso gefällt es nicht, wie sie ihre dicke Zunge in seinen Mund schiebt, wenn er sie küsst, als ob die Zunge der Gradmesser für das Ausmaß von Hingabe sei, aber er denkt noch nicht einmal im Traum daran, ihr etwas davon zu sagen. Und schweigend gehen sie Hand in Hand auf der Straße spazieren und tun aller Welt kund, dass keiner von beiden allein ist. Antonia sagt etwas über das Wetter. Alonso sieht sie an und antwortet ihr mit einer Geste des Wohlgefallens, dabei umfasst er ihre Taille und gibt ihr – ungeachtet der Autos, die hell beleuchtet und voller neugieriger Zuschauer an ihnen vorbeifahren – mitten auf der Straße einen dicken Kuss. Dann schlendern sie weiter und Antonia findet eine Blume, die sie für ihn pflückt und der Juckreiz in ihrer Nase und das Niesen sind ihr einerlei. Alonso ist nicht allergisch und Antonia mag seine Küsse.

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Übersetzung aus dem Spanischen: Gabriele Eschweiler

Zeichnungen: Quetzal-Redaktion, nic


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