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Mapuche

Autor:  |  Sommer 1997

Die Mapuche gehören zur Völkerfamilie der Araukaner, deren Siedlungsgebiet sich über Mittel- und Südchile erstreckt. Ursprünglich waren sie Wildbeuter, ab dem Jahr 1000 gingen sie zum Brandrodungsfeldbau über. Anfänglich lieferten der reiche Wildbestand sowie Pinienfrüchte, Beeren und Krauter weiterhin die Subsistenzbasis und trugen auch später immer einen wichtigen Teil zur Ernährung bei. Eine Landwirtschaft in größerem Umfang, wie ihre nördlichen Nachbarn, die Inka, betrieben die Mapuche nie.

Mapuche (mapu=Erde; che=Menschen) bedeutet Menschen der Erde und als solche wehrten sie sich standhaft gegen fremde Mächte. Um frei von Tributpflicht und ungewolltem kulturellem Kontakt zu bleiben, führten sie Krieg gegen die Inka und auch mit dem Eintreffen der Spanier setzten sie ihre Geschichte des Widerstandes fort. Erst die endgültige Unterwerfung im Jahre 1881 bereitete ihrer Unabhängigkeit ein trauriges Ende.

Die Mapuche entwickelten sich durch ihren Widerstand jedoch zur bedeutendsten Gruppe, die heute 80% der indigenen Bevölkerung stellt. Bei einer chilenischen Gesamtbevölkerung von 14,3 Mio. entspricht das 800.000 Menschen. Ein interessanter Aspekt ihrer Kultur ist der Schamanismus, der – auch wenn die Mapuche heute größtenteils Katholiken sind – weiterhin Teil ihrer indigenen Identität geblieben ist. Träger des Schamanismus sind die „Machi”, die als freie Medizinmänner füngieren. In den letzten hundert Jahren traten verstärkt Frauen in dieser Position auf, vorher wurde sie nur von Männern eingenommen. Ihre Aufgabe besteht in der Versorgung von Kranken und der Leitung religiöser Zeremonien. Dabei werden sie das Medium zur Verbindung der Menschen mit den Göttern. Die Machi versetzen sich durch Schlagen ihrer Trommel und Körperdrehungen in Trancezustände, um in die transzendente Welt vorstoßen zu können. Die Berufung zum Medizinmann erfahren sie durch einen Traum. Danach treten sie in die Lehre bei einer erfahrenen Schamanin, um sich Wissen über Heilpflanzen, Rituale, gesänge, Hypnosetechniken, Weltanschauung und Geisterbeschwörung anzueignen. Heilmethoden sind Massage, Hypnose, Behandlung mit Kräuterpreparaten und schamanistische Heilzeremonien zum Austreiben böser Geister, die die Krankheiten verursachen. Durch eine Reise ins Jenseits werden Hilfsgeister versammelt, die bei der Austreibung helfen sollen. Die Bezahlung der Machi erfolgt in Form von Naturalien und Geld.

Gegen Jahresende findet ein großes Fest, das nguillatún, statt. Dies ist die wichtigste religiöse Zeremonie der Mapuche. Sie besteht aus Tänzen, Gebeten, Danksagungen: für reiche Ernten, Gesundheit und Schutz vor Naturkatastrophen. Zu diesem Anlaß wird in der Mitte eines großen, offenen Platzes ein anthropomorpher Holzschrein errichtet, der nillatúe. Er wird während des Festes von Reitern und Tänzern umrundet. Auf dem Altar werden Lammopfer dargebracht, dessen Fleisch nach der Zeremonie von allen Teilnehmern gemeinsam verspeist wird. Die Machi besteigt den heiligen Schrein, der eine Himmelsleiter symbolisiert. Auf ihr gelangt sie ins Jenseits der Götterwelt. Während sie auf der Trommel schlägt, dreht sie sich solange im Kreis, bis sie in Trance verfällt. Beim Erwachen berichtet sie den Anwesenden, ob die Götter die Gebete erfüllen werden und ob sie mit den Opfergaben zufrieden sind. Vorstellungen der Mapuche zufolge ist der Kosmos vertikal in einer Abfolge von sieben Plattformen ausgerichtet. Zu Zeiten des Weltbeginns wurden sie in abwärts gerichteter Reihenfolge geschaffen. Es gibt drei kosmische Zonen: den Himmel, die Erde und die Unterwelt. Die vier Plattformen des Himmels sind der Raum der Götter, gutartigen Geister und Ahnen. Sie stehen in Opposition zu den zwei Plattformen der Unterwelt, dunkle, chaotische Zonen, die bösartige Geister und Zwergenmenschen bevölkern. Der Konflikt zwischen diesen beiden Zonen projiziert sich auf die Erde, hier tragen die dualen Kräfte ihren Kampf aus. In ähnlicher Form finden sich solche Vorstellungen auch unter verschiedenen Kulturen Zentral- und Nordasiens sowie Indonesiens und Ozeaniens wieder. Das Universum selbst orientiert sich an den vier Himmelsrichtungen, denen wiederum verschiedene gute und böse Kräfte zugeordnet sind. Der Osten, der positiv bewertet wird, nimmt hierbei eine vorherrschende Stellung ein. Sämtliche Gebete aller Zeremonien richten sich immer nach Osten hin aus.

Alle kosmischen Plattformen bestehen aus dem gleichen Material wie die Erde: aus Feldern, Wäldern, Wiesen und Flüssen. Die Götter und Geister leben in rucas, Häusern wie die der Menschen, nur sind sie aus edleren Hölzern erbaut. Die Mapuche haben paradiesische Himmelsvisionen von Plattformen, auf denen die Ahnen im Überfluß leben. Solche Vorstellungen lassen sich zum Beispiel auch bei den Maya in Yucatan und den Yanomami an der Grenze zwischen Venezuela und Brasilien finden. Die vier wichtigsten Farben der Mapuche sind weiß und drei

Variationen von blau (violett, dunkelblau, hellblau). Sie repräsentieren die vier oberen Plattformen der gutartigen Götter und Geister und tauchen in der Kleidung, dem Anstrich der Häuser und der Ornamentik auf. Sie bestimmen auch die Farben des nguillatún. Schwarz symbolisiert Nacht und Dunkelheit, es steht für Hexerei, böse Geister und den Tod. Rot ist die Farbe des Kampfes und Streits. Grün steht für Natur, es ist die Farbe der Erde, der Landschaft und Vegetation. Auf der Erde findet eine Synthese all dieser Farben statt, hier fließen die Kräfte zusammen und tragen ihren Kampf aus. Rot ist wohl die Farbe, die das Leben der Mapuche in der Vergangenheit und leider auch in der Gegenwart am meisten bestimmt hat – zumindest in Bezug auf das Zusammenleben mit den anderen Chilenen.

Nachdem die Mapuche zuerst immer weiter in ihrem Siedlungsgebiet zwischen den Flüssen Bio-Bio und Toltén zurückgedrängt worden waren, wurde mit der Regierung der Unidad Populär unter Präsident Salvador Allende durch das Indigena-Gesetz von 1971 die Rückgewinnung des Landbesitz ermöglicht. So erhielten die Mapuche etwa 100.000 von insgesamt 10 Mio. Hektar enteignetem Land zurück. Doch mit dem Militärputsch von 1973 wurden sie wieder Opfer einer rassistischen Unterdrückung und einseitiger Wirtschaftspolitik. Das Pinochet-Regime betrieb konsequent die Ausbeutung der natürlichen Reichtümer des Landes. 1979 erließ die Militärregierung Gesetze, die die Aufteilung des Gemeinschaftslandes der Mapuche in Individualzellen und ihren Verkauf erlaubten. Dies hatte die Zersplitterung der Comunidades in Kleinstbauernhöfe zur Folge. Bis 1987 gingen etwa 90% des Landes in Privatbesitz über. Die Landknappheit wurde somit zum Hauptproblem der Mapuche. Landverpachtung, Landflucht und Saisonarbeit sind die Folgen. Auf Grund der starken Migration in die Städte kann man heute die Mapuche nicht mehr als eine reine Landbevölkerung betrachten. Im Oktober 1993 trat ein neues „Ley Indigena” (Indianergesetz) in Kraft, mit dem die indigenen Völker Chiles zum ersten Mal mit ihren eigenen Kulturen anerkannt wurden. Im einzelnen nennt das Gesetz folgende indigene Völker: Aymaras, Quechuas, Atacamenos, Collas, Rapa Nui (Bewohner der Osterinsel), Mapuche, Kawéscar und Yámanas. Drei Hauptkomponenten bestimmen das Gesetz. Zum einen die Einrichtung eines Fonds für Land und Wasser, ferner eines Fonds für spezielle Hilfsprogramme sowie die Erstellung von Bildungsprogrammen. Die Corporaciön Nacional de Desarrollo Indigena (CONADI) wurde gegründet, beauftragt mit der Entwicklung der Programme. Die Ansätze des Gesetzes scheinen vielversprechend, doch ist die Formulierung der Paragraphen sehr unscharf gehalten. Konkrete Lösungsansätze sind nicht zu finden. Mittel und Methoden, mit denen zum Beispiel die Diskriminierung der indigenas beendet werden soll, bleiben genauso ungenannt wie die Umsetzung der versprochenen Beachtung der Meinung der Zielgruppen.

Die Schwächen des Gesetzes lassen sich zum Beispiel an Hand des Staudammprojekts am Bio-Bio verdeutlichen. Seit 1991 wird dieses Projekt umgesetzt, das erste der sechs geplanten Wasserkraftwerke soll im April 1997 ans Netz gehen. Der Staudamm soll einmal zum wichtigsten Stromlieferanten des Landes werden. Doch für den Bau des zweiten Abschnitts müssen 700 Menschen, darunter 450 Pehuenche, eine Gruppe der Mapuche, umgesiedelt werden. Sowohl das „Ley Indigena” als auch das Umweltgesetz sprechen gegen das Kraftwerkprojekt, doch hier geht es um viel Geld, unter anderem von ausländischen Investoren. Auftraggeber der Kraftwerke ist ENDESA-, eine private chilenische Elektrizitätsfirma. Sie hat in Verhandlungen bereits 80% der von der Umsiedelung Betroffenen zu einer Aufgabe ihrer Grundstücke und Häuser bewegen können. Nur noch wenige wollen unter allen Umständen auf dem Land ihrer Vorfahren bleiben und wehren sich gegen den Verkauf. Doch sie haben es schwer in ihrem Kampf. Zwar werden sie von verschiedenen NGO’s unterstützt und es liegen auch mehrere Studien vor, die das Projekt als unnötig bewerten. Erdgasversorgung aus Argentinien und eine effizientere Nutzung der bereits vorhandenen Kapazitäten wären eine ernsthafte Alternative. Dennoch deutet alles auf den Sieg von ENDESA hin. Die Mapuche werden wohl auch in Zukunft weiter hart für ihre Rechte kämpfen und ihre Tradition des Widerstandes pflegen müssen.

Informationen aus: pogrom,193, März/April 1997 Reisebericht Birte Westermann, 1996
Mapuche in Chile, Hrsg. Institut f. Soziologie, Universität Hannover, 1988


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