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Lateinamerikanisten im Porträt (2)

Autor:  | August 2019 | Artikel empfehlen

Mit Marta Harnecker, einer Lateinamerikanistin, die auch Lateinamerikanerin war und für die linken Kräfte und Ideen in Lateinamerika eine ungeheure Prägekraft entfaltete, setzen wir unsere lose Quetzal-Folge fort. Ein Porträt Alexander von Humboldts ist das nächste.

Marta Harnecker – Dogmatikerin oder Innovatorin der lateinamerikanischen Linken?

Am 15. Juni 2019 verstarb Marta Harnecker in Vancouver. In ihrer letzten Mail vom 24. April 2019 verabschiedete sie sich von ihren Freunden, darunter von mir, mit einer „Umarmung, wie immer, voller Träume und Hoffnungen“. Persönlich habe ich sie nicht gekannt. Doch nachdem ich sie einmal „über den Ozean hinweg“ für den Quetzal interviewt hatte (Zinecker 1996), nahm sie mich in ihren Email-Verteiler auf, sodass ich viele Jahre über ihre Kämpfe – für ein gerechtes Lateinamerika und gegen ihren Krebs – informiert war. Für die Einen ist Marta Heldin, ja Heilige, zumindest ein Wunder, für die Anderen, wie beispielsweise Jorge Castañeda (2019), möge nicht nur sie, sondern auch ihr Werk in Frieden unter der Erde ruhen. Manch‘ anderer wünscht sie gar zur Hölle. Für mich war und ist sie „mein schlechtes Gewissen“ …

Ursprünge und Quellen

Marta Harnecker Cerda wurde 1937 als Tochter von Germán Harnecker Jenschke, dessen Vorfahren Österreicher waren, und Inés Cerda Sanz in Chile geboren. Ihre Mutter war ihr zu „bürgerlich“. Im Unterschied zu ihr zog Marta es vor, ihren katholischen Glauben im Dienste der Armen zu leben. Ihr politisches Leben begann sie in der Juventud Estudiantil Católica (JEC) und dann in der Acción Universitaria Católica (AUC) an der chilenischen Universidad Católica, wo sie an der von dem belgischen Jesuiten Roger Vekemans geleiteten Escuela de Sociología Phänomenologische Psychologie studierte. Sie lehnte es ab, als Soziologin bezeichnet zu werden, was jedoch immer wieder geschah. Als Psychologin hat sie nie gearbeitet. Früh verstand sie, dass Psychologie im besten Falle Zuhören, Interpretieren, vielleicht noch Bestärken bedeutet, aber nicht das Verändern von Menschen im Kampf gegen die Ungerechtigkeit von Gesellschaft. Somit entsprach Psychologie nicht ihrer Mentalität. Zunächst suchte sie ihren Ausweg in der phänomenologischen Version von Psychologie, in der nicht der Person in ihrem Erleben und Verhalten der Fokus gebührt, sondern einer intentionalen Person-Umwelt-Relation, die Situationsanalyse voraussetzt. Diese Idee hat Marta Harnecker in ihr späteres Werk mitgenommen. In ihrer Tätigkeit als Interviewerin vieler Politiker, aber auch einfacher Leute, sollte ihr psychologisches Gespür von Nutzen sein.

Als eine in die Politik involvierte Katholikin fand sie, wie viele politisch aktive Glaubensgenossen im Lateinamerika jener Zeit, ihren ersten Lehrer in Jacques Maritain, einem französischen Philosophen und christlichen Vertreter der Seins-Philosophie. Maritain vertrat „die autonome Ausübung des Existenzaktes“ und sah „ein geistbegabtes Subjekt“, „das sich nicht in mentalen Operationen erschöpft, sondern einer nie versiegenden Quelle gleicht, die sich in Akten von Erkenntnis und Liebe verströmt“ (Wikipedia). Das verweist doch sehr auf Marta, die sich immer für die Autonomie des Subjektes einsetzte und in den Mails an ihre Freunde liebevolle „Umarmungen“ schickte.

Harnecker_Conceptos materiales_CoverScanAls christliche Studentin, politisch der Christdemokratie nahe, stieß sie in Chile immer wieder auf kommunistische Studenten, die „ihre“ katholischen Organisationen scharf kritisierten. Harnecker bezeichnete es im Nachhinein als intellektuelle Rechtschaffenheit, dass sie den von ihren politischen Gefährten so scharf kritisierten Marx erst einmal selbst lesen wollte. Das tat sie gründlich in Paris, was nicht ausschloss, dass sie auch dort noch täglich in die Kirche ging. In Frankreichs Hauptstadt, an der Sorbonne, wo Harnecker ab 1963 studierte, lernte sie zuerst den Philosophen Paul Ricœur kennen, der ihr die Lektüre von Kant, Hegel und Merleau-Ponty aufgab, der sie sich nicht gewachsen fühlte. In ihrem Zweifeln wandte sie sich an den Marxisten Louis Althusser. Dieser wollte daraufhin eine Arbeit von ihr lesen, die er dann mit den Worten kommentierte: „Du hast große pädagogische Fähigkeiten. Mach dir keine Sorgen. Du hast noch Zeit, eine gute Philosophin zu werden.“ (Ruíz 2016, übersetzt von H.Z.) Doch Philosophin wurde sie nie, sagte sie selbst, aber die pädagogische Berufung sei ihr geblieben. Das ist wohl der Schlüssel, will man Harneckers Werk und Wirken verstehen.

Ricœur ließ sie später Ricœur sein, und Marx las sie. So wie es ihr Althusser geraten hatte, begann sie mit dem „Kapital“. Am Ende übersetzte sie Althussers Bücher „Pour Marx“, wozu sie die Einleitung schrieb, und „Lire le Capital“ in Spanische. Wer übersetzt, setzt sich mit einem Text intensiver auseinander als der, der ihn nur liest. Marta traf Althusser zwei-, dreimal pro Woche, er kochte für sie, und sie nennt ihre Beziehung zu ihm eine nicht nur intellektuelle, sondern auch „affektive“. Doch Althusser verfiel bald einer schweren Depression mit tragischen Folgen.

Immer wieder wurde Louis Althusser nicht nur von seinen Feinden, sondern auch von seinen Schülern als „Strukturalist“ kritisiert. Ein solcher Schüler war der Post-Strukturalist Paul-Michel Foucault. Doch immerhin waren gerade Althussers Ideen für diesen ein Sprungbrett vom Strukturalismus zum Post-Strukturalismus, den Althusser selbst aber ablehnte. Harnecker verstand nach ihren eigenen Worten Althusser und nicht die Post-Strukturalisten. Ein anderer Schüler von Althusser war Régis Debray, jener Gefährte von Che Guevara in Bolivien, der in seinen Schriften die Autonomie des subjektiven Faktors, die schon für Che übergroß war, noch überhöhte. Was sie alle eint und wo sich Harnecker auch selbst wiederfinden mag, ist die Bedeutung, die sie Ideen, Ideologien und Subjekten historischer Prozesse zumessen. Letztere sind auch bei Harnecker kein mechanistischer Ausfluss der materiellen Basis, sondern besitzen Autonomie, bei ihr zwar eine geringere als beim damaligen Debray, doch eine höhere als in dem Marxismus, der in den realsozialistischen Ländern gelehrt wurde.

In ihrem Standardwerk „Los conceptos elementales del materialismo histórico“ hat Harnecker neben ihren Auslassungen zu Produktionsverhältnissen und Klassen, die auf Max, Engels und Lenin zurückgehen, ein Kapitel über die ideologische Struktur eingefügt, das sie laut eigener Quellenangabe direkt von Althusser übernommen hat. Über Althussers Ideen und natürlich auch über ihre Ausbildung als Psychologin mag sie dazu gekommen sein, bis zu ihrem Lebensende den Protagonisten, den Subjekten des revolutionären Kampfes samt deren widersprüchlicher Ideen mehr Raum zu geben als den materiellen Verhältnissen und damit auch mehr Raum als in den von ihr stets besonders kritisierten sowjetischen Manualen. Ihr Werk „Los conceptos elementales del materialismo histórico“ (1985) beendete Harnecker 1968, kurz bevor sie nach Chile zurückkehrte. Es sollte die enorme Auflage von 70 erreichen und allein auf Spanisch und Portugiesisch mehr als eine Million Mal verkauft worden sein, die Vielzahl an Raubkopien nicht mitgerechnet.

„Nur“ Pädagogin oder auch marxistische Theoretikerin?

Dieses Buch, so kann behauptet werden, wurde zu der Standardlektüre der lateinamerikanischen Linken: Zumal – Harnecker ist leichter zu lesen als Marx. Berufsrevolutionäre hatten weder Zeit noch philosophische Vorbildung, um sich dem Original zuzuwenden. Ich bin sicher, dass dieses Buch den Rucksack oder die Mochila vieler Guerilleros beschwert hat und über viele Partisanenpfade mitgeschleppt wurde. Es wurde zu einer Art marxistischer „Bibel“. Harnecker, die sich selbst als Pädagogin und nicht als Philosophin verstand, wollte in dieser Schrift die Klassiker des Marxismus-Leninismus vereinfachen, weil sie für die Unterschichten verständlich sein wollte. Sie bezeichnete sie dann auch als ein „theoretisch-pädagogisches“ Buch. Einige ihrer Kritiker setzten Vereinfachen mit Vulgarisieren gleich und nannten es, wie Orlando Millas, „undialektisch“. Als Intellektuelle kommt man hier in Verlegenheit: Einerseits will man mit seiner Publikation nahe am Original bzw. auf akademischem Niveau sein, doch deren Inhalt wie Sprache sind komplex. Andererseits möchte man gelesen und verstanden werden. Und wenn man sich selbst als emanzipatorisch sieht, dann will man eben auch, dass Menschen ohne Zugang zu universitärer Bildung den eigenen Text begreifen. Dieser Widerspruch ist nicht lösbar. Marta entschied sich im Zweifel gegen die Intellektuellen, von denen sie im Übrigen überzeugt war, dass sie sie nicht läsen.

Von Vulgarisierung würde ich nur sprechen, wenn bewusste Verfälschung im Spiel ist und die Wahrheit der Popularität geopfert wird. Dann wären es auch populistische Schriften. Doch dies dürfte Harnecker niemand unterstellen können. Sie setzte auf absolute Redlichkeit. Der Vollständigkeit halber soll hier angemerkt werden, dass ihre marxistische „Bibel“ in zwei Versionen gedruckt wurde, eine vor 1985 und eine danach. Harnecker hatte die Erfahrung machen müssen, dass einige Leser der ersten Ausgabe Teile des Buches auswendig rezitierten, ohne sie verstanden zu haben. Sie änderte daraufhin ihre Kontrollfragen, die nach 1985 statt Memorieren Reflexion abverlangten. Sie begann auch ihre Darlegungen nicht mehr mit der Definition, sondern ließ sie erst am Ende in die Definition münden. Wichtig ist schließlich auch, dass sie zum Zeitpunkt der Niederschrift Lateinamerika, abgesehen von ihrem Heimatland Chile, noch nicht kannte. In ihren späteren Werken hingegen wurde ihre Fähigkeit nicht nur zur lateinamerikanischen Kontextualisierung des Marxismus, sondern auch zur schöpferischen Weiterentwicklung des Marxismus über ihre Erfahrungen in Lateinamerika zu ihrem Markenzeichen.

Begnadete Journalistin und Interviewerin

Den französischen Mai 1968 erlebte Harnecker noch aktiv mit, dann kehrte sie nach Chile zurück. Politisch gehörte sie hier zunächst zur illegalen Gruppe Ranquil, die sich mit dem Sieg Allendes dazu entschloss, sich in der Unidad Popular aufzulösen. Harnecker ging mit dem Teil, der sich der Sozialistischen Partei Allendes anschloss. Sie dachte, sie würde in Chile als Dolmetscherin für Französisch arbeiten. Doch in ihrem Heimatland hatte bereits der Marxismus Einzug in die Universitäten gefunden. So fand sie sich, zusammen mit Clodomiro Almeida, dem späteren Außenminister der Regierung Allendes, bei der Erarbeitung eines Curriculum des Marxismus für Universitäten wieder. Und sie lehrte an jener Universidad Católica, an der sie einst studierte. Zu ihren Studenten gehörte die spätere Präsidentin Chiles Michele Bachelet und auch der Chicago-Boy Sebastian Edwards. Doch bald darauf verließ sie die Universität, um die politische Wochenzeitung Chile Hoy redaktionell zu leiten. Dort waren mit ihr Ruy Mauro Marino und Thetônio dos Santos tätig, zwei brasilianische Ökonomen, die zu den Begründern der Dependenztheorie zählen. Man kann nur spekulieren, wie sie Marta Harnecker inspiriert haben mögen.

Nach dem Pinochet-Putsch 1973 floh Marta zunächst in die venezolanische Botschaft und von dort aus nach Kuba, wo sie Manuel Piñiero schon erwartete, mit dem sie schon zu diesem Zeitpunkt eine Liebesbeziehung hatte. Aus der Ehe mit ihm – sie bestand bis zu seinem Tod durch Autounfall 1998 – stammt Tochter Camila. Piñiero (Barbaroja) war der Chef der Abteilung Amerika beim ZK der KP Kubas. Sämtliche latein-, vor allem zentralamerikanische Guerilla-Comandantes wurden von ihm betreut. Später wurde er Chef der Kubanischen Staatssicherheit. Über ihn lernte Harnecker ihre Interviewpartner kennen, die sie, so meine ich, auf eine sowohl für Marxisten als auch für Journalisten generell völlig neue Art und Weise befragte: Sie versuchte einerseits, anders als viele westliche Journalisten, ihre Gesprächspartner durch ihre Fragen nicht bloßzustellen. Andererseits war sie, anders als der eine oder andere linke Journalist, durch vorherige Recherche so gut informiert, dass sie revolutionäres „Geschwafel“ nicht hinnahm und so lange bohrte, bis die Gesprächspartner, z.T. selbstkritisch, bereit waren, auf den Grund der Probleme zu gehen. „Meine Gesprächspartner wußten, daß ich keine Journalistin auf der Jagd nach Nachrichten war, sondern eine Forscherin im Dienste der Revolution, die als Brücke im Erfahrungsaustausch unter den lateinamerikanischen Linken dienen wollte“ (alte Rechtschreibung im Original), so Harnecker im genannten Quetzal-Interview. Ihre Partner konnten ihr keine Märchen erzählen, weil sie wussten, dass Harnecker die Interviews Kennern der Materie zeigen würde. Manche dieser Interviews dauerten über drei oder vier Sitzungen. Sie gab den Interviewten damit Zeit für Reifeprozesse. Im Quetzal-Interview zählte Marta 38 politische Führungspersönlichkeiten und etwa 100 „der zweiten Reihe“, die sie befragt hat. Es sollten noch mehr werden. Von Piñiero, so sagt sie, habe sie keine einzige Information zu seinen Gästen bekommen.

Marta Harnecker_Bild_Cancilleria_Ecuador_CCIch selbst entdeckte Marta Harnecker über diese Interviews, mit denen sie schon 1972 in Chile begonnen hatte. 1991 in Kolumbien befragte ich meine Bekannten in der Linken, ob es Schriftmaterial über die FARC und die Unión Patriótica sowie über den ELN und A Luchar gebe. Sie nannten mir den einen Kiosk in Bogotá an der Ecke Calle 19/Carrera 7, der revolutionäre Presse und auch Harneckers Interviews vertrieb. Ein FARC-Interview vermisste ich allerdings. Später las ich mit großem Interesse ihre Interviews aus „Pueblos en armas“ mit den zentralamerikanischen Comandantes. Zu den bemerkenswerten Gesprächen gehören auch die mit der urugayischen Frente Amplio und dem brasilianischen PT. Auf ein weiteres, für Harnecker entscheidendes Interview wird noch zurückzukommen sein …

Von ihren Interviews mit Führern der lateinamerikanischen Linken inspiriert, entdeckte Harnecker schließlich ihr Interesse für sog. „Testimonios“ (Erinnerungszeugnisse), eine spezifische Art der Erinnerungsforschung, in der (später auch audiovisuell) die mündliche Erinnerung im Vordergrund stand, und zwar nicht nur von Führungskräften, sondern auch von Protagonisten der Zivilgesellschaft. Im Unterschied zu ihren früheren Interviews ließ sie in ihren „Testimonios“ die

Menschen ohne journalistische Intervention sprechen und kommentierte, ja analysierte sie nicht. Der Zuhörer sollte sich unbeeinflusst von Dritten ein eigenes Bild machen können. Mit diesem Ziel gründete Harnecker 1991 in Havanna das Centro de Investigaciones ‚Memoria Popular Latinoamericana‘ (MEPLA). Das Institut gibt es noch. Es ist klein, aber unabhängig vom kubanischen Staat. Finanzierungsprobleme sind an der Tagesordnung. Ich nehme an, dass das für Marta Harnecker wichtigste Interview jedoch jenes war, das sie 2002 über 18 Stunden hinweg führte … mit dem 62. Staatspräsidenten Venezuelas, mit Hugo Chávez. Einen Staatschef hatte sie bis dahin noch nie vor ihrem Mikrophon. Darin beeindruckte sie Chávez gerade durch ihre überaus kritischen Fragen.

Beraterin und Kritikerin

Daraufhin bat sie dieser, ohne Gehalt, nur für Kost und Logis, sein internationales Beraterteam zu verstärken, das sie wenig später leiten sollte. Chávez war ein intellektueller Oberstleutnant, der Fanón und Mariátegui, Marx und Nietzsche frei zitieren konnte … Marta sollte das neugegründete Ministerium für die Partizipation des Volkes beraten und bekam ein Büro im Palacio de Miraflores, in dem sie auch wohnte. Nach ihrer eigenen Aussage beriet sie Chávez in Fragen der Partizipation und der Medien. Jener war interessiert, zog aber dem persönlichen Gespräch das Telefon vor. Er wollte beraten werden, nicht aber mit seinen Beratern diskutieren. Vier Jahre später wurde Marta in das Hotel AnaucoSuites umgesiedelt – man brauchte den Platz im Regierungspalast. Bis 2011 war sie für den Präsidenten tätig. Die Atmosphäre war schwierig geworden: Denn Marta tat das, was sie immer getan hatte: sie kritisierte, unzufrieden damit, dass Partizipationsprojekte nicht verwirklicht worden waren, dass Chávez seinen Ministern mitgeteilt hatte, es sei Marta gewesen, die sie kritisiert habe …, oder dass das gemeinsam geplante internationale Centro Internacional Miranda für ausländische Berater zwar in Martas Hände gelegt werden sollte, doch sie am Ende, weil Ausländerin, nicht das Recht erhielt, es auch zu leiten.

Mit dem Ziel Vancouver, wo ihr neuer Lebensgefährte, der marxistische Ökonom Michael Lebowitz zu Hause war, verließ sie daraufhin Venezuela und damit auch Chávez – wie sie angibt, „im Guten“. Ihre „posthumous message“ (Harnecker 2013) an ihn ist äußerst warmherzig. Doch Harnecker verbarg nie Chávez‘ Ambivalenz: Er habe sich für eine partizipative Demokratie begeistert, aber als Person sei er ein Autokrat gewesen (vgl. Folha de São Paulo 2012). Paradox ausgedrückt, war Chávez wohl jemand, der die höchste Form der Demokratie autoritär umsetzen wollte. Ich denke, dass Marta mit ihrem Interesse für Chávez „ihre“ chilenische Erfahrung mit Allende verarbeiten wollte, der friedlich zur Präsidentschaft gekommen war und sich dann aber gegen die Putschisten nicht wehren konnte, während Chávez einen bewaffnet-friedlichen Weg gehen wollte: Denn im Unterschied zu Allende hatte Chávez die Unterstützung der Armee und zudem verstanden, dass Präsidentschaft allein noch nicht Macht bedeutet. Genau deshalb begann er, über eine Constituyente, mit einer grundsätzlichen Transformation des alten Staates und seiner Regeln.

Chávez und Harnecker haben sich in Venezuela von der Maxime des „Sozialismus‘ des 21. Jahrhunderts“ leiten lassen, einer Maxime, mit der sie die alte stalinistische Vergangenheit des sowjetischen Realsozialismus hinter sich lassen wollten. Vielfach, u.a. in Kuba, glaubt man, dieser Slogan stamme von dem in Mexiko lehrenden Deutschen Heinz Dieterich, der darunter recht seltsame, eher technokratische denn partizipative Ideen fasste. Doch auch Harnecker ist nicht die Urheberin. Sie verweist darauf, dass der Erfinder der chilenische Soziologe Tomás Moulián war.

Dogmatikerin oder Innovatorin?

Marta Harnecker hat rund 80 Bücher verfasst und geholfen, die lateinamerikanische Linke jenseits (auch linker) eurozentristischer Prämissen zu formen. Castañeda zählt sie im Unterschied zu den Vertretern der „sozialdemokratischen“ Parteien in Chile, Brasilien, Uruguay und El Salvador, die für ihn eine „right left“ symbolisieren, zur „hard left“, die sich aus Katholizismus, Populismus und der kubanischen Revolution speise. Interessanterweise fehlt bei Castañedas Aufzählung der Marxismus. Was ihn betrifft, hat Marta sich immer ausdrücklich gegen Totalitarismus und Staatskapitalismus, bürokratisch-zentralistische Planung, standardisierenden Kollektivismus, der Unterschiede nicht beachtet, Intoleranz gegenüber legitimer Opposition, atheistischen Oktroy, Raubbau an der Natur und Ein-Parteien-Systeme gewandt. (vgl. Harnecker 2012) Dass unter letztere auch das von ihr nur gepriesene Kuba fiele … ein Freud‘scher Fehler oder mehr?

Stets nahm sie die Niederlagen linker Kräfte, sich selbst eingeschlossen, zum Ausgangspunkt für ihre Überlegungen. „Wir haben Demokratie gepredigt und handelten autoritär, wir wollen eine solidarische Gesellschaft, sind aber egoistisch, wir wollen, dass die Natur geschützt wird, sind aber konsumptionistisch.“ (Harnecker, zitiert in Mate amargo digital 2019, übersetzt von H.Z.) Sie unterschied trefflich zwischen Populisten und revolutionären Führern: „There is the populist leader, who uses the people for his political objectives and the revolutionary leader who, using his abilities, promotes the growth of the people. (…) The populist, like Perón gives things away, but not helps for the people to become independent“ (Folha de São Paulo 2012). Harnecker fühlte sich der christlichen Botschaft verpflichtet, weil diese lehre, die Menschen zu lieben. Doch nur die Politik sei das Instrument, diese christliche Idee zu erfüllen, allerdings nicht die der traditionellen linken Parteien. Harneckers Schriften waren nie Rezeptbücher, sondern basierten auf dem breitest möglichen Erfahrungsschatz aller lateinamerikanischen Linken.

Marta war in der Lage, sich selbst zu revidieren. Aber war sie auch Innovatorin des Marxismus und kreierte sie gar eigene, vielleicht sogar über den Marxismus hinausgehende Gedanken? Ihr Marxismus war von Anfang verfeinert: durch Althusser, Gramsci, Bettelheim, die Phänomenologische Psychologie, christliche Ideen und Dependenztheorie. Dieses – bereits erneuerte – marxistische Fundament hat sie nie verlassen, aber mit den spezifischen Problemen der Entwicklungsländer, insonderheit Lateinamerikas, in einen stringenten Zusammenhang gebracht. Wenigsten vier Thesen finden sic) so nur bei ihr (vgl. v.a. Harnecker 2012):

  1. Ihr grundlegend Gramscianisches Verständnis, auch und gerade linke Hegemonie – statt als Herrschaft – als freiwillige Gefolgschaft über Konsens zu definieren, hat sie mit der zapatistischen Losung des „Regieren durch Gehorchen“ noch stärker akzentuiert.

  2. Demokratie ist für sie zentral. Doch so sehr sie die bürgerlich-repräsentative Demokratie ablehnt und für eine Kombination von direkter und partizipativer Demokratie plädiert – um die Notwendigkeit von Repräsentation auf der nationalen Ebene kommt auch sie nicht herum. Hier unterscheidet sie sich von den Zapatisten. Sie versteht allerdings repräsentative Demokratie anders als das westliche Original, mithin als delegative Demokratie von Sprechern (statt Repräsentanten), die sich nicht von der Basis lösen dürfen, ihr rechenschaftspflichtig bleiben, absetzbar sind und kein Abgeordnetengehalt bekommen. So ist die westliche repräsentative Demokratie wahrlich nicht.

  3. Damit Demokratie auf dem Weg von unten nach oben nicht auf der Strecke bleibt, betrachtet Harnecker als das Essential in ihrem Modell die – im Unterschied zu den politischen Kräften – herausragende Rolle der sozialen Kräfte und deren Autonomie. In Anlehnung an Gramsci nennt sie das den alternativen „sozialen Block“. Das Volk selbst müsse dafür sorgen, dass es vom Objekt zum Subjekt der Geschichte wird. Das ist für Harnecker dann auch ein weiterer wesentlicher Unterschied zur bürgerlichen Demokratie, selbst zur sozialstaatlichen: Denn statt um staatlichen Paternalismus, der Güter von oben verteilt, geht es ihr um den Protagonismus des Volkes selbst, der schließlich in dessen Selbstregierung münden solle.

  4. Einerseits meint Harnecker, es müsse zuerst das Kräfteverhältnis so gestaltet werden, dass der soziale Block sein Ziel umsetzen kann. Andererseits müsse der soziale Block selbst dieses Kräfteverhältnis verschieben. Allein mit einem solchen Zirkelschluss wird man nicht einmal Kuba und Nikaragua gerecht. Für Zeiten des Stillstands und von Niederlagen ist er gar fatal – nur überwindbar durch unbändigen Optimismus, den Marta bis zum Schluss hatte.

Nein, eine Dogmatikerin war Marta Harnecker gewiss nicht, es sei denn, man bezeichnet jegliches, darunter auch schöpferisches Bewahren von Ideengebäuden als Dogmatismus. Innovatorin jedoch war sie lediglich so lange, wie es ihr für den täglichen Kampf der lateinamerikanischen Linken von Nutzen erschien. So lange wollte sie dies auch nur sein.

Realismus und Resignation oder Utopie und Optimismus?

Marta war eine gute Zuhörerin, es interessierte sie tatsächlich, was ihr berichtet wurde. Sie wollte vom Gegenüber lernen und hatte immer ein Wort der Ermutigung parat, aber eben auch klare Kritik, wenn sie es für nötig erachtete. Sie stritt aus und mit Passion und hasste Stillstand bei anderen und sich selbst. Nicht zuletzt ihre Mails an den Freundeskreis, in denen sie wieder und wieder über die Behandlung ihres Brustkrebses und ihrer Hirntumore berichtete, zeigen: dass sie sich im selben Atemzug stets ihren politischen Themen und Publikationen zuwandte, die sie, schwer hustend, in die Tasten hämmerte oder ins Mikro sprach: Sie war eine große Kämpferin und auch in den Zeiten der Niederlagen eine Realistin ohne Resignation, auch eine Utopistin, aber eben ohne Heilsanspruch. Sie ist „mein schlechtes Gewissen“, selbst wenn sie sich für Europa kaum interessierte und lateinamerikanische Termine stets vorzog. Das „Unmögliche möglich machen“, das war nicht nur Titel eines ihrer Bücher (Harnecker 1999), sondern ihr Credo überhaupt. Gleichzeitig hielt sie es aber mit Samir Amin für denkbar, dass die sozialistische Utopie erst in Jahrhunderten oder auch gar nicht umsetzbar sei. Jeder nächste Schritt dorthin, das sei das Wichtigste. Das Unmögliche anzustreben, ohne es für umsetzbar zu halten – wie ist dieser Widerspruch auszuhalten?

Wie darf man Marta Harnecker würdigen? Um, etwas abgewandelt, Brecht, den sie kannte, zu paraphrasieren: Marta benötigt keinen Grabstein. Wenn wir einen benötigten, dann könnte darauf stehen: Sie hat Vorschläge gemacht. Manchmal wurden sie angenommen.

 

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Literatur:

Castañeda, Jorge (2019): Marta Harnecker and the Death of the Latin American Hard Left. In: The New York Times, June 25. Unter: https://www.nytimes.com/2019/06/25/opinion/international-world/marta-harnecker-latin-american-left.html (Zugriff: 28.07.19).

Folha de São Paulo (2012): Interview mit Marta Harnecker on the Latin American Left. In: Upside Down World, September. Unter: http://upsidedownworld.org/news-briefs/news-briefs-news-briefs/interview-with-marta-harnecker-on-the-latin-american-left/ (Zugriff: 28.07.19).

Harnecker, Marta (1984): Pueblos en armas. México D.F.

Harnecker, Marta (1985): Los conceptos elementales del materialismo histórico. México D.F..

Harnecker, Marta (1999): Haciendo posible lo imposible. La Izquierda en el umbral del siglo XXI. La México D.F.

Harnecker, Marta (2012): Conquering a new popolar hegemony. In: Links International Journal of Socialist Renewal. Unter: http://links.org.au/node/3038 (Zugriff: 28.07.19).

Harnecker; Marta (2013): Posthumous Message to Hugo Chávez. In: Monthly Review. Unter: https://monthlyreview.org/press/marta-harnecker-a-posthumous-message-to-hugo-chavez/ (Zugriff: 28.07.19).

Mate amargo digital (2019): A Marta Harnecker: Un abrazo callado en lejanías tan cercanas. Unter: https://www.mateamargo.org.uy/2019/06/16/marta-un-abrazo-callado-en-lejanias-tan-cercanas/ (Zugriff: 28.07.19).

Rodríguez Derivet, Arleen (2018). Marta Harnecker, una vida de luchas (Interview). In: Crónica Popular, Semanario Digital, No. 192, 20 de Julio. Unter: https://www.cronicapopular.es/2018/09/marta-harnecker-una-vida-de-luchas/ (Zugriff: 28.07.19).

Ruíz, Rodrigo (2016): Marxismo, Revolución y la Izquierda. Interview mit Marta Harnecker. Unter: http://www.rebelion.org/docs/249537.pdf (Zugriff: 28.07.19).

Wikipedia: Jacques Maritain. Unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Maritain. (Zugriff: 28.07.19).

Zinecker, Heidrun (1996): Interview mit Marta Harnecker (Chile/Kuba). Autorin und Interviewerin der lateinamerikanischen Linken. In: Quetzal. Ausgabe 15/16/Frühjahr. Unter: http://www.quetzal-leipzig.de/printausgaben/ausgabe-15-16-linke-in-lateinamerika/interview-mit-marta-harnecker-chilekuba-autorin-und-interviewerin-der-lateinamerikanischen-linken-19093.html (Zugriff: 28.07.19).

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Bildquellen: [1] CoverScan; [2] Cancillería del Ecuador


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