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Kalenderblatt: 25. November 2015 – 100 Jahre Pinochet

Autor:  | November 2015 | Artikel empfehlen

Chile: Augusto Pinochet - chilenischer General und Diktator, Foto: Public DomainHeute vor hundert Jahren wurde Augusto Pinochet Ugarte, der ehemalige chilenische Militär und Diktator, geboren. Nachdem das Militär 1973 gegen die sozialistische Regierung unter Präsident Allende geputscht hatte, errichtete die Junta der vier obersten Generäle eine Militärdiktatur. Pinochet wusste den Staatsstreich für sich zu nutzen, und mit der Zeit gelang es ihm auch, die anderen drei Junta-Generäle zu entmachten und sich als Alleinherrscher zu behaupten. Damit baute er seine Macht graduell aus und erhielt sie ganze 17 Jahre lang – bis zum Plebiszit 1988, bei dem sich lediglich eine Minderheit von 43% für ihn (als demokratischen Präsidenten) aussprach. Er verteidigte sein System und seine Macht mit allen Mitteln und schreckte weder vor Repression und Verfolgung, noch vor Folter und Mord zurück. Er wälzte das südamerikanische Land um und sorgte dafür, dass viele Reformen und Strukturveränderungen auch nach dem Ende seiner Herrschaft erhalten blieben: So ist selbst die Verfassung von 1980 noch gültig. Erst die aktuelle Regierung hat vor kurzem – wenn auch nur schleppend – damit begonnen, den gesellschaftlichen Prozess für das Erarbeiten einer neuer Verfassung einzuleiten [1].

Aber Pinochet ist nicht nur in den Strukturen des Landes weiterhin präsent; es gibt immer noch viele Menschen im Land, die den Diktator verehren oder sein Vermächtnis zumindest positiv bewerten. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Market Opinion Research International vom Juli dieses Jahres [2] zählt Pinochet nach Meinung von 15 % aller ChilenInnen zu einen der besten Staatschefs in der Geschichte des Landes, und sogar 21 % sind davon überzeugt, dass die Militärs das Richtige taten, als sie den Staatsstreich 1973 durchführten. Besonders viel Zuspruch finden die Militärdiktatur und Pinochet bei den Rechtskonservativen und dementsprechend den AnhängerInnen und Mitgliedern der Parteien Unión Democrática Independiente (UDI) und Renovación Nacional (RN) sowie generell bei den älteren Personen. Aufgrund letzterem sowie der Tatsache, dass tendenziell immer weniger ChilenInnen Pinochet unterstützen, mutmaßt die Studie, dass es in zwanzig Jahren wohl kaum noch jemanden geben wird, der sich für den ehemaligen Diktator ausspricht. Dennoch zeigt die Studie deutlich, dass Pinochet das Land bis heute teilt und nicht zur Ruhe kommen lässt. Zwei Drittel der ChilenInnen glauben, dass das Land nicht ausgesöhnt ist. Zudem werden die Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur nicht universell verurteilt, so dass es in Chile weiterhin der Vergangenheitsaufarbeitung bedarf.

Zwar gibt es keine offiziellen Staatsakte mehr an Jahrestagen des Diktators oder seiner Diktatur, dennoch treffen sich seine AnhängerInnen alle Jahre wieder um an den 25. November (Pinochets Geburtstag), den 10. Dezember (Pinochets Todestag), sowie den 11. September (Tag des Putsches) zu erinnern. Und es kommen nicht nur ehemalige Militärs und die Familie zu den Zeremonien. Selbst bekannte Politiker wie die UDI-Abgeordneten Ignacio Urrutia, Gustavo Hasbún und Jorge Ulloa oder der ehemalige Bürgermeister der Hauptstadtkommune Independencia Antonio Garrido (RN) verheimlichen ihre Anwesenheit bei der heutigen Zeremonie [3] zu Ehren Pinochets nicht, die von der Stiftung Presidente Pinochet organisiert wurde. Ebenso wurde für heute Cristián Labbé, der ehemalige Bürgermeister den bedeutenden Kommune Providencia in Santiago eingeladen, welcher diese öffentlichkeitswirksam bestätigte. Denn eine Teilnahme verhilft ihm, die Konservativen bei den kommenden Bürgermeisterwahlen, bei denen er erneut antritt, für sich zu gewinnen [4]. Insgesamt kommen heute rund 500 AnhängerInnen zum 100. Geburtstag Pinochets. Bei der Feier wird eine Messe zu seinen Ehren gehalten. Dann hält der bekannte Anwalt und Geschichtswissenschaftler Gonzalo Rojas eine Rede, bevor ein 20 Meter hoher Mast zu Pinochtes Andenken eingeweiht wird. Schließlich gibt es eine Art Cocktailparty, bei der die Anwesenden die Nationalhymne – inklusive einer seit der Demokratie weggelassenen Strophe – singen.

Zu guter Letzt lässt genau heute Augusto Pinochet – Enkel des verstorbenen Diktators – eine neue Partei namens Por mi Patria (dt.: Für mein Vaterland) einschreiben. Die Partei erklärt sich für „freiheitlich“, was aber wohl hauptsächlich in wirtschaftlicher Hinsicht zu verstehen ist. Symbolisch grenzt sie sich nicht gerade vom ehemaligen konservativen Diktator ab: um sich zu finanzieren, verkauft die Partei Tassen, Kalender, Fotos, Magneten und Pins von Pinochet. Ebenso erklärt der Enkel Augusto Pinochet, stolz darauf zu sein, den Namen seines Großvaters zu tragen, auch wenn er ihm mancherlei Probleme beschert habe.

So mag es sein, dass zwar die alte Garde der Pinochetistas allmählich ausstirbt; es gibt aber weiterhin auch von anderen Seiten Zuspruch für den ehemaligen Diktator. Dieser ist immer noch in Chile präsent – in den Menschen und den Strukturen. Auch die Pinochet-Diktatur ist noch nicht endgültig aufgearbeitet worden. Und so gelang es dem machtbesessenen Diktator, weiterhin Einfluss zu nehmen, selbst noch 25 Jahre nach dem Ende seiner Diktatur und neun Jahre nach seinem Tod. Hundert Jahre Pinochet sind wohl kaum ein Grund zu feiern, sie können das Land aber vielleicht daran erinnern, dass es noch ein paar Hürden nehmen muss, bevor es den Diktator endgültig losgeworden ist.

[1] ChileAtiende (chilenische Regierungsinstitution), 14. Oktober 2015, http://www.chileatiende.cl/fichas/ver/42037.

[2] Market Opinion Research International, Juli 2015, http://morichile.cl/wp-content/uploads/2015/08/Imagen-de-Pinochet-y-la-Dictadura-Bar%C3%B3metro-de-la-pol%C3%ADtica-Julio-20151.pdf.

[3] La Tercera, 22. November 2015, http://www.latercera.com/noticia/nacional/2015/11/680-657014-9-sobreviviendo-a-pinochet.shtml.

[4] El Dínamo, 16. November 2015, http://www.eldinamo.cl/nacional/2015/11/16/cristian-labbe-precampana-augusto-pinochet-estrategia-electoral-providencia/.

Bildquelle: [1] Public Domain.


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