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Interview mit Patricio Fernández Direktor und Mitbegründer der chilenischen Wochenzeitung „The Clinic“ (Teil 1)

Autor:  | Oktober 2013 | Artikel empfehlen

Anlässlich des 40. Jahrestags des Putschs in Chile führte Quetzal am 16.09.13 ein Interview mit Patricio Fernández, dem Direktor und Mitbegründer der chilenischen Wochenzeitung „The Clinic“. Die Zeitung stellt nicht nur ein einzigartiges und extrem kreatives Projekt dar, sondern zieht auch durch ihren absichtlich pietätlosen und sarkastischen Humor starke Aufmerksamkeit auf sich. Einige Stimmen in Chile bezeichnen „The Clinic“ als Skandal. In einem zweiteiligen Interview berichtet Fernández nicht nur über die Zeitung, sondern schildert uns auch seine Einschätzung zu den Medien und dem Wandel der Öffentlichkeit in Chile.

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TEIL 1: Über „The Clinic“ und die Medien in Chile

Kannst du mir die Gründungsidee eurer Wochenzeitung „The Clinic“ schildern und erklären, warum ihr diesen sehr originellen englischen Titel und den Slogan „Unterschreib zusammen mit dem Volk“ gewählt habt?

Chile: Patricio Fernández, Mitbegründer und Direktor der Zeitung "The Clinic"; Foto: Cristóbal Sánchez„The Clinic“ wurde im November 1998 geboren, als Pinochet in London festgenommen wurde – in „The London Clinic“. Das Eingangsschild der Klinik stimmt genau mit dem Namen unserer Zeitschrift überein und ist somit der Ursprung unseres Titelnamens. Unser Logo haben wir auch von der Klinik in London kopiert.

Woher der Slogan „Unterschreib zusammen mit dem Volk“ kommt… Das war der Slogan der „Clarín“, die bis zum Putsch eine viel gelesenen Tageszeitung in Chile war. Die Militärs schlossen sie ein für alle Mal, denn man hörte nie wieder etwas von ihr. Mit diesem Slogan drücken wir nicht nur unsere Gesinnung aus, also dass wir bei den Leuten auf der Straße sind, sondern auch unsere Verbundenheit mit der journalistischen Geschichte Chiles. Nun gut, „The Clinic“ ist nicht direkt als Zeitschrift gegründet worden. Wir waren eine Gruppe von Freunden – keine Journalisten, sondern Schriftsteller, Designer und Zeichner, etc. – und erstellten ein Flugblatt, um uns über Pinochet lustig zu machen und seine Verhaftung in London zu feiern; denn die offiziellen Medien und auch die Regierung der Concertación (Opposition während der Diktatur, welche nach dem Übergang zur Demokratie bis 2010 die Regierung bildete; Anm. d. Red.) sahen die Verhaftung als nationales Problem an, da es eine Verletzung der Souveränität unseres Landes darstelle. Für uns hingegen war es eine fantastische Nachricht. Es wurde einfach nur dieser niederträchtige Diktator in irgendeinem Teil der Welt verhaftet, und uns war egal, wo das war.

Das ist der Ursprung unserer Zeitschrift. Im Laufe der Zeit wurde aus diesem Flugblatt von zwei Doppelseiten, was wir auf der Straße verteilten und verschenkten, eine bekannte zwölfseitige Zeitschrift, die von nun an den Kiosks verkauft wurde. Es war eine satirische Zeitschrift mit einem überspitzten Humor, und sie stach durch ihre Respektlosigkeit gegenüber den chilenischen Offiziellen hervor. Sie wuchs mit der Zeit, und ich würde sagen, sie ist heute die meistgelesene Zeitung Chiles. Zudem hat sie heute auch eine zentrale Position in den digitalen Medien online auf www.theclinic.cl.

Ist theclinic.cl ist ein unabhängiges Projekt, denn dort werden ja auch Artikel veröffentlicht, die nicht in der gedruckten Ausgabe erscheinen?

Theclinic.cl wurde vor circa zwei Jahren gegründet und schließt die Druckversion der Zeitschrift ein. Ein Extrateam veröffentlicht zudem mehrmals täglich weitere Nachrichten. Damit ist es ein anderes Projekt, das jedoch das erste mit einschließt, und wir sind dabei, es weiterzuentwickeln. Wir haben durchschnittlich pro Monat mehr als zehn Millionen Besucher.

Das ursprüngliche Ziel, die Verhaftung Pinochets zu feiern, entstand in einem spezifischen historischen Kontext. Was ist heute die Mission der Zeitschrift, und was wollt ihr mit der Zeitschrift vermitteln?

Das ursprüngliche Ziel war ja nicht nur das Feiern der Festnahme Pinochets, sondern wir wollten auch über das Erbe Pinochets auf jede erdenkliche Weise spotten, es demütigen und beleidigen. Viele Leute fragten sich, was aus unserer Zeitschrift werden würde, nachdem Pinochet gestorben war. Der Kampf gegen das Erbe Pinochets charakterisiert sich durch eine Reihe von Werten, nach denen wir uns heute immer noch richten: der Respekt und die Toleranz für alle Meinungen und Lebensstile, die Neugierde und Unvoreingenommenheit beim Betrachten des Geschehenen und der Tatsachen– trotz der Überzeugungen, die wir haben. Der Journalismus als ein weiteres kreatives (!) Genre, nur eben auf den faktischen Geschehnissen basierend.

Unser Grundschema ist der Humor als ein alles in Frage stellendendes Moment, mit dem wir alle sozialen Tatsachen unter die Lupe nehmen. Dabei stellen wir auch unserer eigenen Überzeugungen in Frage. Das ist alles Teil von dem, was wir ins Spiel bringen. Und das macht uns nicht allein zu einer Zeitschrift, sondern auch zu einer Gesinnung, mit der wir uns sehr unterschiedliche Aufgaben stellen, wie zum Beispiel Fondas (eine Art traditionelles Festival mit Standverkäufen; Anm. d. Red.), Feiern, Stripwettbewerbe. Momentan sind wir dabei, unsere Homepage auszubauen und irgendwann könnten wir vielleicht auch Fernsehen gestalten. Wir haben Bücher geschrieben, wir haben Kontakt zu Musikern, Schriftstellern, etc., das heißt, wir sehen „The Clinic“ eher als Gestaltungsraum oder Gesinnung denn einen Werbeträger.

In diesem Zusammenhang habt ihr auch die Bar „The Clinic“ eröffnet?

Genau, die Bar als Treffpunkt für unsere Leute und Leser. Aber auch vor einem anderen Hintergrund: um unsere Unabhängigkeit beizubehalten und jene Artikel, die uns interessieren, zu veröffentlichen. Wir haben nicht so viele Einnahmen aus Werbung. Die größten Einnahmen erzielen wir aus dem Umsatz der verkauften Zeitschriften, und wir mussten neue Wege finden, um zu überleben, um zu wachsen, ohne irgendjemandem die Füße zu küssen. Die Homepage können wir nur dank der Idee mit den Bars aufrechterhalten.

Chile: Logo der Wochenzeitung "The Clinic" - Foto: Jorge BarriosNeben dieser kreativen Geschäftsidee finde ich auch interessant, dass ihr euch so sehr für Hitler und die deutsche Nazi-Vergangenheit interessiert. Warum habt ihr so ein großes Interesse an Deutschland und an diesem Thema im Speziellen?

Die Pinochet-Diktatur lädt in gewisser Weise dazu ein, sie mit dieser Quintessenz des Missbrauchs und Autoritarismus zu assoziieren, welche letzten Endes Nazismus war. Einige sagen, dass Pinochet und Videla (argentinischer Diktator von 1976-1981; Anm. d. Red.), zwei der letzten lateinamerikanischen Diktatoren, vielleicht die letzten Erben des Nazismus seien. Man denke da an das von Preußen geprägte Militär, das die Diktatur von Pinochet begleitete, diese Art der Ordnung, diese Weltsicht, diese Unterscheidung zwischen akzeptabel und inakzeptabel, diese Auffassung vom Kommunismus als ein genetischer Schandfleck. Das alles lädt dazu ein, sich an den Nazismus zu erinnern. Hier gab es keine Gaskammern, es wurde auch keine Ethnie verfolgt, auch nicht Menschen aufgrund ihrer Rasse, aber ja, es gab Erschießungen in der Wüste, Giftmorde, riesige Massengräber, in die sie die Leichen einfach reinwarfen. Sie warfen Leichen mit Gewichten beschwert ins Meer, das heißt, es gab eine große Respektlosigkeit gegenüber dem Leben. Es gab demütigende und schmerzhafte Folter, abertausende Personen wurden gefoltert. Wenn man das Herz der Pinochet-Zeit beschreiben will, ist es so etwas wie die makabre Essenz des Nazismus. Das fand natürlich nicht in derartigen Dimensionen statt, sicherlich, bzw. ist es auch nicht ganz das gleiche. Aber der schreckliche Vater der lateinamerikanischen Diktaturen war auch der Nazismus.

Da wir gerade von der Diktatur sprechen, die eben erwähnte „Clarín“, wurde ja von den Militärs verboten. Es gab eine starke Zensur der Medien unter Pinochet. Wie hat sich die Medienwelt nach der Diktatur verändert? In welchem medialen Umfeld befindet sich heute „The Clinic“?

„The Clinic“ wurde nach der Diktatur, in der zweiten Regierungsperiode der Concertación gegründet. Präsident Aylwins Regierungszeit war schon vorbei, als Pinochet in London verhaftet wurde. Pinochet war in Haft, als mit Ricardo Lagos, bereits der dritte Präsident nach der Diktatur, regierte.

Die Diktatur bewahrte auch noch während des Übergangs zur Demokratie in den 1990ern und 2000ern ein kulturelles Ambiente, das sehr grau, kontrolliert, vorsichtig und von den Militärs eingeschüchtert war. Die Transition erfolgte sehr vorsichtig und ängstlich, und man traute sich nicht, auch nur irgendetwas zu sagen, was die Militärs stören könnte. Bis zum Ende der 1990er Jahre gab es in Chile zwar noch eine Filmzensur, jedoch kein Scheidungsrecht und Sex homosexueller Partner war verboten. Eine extrem konservative und kontrollierte Moral bestimmte weiterhin unser Verhalten und den öffentlichen Diskurs, während wir immer noch nicht in der Lage waren, die schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufzuklären. Das heißt, man diskutierte sexuelle und außereheliche Beziehungen, während dieselben Leute, die darum baten, diese Sexualmoral einzuhalten, vorher Leichen in der Wüste versteckt hatten. Diese Leute hatten uns noch immer nicht gesagt, wo sie die Leichen derer hingebracht hatten, die sie getötet und gefoltert hatten.

In diesem Kontext wurde „The Clinic“ gegründet. Die Zeitung wurde als skandalös bewertet. Fünfzehn Jahre später, also heute, sind wir in einem Land, das sich schon viel mehr normalisiert hat. Chile kommunizierte inzwischen mit dem Rest der Welt. Heute diskutieren wir über die gleichgeschlechtliche Ehe. Wir kämpfen für die Legalisierung vom Marihuana-Konsum. Das bedeutet, dass die Grenzen des Tolerierbaren und Akzeptablen unglaublich stark ausgeweitet wurden. Wir müssen uns in dieser Hinsicht in Chile nicht für die Prozesse der letzten Jahre schämen. Wir haben Fortschritte gemacht. Es fehlt noch viel, aber uns geht es schon besser.

Haben deiner Meinung nach auch die sozialen Bewegungen der letzten Jahre, insbesondere die Schüler-und Studentenbewegung ab 2011, zu einer Veränderung der öffentlichen Debatten geführt?

Absolut. Wir haben diese Bewegung sehr unterstützt. Wir haben ihnen einmal sogar eine Ausgabe „übergeben“, wo sie entscheiden konnten, was wir veröffentlichen werden. Sie haben also bei einer Ausgabe als Redaktion fungiert. Die Schüler- und Studentenbewegung hat in Chile Themen in den öffentlichen Diskurs gebracht, welche während der Regierungen der Concertación kaum und, wenn überhaupt, sehr vorsichtig behandelt wurden, weil man immer noch Angst davor hatte, die großen Dinge zu verändern, die uns die Diktatur hinterlassen hatte. Die Transition war sehr vorsichtig, denn sie hatte Angst, dass der Schrecken zurückkehren würde, den wir gerade hinter uns gelassen hatten.

Die Bewegung ist die Stimme derer, die nach der Diktatur, nach dem Plebiszit von 1988 geboren wurden. Die Grenzen dessen, was man anstreben oder fordern kann, haben sich substantiell erweitert. Die meisten Themen, die in diesem Wahlkampf diskutiert werden, kommen von den Forderungen der Bewegung. Wir diskutieren kostenfreie Bildung, etwas dass wir die letzten zwanzig Jahre nicht diskutiert haben. Wir sprechen nicht über eine Modifizierung der Verfassung, sondern über eine komplett neue Verfassung. Unsere aktuelle Verfassung stammt noch aus der Zeit der Diktatur. Das sind alles sehr grundlegende Themen. Wir diskutieren darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, und nicht einfach nur über die Möglichkeit zu wählen oder den Respekt vor den Menschenrechten. Wir wollen eine gerechtere Gesellschaft, weil wir uns an eine schrecklich ungleiche Gesellschaft gewöhnt haben. Chile ist gewachsen, wir haben uns der Welt kulturell geöffnet, alles ist offener. Aber der Unterschied hier zwischen einem Armen und einem Reichen ist ein Skandal. Das ist ein Grundmuster der Bewegung, die nicht nur eine Schüler- und Studentenbewegung ist, sondern auch eine Bürgerbewegung.

Natürlich waren 2011 die Forderungen der Schüler und Studenten die bekanntesten, aber in diesem Jahr gab es auch Demos für den Respekt gegenüber der Natur in Patagonien, gegen ein großes Wasserkraftwerk. Es gab Demos für die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen, riesige Demos. Es war ein Jahr zahlreicher sozialer Bewegungen und die Explosion von libertären Forderungen, die zuvor sehr klein gehalten worden waren.

Übersetzung aus dem Spanischen: Christine Schnichels

Bildquelle: [1] Cristóbal Sánchez, [2] Jorge Barrios


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