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Hommage an Isabel Parra
Zum 70. Geburtstag der Sängerin, wann immer der auch war

Autor:  | Dezember 2009 | Artikel empfehlen
Kategorie(n): Chile, Musik
Chile - Isabel Parra

Isabel Parra auf dem Cover der LPDie Hülle der Schallplatte trägt deutliche Gebrauchsspuren. Ich hatte die Platte eine Zeitlang wirklich oft gehört, es gibt ja solche Phasen. Aber auch später habe ich die Scheibe immer wieder aufgelegt: Lieder aus Chile. Die klare, helle Stimme der Sängerin nahm mich von Anfang an gefangen. Vor einiger Zeit begann ich wieder, ihre Lieder zu hören, auch neuere Aufnahmen; und die alte Faszination stellte sich wieder ein. Violeta Isabel Cereceda Parra, Tochter von Luis Cereceda Arenas und Violeta Parra Sandoval, geboren 1939 in Santiago de Chile. An welchem Tag genau sie geboren wurde, ist nicht so einfach festzustellen, das Internet weiß eben auch nicht alles. Nur eines steht fest: Irgendwann in diesem Jahr ist sie 70 geworden.

Die Welt kennt sie als Isabel Parra. Der Künstlername schafft einen Wiedererkennungseffekt. Schließlich ist sie die Tochter der berühmten Violeta Parra; Violeta chilensis, wie der Dichter Nicanor Parra sie einmal nannte. Noch ein Parra; ja, diese Familie hat es in sich…

Aber bleiben wir bei Isabel, der Sängerin. Als Tochter von Violeta begann sie bereits früh mit dem Singen. In die Musik war sie hineingewachsen, in einem natürlicher Prozess. Bereits als Kind trat sie zusammen mit ihrer Mutter auf – in Varietés, im Zirkus. Im Netz kursiert ein Bild, da mag sie vielleicht zehn sein, geschminkt, als Spanierin gekleidet, ihre Mutter begleitet sie auf der Gitarre. Es wirkt wie ein Zeitvertreib, diente aber dem Gelderwerb. Isabel half der Mutter, den Lebensunterhalt zu verdienen. Später kam dann noch der jüngere Bruder Angel dazu, als Vervollständigung des Familienensembles. Die Kinder hatten Glück, die Notwendigkeit, bereits in der Kindheit arbeiten zu müssen, traf auf ihre Leidenschaft für die Musik. Die dafür notwendige Ausbildung erhielten sie von ihrer Mutter, in einer offenen, undogmatischen Atmosphäre. Die Offenheit, die Kreativität ihrer mamá preist die Tochter bis heute. Die Mutter begeisterte sie für den Gesang.

1961 reiste die ganze Familie nach Europa: Violeta, Isabel, ihre Tochter Tita, Angel, die jüngere Schwester Carmen Luisa folgte etwas später. Los Parra de Chillán nahmen an den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Helsinki teil und bereisten daraufhin den Kontinent – Sowjetunion, Polen, DDR, Schweiz, Frankreich… Eine Mitarbeiterin des DDR-Rundfunks erinnerte sich einmal in einem Interview an den Auftritt  der Familie (ich habe vergessen, bei welchem Sender) – selbst Tita, vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, spielte mit. Die Leute vom Rundfunk waren begeistert, aber letztlich – so die Erinnerung – begriff wohl keiner, wen sie da eigentlich zu Gast hatten.

Die Familie Parra lebte einige Jahre in Paris, spielte, wenn sie nicht gerade auf Reisen war, in verschiedenen Klubs im Quartier Latin. Isabel selbst bezeichnet diesen Europaaufenthalt als den Beginn ihrer professionellen Karriere als Musikerin. Damals wurde auch das Duo Isabel und Angel Parra geboren, die ersten gemeinsamen Aufnahmen der Geschwister datieren in diese Zeit. Und Isabel entdeckte in Paris den venezolanischen Cuatro, als das ihr am besten entsprechende Instrument.

1964 kehrte sie nach Chile zurück. Bruder und Schwester avancierten sehr schnell zu einem der besten Gesangsduos Lateinamerikas, auch wenn es nicht einfach war, in den Nachtklubs der Hauptstadt ein Engagement zu bekommen. Wie Angel später berichtete, scheiterten sie mitunter schon an den Bekleidungsvorschriften. Also gründeten die Geschwister schließlich in Santiagos Calle Carmen 340 ihren eigenen Musikklub, die Peña de los Parra. Das Novum: Die Künstler brauchten keine Abendgarderobe und auch keine folkloristisch anmutenden Kostüme – sie konnten in Alltagskleidung auftreten. Die Truppe der Peña-Betreiber – Isabel, Angel, Rolando Alarcón, Patricio Manns und etwas später auch Víctor Jara – schufen eine Institution, die schnell zu einem Treffpunkt von Liedermachern und Musikgruppen Chiles und ganz Lateinamerikas wurde. Die Bedeutung der Peña für die Entwicklung des Neuen Chilenischen Liedes kann wohl nicht überschätzt werden. Isabel Parra stand im Zentrum einer sehr lebendigen Bewegung, beeinflusste sie entscheidend mit.

Isabel Parra - Foto: Luigi MoranteVermutlich begann sie in der Peña, solistisch zu arbeiten. Joan Turner de Jara, die Witwe von Víctor Jara, erinnerte sich, dass Isabel Parra selbst zunächst nicht allzu viel Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten als Musikerin hatte, sie war voller Zweifel. Es fiel ihr wohl nicht leicht, aus dem Schatten der berühmten Mutter herauszutreten. Isabel hatte eine sehr enge Beziehung zu ihrer Mutter. Sie war die „älteste Tochter, die früh gereifte Tochter, die Freundin“, wie sie es einmal ausdrückte. Bis heute ist die Arbeit ihrer Mutter ein fester Bezugspunkt in Isabel Parras Schaffen: Violetas Lieder sind Bestandteil ihres Repertoires, sie brachte eine Gesamtausgabe ihrer Lieder und Briefe heraus (El libro mayor de Violeta Parra) und sie leitet die 1991 gegründete Fundación Violeta Parra. Sich ein Leben lang an dem Genie Violetas zu messen, machte es für sie wohl nicht gerade einfach. Aber wir wollen hier keine Küchenpsychologie betreiben.

1966 brachte Isabel Parra ihr erstes Album als Solistin heraus. Ihre Reife als Liedermacherin markiert sie selbst mit der Platte Tu voluntad más fuerte que el destierro aus dem Jahr 1983. Das war ihr zehntes Album. Bis heute sind es 18. Und dabei zähle ich nur die Originalaufnahmen, die sie als Solistin aufgenommen hat (und ich hoffe, ich habe mich nicht verzählt). Hinzu kommen fünf Platten mit ihrem Bruder, zwei Aufnahmen der Kantate Canto para una semilla mit Inti-Illimani sowie mehrere Zusammenstellungen und spezielle Aufnahmen in verschiedenen Ländern, alles in allem gut 30 Veröffentlichungen. Zu den Aufnahmen im Ausland zählt auch die Langspielplatte Lieder aus Chile, die sie 1971 mit Musikern der Gruppe Quilapayún in der DDR aufnahm und die 1972 erschien.

Mit diesem Album lernte ich sie kennen, irgendwann in den Siebzigern. Es war bereits die Zeit nach dem Scheitern der Hoffnung auf die Unidad Popular. Isabel Parra hatte als Musikerin Allendes Regierung aktiv unterstützt, sie engagierte sich in der Kommunistischen Partei Chiles. Der Putsch zwang sie ins Ausland, über die venezolanische Botschaft konnte sie das Land verlassen. Da war Angel im Lager von Chacabuco, Víctor Jara, ihr Kollege und Freund, lebte nicht mehr. Sie ging zunächst nach Havanna, dann nach Berlin, im November 1974 ließ sie sich endgültig in Paris nieder. Von dort aus tourte sie um die Welt, setzte ihre musikalische Arbeit unermüdlich fort, immer auch das Ziel im Blick, nach Chile zurückzukehren. Erst 1987 erhielt sie die endgültige Erlaubnis zur Rückkehr. Es war die Heimkehr in ein fremdes Land. Sie verglich die Rückkehr mit einer Reise in die Vorgeschichte; die Chilenen, sagte sie, einmal wussten nicht mehr „wie man wählt“.

Sie arbeitete weiter, bereiste Chile, Europa, Australien, Nordamerika, nahm an Festivals teil – nein, die Vergangenheit ist hier nicht angemessen, denn sie tut es nach wie vor. Ihr gesellschaftliches Engagement blieb. Und so gehörte sie Anfang 2009 zu der Delegation von Künstlern, die Präsidentin Michelle Bachelet nach Kuba begleitete, wie sie fast 30 Jahre zuvor zu einem Musikerensemble gehörte, das als Botschafter der Unidad Popular nach Europa gereist war.

Mittlerweile ist sie eine viel geehrte Person: Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres, Trägerin des Premio Presidenta de la Republica de Chile, Ehrenmitglied des Foro Iberoamericano de las Artes, um nur einige der Ehrungen zu nennen, mit denen sie bedacht wurde. Von den Auszeichnungen für ihre Lieder ganz zu schweigen.

Das musikalische Gen der Familie Parra scheint sich weiterzuvererben. Heute tritt Isabel Parra nicht nur mit Tita, der älteren ihrer beiden Töchter, auf, sondern auch mit ihrem Enkel Antar. Und ebenso mit Angel Parra hijo, ihrem Neffen. 2007 spielte sie das Album Continuación zusammen mit dem jungen italienischen Musiker Roberto Trenca ein, „ein musikalischer Dialog zwischen zwei Personen“. Isabel bleibt neugierig, hält sich offen für neue musikalische Erfahrungen. Diese Offenheit ist wohl auch die Erbmasse ihrer Mutter. Mit dem Singen will sie aufhören, wenn sie im Rollstuhl sitzt oder ihr die Stimme versagt. Hoffen wir, dass das nicht so bald passiert, dass (die ältere Dame) Isabel Parra noch lange jung bleibt.

Hier als besonderer Service für alle, die Isabel Parra kennenlernen oder sie wiederhören möchten. Auf ihrer Homepage bietet die Sängerin ihr 2002 erschienenes Album „Poemas“ zum kostenlosen Download an (www.isabelparra.cl).

Bildquelle: Luigi Morante


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1 Kommentar zu “Hommage an Isabel Parra
Zum 70. Geburtstag der Sängerin, wann immer der auch war”

  1. Elke Bitterhof vom 29. Juli 2010 - 18:57 Uhr

    Schön, so einen Artikel zu lesen, in dem man viel der eigenen Erfahrung wieder findet, der von großer Sachkenntnis zeugt, und der nicht nur aus Rückblicken besteht, sondern auch das heutige künstlerische Schaffen der Parras berücksichtigt.
    ich habe allerdings vor einer Stunde – aus nicht bestätigter Quelle – erfahren, das sich Antar in Brasilien das Leben genommen hat. Als hätte die Familie nicht schon genug Leid erlebt. Isabel ist im Moment mit den Intis Historico in Italien, es wird ein großer Schock für sie sein. Schade um diesen Verlust der jüngeren chilenischen Musikergeneration.
    Que lastima.

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