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Ein großes Gedicht wie die Einsamkeit

Autor:  |  Frühjahr 1999

Ich könnte die wehmütigsten Verse schreiben dieser Nacht …» rezitierte einer von den ehr als dreißig Cousins seiner engeren Verwandtschaft mit der Stimme eines heiseren Vogels, und er hörte aufmerksam zu. Seinen Cousin interessierte nicht die Poesie in ihrer ganzen Erhabenheit, aber er konnte ein paar Liebesgedichte auswendig, und die trug er den jungen Studentinnen vor, die ihm den Kopf mit sengenden Träumen erfüllten. Nachdem der Cousin seinen Vortrag beendet hatte, bat er ihn um die Zeitschrift, die keine Literaturzeitschrift war, sondern eine Boulevardzeitung. Er, der schmächtige Verschlinger von Poesie, las es, las es noch einmal, und jedesmal beim Wiederlesen des lebendigen, tiefen Gedichts entflohen ihm die zweiunddreißig Verse auf den beiden Seiten und er spürte sie angenehm im Mund, bevor sie durch seine Venen wanderten und sein dreizehnjähriges Herz erreichten, das voller Melancholie war, sie trafen es und ließen es voller Leben pulsieren. Vielleicht hat er gedacht: «Was für ein Gedicht! Ein großes Gedicht wie die Einsamkeit, zärtlich wie das Schweigen der Liebenden, wenn die Lippen schweigen vor Erschöpfung von der Liebe.» Er erinnert sich nicht mehr, aber er hat nicht vergessen, dass ihm dieses Gedicht nicht nur als reine Poesie und als Essenz aller nur denkbaren Liebesgedichte erschien, sondern auch mystische Kraft besaß. Zweifellos stellte das Gedicht für ihn eine neue Begegnung mit der Poesie dar – der Poesie zu begegnen bedeutet dem Leben zu begegnen: die Poesie ist Ursprung und Anfang des menschlichen Seins; wer nie ein gutes Gedicht gelesen hat (zum Lesen gezwungen werden bedeutet, nicht zu lesen) hat nicht die unendliche Vielfalt der Formen und Farben geschmeckt, die das Wesen aller Existenz, die Einsamkeit, besitzt. – Bis zu dieser Begegnung waren seine Lieblingsdichter die alten Poeten Gonzalo de Berceo, Jorge Manrique, Garcilaso de la Vega, Francisco de Quevedo, Luis de Góngora, San Juan de la Cruz und die jungen und ganz neuen Dichter Gustavo Adolfo Bécquer y Rubén Darío gewesen. Der Wunsch zu wissen, wer dieser Mann war, trieb ihn in die Nationalbibliothek; er erfuhr, dass dessen Taufname Ricardo Eliecer Reyes Basoalto war und er auf eigenen Wunsch ab dem 28. Dezember neunzehnhundertsechsundvierzig per Gerichtsbeschluss den Namen Pablo Neruda erhielt, dass er einundsiebzig den Nobelpreis bekommen hatte und Kommunist war, deswegen Atheist und ein Feind Gottes und seines Sohnes und des heiligen Geistes, und Botschafter Chiles in Frankreich und Autor von mehr als einem Dutzend Gedichtbänden. Zweimal las er den Band Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung (1923) durch, und für ihn stand fest, dass der Dichter seine Gedichte berauscht von der Droge der Liebe geschrieben hatte. Er fragte sich: «Und die Frau? Oder die Frauen? Eine zwei drei vier…?» Er erfuhr, dass die Gedichte wahrscheinlich teilweise einer Studentin aus Santiago aus dem Jahr 1923 gewidmet waren, in die sich der Dichter leidenschaftlich verliebt hatte. Die Lektüre der Gedichtbände wurde ihm zur Notwendigkeit und diese wiederum zur inneren Unruhe; er verschlang begierig Morgen- und Abenddämmerungen (1924) und Der Bewohner und seine Hoffnung (1926) und Aufenthalt auf Erden (I. Teil 1933 und Teil II. 1935) und … —Er gehört zu denen, die Bücher nicht nur lesen, sondern die sie lieben, er wollte die Bücher des Dichters besitzen, er sparte das Taschengeld, das er an den Wochenenden erhielt, Woche für Woche, und jeden Monat kaufte er ein Buch des Dichters, bis er fast alle Gedichtbände hatte, und er drang ein in dessen trockenen und fruchtbaren Kontinent, der bevölkert war von Namen und Natur. – Unter seinen Lieblingsdichtern war er der Bevorzugte, es fehlte nur noch, dass er ihm Kerzen angezündet hätte wie den Heiligen in der Kirche. Eines Tages erschien es ihm, dass die meisten der Gedichte in seinen Übungsheften nicht mehr seine eigenen waren, er las und las sie wieder, wie furchtbar! in ihnen hatten die tönenden poetischen Gespenster des Dichters seine eigenen verdrängt, die Stimmen des Dichters beherrschten sie. Zweifellos imitierte er den Dichter. Er erinnerte sich an das Zitat von Rüben Dario im Vorwort zu seinem Gedichtband Prosas Profanas (1896, dt. Profane Choräle): «meine Literatur gehört mir/ ist mein in mir selbst; wer meinen Spuren sklavisch folgt, wird seinen persönlichen Schatz verlieren und, Page oder Sklave, er wird seinen Stempel oder sein Gefieder nicht verbergen können. Wagner sagte eines Tages zu seiner Jüngerin Augusta Holmes: ‘Das Wichtigste ist, niemanden zu imitieren, und vor allem nicht mich.» Er wurde wütend, er zerfleischte sich in der Hitze seines Fiebers, und die einzelnen Teile, aus denen sein Ich bestand, wurden nicht vom Winde verweht, denn an diesem Tag war es windstill; es blieb ihm nichts weiter übrig, als sich selbst den Teufel auszutreiben; er verbrannte einen beträchtlichen Teil der Gedichte seiner poetischen Übungen, er verschenkte die Bücher des Dichters und las in der Bibel das Buch der Psalmen. Er gelobte sich, den Dichter in den nächsten Jahren nicht mehr zu lesen.


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