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Die Folgen des „Chilenischen Wunders”
Die Lachsfarmen und die Privatisierung des Meeres

Autor:  | September 2010 | Artikel empfehlen

Das sogenannte „Chilenische Wunder” basiert auf drei Säulen: dem hohen Kupferpreis, der Zellstoffproduktion, die unter der Diktatur Pinochets profitierte, und der Lachsindustrie, die während der gegenwärtigen Demokratie ausgebaut wurde. Doch Überfischung hat eine schwere Krise im Gesundheits- und Umweltbereich sowie in Wirtschaft und Gesellschaft hervorgerufen.

Schwere Krise durch Überfischung

Lachszucht im Golf von Ancud. Foto: Sam Beebe/ EcotrustEtwas mehr als 1000 km südlich von Santiago, an Puerto Montt vorbei und mit der Fähre über den Canal de Chacao, liegt die traumhafte Insel Chiloé. Dort findet man weite Ebenen und sanfte Hügel in verschiedensten Grüntönen, die durch die ergiebigen südlichen Regenfälle hervorgebracht werden. Im Frühling wird diese grüne Sinfonie von unzähligen wilden gelben, violetten und roten Blüten durchbrochen, während auf den Hügeln Myrten, Eichen, Haseln und Mammutblatt-Pflanzen emporwachsen.

Über diesen Wäldern gehen jährlich 2000 mm Regen nieder, und die mit Flechten und Moosen bedeckten Bäume lassen zusammen mit den einheimischen Pflanzen eine fast geheimnisvolle Atmosphäre entstehen. Die reiche biologische Vielfalt der Insel und die endemischen Tier- und Pflanzenarten beeindruckten im 19. Jahrhundert auch Charles Darwin, der glaubte, die Kartoffel stamme von dieser Insel. Obwohl sich später erwies, dass sie im Süden Perus beheimatet ist, wachsen auf Chiloé 400 verschiedene Kartoffelsorten, aus denen die meisten der heute in der Welt konsumierten Züchtungen gewonnen wurden.

Die Abgeschiedenheit Chiloés ermöglichte jedoch nicht nur die Entstehung und Bewahrung einer beeindruckenden Vielfalt von Lebensformen, wie z.B. des nur 1,25 m großen Chilote-Pferdes oder des Pudus, des kleinsten Hirsches der Welt. Sie erlaubte es auch, dass die Bewohner der Insel ihre sprachlichen Besonderheiten, ihr Handwerk, die familiengeführten Fischereibetriebe und ihre traditionelle Holzschindel-Architektur erhalten konnten. Die an bayrischen Vorbildern orientierten Kirchen und die Pfahlbauten der Chiloten zeigen, dass die Traditionen auf dieser Insel älter sind als an anderen Orten.

Dieses Paradies im südöstlichen Pazifik ist eines der fünf fischreichsten Meeresgebiete der Welt. „Obwohl ihre Fläche weniger als 1 Prozent der Weltmeere ausmacht, zieht diese Region 25 Prozent der weltweiten Fangschiffe an“, gibt ein Bericht der Umweltorganisation Ecoceanos an (1). Eine solch hohe Produktivität lockte natürlich Unternehmer aus aller Welt an, deren Investitionen saftige Gewinne einbrachten.

Vor 15 Jahren wurden Chiloé und die Puerto-Montt-Region Zeugen einer rasanten Erweiterung der Aquakultur, besonders der Lachsproduktion. Die erheblichen Investitionen nordeuropäischer und japanischer Unternehmen sorgten dafür, dass die Lachszucht in Chile jährlich um 15 Prozent anwuchs, d.h., sie verdreizehnfachte sich in nur 15 Jahren. Der jährliche Lachsexport Chiles in die USA, Japan und die Europäische Union hat einen Wert von 2,5 Mrd. USD. Damit erreicht der Lachs für Chile die Bedeutung von Kupfer und Zellulose, und es erklärt sich, wie der Anstieg der Exporte um 70 Prozent – das „Chilenische Wunder“ – zustande kommt (2).

Chile ist zum weltweit fünftgrößten Produzenten von Fischprodukten und zum siebtgrößten Exporteur von Fischressourcen geworden und ist nach Norwegen das zweitgrößte Ausfuhrland von Zuchtlachsen. Der einzige Grund für diesen beeindruckenden Anstieg: In Chile sind die Kosten der Lachsproduktion weltweit am geringsten.

Die Achillesferse

Am 27. März 2008 veröffentlichte die New York Times einen Artikel mit dem Titel „Lachsvirus entlarvt Chiles Fischereimethoden“ (3) und rief damit einen Skandal hervor. Der Artikel machte auf die Millionen von Lachsen aufmerksam, die am ISA-Virus (ansteckende Blutarmut) starben, und auf die damit verbundene Entlassung tausender Beschäftigter.

„Die Zucht von Lachsen in überfüllten Unterwasser-Gehegen führt zur Verschmutzung einst reiner Gewässer und bringt potenziell ungesunde Fische hervor“, so der Bericht. Prof. Felipe Cabello vom Institut für Mikrobiologie und Immunologie der New York Medical School wies in dem Artikel auf „fehlende sanitäre Kontrollen“ hin und erklärte, die Infektionen durch Parasiten, Viren und Pilze würden „übertragen, wenn die Tiere unter Stress stehen und die Käfige zu dicht beieinander liegen“. Zudem gab er an, in Chile würden große Mengen an Antibiotika verwendet, von denen einige in den USA verboten seien.

Bedenkt man, dass 30 Prozent der chilenischen Lachsexporte an die USA gehen, dann lässt sich das Ausmaß des Skandals nachvollziehen. Das norwegische Unternehmen Marine Harvest, weltweit größter Produzent von Zuchtlachsen und Exporteur von 20 Prozent des chilenischen Lachses, gab zu, dass es seine Farmen waren, in denen das ISA-Virus ausgebrochen war und vermehrt Antibiotika zum Einsatz kamen. „Biologen und Umweltschützer erklären, die Ausscheidungen der Lachse und die Futterpellets brauchten den Sauerstoff im Wasser auf, töteten so andere Meerestiere und verbreiteten Krankheiten“, berichtete die New York Times.

Erschreckend ist die Reaktion des größten Lachsproduzenten der Welt auf die Enthüllung der von ihm verursachten Umwelt- und Gesundheitsprobleme: „Solange alle hohe Gewinne machten und alles gut ging, gab es keinen Grund, strengere Maßnahmen zu treffen“, erklärte Arne Hjeltnes, Sprecher von Marine Harvest in Oslo (4).

Bereits im Jahr 2005 hatte die OECD einen Bericht veröffentlicht, der starke Kritik an der chilenischen Lachsindustrie übt. Darin prangerte sie an, dass pro Jahr eine Million Fische aus den Gehegen entkommen; verurteilt werden zudem die Verwendung von Fungiziden wie z.B. des krebserregenden Malachitgrüns, das seit 2002 verboten ist, sowie die übermäßige Gabe von Antibiotika. Cabello schätzt den Antibiotika-Gebrauch in Chile auf 70 bis 300 mal höher als in Norwegen und gibt an, dass in Chile ein Schwarzmarkt für Lachs-Antibiotika existiere (5).

In den Tagen nach der Veröffentlichung des Artikels stärkte die Regierung Michelle Bachelets der Lachsindustrie den Rücken, da sie negative Auswirkungen auf das Geschäftsklima und einen eventuellen Rückgang der Exporte befürchtete (6). Die Produktion sank jedoch trotzdem um 30 bis 50 Prozent, 20.000 der insgesamt 50.000 Arbeiter wurden entlassen, und die Branche geriet in eine schwere Krise, da die Unternehmen ihre Schulden bei den Banken aufgrund des Rückgangs der Produktion nicht begleichen konnten.

Alles, was seit der Entdeckung des ISA-Virus im Juli 2007 geschah, hatten mehrere Studien und Untersuchungen vorausgesehen.

Die weltweit geringsten Kosten

Lachsfarm in Südchile. Foto: Sam Beebe/ EcotrustDer Hauptgrund für die geringen Kosten der Lachsproduktion in Chile sind die schlechten Arbeitsbedingungen der 50.000 Beschäftigten. Die Lachsindustrie verzeichnet die höchste Unfallquote des Landes; gemäß Angaben der Lachsfangflotte und des Arbeitsministeriums starben oder verschwanden zwischen Februar 2005 und Juni 2007 42 Arbeiter im Meer. Zwischen 2003 und 2005 wurden 572 Kontrollen durchgeführt, und obwohl sie vorher angekündigt wurden, mussten in 70 Prozent der Fälle Bußgelder verhängt werden (7).

Die größten Probleme bereiten Hygiene und Arbeitssicherheit in den Zuchtanlagen (riesige Unterwasser-Käfige) und in den Verarbeitungsfabriken. Zwei Drittel der Firmen verletzen die Arbeitsgesetze, begünstigt durch das Fehlen von Regulierungen aufgrund der Auslagerung vieler Tätigkeiten, vor allem der gefährlichsten. Die Frauen, die 70 Prozent der Beschäftigten in der Branche und 90 Prozent in den Fabriken ausmachen, leiden unter der Kälte, Feuchtigkeit, Überfüllung und fehlendem Zugang zu Sanitäranlagen. Unter diesen Bedingungen arbeiten auch schwangere Frauen, von denen einige entlassen wurden.

Die gefährlichste Arbeit verrichten die Taucher. Von den 4000 Tauchern, die im Jahr 2007 in der Branche arbeiteten, besaßen nur 100 die von internationalen Regelungen geforderten Zertifikate zum Nachweis ihrer Fähigkeiten (8). Beschäftigung über Subunternehmen und finanzielle Probleme in den Unternehmen führen dazu, dass lediglich 13 bis 15 Prozent der Arbeiter einer Gewerkschaft angehören.

Doch werden nicht nur von Seiten der Arbeitnehmer Klagen laut. Auch Tourismusunternehmen und kleine, traditionelle Fischereibetriebe äußern ihren Unmut. Bis zum Jahr 2005 wurden fast 5000 Hektar Gewässer an Ufern von Seen, Buchten, Kanälen und Mündungsgebieten an die Lachsunternehmen vergeben (allein das norwegische 
Unternehmen Marine Harvest erhielt 1215 Hektar) – an Orten also, die von Touristen besucht werden und wo die Gemeindebewohner fischen.

Die Beschwerden richten sich gegen die Verunreinigung und die hohe Zahl der Lachse, die aus den Farmen entkommen (2004 waren es zwei Millionen), zur Verbreitung von – sowohl für andere Arten als auch für den Menschen – ansteckenden Krankheiten beitragen und wild lebende Arten gefährden. Am besorgniserregendsten und erschreckendsten ist jedoch der massive Einsatz von Antibiotika.

Cabello zufolge kann der Einsatz von Antibiotika in der Fischzucht zur Entstehung resistenter Bakterienstämme führen, die Menschen und Fische befallen können (9). In Japan und den USA wurden bei mehreren Proben Rückstände von Antibiotika in chilenischen Lachsen gefunden. Die Medikamente werden z.B. zur Kontrolle der Rickettsien-Septikämie verwendet. Die Resistenz der Bakterien gegen die dabei zum Einsatz kommenden Chinolone hat jedoch weltweit alarmierende Ausmaße angenommen.

Bei einem von Ecoceanos im März 2007 veranstalteten Seminar in Puerto Montt lieferte der Leiter des Instituts für Chemie und Pharmazie der Universidad Austral überzeugende Beweise für die erhöhte Resistenz von Bakterien in den Krankenhäusern von Puerto Montt und Castro (Chiloé). In der ersten Stadt war die Resistenz gegen Ciprofloxacin zwischen 1999 und 2003 von 2,6 auf 9 Prozent gestiegen, in der zweiten von 4,4 auf 8,3 Prozent (10).

Die Entscheidung der Lachszüchter, ihre Kosten zu reduzieren und die Kapazitäten maximal auszunutzen, führte zu „verschwindend geringen Investitionen in die Forschung, einer sehr hohen Zahl an Tieren in den Lachsfarmen, dem willkürlichen Gebrauch der immer gleichen antiparasitären Mittel wie Emamectinbenzoat und antimikrobieller Wirkstoffe 
sowie zur gleichzeitigen Missachtung grundlegender Umwelt- und Hygieneregeln“ (11).

Weitere schwere Umweltprobleme sind mit der Herstellung der Fischernetze und den Abfällen der Lachsindustrie verbunden. In der Region Aysén, südlich von Chiloé, verhängte die chilenische Umweltbehörde im Jahr 2005 Bußgelder für sämtliche Netzfabriken, und in der Region Los Lagos (zu der auch Puerto Montt gehört) wurden bei mehr als der Hälfte der Betriebe wegen der unsachgemäßen Behandlung von Industrieabwässern Bußgelder verhängt. Im Jahr 2006 erfüllte keine der gewerblichen Deponien von Los Lagos die Vorschriften, weshalb 30 von 49 geschlossen wurden.

Juan Carlos Cárdenas, Veterinär und Leiter von Ecoceanos, behauptet: „Die multinationalen Unternehmen aus Europa tun in Chile, was in ihren eigenen Ländern nicht erlaubt ist.“ (12) Seiner Ansicht nach ist der Süden Chiles eines der letzten Expansionsgebiete der Fischerei-, Bergbau- und Holzkonzerne. Die Vorteile der Region um Puerto Montt und Chiloé gegenüber Nordeuropa liegen in der höheren Gewässertemperatur und den daraus resultierenden höheren Lachsmengen. Diese Mengen sind es jedoch, die die Verschmutzung hervorrufen: „Hier haben wir auf 300 Kilometern 600 Lachsfarmen mit 120 Millionen Fischen – für die gleiche Menge würde man in Norwegen 1000 Kilometer benötigen“, so Cárdenas.

Die Lachse wachsen in 60 m Tiefe in runden Käfigen mit 30 m Durchmesser auf. Die intensive Zucht hat den Wert der Lachsexporte von 190 Mio. USD im Jahr 1991 auf 2400 Mio. im Jahr 2008 anwachsen lassen. Die Preise sind unschlagbar: In Chile kostet die Herstellung von einem Kilogramm Lachs 2,9 USD, während der Preis auf dem internationalen Markt 7,9 USD beträgt. „Doch im Supermarkt hier in Chile kostet ein Kilo 10 Dollar, das ist teurer als in New York“, sagt Cárdenas.

Jetzt, wo die Region von Puerto Montt und Chiloé verschmutzt ist, versuchen die Lachshersteller nach Süden zu expandieren, in Richtung Aysén und Magallanes. Doch die Verschmutzung folgt ihnen, und inzwischen wurde auch in diesen Regionen das ISA-Virus entdeckt. Daran zeigt sich laut Cárdenas, dass sich das Virus in 10 Monaten über 2000 km ausgebreitet hat. Und er fügt hinzu, dass „nichts davon eingetreten wäre, wenn der Staat präsent und das Ausmaß der Korruption geringer wäre“.

Dass dies tatsächlich der Fall ist, zeigt ein einziger Fakt: Gemäß dem Jahresbericht der Firma Marine Harvest wurden 2007 bei jeder in Norwegen produzierten Tonne Lachs 0,02 g Antibiotika verwendet, während es im selben Jahr in Chile 732 g waren. Im Jahr 2008 waren es in Norwegen 0,07 g und in Chile 560 g (13). Mit anderen Worten: 2007 wurden in den chilenischen Lachsfarmen über 36.000-mal mehr Antibiotika verabreicht als in Norwegen, 2008 war es das 8000-fache – ohne, dass eine einzige Behörde etwas unternommen hätte.

Im Juli veröffentlichte die chilenische Regierung einen Bericht für das Jahr 2008, der von der Organisation Oceana angefordert worden war. Daraus geht hervor, dass die chilenische Lachsindustrie 325 Tonnen Medikamente verwendete, während es beim Weltmarktführer Norwegen lediglich eine Tonne war. Der Bericht bestätigt weiterhin, dass 40 Prozent der eingesetzten Antibiotika zu den Chinolonen gehören, welche von der US-Arneimittelzulassungsbehörde (FDA) verboten wurden (14).

Cabello zufolge ist bewiesen, dass das ISA-Virus 1996 von Norwegen nach Chile gelangte, und dass seine Ausbreitung „wahrscheinlich durch den ausgedehnten Virusbefall begünstigt wurde, hervorgerufen durch die katastrophalen sanitären Bedingungen in der chilenischen Lachszucht“ (15). Aus biologischer Sicht sei das, was in Chile passierte, mit der Schweinegrippe vergleichbar.

Die Privatisierung des Meeres

Futtermittel für die Lachszucht. Foto: Sam Beebe/ EcotrustDas neue Fischereigesetz „führt zur Privatisierung des Meeres, da es die Vergabe von zeitlich unbefristeten, mit Hypotheken belastbaren Konzessionen an die Lachsproduzenten ermöglicht“. „Gemeingüter werden in finanzielles Kapital umgewandelt“, bemerkt Lucio Cuenca vom lateinamerikanischen Beobachtungszentrum für Umweltkonflikte (Observatorio Latinoamericano de Conflictos Ambientales) (16). Dies geschieht seit Jahren, mit völligem Einverständnis der Behörden. Ein Beispiel: Im April 2007 stimmte das Abgeordnetenhaus über einen Bericht der Kommission für Fischerei, Aquakultur und natürliche Ressourcen ab, der behauptete, die chilenische Lachsindustrie arbeite „auch im Hinblick auf die Umwelt gemäß anspruchsvollen internationalen Standards, die von den modernen Märkten bestimmt werden, welche sie bedient“.

Dieser Bericht erhielt 67 Stimmen, eine Gegenstimme und eine Enthaltung. Drei Monate später wurde die Epidemie des ISA-Virus publik, obwohl nicht wenige behaupten, das Problem sei bereits längere Zeit bekannt gewesen. Wie dem auch sei – das Versäumnis des chilenischen Parlaments ist offensichtlich.

Vor kurzem traten all diese Probleme zu Tage: Unter Felipe Sandoval, stellvertretender Fischereiminister während der Regierungszeit Ricardo Lagos’ (2000 – 2006), wurde die Privatisierung der Fischereiindustrie vorangebracht. Zurzeit ist Sandoval Exekutivsekretär des Rates der Lachsproduzenten (Mesa del Salmon) und des Zusammenschlusses von Vertretern der Aquakultur-Industrie (Cluster Acuícola), der Industrie und Staat mit dem Ziel vereint, die Lachsindustrie neu zu positionieren, und in damit verbundenen Angelegenheiten als Repräsentant von Präsidentin Bachelet dient.

Am 5. Februar 2009 warf die Regionalbehörde von Valparaíso Sandoval vor, gegen das Prinzip der Integrität der Regierung verstoßen zu haben, indem er während seiner Amtszeit als Vizeminister Ausgaben des Staates in Höhe von 740 Mio. USD mit gefälschten Belegen veruntreute. Das Kontrollorgan brachte den Vorwurf hervor, als gerade über ein neues, auf die 
Industrie zugeschnittenes Fischerei- und Aquakulturgesetz debattiert wurde. Die Regierung Bachelet gab jedoch am 21. Juni ein Dekret heraus, das Sandoval mit dem Argument der Verjährung von allen Anschuldigungen befreite.

Wie Ecoceanos am 3. August berichtete, verhandelte Sandoval seit Beginn seiner Amtszeit über Kredite für die Lachsindustrie in Höhe von 450 Mio. USD – dies entspricht 60 Prozent der Bürgschaften der chilenischen Steuerzahler. Im Fall Sandoval hat der Staat also zu Gunsten der Industrie entschieden, obwohl Sandoval seine mangelnde Kompetenz im Umgang mit der Arbeits-, Umwelt- und Gesundheitsgesetzgebung bewiesen hat.

Das Fischereigesetz will die Lachsindustrie durch die Vergabe unbefristeter Rechte über Meeresgebiete an Unternehmen wiederbeleben (17). Dem Wirtschaftsminister Hugo Lavados zufolge erlaubt das Gesetz Unternehmen die Nutzung des Meeres- und Küstengebiets, das dadurch zu einem mit Hypotheken belastbaren Gut wird, ein entscheidender Punkt, wenn es um Kreditvergabe und Refinanzierung von Schulden geht. Cárdenas meint dazu, die Artikel 81 und 81a ließen die „Belastung nationaler Gemeingüter mit Krediten durch die Lachsindustrie zu“.

Der Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Dezember, Senator Marco Enríquez-Ominami, behauptet, wie auch andere Mitglieder des Parlaments, das Recht „privatisiere das Meer, um den Lachsunternehmen mit Krediten belastbare, dauerhafte Konzessionen zu verschaffen“, eine Tatsache, die Enríquez-Ominami als „verfassungswidrig“ bezeichnet (18). 
Ende Juli reichte der Senat 160 Änderungsvorschläge zum Fischereigesetz ein, was von Umweltschützern, die nicht mit solch erheblichem Widerstand gerechnet hatten, begrüßt wurde. Cárdenas dazu: „Das Vorgehen des Senats ist ein wichtiger Schritt gegen Verfassungswidrigkeit, Straffreiheit und den Versuch, uns unsere nationalen Gemeingüter zu rauben.“

Profiteure der Lachskrise gibt es dennoch. Marine Harvest gab bekannt, dass es trotz seiner Verluste in Chile die Übernahme chilenischer Lachsproduzenten plane – als Teil der Restrukturierung der Branche, so wie jede Krise „Gelegenheiten“ (für Käufe, Verkäufe und Fusionen) biete, wie es Jorgen Andersen, CFO des Unternehmens, ausdrückt (19).

Da Chile mit 24 Ländern Freihandelsabkommen geschlossen hat und die Eliten, so Lucio Cuenca, „eine Strategie verfolgen, die das Land zu einer Lebensmittelmacht machen soll“, weist alles darauf hin, dass die Lachszucht ausgebaut wird. Die am südlichsten gelegenen Regionen, in welche die Produktion nun verlagert wird, können sich selbst im Spiegel von Chiloé erkennen. Noch vor 15 Jahren war die Insel eine Gemeinschaft von Kleinbauern, Viehzüchtern, Fischern und Züchtern von Meeresfrüchten. „Heute sind ihre Bewohner von der transnationalen Industrie abhängige Arbeiter“, so die Mitglieder von Ecoceanos.

„Es sei denn“, fügt Lucio hinzu, „der Prozess der Politisierung, angefacht durch Dutzende kleine Kämpfe gegen die von Bergbau, Lachszucht und Zelluloseproduktion hervorgerufene Umweltverschmutzung, durch den es bereits gelungen ist, strategische Themen wie das Wasser auf die öffentliche Agenda zu setzen, nimmt weiterhin zu, bis er eine soziale 
Bewegung auslöst.“ Die vom Senat am Fischereigesetz geübte Kritik ist ein gutes Beispiel für diese neue Politisierung der chilenischen Gesellschaft.

Endnoten:
1. “Radiografía de la industria del salmón en Chile”, a. a. O. S. 5.
2. Ebd.
3. Barrionuevo, Alexei: “Salmon Virus Indicts Chile’s Fishing Methods”, The New York Times, 27. März 2008.
4. Ebd.
5. Ebd.
6. Reuters, 2. April 2008.
7. “Radiografía…” a. a. O., S. 10.
8. Ebd., S. 14.
9. Felipe C. Cabello: “Heavy use of prophilactic antibiotics in acquaculture: a growing problem for human and animal health and for the environment”, Environmental Microbiology, 2006, zitiert in “Radiografía”, S. 28.
10. Ebd., S. 30.
11. Ebd.
 12. Persönliches Interview
13. “Marine Harvest Sustainability Report 2008″, S. 16, www.marineharvest.com.
14. Sergio Jara Román, a. a. O.
15. Felipe Cabello, a. a. O.
16. Persönliches Interview
17. Xinhua, 31. Juli 2009.
18. Ecoceanos News, 5. August 2009.
19. La Tercera, 15. Juli 2009, www.latercera.cl.

Raúl Zibechi ist internationaler Analyst der Wochenzeitung Brecha aus Montevideo, Dozent und Forscher für soziale Bewegungen an der Multiversidad Franciscana de América Latina und Berater verschiedener sozialer Vereinigungen. Er ist der Verfasser des monatlichen „Zibechi-Berichts“ für das Americas-Programm (www.ircamericas.org).

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Übersetzung aus dem Spanischen: Anja Kanbach

Der Artikel erschien bereits am 17.08.2009 bei www.cipamericas.org. Mit freundlicher Genehmigung des Americas Program.

Bildquelle: Sam Beebe/ Ecotrust


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2 Kommentare zu “Die Folgen des „Chilenischen Wunders”
Die Lachsfarmen und die Privatisierung des Meeres”

  1. Ricardo Rios-Pooley vom 23. Februar 2015 - 19:43 Uhr

    Wie man in Chile sagt: die Schuld liegt nicht bei der Sau, sonder bei der, der sie füttert.
    Wenn die Regierung keine strenge Auflagen setzt, wie in Norwegen, dann soll man sich nicht wundern, daß die Lachszüchtern diesen Vorteil ausnutzen.
    by the way, ich wundere mich immer wie Chile so gut bei Transparency International abschneidet. Vielleicht weil wo keine gesetzliche Spielregeln gibt, kann man Korruption auch nicht nachweisen und alle, egal welchen Couleur, spielen mit

  2. Arthur Reuter vom 6. Juli 2015 - 14:49 Uhr

    Das “Lachsproblem” wird in Chile typisch chilenich angegangen.Man sieht nur den Profit und der enorme Schaden wird in Kauf genommen oder sogar vertuscht.(Habe 30 Jahre dort gelebt und gelitten.)

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