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Chile: Eine andere Bildung ist möglich

Autor:  | Februar 2012 | Artikel empfehlen

Die chilenischen Schüler und Studenten gehen noch weiter, als ihr Bildungssystem zu kritisieren, weil sie es für profitorientiert und elitär halten und weil es Ungleichheiten noch verstärkt. In den von ihnen besetzten Schulen und Universitäten setzen sie die Art von Bildung um, nach der sie sich gesehnt haben und für die sie schon seit Jahren kämpfen.


Besetzte Schule in Santiago - Foto: Quetzal-Redaktion, ssc„Wenn Arbeiter die Leitung einer Fabrik übernehmen können, können wir die Leitung der Schule übernehmen“, sagt Cristóbal, 17 Jahre, mit anhaltendem Grinsen im Gesicht. Er ist Schüler des Gymnasiums „Luís Galecio Corvera A-90“ in San Miguel, einem Vorort von Santiago. Das Gymnasium wurde zusammen mit 200 weiteren Schulen der Stadt besetzt. Am 26. September beschlossen die Schüler jedoch, dem Beispiel der Arbeiter aus der Keramikfabrik Zanón in Neuquén (Argentinien) zu folgen, die ihre Fabrik bereits vor zehn Jahren besetzten und selbst in Betrieb nahmen.

„Zu diesem Zeitpunkt war die Lage kompliziert, weil die Besetzungsbewegung schwächer wurde“, erinnert sich Cristóbal. „Uns war klar, dass es nicht reichen würde, unser Bildungssystem zu kritisieren, und dass wir etwas anderes tun mussten. Aber wir wussten nicht, was. Dann erfuhren wir, dass die Arbeiter von Zanón einen Vortrag an der Universidad de Chile halten würden. Wir gingen hin, und als wir zurückkamen, fingen wir an, die Schule auf eigene Faust zu leiten.“

Mit Beginn der eigenständigen Schulleitung kehrte ein Großteil der Jugendlichen an das Gymnasium zurück, und ein Teil der Lehrer schloss sich ihnen an. Viele Eltern zeigten sich von dieser Entwicklung begeistert: „Als ich sah, dass meine Kinder morgens aufstanden, ohne dass ich sie aufwecken musste, und mit großer Motivation zur Schule gingen, verstand ich, dass sie etwas Wichtiges taten, was zu einer anderen Art von Bildung führen würde“, sagt eine Mutter auf einem Basketballfeld in der Hitze der Novembersonne.

Die Verwaltungsangestellten der Schule sind durch einen Gewerkschaftsbeschluss abgesichert, der ihnen erlaubt, zu Hause zu bleiben, wenn es in der Schule keine funktionierende Leitung gibt. „Ohne Boss arbeiten die Gewerkschaften nicht“, spöttelt Cristóbal und löst damit großes Gelächter auf dem Schulhof aus. In wenigen Monaten haben die Gymnasiasten mehr gelernt als in Jahren eintöniger Unterrichtsstunden. Sie ergreifen im Unterricht die Initiative, schlagen Themen vor, sind pünktlich und freuen sich darüber, nicht mehr die „Pinguin-Uniform“ tragen zu müssen, die ihnen der Staat aufgezwungen hat.

Der Schüler- und Studentenaufstand hat die Grundfesten der chilenischen Gesellschaft erschüttert. Nichts wird mehr so sein wie zuvor. Dies zeigen auch Umfrageergebnisse. Auf die Frage der Tageszeitung „La Nación“, was das Beste am Jahr 2011 war, antworteten 63 Prozent „die Umwelt- und Studentenbewegung“. Nur 17 Prozent sprachen sich für „den Siegeszug der U“ aus – der Fußballmannschaft Universidad de Chile, die Ende November die südamerikanischen Meisterschaften gewann. Knapp drei Prozent waren der Meinung, das wichtigste Ereignis sei die Verleihung des Premio Cervantes an den Schriftsteller Nicanor Parra gewesen.

Die führenden Intellektuellen Chiles stimmen mit der Einschätzung des Direktors von „Le Monde Diplomatique“, Víctor Hugo de la Fuente, überein, dass „die chilenischen Schüler und Studenten nach fünf Monaten massiver Mobilisierung dem Land ein neues Gesicht gegeben hätten“. Das „Manifest der Historiker“ geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass „wir uns einer revolutionären, anti-neoliberalen Bewegung gegenübersehen“, die die Zivilgesellschaft wieder mit der Politik in Verbindung bringt und „den Faden unserer Geschichte, der durch den Staatsstreich von 1973 zerrissen wurde, wieder zusammenknüpft“.

Eine Gesellschaft in Bewegung

Bildung: Proteste, Graffiti - Foto: Quetzal-Redaktion, sscSeit den Massendemonstrationen der 1980er Jahre gegen die Diktatur von Augusto Pinochet hat es in Chile keine kollektiven Aktionen dieses Ausmaßes mehr gegeben. Anfang des Jahres brach massiver Widerstand gegen die Erhöhung der Gaspreise im Süden des Landes um die Stadt Punta Arenas herum aus. Die Bewegung hatte solche Kraft, dass sich die Regierung zu Verhandlungen mit der Bürgerinitiative der Region Magallanes gezwungen sah und die Preiserhöhung rückgängig machen musste.

Im Mai demonstrierten mehr als 30.000 Menschen in Santiago gegen das Projekt Hidro Aysén, das den Bau fünf riesiger Staudämme in Patagonien zum Ziel hat. Es wird sowohl von der Regierung als auch der Opposition unterstützt, ohne dass zuvor die Bevölkerung befragt wurde. Noch nie zuvor hatten sich so viele Menschen in einer Umweltbewegung zusammengeschlossen. Dies deutete an, dass etwas bereits im Wandel war.

Kurze Zeit später kam es zu Protesten der Opfer des Erdbebens von 2010, von denen ein Großteil noch immer keine Wohnung hat und bereits den zweiten Winter in höchst unsicheren Verhältnissen verbringt. Die Menschen beschweren sich darüber, dass zwar die Straßen für den Güterverkehr, nicht aber ihre Wohnungen instandgesetzt wurden.

Die Schüler- und Studentenbewegung formierte sich Ende April. Am 30. Juni marschierten 200.000 Schüler und Studenten auf der Alameda, und ab diesem Moment gab es Dutzende Demonstrationen. Dem Historiker Mario Garcés zufolge hatte „eine Festtagsstimmung von den Jugendlichen Besitz ergriffen“. Es wurden keine Parteiflaggen geschwenkt, keine einheitlichen Parolen gerufen und, vor allem, „keine dem Staat vorbehaltenen Orte aufgesucht“, weder das Parlament noch das Regierungsgebäude, wie es Gewerkschaften und Parteien üblicherweise tun.

In den folgenden Wochen brachten hauptsächlich Studenten den Fernsehsender TV Chilevisión in ihre Gewalt, um gegen den Umgang der Medien mit der Bewegung zu protestieren. Sie besetzten auch die Büros politischer Parteien wie der regierungsnahen ultrarechten UDI und der sozialistischen Oppositionspartei.

Der bedeutendste Tag war der 4. August. Die Polizei schritt massiv gegen die Demonstranten ein und nahm 874 Schüler und Studenten fest. Die Bevölkerung des gesamten Landes drückte ihre Solidarität durch lautes Töpfe- und Pfannenschlagen (caceroleo) und spontane Märsche durch die wichtigsten Städte aus, sodass der Tag zu einem „nationalen Protest“ wurde, wie es sie bereits gegen Pinochet gegeben hatte. Die Beliebtheit von Präsident Sebastián Piñera fiel Ende September auf 22 Prozent.

Am besten wird die Intensität der Bewegung jedoch durch die Ereignisse der Nacht des 4. August in den Wohnvierteln Santiagos verdeutlicht. Camila Silva gehört dem Colectivo Diatriba an, einer Gruppe von Pädagogen, die sich aktiv für eine andere Art von Bildung einsetzen. Sie lebt in La Florida, einem Wohnviertel der unteren Mittelschicht. „Dem ersten Protest schloss ich mich mit einem Freund an. Zu der Zeit waren dort etwa hundert Leute. Beim nächsten packten die Jugendlichen aus dem Kulturzentrum Schlagzeug und E-Gitarre aus, dann kamen die Barras Bravas, die Fußballrandalierer, mit den Colo-Colo-Flaggen und dann Gruppen mit den Flaggen der Mapuche. So etwas passiert eigentlich nur, wenn ein Fußballspiel gewonnen wurde.“

Camila beschreibt die Fröhlichkeit der Menschen und wie sich Nachbarn, insbesondere Frauen, spontan zusammenschlossen. „Die Leute fanden sich wie in einer Gemeinschaft zusammen – das alles weckt Erinnerungen. Die Leute riefen Y va a caer (Und er wird stürzen), dieselbe Parole, die damals in den Demonstrationen gegen Pinochet skandiert wurde. Sie tanzten bis zwei oder drei Uhr morgens, an jeder Ecke stand ein Grüppchen, im ganzen Viertel, fast überall in Santiago.“

„Die Linke hat geglaubt, dass der soziale Zusammenhalt durch die Unterdrückung zerstört wurde. Manchmal werden diese Bande unsichtbar, aber wenn etwas sehr Einschneidendes passiert, kommen sie wieder zum Vorschein, da die Erinnerung an sie noch immer unter der Oberfläche schlummert. Dann helfen sich die Leute wieder. Nach dem Erdbeben ist etwas Ähnliches passiert“, sagt der Student Cristian Olivares, der Mitglied im Colectivo Diatriba ist.

Frauen und Männer aus den Randgebieten, die seit der „Rückkehr“ der Demokratie 1989 nicht mehr auf die Straße gegangen waren, demonstrierten nun wie die Leute der Unterschicht: Sie sangen, tanzten und teilten sich Getränke mit anderen, als ob Feiern und Demonstrieren ein- und dieselbe Sache seien. Tatsächlich handelt es sich um eine großflächige Bewegung gegen die soziale Ungleichheit in einem Land, das laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen zu den fünfzehn ungleichsten der Welt zählt.

Ein Bildungssystem, das Ungleichheit fördert

Streik an den Universitäten in Chile - Foto: Quetzal-Redaktion, sscInfolge der neoliberalen Reformen des Pinochet-Regimes ist Bildung zu einer Ware geworden. 75 Prozent des Bildungssystems werden durch Beiträge der Studenten und ihrer Familien finanziert. Nur 25 Prozent kommen vom Staat. 70 Prozent der Studenten müssen Universitätskredite und damit Schulden aufnehmen, um ein Studium absolvieren zu können.

Das Bildungssystem ist stark zersplittert. Laut Garcés gibt es ein System für Reiche, eines für die Mittelklasse und eines für die Armen. Im Sekundarschulbereich wählen sieben Prozent den privaten Bildungsweg, der monatlich 300 bis 500 US-Dollar kostet. Die Mittelschicht greift auf das subventionierte bzw. halbprivate System zurück, das 50 Prozent aller Schüler umfasst. Die Kosten für sie sind gering (ab 40 US-Dollar monatlich); der Rest wird vom Staat getragen. Die Ärmsten, die 40 Prozent ausmachen, nutzen das „kommunale“ System, das über sehr wenige Ressourcen verfügt.

Der halbprivate Sektor wird von einer Gruppe Kleinunternehmer dominiert, die von den staatlichen Subventionen profitieren. Bis zu 45 Schüler sind in einem Klassenzimmer erlaubt, während im privaten System höchstens 35 zugelassen sind. 40 Prozent der Schulabgänger, die von der Kommune finanzierte oder halbprivate Bildungseinrichtungen besucht haben, können den Inhalt eines Textes nicht erfassen; 70 Prozent von ihnen erreichen nicht den Notendurchschnitt, der für ein Studium an der Universität nötig ist.

Im Hochschulbereich äußern sich die sozialen Unterschiede in Form von Verschuldung, denn ein Studium gibt es nicht gratis, und die Universität steht nicht jedem offen. Neben den staatlichen Universitäten, die ebenfalls kostenpflichtig sind, gibt es 60 private, da das System während der Militärdiktatur (1973 – 1980) privatisiert war. Die Kosten für ein Studium variieren zwischen 150 Dollar monatlich für Sozialwissenschaften und 1.200 Dollar monatlich für Ingenieurwesen oder Medizin. Die einzige Möglichkeit zu studieren besteht darin, einen Kredit am Finanzmarkt aufzunehmen und sich dadurch zu verschulden.

Angesichts dieser Situation schlagen die Studenten vor, dem Staat wieder die Zuständigkeit für das Bildungswesen zu übertragen und die natürlichen Rohstoffe zu verstaatlichen, um es zu finanzieren. Ein Präzedenzfall ist das staatliche Kupferunternehmen Codelco, das von Pinochet nicht privatisiert wurde. Mit einem Teil seiner Einkünfte werden die Streitkräfte auf der Grundlage des so genannten Kupfergesetzes (Ley Reservada del Cobre) finanziert. Es ist nicht verwunderlich, dass die Bewegung der verschuldeten Studenten von der Mittelschicht, auch in den wohlhabenden Vierteln Santiagos, unterstützt wird.

Selbständige Leitung des Gymnasiums

Streik an den Universitäten in Chile - Foto: Quetzal-Redaktion, sscIn der Gemeinde San Miguel, die eine halbe Stunde vom Zentrum Santiagos entfernt liegt, sind sämtliche Facetten der Mittelschicht zu finden: Leute, die in Hochhäusern am Rand der großen Straßen wohnen, bis hin zu Familien in uralten windschiefen Häuschen. In einer der größten Gemeinden der Stadt wurden nach und nach die ärmsten Viertel (wie La Victoria) abgerissen, um sie zu einem reinen Wohngebiet für die Mittelschicht zu machen. Jedoch sind die sozialen Kontraste hier noch immer deutlich wahrzunehmen.

Anfang des Jahres besuchten 179 Schüler das Gymnasium A-90. Vor zehn Jahren waren es noch 4.000. Im Laufe der Zeit sind die Schüler an die subventionierten Gymnasien abgewandert, die im Ruf stehen, eine bessere Bildung anzubieten. Studien widerlegen dies jedoch. Julio Palestro, der sozialistische Bürgermeister der Gemeinde, zählt zu den größten Verfechtern des privaten Bildungswesens. 2009 ließ er die öffentliche Schule schließen, die 2.000 Schüler besuchten.

Die Jugendlichen haben sich in der Turnhalle versammelt und erklären, dass die Schule in Bezug auf das „Schulrisiko“ Rang 14 belegt. Auf die Frage, was das bedeutet, lachen sie: „Damit ist das Risiko der Schüler, straffällig zu werden, gemeint.“ Das Gehalt der meisten Eltern liegt wenig über dem Mindestlohn (180.000 Pesos oder ca. 350 US-Dollar) und ein Großteil der Väter ist als Bauarbeiter tätig.

Vielleicht sind die Schulleitungen deshalb so von Disziplin besessen. „Wir waren wie eingesperrt, das hier war praktisch ein Gefängnis“, sagt Yergo, der im dritten Schuljahr ist. Camilo aus dem zweiten Schuljahr freut sich, dass er keine Uniform mehr tragen muss: „Hier ging es zu wie beim Militär, alle mit kurzen Haaren, Krawatte, Hemd in der Hose, macht dies nicht, macht das nicht; als ob es keine freie Meinungsäußerung mehr gab. Dabei kommen wir her, um zu lernen, nicht um Soldaten zu werden.“

„Die Versammlung steht im Zentrum der Selbstverwaltung“, erklärt Cristóbal. „Alle Schüler machen mit, und manchmal können auch die Lehrer teilnehmen. Wir haben eine Wache, und um das Essen hier kümmern sich Freiwillige. Die Lehrer machen Unterricht, werden aber auch von den Schülern selbst unterrichtet. Am Anfang haben wir den Unterricht Jahrgang für Jahrgang abgehalten. Aber dann haben wir gemerkt, dass man in dieser Unterteilung nicht richtig lernen kann. Deshalb haben wir alle Schüler aus allen Fächern zusammengenommen. Wir erklären uns die Dinge gegenseitig, und so wird Bildung zu etwas Gemeinschaftlichem. Dadurch ändert sich die Art der Beziehung zum Unterrichtsstoff und zur Schule.“

So wie Arbeiter einer besetzten Fabrik den Arbeitsablauf ändern, haben die sich selbst verwaltenden Schüler nun den Lehrplan umgestaltet. „Wir Schüler mussten erst unsere Rechte kennen lernen, um Unterrichtsstunden über die Verfassung abhalten zu können“, sagt Cristóbal. „Philosophie eignet sich zum Beispiel, um die Studentenbewegung und das, was auf der Welt geschieht, zu analysieren. Und auch der Sprachunterricht spielt dort hinein. Uns wurde langsam klar, dass die Schüler so besser und motivierter arbeiten.“

Der Philosophielehrer Juan Francisco stimmt seinem Schüler zu. „Die ganzen Diskussionen, die durch die Bewegung ausgelöst wurden, erfordern, dass man über die Machtstrukturen in Chile nachdenkt.” Deshalb wird in seinem Unterricht die Verfassung analysiert. Oft werden die Stunden in Form von Workshops gehalten, da dies die Beteiligung der Schüler fördert. Die wöchentlichen Versammlungen wurden in den Lehrplan aufgenommen.

Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern hat sich grundlegend gewandelt. Nachdem die hierarchischen Strukturen aufgelöst wurden, sind freundschaftliche und kooperative Beziehungen entstanden. Im Klassenzimmer sitzen sie zusammen im Kreis, und die Lehrer helfen den Schülern, anstatt sie von oben herab zu behandeln. Die Biologie-, Physik- und Chemielehrerin Eliana Lemus, die außerdem Direktorin des Gymnasiums ist, versichert, dass die Schüler nun viel disziplinierter seien als früher. Das liege vielleicht daran, dass die Disziplin nicht aufgezwungen werde. Nun gebe es den Wunsch, gemeinsam zu lernen und diese Erfahrung zu teilen.

Zu den bemerkenswertesten Entwicklungen gehört, dass die Schüler- und Studentenbewegung die soziale Organisation in den Stadtvierteln fördert. Die Elternversammlung des A-90, die apoderados (die Bevollmächtigten) genannt wird, unterstützt die Besetzung und Selbstverwaltung der Schule. In der Hitze der Proteste wurden in San Miguel so genannte „Territorialversammlungen“ gegründet, in denen Bewohner zusammenkommen, um über die Probleme des Viertels, aber auch über allgemeine Themen wie Bildung zu diskutieren. Sie sollen in vielen Vierteln Santiagos eingerichtet worden sein und bis zu 200 Bewohner umfassen.

Doch nicht alles ist positiv. Verschiedene Lehrer berichten, dass sie von Kollegen, die mit der Besetzung und Selbstverwaltung der Schulen nicht einverstanden waren, bedroht und geschlagen wurden. Auch Cristóbal Espinoza, Schüler und Sprecher des Gymnasiums A-90, blieb nicht verschont: Er wurde vom sozialistischen Bürgermeister, einem ausgesprochenen Gegner der Bewegung, mit Schlägen traktiert.

Eine Zukunft für die Zukunftslosen?

Streik an den Universitäten in Chile - Foto: Quetzal-Redaktion, sscDie Schüler- und Studentenbewegung von 2011 ist die dritte, die Chile in den letzten zehn Jahren erlebt hat. Als die Studenten im Jahr 2000 auf die Straße gingen und sich in einer Bewegung zusammenschlossen, die mochilazo genannt wurde, ging es um Forderungen im Personenverkehr. Auch 2006 fanden große Demonstrationen statt, und Schulen wurden besetzt. Dies führte zum Rücktritt des Bildungsministers und einer teilweisen Änderung des Bildungsgesetzes.

Die „Pinguinrevolution“, der die chilenische Schuluniform ihren Namen gegeben hat, war die erste in demokratischer Hinsicht erfolgreiche Bewegung. Sie war weitreichend und hat Neuerungen gebracht, da Entscheidungen in Versammlungen getroffen wurden, die von horizontalen Strukturen, Dialog und Teilhabe geprägt waren. Für Mario Garcés wurde die Studentenbewegung 2006 „auf den Gängen von La Moneda (dem Regierungssitz) und im institutionellen Gefüge entkräftet beziehungsweise aufgehalten“. Präsidentin Michelle Bachelet richtete eine Expertenkommission ohne nennenswerte Beteiligung von Studenten ein, die ein neues Gesetz verfasste, das jedoch nichts gegen die Profitorientierung des Bildungssystems ausrichtete.

Diesmal stehen bei der Bewegung nicht nur studentische Forderungen oder das Bildungssystem im Mittelpunkt, auch wenn dies die vordergründigen Motive sind. Das politische System Chiles, auf dem das Erbe der Diktatur lastet und das den sozialen Forderungen nicht nachkommen kann, durchlebt eine Legitimitätskrise. Wie das „Manifest der Historiker“ feststellt, diskutiert die Gesellschaft nun wieder, kritisiert vertikale Strukturen und die Art der Vertretung ihrer Interessen und schafft „eine Form der direkten und dezentralen Demokratie“.

Diese „Politik der Straße“ vollzieht sich über die Aneignung von öffentlichem Raum und verdeutlicht einen Machtanspruch, der die Art des Übergangs zur Demokratie in Frage stellt – ein Übergang, der sich laut Garcés „von sozialen Bewegungen entfernt hat“. Die Menschen kehren nicht nur auf die Straße zurück – sie machen eine andere Art von Politik, indem sie die politische Kultur vertiefen, von unten her verändern und auf neue Bereiche ausweiten, wie es schon die Bewegung von 2006 gezeigt hat.

Schließlich wachsen durch dieses neue Vorgehen neue Persönlichkeiten heran. Marcela Moya, Englischlehrerin am Gymnasium A-90, betont, wie redegewandt und selbstdiszipliniert die Schüler in der Öffentlichkeit auftreten. Dies ist eine persönliche Entwicklung, die nicht individuell, sondern kollektiv und politisch ist und Veränderungen erahnen lässt, die tiefer gehen als an der Oberfläche sichtbar: „Diese Bewegung hat einzelne Persönlichkeiten hervorgebracht, die eines Tages hoch engagierte soziale Akteure sein werden, weil sie sich selbst diesen Auftrag gegeben haben.“

Referenzen

Diatriba, Revista de pedagogía militante, Nr. 1, November 2011
Interviews mit Schülern des Gymnasiums A-90, Santiago, 30. November 2011
Interview mit dem Colectivo Diatriba, Santiago, 1. Dezember 2011
Mario Garcés, El movimiento estudiantil y la crisis de legitimidad de la política chilena (Die Studentenbewegung und die Legitimitätskrise der chilenischen Politik), LOM, Santiago, Juli 2011
Otro Chile es posible (Ein anderes Chile ist möglich), Le Monde Diplomatique, Santiago 2011
Trazas de utopía. La experiencia autogestionaria de cuatro liceos chilenos durante 2011,
(Spuren der Utopie. Erfahrungen, die vier chilenische Gymnasien 2011 mit der eigenständigen Schulleitung gemacht haben), OPECH/Colectivo Diatriba/Quimantú, Santiago, 2011.

Der Artikel erschien bereits am 27.12.2011 bei www.cipamericas.org. Mit freundlicher Genehmigung des Americas Program.

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Übersetzung aus dem Spanischen: Sandra Zick

Bildquelle: Quetzal-Redaktion, ssc


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