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Arm… Ärmer…Entwicklung…

Autor:  |  Sommer 1998

Eines der wichtigsten Argumente, um die Bewerbung Chiles in den Master-Club der erfolgreichsten Nationen zu untermauern, ist der zahlenmäßige Rückgang von Armut und extremer Armut. Innerhalb von zehn Jahren, seit 1987 bis heute, hat sich nach Angaben des Planungs- und Entwicklungsministeriums (MIDEPLAN 1997) und nach Berechnungen des Sozialzensus CASEN (1996), der Prozentsatz der Armen an der chilenischen Bevölkerung von 45,1 % im Jahr 1987 auf 23,2% Ende 1996 verringert. Vor diesem Hintergrund scheint es wichtig, auf die Jahre zuvor hinzuweisen. 1970, vor dem erzwungenen Marktöffnungsprozess, lebten nur 20% der chilenischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. 1990 (nach mehreren Jahren mit Wachstumsraten von 6% und mehr) lag dieser Anteil doppelt so hoch, bei 40%.

Die Einstufung als “arm” oder “extrem arm”, ergibt sich für MIDEPLAN aus der Messung des monatlichen Einkommens der untersuchten Familien und Personen. Als extrem arm wird definiert, wer mit seinem monatlichen Einkommen nicht in der Lage ist, die Kosten für einen Basiswarenkorb, der im urbanen Kontext einen Wert von 41 US-Dollar und auf dem Land 32 US-Dollar hat, abzudecken. Dieser Warenkorb ermöglicht nach Berechnung der nationalen Statistikbehörde lediglich einen täglichen Konsum von 1600 bis 2000 Kalorien. Weitere Ausgaben – etwa für Wohnung, Kleidung, Gesundheit – sind darin nicht enthalten.

Die Armutsgrenze wird beim Doppelten dieses Basiswarenkorbes gezogen; d.h., dass eine Familie, deren Mitglieder im November 1996 nicht über ein monatliches Pro-Kopf-Einkommen von 82 Dollar verfügen, zu den Armen gerechnet wird. Mit anderen Worten: Eine fünfköpfige Familie aus einem Armenviertel in Santiago oder Concepción benötigt ein monatliches Einkommen von 205 Dollar, um keinen Hunger zu leiden (und nicht als extrem arm eingestuft zu werden). Sollen neben Nahrung zumindest auch die Grundbedürfnisse Kleidung, Wohnung, Gesundheit und Schulbildung befriedigt werden, ist ein Monatseinkommen von 410 Dollar notwendig, um nicht unter die Armutsgrenze zu fallen.

An dieser Berechnungsmethode wird kritisiert, dass die Parameter, Armut und extreme Armut zu messen, viel zu niedrig angesetzt seien. Die zu Grunde gelegten Preise für den Basiswarenkorb hätten höchstens für die Großstadt Santiago Gültigkeit. In anderen Teilen Chiles sind sowohl die Kosten für Grundnahrungsmittel als auch für andere Basiskonsumgüter höher als in der Hauptstadt. Darüber hinaus befürchtet man, dass mit der angewandten Methode die Verarmung in ländlichen Zonen bei weitem unterschätzt wird. Stellt man dies in absoluten Zahlen dar, geht die chilenische Regierung jetzt von 3.300.000 Millionen Menschen in Armut und 814.000 in Situation extremer Armut aus (bei einer Gesamtbevölkerung von 14.447.000 Einwohnern). Diese eigentlich ermutigende Botschaft vom Rückgang der Armut in Chile bedarf jedoch einer differenzierteren Analyse.

Das Stadt-Land-Gefälle

Der Anteil an armen und extrem armen Menschen an der Gesamtbevölkerung liegt in ländlichen Gebieten bemerkenswert höher als in der Stadt. Die Verringerung von Armut lässt sich höchstens für den urbanen Raum belegen. In den ländlichen Gebieten Chiles weisen die Armutszahlen weitaus weniger Veränderung auf. Im Gegenteil: Die sich seit Jahren verschärfende strukturelle Agrarkrise, die vor allem Familienbetriebe mit weniger als fünf Hektar Wirtschaftsfläche betrifft, hat ganz sicher nicht dazu beigetragen, die Gesamtsituation zu verbessern. Ein harter Kern von Familien auf dem Land lebt weiterhin unter Bedingungen von extremer Armut, daran konnte auch das wachsende Brutto-Sozialprodukt im Land nichts ändern.

Der unbedeutende Rückgang des Anteils von Menschen, die in den ländlichen Gebieten Chiles in Armut oder extremer Armut leben, erhärtet den Verdacht, dass die scheinbar verbesserte Situation lediglich ein Ergebnis des Migrationsprozesses vom Land in die Stadt ist. Ländliche Kommunen leiden unter Bevölkerungsschwund, während die Städte wachsen. 86% der chilenischen Bevölkerung konzentrieren sich auf urbane Ballungsräume. Der chilenische Sozialwissenschaftler José Bengoa vertritt die Auffassung, dass die strukturelle Krise der Landwirtschaft “einen regelrechten Exodus der Bauern” in die Armenviertel der Städte provoziert hat. Neun der dreizehn Regionen des Landes weisen einen negativen Migrationssaldo auf (es gehen mehr Menschen, als neue hinzuziehen). Die Landstriche mit den höchsten Migrationsraten liegen in Südchile – zwischen der VII. Region (Talca-Maule) bis zur X. (Puerto Montt). Für Bengoa ist der Zusammenhang zwischen Armut und Abwanderung augenfällig. Von den 170 Kommunen Chiles, die vom staatlichen Programm für Armutsbekämpfung (FOSIS) als diejenigen mit den verheerendsten Sozialdaten eingestuft werden, sind 101 Landgemeinden. Beim traurigen Ranking der ärmsten Gemeinden Chiles findet sich erst auf Platz 93 eine Stadt, Calama (II: Region).

Die Netto-Einkommensentwicklung auf dem Land ist in Chile seit Jahren rückläufig. Allein im Zeitraum 1992 bis 1994 sank das Pro-Kopf-Einkommen in ländlichen Haushalten um 3,2%, während es in den Städten im Durchschnitt um 7,1% stieg. Die Perspektiven sind nur wenig ermutigend: Es wird geschätzt, dass in den nächsten zehn Jahren noch einmal zwischen 100.000 und 200.000 Familien aus ländlichen Gebieten in die Städte abwandern müssen, weil der unter dem Militärregime eingeleitete Strukturwandel der Landwirtschaft ihnen keinerlei Chance am Markt lässt. In den Diskussionen der verschiedenen wirtschaftsliberalen Denkschulen wird die traditionelle Landwirtschaft in Chile als “überflüssiger Sektor” apostrophiert. Agrarexperten in der Regierung von Eduarde Frei betonen, dass der Anteil der Menschen auf dem Land in den kommenden 10 bis 15 Jahren auf unter 10% an der Gesamtbevölkerung Chiles sinken muss -und zwar als Konsequenz aus der sich beschleunigenden Entwicklung in Industrie, Handel und urbanem Dienstleistungssektor. Das staatliche Landwirtschaftsförderprogramm INDAP spricht ganz offen von “lebensunfähigen” bäuerlichen Betrieben, bei denen es keinen Sinn mache, Agrarkredite zur Verfügung zu stellen, Beratungsdienste zu organisieren oder gar bei der Mechanisierung der Produktion zu helfen. Davon betroffen sind in Chile rund 180.000 landwirtschaftliche Betriebe, die nicht über die ausreichende Größe verfügen, um als tragfähige Familienunternehmen eingestuft zu werden.

Alle Untersuchungen zur Armut in Chile stimmen darin überein, dass sich ein Teil der extremen Armut im Bereich von bäuerlichen Kleinbetrieben – minifundios – konzentriert. Dabei ist die Armut auf dem Land ganz offensichtlich anders als die urbane Armut. Sie ist, wie das chilenische Forschungsinstitut SUR betont, auch nicht in erster Linie das Ergebnis oder die Ableitung von Modernisierungsprozessen. SUR gelangt zu dem Schluss, “Armut in der ländlichen Gesellschaft ist Armut, die durch verspätete Entwicklung verursacht wird.” Diese kategorische Behauptung bedarf jedoch der Präzisierung.

Beispielsweise wirkt sich für die kleinen Erzeuger von Oregano, Knoblauch und Luzerne in den Gebirgstälern des “Großen Nordens” von Chile, für die Aymaras, die sich durch die Zucht von Alpacas und Lamas im chilenischen Andenhochland ihren Lebensunterhalt verdienen sowie für die verarmten Kleinbauern des “Kleinen Nordens” (IV. Region), die von Ziegenherden und kleinstflächigem Ackerbau an steilen Hängen leben, der moderne, industrielle Bergbau mit seinem unstillbaren Durst nach Wasser verheerend und existenzvernichtend aus. Durch die Umleitung von Flüssen, die Verschmutzung von Wasservorräten, Boden und Luft wurde ihnen die Möglichkeit zu überleben genommen. Den Kampf um das Wasser gewinnen grundsätzlich die Bergbauunternehmen. Niemand verhindert, dass durch Flussumleitungen und das Abschöpfen sämtlicher Grundwasservorräte weite Landstriche in Wüsten verwandelt und seit eineinhalb Jahrhunderten die ökologischen Kosten des Bergbaus den ach so “zurückgebliebenen” Nachbarn aufbürden werden.

Weitere Opfer der gewaltsamen Modernisierungen sind die campesinos der unbewässerten Küstenregion von Talca (VII. Region) bis hinunter nach Puerto Montt (X. Region). Die Expansion der industriellen Forstwirtschaft hat die Verdrängung von bäuerlichen Gemeinschaften zur Folge. Aus einer Kulturlandschaft mit Ackerböden und großer Artenvielfalt werden Monokulturen mit Pinien- und Eukalyptusplantagen. Die sozialen und ökologischen Folgen dieser “Modernisierung” sind verheerend. Versteppungsprozesse sind heute nicht mehr nur ein Problem für die Trockenzonen Nordchiles, sondern auch der mittleren und südlichen Regionen. Die chilenische Umweltorganisation CODEFF belegt, dass in “grünen” Seenlandschaft der X. Region bereits 45% aller Böden irreparable Erosionsschäden erlitten haben. In der noch weiter südlich gelegenen XI. Region erreichen die Erosionsschäden 30%. Weiter nördlich in der V. Region (Valparaiso) und der IV. (La Serena) umfasst der Anteil an irreparabler Bodendegradation 52 und 40%.

Die durch die industrielle Forstwirtschaft produzierten Reichtümer überwiegend transnationaler Konzerne, die sich in der Zellulose oder Chip-Produktion engagieren, stehen in eklatantem Widerspruch zu der Armut, die sich in waldreichen Gegenden konzentriert. Das Büro des DED (Deutscher Entwicklungsdienst) in Santiago belegte 1993 mit einer Studie, dass in Regionen mit “Industriewald” der Anteil von in Armut oder extremer Armut lebenden Menschen um ein Vielfaches über dem Landesdurchschnitt liegt.

Ein weiterer Faktor der “Modernisierung”, der ganz eindeutig zu einer Verarmung von klein -und mittelbäuerlichen Betrieben beigetragen hat, ist der explosionsartig gestiegene Einsatz von Chemikalien im agrarindustriellen und exportorientierten Sektor. Zwischen 1985 und 1996 stieg in Chile der Gebrauch von Insektiziden um 64%, von Unkrautvernichtungsmitteln um 221% und von chemischen Wachstumsförderern um 81%. Von den in Chile am häufigsten angewendeten Agrochemikalien stehen 130 auf einer von den Vereinten Nationen zusammengestellten Liste von verbotenen gesundheitsschädigenden Produkten. Bekannt geworden ist der Fall exzessiven Pestizidgebrauchsin der VI. Region (Rancagua), wo 60% der importierten Agrarchemikalien ausgebracht werden. Dort wurden gehäuft genetische Veränderungen bei Neugeborenen sowie überdurchschnittlich viele Fehlgeburten und Verkrüppelungen registriert.

Während der schweren Wirtschaftskrise zu Beginn der achtziger Jahre, als die Konsequenzen aus der brachialen Durchsetzung des neoliberalen Wirtschaftsmodells in Chile mit seiner “Schockpolitik”, der völligen Marktöffnung und des Einfrierens der Wechselkurse (1979 – 1982) dazu führten, dass in weniger als drei Jahren über 1000 Industrieunternehmen in Konkurs gingen und die Arbeitslosigkeit auf die Rekordhöhe von fast 33% der erwerbstätigen Bevölkerung schnellte, waren es die Frauen, die in dieser trostlosen Situation der sozialen Verwüstung eine Schlüsselrolle für das Überleben der armen Bevölkerung übernehmen mussten. Sie wurden mit ihrer Überlebensarbeit zu den “Stoßdämpfern” der lateinamerikanischen Krisengesellschaften. Traditionell wurden in Chile Strategien und Initiativen zur Selbsthilfe unter armen und extrem armen Menschen immer schon als Angelegenheit der Frauen wahrgenommen (z.B. Gemeinschaftsküchen und -bäckereien, Gruppen zum gemeinsamen Einkauf oder Obdachlosenkomitees).

Wir können für diese Krisenjahre also nicht bloß von einer “Feminisierung der Arbeit”, sondern auch von einer “Feminisierung der Verantwortung” sprechen. Aber die Krise der sogenannten “verlorenen Dekade”, deren Gewinner bis heute an der Macht sind, hatte noch andere Auswirkungen: Die Arbeitslosigkeit und die Verschärfung struktureller Armut führten zu einem Ansteigen der Gewalt gegenüber Frauen und Kindern.

Die hunderttausendfache – und fast immer durch Notsituationen erzwungene – Präsenz der Frauen aus den Armen vierte In im informellen Subsistenzsektor führt dort zu einer Rollenverschiebung: Es sind jetzt die Frauen, denen die am schlechtesten bezahlten und gesellschaftlich am wenigsten anerkannten Tätigkeiten zufallen. Dort, wo Frauen es schaffen, tatsächlich einen formalen Arbeitsplatz zu erkämpfen, liegt ihre Bezahlung immer weit unter der von Männern mit vergleichbaren Tätigkeiten. An diesem Zustand systematischer Lohnungleichheit und Lohndiskriminierung ändert sich auch nach dem Beginn der Wiederbelebung der chilenischen Wirtschaft ab 1985 nicht das Geringste. Ähnlich alarmierend stellt sich die Situation beim Vergleich der Arbeitslosenraten zwischen Frauen und Männern dar. Frauen, die zum ärmsten Fünftel der chilenischen Bevölkerung gehören, sind – zusammen mit Jugendlichen aus derselben sozioökonomischen Gruppe – weiterhin am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffen. Die Gründe sind offensichtlich: Ein erzwungener früher Eintritt in den (informellen) Arbeitsmarkt, der gezwungenermaßen vorzeitige Schulabbruch und die erste Schwangerschaft, meist noch als Minderjährige, verschließen definitiv den Zugang zu einer qualitativ anspruchsvollen und festen Beschäftigung. In Chile trägt in jedem vierten Haushalt eine Frau als alleinerziehende Mutter gleichzeitig die Verantwortung für das finanzielle Überleben der Familie. Daran hat sich seit der Amtsübernahme der beiden demokratisch gewählten Übergangsregierungen unter den christdemokratischen Präsidenten Aylwin und Frei nichts geändert. 1992 trugen weiterhin Frauen für 25,3% aller Haushalte die alleinige Verantwortung. Das Phänomen von Frauen, die allein die wirtschaftliche Verantwortung für den Unterhalt ihrer Familie übernehmen mussten, ist in Armensektoren stärker ausgeprägt als in den Mittel- und Oberschichten. Es ist mehr ein Problem der Frauen in den Städten, nicht so sehr der ländlichen Bevölkerung. Der überwiegende Teil von Haushalten, die allein von Frauen getragen werden, wird als arm oder extrem arm eingestuft. Eines der zentralen Subsistenzprobleme, von dem arme Frauen betroffen sind, ist mit der Wohnungsnot in Chile verknüpft: Man schätzt, dass 63% der Frauen, die als Alleinerziehende für den Unterhalt ihrer Familien verantwortlich sind, unter prekären, unzureichenden Wohnbedingungen leben. 40% aus dieser Gruppe wohnen mit ihren Kindern in einem einzigen Zimmer.

Weibliche Armut

Es ist in diesem Zusammenhang notwendig, auf die gegenüber Frauen außerordentlich patriarchale und diskriminierende chilenische Gesetzgebung hinzuweisen. Die im Land geltenden Familiengesetze stammen noch aus dem bürgerlichen Gesetzbuch von 1855 und sind in ihren entscheidenden Passagen seither nicht revidiert worden. In Chile existiert nach wie vor kein Scheidungsgesetz, was zu grotesken sozialen Situationen führt. Während sich scheidungswillige Ehepaare mit hohem Einkommen in Gerichtsverhandlungen mittels eines legalen Betruges Annullierungserklärungen ihrer Ehe erkaufen, bleibt ärmeren Familien nur die de-facto-Trennung und das Verlassen des gemeinsamen Hauses. Das fehlende Scheidungsrecht beeinträchtigt vor allem Frauen, weil es sie im Falle von Eheproblemen (etwa einer de-facto-Trennung) ohne jeglichen rechtlichen Schutz lässt. Aber auch der legale Betrug der Annullierung führt in den meisten Fällen dazu, dass Frauen sämtliche – in langen Ehejahren miterworbene – Rentenansprüche und sonstige soziale Absicherungen verlieren, in Erbschaftsfragen nicht berücksichtigt werden und nicht auf gesetzliche Unterhaltszahlungen hoffen dürfen. Auf der anderen Seite haben immer wieder chilenische NGOs daraufhingewiesen, dass für Frauen (nicht für Männer) nach wie vor drastische Strafandrohungen für Ehebruch im Gesetzbuch enthalten sind. Wichtig ist etwa die Bestimmung, dass Kinder, die außerhalb der gesetzlichen Ehe geboren werden, in Erbangelegenheiten nicht die gleichen Rechte wie eheliche Kinder besitzen. Durch dieses Disziplinierungsinstrument soll das politische Ziel dieser patriarchalischen Gesellschaft erreicht werden, die Weitergabe von Besitz und Reichtum an die nächste Generation auf väterlicher Linie zu garantieren. Die chilenische Realität zeigt, dass 34,2 von 100 Kindern von dem Gesetz als “illegitim” eingestuft werden, d.h. in nichtehelichen Beziehungen zur Welt kamen.

Auch die Konsequenzen eines stark beschnittenen Sozialversicherungssystems trifft vor allem Frauen aus den ärmsten Bevölkerungsgruppen hart. Durch ihre überwiegende Tätigkeit im urbanen Subsistenzsektor sind sie nicht in der Lage, Beiträge in die privaten Renten- und Krankenversicherungskassen einzubezahlen. Sie sind bei der Alterssicherung auf den Bezug von staatlichen Minimalrenten (etwa 110 DM pro Monat) und bei Krankheit auf das völlig unzureichend ausgestattete und überlastete öffentliche Gesundheitssystem angewiesen, das oft nicht einmal in der Lage ist, eine lebensrettende Erstversorgung sicherzustellen. Man schätzt, dass die Hausarbeit und Subsistenzproduktion, die von Frauen geleistet wird, jedoch ökonomisch und sozial keinerlei Anerkennung erfährt, 21% des chilenischen Bruttosozialproduktes entspricht. Die Sozialwissenschaftlerin Sara González kommt zu dem Schluss: „Unsere Gesellschaft kann es sich also leisten, nicht in ein entsprechendes soziales Sicherungssystem zu investieren, weil sie über eine genügend große Reservearmee verfügt, die ökonomisch nicht anerkannt werden muss – und für die es reicht, wenn man an die Pflichten von Mutter und Hausfrau erinnert. Diese Last, die den Frauen aufgebürdet wird, verschärft den Prozess der Feminisierung der Armut und nimmt den Betroffenen jede Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und Weiterentwicklung.”

Vor diesem Hintergrund muss darauf bestanden werden, dass der gender-Ansatz, nicht bloß eine “Angelegenheit der Frauen” ist. Die Überwindung der “Feminisierung der Armut” in Chile und Lateinamerika, z.B. etwa die soziale Fragmentierung und asymmetrische Verteilung der Kosten, die notwendig waren, um die “nachhaltigen” Krisensituationen abzupuffern (und so die Verluste in der Einführungsphase des “Modells” zu sozialisieren, indem man die Armut privatisierte), verlangen vielmehr nach einer bewussten Einbeziehung der gesamten Gesellschaft. So wie die Armut nicht das ausschließliche Problem der Armen sein kann, sondern des gesamten Systems, das sie verursacht, reproduziert und verewigt, so betrifft in Chile auch die Ungleichheit vor dem Gesetz, die Diskriminierung und der Ausschluss von Frauen von Einfluss- und Entscheidungsprozessen die gesamte Gesellschaft – Frauen und Männer gemeinsam.


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