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Zu Besuch bei den Yanomami Nordwestamazoniens

Autor:  | Juni 2009 | Artikel empfehlen

Yanomami: Frauen in Mauxiuteri. Foto: Heinz KindlimannAls Schweizer Bürger mit Jahrgang 1943 besitze ich seit 1965 noch ein zweites Bürgerrecht, das  darauf beruht, dass ich die Knochen des verstorbenen Häuptlings der Yanomami-Indianer vom Alto Rio Mayá gegessen habe. Ich erlaube mir deshalb, mich hier kurz vorzustellen:

„shorima siorï, xamatari, tuschaua wawanaueteri, ka mia yanomami.“

shorima’: ‚Schwager’
Die Yanomami kennen die Bezeichnung Freund nicht, sie unterscheiden ausschliesslich zwischen Feinden und Sippen-/Stammes-Angehörigen.
siorï’: ‚Geist aus dem Affenland’
Für die Yanomami war ich das erste körperbehaarte menschliche Wesen, das sie zu Gesicht bekamen. Da ich ihnen an Körperlänge weit überlegen war, über eine ebenso unerklärliche Ausrüstung wie unverständliche Sprache verfügte, konnte ich jedoch kein Affe sein – vielleicht aber einer der Geister dieser Spezie …
xamatari“: ,Xamatari
Die Yanomami lassen sich in vier Untergruppen teilen: Guaica, Sanemá, Xamatari, Yanoma. Die Xamatari bewohnen die äquatorialen Urwälder an der brasilianisch-venezolanischen Grenze, östlich und südlich des Pico da Neblina (höchster Berg Brasiliens, 3014 m.ü.M., an der  Grenze zu Venezuela).
tuschaua’: ‚Häuptling’
Ein Yanomami-Häuptling hat keine Befehlsgewalt, er überzeugt die egalitäre Gemeinschaft mit physischer und psychischer Überlegenheit.
wawanaueteri’: ‚Gemeinschaft der Froschmenschen’
In den 1960er-Jahren waren die ‚Froschmenschen’ die stärkste Yanomami-Gemeinschaft im Einzugsgebiet des Amazonas.
ka mia Yanomami’: ‚Ich bin ein Häuserbauer’
In Abgrenzung zur Tierwelt bezeichnen sich die Yanomami als Häuserbauer (Yano = Haus).

shorima siorï, xamatari, tuschaua wawanaueteri, ka mia yanomami“ bedeutet somit in etwa: „Ich bin der Schwager ‚Geist aus dem Affenland’, Häuptling der Xamatari vom Volk der Froschmenschen, ich bin ein Häuserbauer.“

Februar 1965

Yanomami: Tuschau Hotkoiwe von Wawanaueteri (1965). Foto: Heinz KindlimannDie Guaica an den Zuflüssen des obersten Orinoco bezeichnen ihre südlichen Nachbarn, die Xamatari, als die aggressivsten und gefährlichsten Vertreter aller Yanomami. Sie begründen dies mit dem Mythus, der besagt, dass die Xamatari aus dem Blut des Mondes entstanden sind:

Früher sei der Mond ein Geist gewesen, der im Körper eines grossen Schamanen gelebt habe. Als dieser starb, wurde der Mond aus seiner Brust befreit und irrte frei im Raum umher, derweil im Dorf der Scheiterhaufen errichtet und der Leichnam des Schamanen verbrannt wurde. Als die Asche erkaltet war, stieg der Mond mitten auf den Platz hinab, ging zur Asche des Scheiterhaufens und begann die verkohlten Knochen zu essen, die man unter seinen Zähnen krachen hörte. Der Sohn des Verstorbenen glaubte in ihm seinen Vater zu sehen, doch die anderen bemerkten seinen Irrtum. Jemand, den sie nicht kannten, war gekommen, um die verkohlten Reste des Toten zu essen. In ihrem Zorn riefen sie „Töten wir ihn, es ist ein anderer!“ Aus allen Richtungen schossen sie jetzt ihre Pfeile ab, während der Mond schon in den Himmel aufstieg. Doch die Pfeile fielen am Ende ihrer Flugbahn wieder zur Erde zurück, ohne den Mond zu treffen. Schon wollte dieser in den Wolken verschwinden, als sich der beste Schütze aus seiner Matte erhob und sagte: „Hört auf das Schwirren meines Pfeils, er wird sehr weit fliegen“. Und er stieg mächtig, er stieg und stieg und bohrte sich in den Mond. Das Blut quoll in Strömen heraus, es floss in alle Richtungen und besudelte die Erde. Unten im Süden verwandelte sich jeder Blutstropfen in einen Yanomami der Xamatari, die tapfer und wild sind und sich gegenseitig töten.

März 1965

In der Maloca do Mayá folgt um 6 Uhr abends auf eine kurze Dämmerung die tiefe Tropennacht. Unter den Pultdächern der Rundsiedlung von Wawanaueteri sorgen die Feuer vor den Schlafstellen für eine geisterhafte Stimmung. Die Xamatari aber liegen nicht in ihren Matten, sondern laufen – nur schemenhaft erkennbar – kreuz und quer über den Gemeinschaftsplatz, rufen, schreien und gestikulieren wild, die Frauen mit den Armen, die Männer mit den Pfeilen. Immer wieder zeigen sie sich gegenseitig den seit Minuten über den Nachthimmel eilenden Stern.

Ich sitze mit Tuschaua Hotkoiwe, dem Häuptling von Wawanaueteri, an dessen Feuerstelle vor seinem Pultdach und verfolge das Treiben seines Volkes. Der eilende Stern am nächtlichen Firmament ist ein unbemannter russischer Satellit, der seit Tagen kurz nach dem Dunkelwerden auf seiner Flugbahn den Äquator kreuzt. Ich wage den Versuch, Hotkoiwe zu erklären, dass dieser Stern das Werk von Menschen ist. Mit wenigen Worten und viel Pantomime erzähle ich dem Oberschamanen vom Mayá, dass man in die Richtung gehen müsse, wo die Sonne nie am Himmel steht, der Urwald endet und nur noch Wasser zu sehen ist, um auf einen ganz grossen Tuschaua zu treffen, der über ein riesiges Volk gebiete. Dieser Tuschaua könne nicht nur mit Booten über das Wasser fahren, sondern mit diesen auch über den Himmel fliegen. Und dieser Stern, den er, Hotkoiwe jetzt sehe, sei nichts anderes als das Boot dieses Häuptlings, mit dem er das Uriï – die Welt ausserhalb seines shabonos, seines Gemeinschaftshauses – bereise.

Hotkoiwe hört mir konzentriert zu. Als ich meine Erklärung beende, bleibt er einige Zeit stumm neben mir sitzen und verfolgt weiterhin den Lauf des Satelliten über unseren Köpfen. Ob er meine Ausführungen verstanden hat, bleibt unklar. Doch dann streckt er plötzlich die Hand aus, zeigt auf den eilenden Stern und sagt, dass dort zwei grosse Männer leben würden. Er sagt das mit einer Bestimmtheit, als hätte er dies schon längst gewusst. Als ich ihn frage, wie diese denn aussehen würden, gibt er zur Antwort: “Der eine ist riesengross und stark, der andere kleiner, aber auch stark“. Zu weitergehenden Auskünften ist Hotkoiwe nicht bereit.

Jahre später erst habe ich verstanden, dass Hotkoiwe vom göttlichen Geist Omaua sprach, der die Erde, die Menschen und die Tiere erschaffen hat. Zusammen mit seinem Gefährten Yoaua soll er einst für die Sintflut verantwortlich gewesen sein, und noch heute lassen die beiden aus den Himmelsflüssen Regen auf die Erde niedergehen.

Mai 2005

Yanomami: Interview von Heinz Kindlimann mit David Kopenawa. Foto: Heinz KindlimannInterview mit Davi Kopenawa, dem Sprecher der Yanomami Brasiliens, der sich auch schon vor der UNO-Vollversammlung für die Rechte der Indigenen eingesetzt hat:

„Davi, wann hattest Du erstmals Kontakt mit einem Weissen?“

„Ich sah das erste Mal einen Weissen, als ich klein war – etwa neun Jahre alt. Ich hatte Angst vor ihm, er hatte einen Bart, blondes Haar wie ein Affe, grosse Stiefel, und er trug Kleidung.“

„Aber es waren grosse Affen …“

„Ja, grosse Affen, die in einer anderen Welt geboren sind – sehr behaart, Affen eben. So dachte ich über eure Herkunft, als ihr erstmals in unser Dorf Toototobi an der heutigen Grenze Brasiliens zu Venezuela kamt.“

„Was ist heute anders als damals?“

„Heute ist es für uns Yanomami anders, weil ihr Euch angenähert habt. Wir sind um unser Leben besorgt. Früher war es ein freies Leben ohne Sorgen. Jetzt hat es sich verändert, weil die Zivilisation sich massiv genähert hat. Die Städte am Rio Negro werden immer grösser und auch von Venezuela kommen sie herüber.“

„Was hat sich seit dem Eindringen der Goldsucher verändert?“

„Die Goldsucher kamen von sehr weit her. Sie fielen in unser Land ein, um es zu zerstören, um uns zu vergiften. Sie vergifteten unsere Böden, unsere Gesundheit, unser Leben. Sie haben unsere Leute umgebracht.“

„Wurden viele umgebracht?“

„Viele, sehr viele meines Volkes in Brasilien, in der ganzen Region. Die Goldsucher, die Bauern, die Strassenarbeiter haben den Wald abgeholzt, die Natur und damit auch die Indianer umgebracht, die Flüsse und die Fische. Sie wollten uns ausrotten, weil wir den Reichtum der Natur besitzen.“

„Gibt es noch immer Goldsucher im Yanomami-Land?“

„Ja, es gibt sie noch immer. Sie kommen immer wieder. Sie sind wie Holzwürmer oder Ameisen. Man schickt sie weg und sie kommen wieder. An den Rios Catrimani, Ericó und Mucajai – nahe des Ursprungs des Orinoco und des Catrimani – dringen die Goldsucher noch immer in unser Territorium ein.“

„Was also wird in zwanzig Jahren sein – werden die Yanomami dann wie Weisse leben?

„In zwanzig Jahren? Tja, wenn ich träume sehe ich keine Zukunft, wenn nicht weitere starke Führer geboren werden, die für unser Land und unsere Zukunft kämpfen. Wenn unsere Generation nicht aufpasst und unser Land nicht verteidigt, glaube ich, dass die Weissen uns reinlegen werden, beginnen werden, unser Land zu kaufen, indem sie uns Geld, Autos und Freundschaft anbieten. In meinen Träumen glaube ich, dass dies geschehen wird.“

„Und was ist Dein grösster Wunsch für die Zukunft, Davi?“

„Die Regierung hat unser Land bereits demarkiert und anerkannt. Sie hat es uns zurückgegeben – für sie bleibt noch genug übrig. Mein grösster Wunsch ist, dass der Wald, die Flüsse und mein Volk zukünftig in Frieden gelassen werden. Niemand soll sich mehr einmischen!“

Juni 2005

Yanomami: Sieben Häuptlinge in Mauxiuteri. Foto: Heinz KindlimannAnsprache von Shori Xeronimo während meines Besuches am Alto Rio Catrimani anlässlich der Zusammenkunft der Einwohner mehrerer Yanomami-Dörfer:

„Mein Name ist Xeronimo, Yanomami aus der Gemeinschaft der Mauxiuteri. Ich wohne hier und bin ein Teil meiner Gemeinschaft. Ich denke folgendes: Wir sind jetzt wissend, wir haben die Sprache der Weissen gelernt. Wir wollen Leben. Ich bin Lehrer der Yanomami und kämpfe immer für unser Land, um das Land und die Tiere, den Wald und ganz Brasilien zu verteidigen, wie die Tuschauas das wollen. Die Goldsucher kamen hier rein und raubten uns die Tiere und die Fische. Am Baixo Catrimani waren es viele, sie fingen alle Fische. In einer anderen Gemeinschaft, weiter oben am Catrimani, gab es Goldsucher, die versteckt reinkamen und unser Land und das Gold nahmen. Sie verbrannten das Gold und durch den Rauch bekamen wir Grippe, Fieber und Malaria. Das wollten wir nicht. Wir wollen frei leben.

Die FUNAI hat uns geholfen. Zuerst wollte Präsident Collor unsere Demarkation nicht akzeptieren, jetzt haben wir von Präsident Lula eine Abgrenzung, um uns zu verteidigen. Wir werden weiterhin für unser Land kämpfen, die Tuschaua’s und wir alle. So denke ich.“

Mai 2009

Heute ist die Situation der Yanomami beidseits der Grenze von Brasilien zu Venezuela stabil-labil. Der Zutritt zum Yanomami-Land auf dem Wasser wie aus der Luft wird von staatlichen Organen überwacht. Die Verweigerung des Betretens der Territorien betrifft nicht nur Staatsbürger sondern auch Journalisten und Wissenschaftler. Es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, bis der Druck auf die Regionen angesichts ihrer Bodenschätze wieder zunehmen wird. Auch ist es für viele Brasilianer unverständlich, dass die 0.25 % Ureinwohner Brasiliens – allein die Favela Rocinha in Rio de Janeiro hat mehr Bewohner – über ein Territorium verfügen, das ein Zehntel der gesamten Fläche Brasiliens umfasst.

Fotos: Heinz Kindlimann


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