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Von Aposteln bis Zungenreden. Die Pfingstkirchen in Brasilien – Der Wandel der Konfessionen

Autor:  | November 2011 | Artikel empfehlen

Pentakostale Kirchen in Brasilien (Foto: mcm)Brasilien als der fünftgrößte Staat der Erde hinsichtlich Bevölkerungsdichte und Fläche, gilt als eine der größten katholischen Nationen weltweit. Bis heute ist zwar der Katholizismus vorherrschende Religion. Die protestantische Kirche, vor allem die Pfingstkirchen, gewinnen jedoch stetig neuen Einfluss. Mit dem Ende der Militärdiktatur wandelte sich nicht nur die politische Landschaft, sondern auch innerhalb der Religionen vollzog sich ein großer Wandel. Nachdem 1822 Brasilien die Unabhängigkeit erlangte, waren zunächst der Volkskatholizismus und die afrobrasilianischen Religionen die zwei Hauptreligionen Brasiliens. Im Verlauf der letzten 150 Jahre zeigte sich jedoch vor allem in den urbanisierten Regionen eine starke Tendenz zur Neubildung und Aufspaltung religiöser Gruppen. In dieser Zeit brachten die europäischen  Immigranten und nordamerikanischen Missionare den Protestantismus nach Brasilien. Allerdings erlangten die Protestanten und spiritistischen Gemeinschaften einen geringen Verbreitungsgrad. Beide haben aber gegenwärtig einen festen Platz im religiösen Feld Brasiliens.

Die katholische Kirche besaß noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine hegemoniale Stellung.

In den letzten Jahrzehnten (1960-2000) ging jedoch der Anteil der Katholiken von ca. 93 auf 74 Prozent zurück. Die Ursache für diesen Rückgang lässt sich vorrangig auf die  Ausbreitung des Pentecostalismus zurückführen. Vor allem in Armenvierteln steigt die Anzahl von Protestanten und Pfingstkirchen; sowie die Zahl Mitglieder in mehreren Sekten an. Insgesamt wird geschätzt, dass sich 15,4 % der Bevölkerung, das entspricht ca. 26,2 Millionen Menschen, zu einer dieser Strömungen bekennen. Nach Volkszählungen gehören mehr als zwei Drittel der Protestanten der pentecostalischen Kirche an. Die größte Kirche des Pentecostalismus ist die Assembleia de Deus (Gottesversammlung) mit rund 8 Millionen Anhängern. Mit ihren insgesamt 35.000 Tempeln erreicht sie gegenwärtig nicht nur die armen Schichten, sondern auch die Wohlhabenden. Weiterhin zählen die  Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche des Gottesreichs) mit 3,5  Anhängern und die die Igreja do Evangelho Quadrangular (Kirche des vierseitigen Evangeliums) mit 3 Millionen Anhängern zu den weiteren großen Kirchen der Pfingstbewegung.

Der Effekt dieser religiösen Aufspaltung und Entwicklung war vor allem ein konfessioneller Wettbewerb zwischen Protestanten und Katholiken. Weiterhin wurde dadurch die Zivilgesellschaft gestärkt und die Konsolidierung der Demokratie vorangetrieben, da die Partizipation der Bürger durch die Mobilisierung der armen Schichten gefördert wird. Warum konvertieren immer mehr Katholiken zu den Pfingstkirchen? Wie erreichen die Pfingstkirchen sich deutlich von anderen Religionsgemeinschaften abzuheben?

Die Expansion der Pfingstkirchen

Die Bewegung der Pfingstkirchen in Brasilien beginnt  1910 mit der Gründung der Congregação Cristã do Brasil (Christliche Kongregation) in Sao Paulo . Ein Jahr später entstand die Assembléia de Deus in Pará (Versammlung Gottes). Das Anliegen der Missionare aus den USA bestand darin, Brasilien zu evangelisieren. „Beide Kirchen verbanden der Anti-Katholizismus, ein Sektierertum und das Zurückweisen „mondäner“ Werte.“  [1] Die erste Expansionswelle wird als die „klassische“ bezeichnet und umfasst die Jahre 1910 bis 1950. Die Hauptmerkmale dieser Expansionswelle sind eine radikale Zurückweisung alles Weltlichen, die Prophezeiung und Offenbarung des Heiligen Geistes und die Taufe mit dem „Taufversprechen“. Die  Assembléia de Deus ist mit gegenwärtig 8,5 Mio. Anhängern die größte der Pfingstkirchen Brasiliens.

Die zweite Expansionswelle der Pfingstkirchen überkam Brasilien in den 50er Jahren und erreichte vor allem den Bundesstaat São  Paulo. In dieser Phase kam es zu weiteren Spaltungen innerhalb der brasilianischen Pfingstkirchen. Im Vergleich zu anderen größeren Pfingstgemeinden wie der Assembléia de Deus oder der Universal do Reino de Deus spielen Organisationen dieser Expansionswelle kaum eine Rolle. Im Zentrum dieser Welle stand vor allem die „Lehre der Heilung“ und der Einsatz des Rundfunks.

1977 bildete sich eine neue Form der Massenevangelisierung, die dritte Expansionswelle des Neopentekostalismus. Die neue Kirche, die Universal do Reino de Deus (Universalkirche des Gottesreichs) des selbst ernannten Bischofs Edir Macedo beinhaltet  viele Aspekte der vorhergehenden Wellen, jedoch werden einige Elemente radikalisiert. Sie wächst mit einer jährlichen Rate von ca. 25 %.  Im Vordergrund steht der Gebrauch der modernen Massenmedien und Marketingstrategien. Das Expansionszentrum des Neopentekostalismus ist der Bundesstaat Rio de Janeiro.

Die Lehren der zwei großen Pfingstkirchen

Mittlerweile existieren ca. 15 verschiedene pentekostale Religionen. Jedoch konzentrieren sich über die Hälfte der Mitglieder der Pfingstgemeinden auf die drei großen Pfingstkirchen Assembléia de DeusUniversal do Reino de Deus und Congregação Cristã do Brasil. Im Fokus steht vorwiegend die Offenbarung durch den Heiligen Geist. Die Pfingstkirche in Lateinamerika wird formell zum Protestantismus gezählt. Ein Grund dafür könnten die hohe Fragmentierung und mangelnde Homogenität der Bewegung sein. Die Gemeinsamkeiten der Lehre der Universalkirche mit anderen Pfingstkirchen beruhen auf dem „Glauben an die Göttlichkeit Jesu, […] [der] Dreifaltigkeit, […] [der] körperliche[n] Auferstehung von Jesus und […] [der] Errettung durch den Glauben.“ [2]

Pfingstkirche Assembléia de Deus (Foto: Rodrigo Soldon)

Jedoch unterscheiden wir gegenwärtig zwei große Typen der Pfingstbewegung. Der klassische Pentekostalismus ist eine durch den Prediger William J. Seymor aus den USA stammende Glaubensbewegung. In ihrem Vordergrund steht die Spiritualität. Sie zeichnet sie durch asketische Enthaltsamkeit und moralische Strenge aus. Frauen und Männer werden während des Gottesdienstes getrennt. Kino- und Theaterbesuche, sowie nicht evangelische Musik sollte der fromme Gläubige meiden. In politischer Hinsicht agiert diese Bewegung auf dem konservativ-liberalen Feld. Sie vertritt eine radikale Ablehnung gegenüber Abtreibung und Homosexualität. Die politische Aktivität der Gläubigen beschränkt sie auf den Wahlkandidaten, der von der  Glaubensgemeinde vorgeschlagenen wird.

Die zweite große Bewegung ist der Neo-Pentekostalismus. Im Vordergrund steht die Gnade der göttlichen Heilung. Das Heilige wird u.a. durch Handauflegen, Ölsalbung und Verbrennung von Fürbitten vermittelt. Die Kirche versteht sich als Soforthilfe für psychische und physische Leiden.  Der charismatische Führer dieser Kirche vermittelt das Heilige und ersetzt so die Autorität der Bibel. Die Bewegung vermittelt die Theologie des Wohlstandes und eine vollständige Befreiung von Traditionen und Gebräuchen.

Die Dimension der Geldspende tritt in dieser Bewegung erstmalig auf. Den Gläubigen wird gepredigt, dass eine hohe Geldspende automatisch die Chance auf Heilung erhöht. Die Organisation der Kirchen kennzeichnet eine hierarchische Struktur. Die Kirchenleitung übernimmt alle Entscheidungen. Die Theologie des Wohlstandes, die Marketingstrategien und der Einsatz von Massenmedien dienen zum Verkauf religiöser Artikel und Dienstleistungen. Daraus folgt eine Abhängigkeit zwischen ungebildeten Kirchengängern und der Kirche. Diese zwei Hauptströmungen der Pfingstbewegung zeigen, dass es sich keinesfalls um eine homogene Gemeinschaft handelt. Aufgrund der gegensätzlichen Richtungen ist das Verhältnis zwischen den zwei dominierenden Pfingstkirchen sehr angespannt. Die Pfingstbewegung findet ihr Hauptklientel in den armen ländlichen Regionen und in den städtischen Schichten mit niedrigem Bildungsniveau und Einkommen. Die Untersuchung „Novo Nascimento“ von Rubem Cesar Fernandes von 1990 im Stadtbereich Rio de Janeiro zeigt, dass 61% der Pfingstler monatlich bis zu 2 Mindestlöhne verdienten und 42 Prozent weniger als 4 Jahre Schulbildung genossen hatten. Aber auch Jugendliche aus der Mittelschicht werden durch Medien, wie Internet und Fernsehen verstärkt angesprochen. Im Vergleich zu anderen Religionen heiraten die Pfingstler weniger. Die meisten Anhänger sind im Dienstleistungssektor tätig. Sie arbeiten meistens ohne Anstellung als Hausangestellte oder Reinigungskräfte. Alkoholkonsum, Abtreibung, Homosexualität und außerehelichen Geschlechtsverkehr lehnen sie ab. Wie auch teilweise die katholische Kirche bilden sie eine Front gegen die Benutzung von Verhütungsmitteln. Der Großteil der Pfingstkirchen ist missionarisch, leistet Lobbyarbeit und zeigt durchaus soziales Engagement, indem sie beispielsweise Kindergärten, Seniorenwohnheime, Krankenhäuser und Einrichtungen für Drogenabhängige sowie psychisch Kranke unterhalten. Gesellschaftliche Veränderungen gehören zunächst nicht zum Kernbereich des Engagements der Pfingstkirchen. Die Behebung von möglichen Problemen, als Konsequenz einer moralischen Krise, wird nicht als politische, sondern als innerkirchliche Aufgabe angesehen. Dennoch haben die Pfingstkirchen rasch erkannt, dass sich viele ihrer Interessen nicht rein innerkirchlich lösen lassen. Der Staat setzt Rahmenbedingungen, die für die Kirche bedeutend sind, z.B. für Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe oder Ehescheidung. Auch elektronische Medien zur Missionsarbeit der Kirche sind von staatlichen Konzessionen abhängig.

Politik und Religion – der politische Einfluss der Pfingstkirchen

Die Pfingstkirchen, als eine religiöse Bewegung, greifen zunehmend in die Politik ein und gewinnen diese für sich. Man kann davon sprechen, dass die Bewegung, unabhängig von anderen politischen Institutionen, ihre ganz eigene, in den Medien stark umstrittene Politik betreibt. Dabei nutzten sie vor allem traditionelle Möglichkeiten der politischen Parteienlandschaft und der Demokratie. Bis 1988 blieb die Pfingstbewegung zunächst apolitisch. Nach Zusammenbruch der Militärdiktatur wuchs bei vielen Pfingstlern das politische Bewusstsein und die Bewegung erreichte erstmals 20 Wahlabgeordnete. Die Pfingstler schlossen sich mit anderen evangelischen Abgeordneten zusammen und bildeten gemeinsam eine evangelische Fraktion. Durch finanzielle Unterstützung  von Seiten der Regierung setzte sie sich erfolgreich für eine Abschaffung des Katholizismus als Staatsreligion durch. Weiterhin erreichten die Pfingstler das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen. Der religiöse Wandel innerhalb der letzten Jahrzehnte in Brasilien weist deutlich darauf hin, dass es sich bei protestantisch-fundamentalistischen Religionsgemeinschaften, vor allem der Pfingstkirche, nicht mehr um eine zu vernachlässigende Minderheit handelt, „[sie] üb[t] großen Einfluss auf ihre Gläubigen und damit auf einen erheblichen Teil der brasilianischen Wählerschaft aus.“ [3] Protestantische Gläubige weisen jedoch ungewöhnlicherweise eine geringe Parteienbindung auf.

Die Meinung der Kirchenobersten und die der Kirchenväter spielt hinsichtlich der Identifikation mit einer Partei und der Wahlentscheidung für 19 Prozent der Protestanten ein große Rolle, während dies nur auf 8 Prozent der Katholiken zutrifft. Durch eine präzise Wahlempfehlung der Kirchenoberen gelingt es deshalb immer öfter, dass gleichgesinnte  Abgeordnete in den Kongress gewählt werden. Diese bilden dann meist  überparteiliche Arbeitsgruppen, z.B. die evangelikale Bank. Nach 1988 erhöhte sich die Zahl der Bundesabgeordneten von 32 auf 62 und die evangelische Fraktion gewann zunehmend an Einfluss. 2003 folgte die Gründung der bancada evangélica (evangelische Bank). Die Fraktion bildet dabei keine politische oder ideologische Einheit, jedoch werden Abstimmungsabsprachen durchgeführt, wenn es um Themen wie Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehe geht. Dennoch hat erst ein protestantisch-fundamentalistisch orientierter Politiker, der Exgouverneur und Präsidentschaftskandidat Anthony Garotinho, starke politische Ambitionen gezeigt. Er wurde 1998 zum Gouverneur von Rio de Janeiro, als Mitglied der demokratischen Arbeiterpartei gewählt. Im Jahr 2002 wechselte Garotinho zur sozialistischen Partei und errang bei den Präsidentschaftswahlen einen großen Erfolg, vor allem in Gebieten mit einer hohen Dichte an Pfingstgemeinden und in jenen Gegenden, „in der ein von den Pfingstlern etablierter Fernsehsender den größten Teil der Radio- und Fernsehsendungen dominierte“[4]. Mittlerweile sind die protestantischen Abgeordneten in fast allen Parteien vertreten. Ein weiterer wichtiger Fakt ist, dass Politik vor allem von der Kanzel aus betrieben wird. Fernsehsender und Radiostationen werden massiv zur politischen Einflussnahme genutzt.

De facto kann man auch von der Existenz eines religiösen Klientelismus sprechen. In vielen Wahlen sind die protestantisch-fundamentalistischen Anhänger, aufgrund der offen politischen Propaganda in der Kirche, ein politisches bedeutsames Wählerreservoir. Auch in den Länderparlamenten stellt die Universalkirche mittlerweile Dutzende von Abgeordneten bzw. Parteien auf. Die Pfingstgemeinden bauen so ihren politischen Einfluss zielstrebig aus. Das Verhältnis der Boschöfe der Universalkirchen und Luiz Inácio Lula da Silva war zunächst angespannt, bis man im Jahr 2002 Frieden schloss und gemeinsam den Präsidentschaftswahlkampf führte. Die Universalkirche schloss sich der Mitte-Rechts-Regierung von Lula an. Aufgrund von Korruptionsaffären waren Lula und seine Koalitionspartner jedoch im Jahr 2005 schwer angeschlagen. Die Regierung mit ihren starken Koalitionspartnern, der rechtskonservativen „Liberalen Partei“ der Pfingstkirche, geriet zunehmend in die öffentliche Kritik.

Die dunklen Seiten der Universalkirche

Die Universalkirche stand nun ebenfalls in einem dunklen Licht, „weil jedermann sieht, wie Religion für politische und finanzielle Zwecke mißbraucht wird“.[5] Dennoch hielt diese Krise der Universalkirche nicht lange an. Die Pfingstbewegungen erlangten rasch ihr Ansehen wieder. Eine Erklärung dafür wäre, dass viele Anhänger aus der Unterschicht mit einem niedrigen Bildungsniveau stammen und so leichter manipulierbar sind. Etliche Kongressabgeordnete und Senatoren sollen bereits in Schmiergeldaffären verwickelt sein. In Rio de Janeiro hat die Bewegung bereits 2005 ihre erste Partei gegründet. Schon im darauffolgenden Jahr nahmen sie an Wahlen auf Bundes- und Regionalebene teil. Die Praxis der Kirchen, den Mitgliedern den Zehnten zur Anschaffung neuer Kirchengebäude, Finanzierung von Sendeplätzen für Radio und Fernsehen oder zur Bezahlung von Pastoren abzuverlangen stößt dabei auf gravierende Kritik. Außerdem wurden im August 2009 erneut Vorwürfe gegen die Universalkirche erhoben, dass zehn der führenden Mitglieder, darunter auch ein Gründungsmitglied, Spendengelder für Schmuck, Autos und andere wertvolle Gegenstände genutzt haben sollen. Dennoch lässt Macedo bis heute Personen, die durch seine Lehren geheilt wurden serienweise in den eigenen Medien auftreten. Denn zu der bedeutenden Universalkirche zählen nicht nur einige Millionen Anhänger, sondern auch die zweitgrößte kommerzielle Fernsehanstalt Rede Record mit 63 Sendeanstalten und 62 Radioanstalten. Hinzu kommen ein Zeitungs- und Buchverlag, der Verlag Universal Producoes, das Aufnahmestudio Line Records, das Bauunternehmen Unitec, die Videoproduktion Frame, das Reiseunternehmen New Tour und die Versicherung UniCorreetora.

Eine weitere politische Strategie der Universalkirche besteht darin, Anhänger auch in anderen Parteien zu konzentrieren, eine Methode zur Manipulation von Interessen, Gewinn von politischem Einfluss und finanzieller Macht. Die Universalkirche ist infolgedessen mittlerweile in allen Parteien von der Mitte bis nach rechts vertreten. 2009 gilt die Liberale Partei des Sektenchefs als wichtigster Koalitionspartner, sodass sich Lula den Senator Alencar der Liberalen Partei zum Vize- und Verteidigungsminister wählte. Eine große Zahl von Bischöfen und Pastoren besetzten nun ebenfalls den Nationalkongress und die Teilstaatenparlamente. „Gemäß den Enthüllungen wurden Parlamentarier anderer Parteien schlichtweg mit hohen Bestechungsgeldern zum Übertritt veranlasst.“ [6] Die Gründung der landesweiten PMR, Gemeindepartei der Erneuerung, findet in den Medien mittlerweile große Aufmerksamkeit und ist für die katholische Kirche ein weiteres Warnsignal. Macedo predigt den „spirituellen Krieg“. Mehrere katholische Gotteshäuser wurden bereits von fundamentalistischen Anhängern in Brand gesteckt. Die Programme von Macedo werden heute aus brasilianischen Studios überall in Afrika empfangen.

Bibel oder Business?

Pfingstkirche Assembléia de Deus (Foto: Aloizio Mercadante)

Im Zuge der zunehmenden Verzahnung steht vor allem das Geschäft im Vordergrund um die Expansion der Kirche voranzutreiben. Bei ihren Methoden wird die Religion zu einem Geschäft gemacht, wobei der Glaube keine ausschlaggebende Rolle mehr spielt. Auch der Theologieprofessor Mario de Franca Miranda aus Rio de Janeiro vertritt die Meinung, dass für Pastor Macedo vor allem die neoliberale Logik bezüglich der Kirche im Vordergrund steht. Die korrupten Methoden, welche diese Glaubensgemeinschaft anwendet, um neue Mitglieder zu werben, veranlasst die Öffentlichkeit bzw. Medien nicht unbegründet, sie als Sekte zu bezeichnen. „Selbsternannte Sekten -„Bischöfe“ als Popstars, Großaktionäre, Fraktionschefs, Stimmenkäufer, Massen-Wunderheiler – in Brasilien, dem eigentlichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten, geht fast alles.“ [7] Die starke öffentliche Kritik sorgte ebenfalls für einen starken politischen Rückgang der pentekostalen Bewegung. Gegenwärtig ist die Zahl der Abgeordneten auf 29 gesunken. 21 Abgeordnete gehören jedoch der neo-pentekostalen Bewegung an, was einen wachsenden Einfluss im Parlament der Gegenbewegung der Pfingstbewegung bedeutet. Die Anhäufung der negativen Meldungen über Korruption, Scharlatanismus und Manipulation geht nicht spurlos an der Bevölkerung vorbei und sorgt für großes Misstrauen. Jedoch wollen gemäß Ankündigungen der brasilianischen Pfingstkirchen diese spätestens 2030 die Katholiken in Mitgliederzahlen überholen.

Die Pfingstkirche in Lateinamerika

Auch innerhalb Lateinamerikas steigt die Anhängerschaft der Pfingstkirchen. Bereits jeweils 30 Prozent der gesamten Bevölkerung sollen ihr  in Argentinien, Guatemala und Kolumbien angehören. Die Pfingstkirche breitet sich vor allem in den von Gewalt geprägten Gebieten aus, denn sie fungiert dort oft auch als sozialer Akteur. Dabei versuchte sie jedoch, die Armut der Bevölkerung auszunutzen und neue Glaubensmitglieder zu gewinnen. Ein Beispiel solcher Gehirnwäsche ist eine Hilfsorganisation, die in den Slums Bogotás für  Schulausbildung, tägliche Mahlzeiten und zusätzliche Privilegien sorgt. Die Schule bietet für ca. 200 Kinder eine Schulausbildung. Im Fokus dieser einfachen Ausbildung steht allerdings die Vermittlung des christlichen Glaubens: Jesus ist der Retter der Menschheit. Voraussetzung dafür, ein Teil dieser Gruppe zu sein, ist genau dieser stark ausgeprägte Glaube, der sich in allen Alltagssituationen manifestiert. Ist der Glaube stark genug, wird die Seele der wenigen Auserwählten gerettet und sie bekommen einen besonderen Platz im Jenseits geschenkt.

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Bildquellen: [1] Quetzal-Redaktion, mcm, [3] Aloizio Mercadante_, [2] Rodrigo Soldon

Bibliographie:

[1] Moraes-Schulz, Maria Aparecida/Übersetzung: Günther Schulz (2006): Pfingstkirchen. Online im Internet unter
http://www.brasiliennachrichten.de (15.06.2010).

[2] Moraes-Schulz, Maria Aparecida/Übersetzung: Günther Schulz (2006): Pfingstkirchen. Online im Internet unter
http://www.brasiliennachrichten.de (15.06.2010).

[3] „Appleby, Scott (1997): Wohlstandspredigt für die Armen. Christen aus Nordamerika verbreiten einen neuartigen Fundamentalismus. In: Der Überblick. Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationale Zusammenarbeit I.“ 36

[4] Rohr, Elisabeth (2006): Politisierungstendenzen des religiösen Fundamentalismus in Lateinamerika – Beispiel von Guatemala, Brasilien und Ecuador. Online im Internet unter http://www.evangelische-akademie.de/admin/projects/akademie/pdf/material/061131_80.pdf (16.06.2010).

[5] Hart, Klaus (2005): Brasilianische Wunderheilersekte gründet eigene Partei. Online im Internet unter http://www.ila-web.de (15.06.2010).

[6] Hart, Klaus (2005): Brasilianische Wunderheilersekte gründet eigene Partei. Online im Internet unter http://www.ila-web.de (15.06.2010).

[7] Hart, Klaus (2005): Brasilianische Wunderheilersekte gründet eigene Partei. Online im Internet unter http://www.ila-web.de (15.06.2010).


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1 Kommentar zu “Von Aposteln bis Zungenreden. Die Pfingstkirchen in Brasilien – Der Wandel der Konfessionen”

  1. Während draußen die Seca die Bäche austrocknet, übertreibt der Spiegel wieder einmal | Segunda-Feira vom 19. August 2015 - 19:32 Uhr

    […] Bildungssystem. Letzteres führt zur Verbreitung der zum Teil sektenähnlichen evangelikalischen Pfingstkirchen. Bereits 10-15 % der Bevölkerung Brasiliens sollen einer der vielen Pfingstkirchen angehören, […]

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