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Latino-Blut: Ein Gespräch mit dem brasilianischen Rapper und Sänger Criolo

Autor:  | August 2016 | Artikel empfehlen

Caio Sena ist Master-Student der Geographie an der Universidade Federal de Goiás (UFG) in Brasilien und absolvierte seinen Bachelor am selben Institut mit einem Aufenthalt an der KU Eichstätt. Das vorliegende Interview ist das Ergebnis eines E-Mail-Austausches mit dem in Brasilien bekannten und beliebten Rapper Criolo. Sena sprach mit ihm über Themen, die das brasilianische Latino-Blut stets zum Kochen bringen und die auch mit der aktuellen politischen Situation im Land berühren. Quetzal veröffentlicht die deutsche Übersetzung des Interviews, das im Mai 2016 geführt wurde, es folgen jedoch zunächst Caio Senas einleitende Gedanken.


Einleitung: Wie man an ein Interview mit einem landesweit bekannten Musiker kommt

Brasilien: Caio Sena - Foto: Quetzal-Redaktion, csEines Tages öffnete ich wie eigentlich jeden Tag mein E-Mailpostfach und fand eine E-Mail, in der ich herausgefordert wurde, für diese Zeitschrift über mein eigenes Land zu sprechen. Es war damals offensichtlich, dass wir uns in einem – ich würde sagen, sehr! – komplizierten Zustand befanden. Viele internationale Medienportale sprachen über die Ereignisse in Brasilien. Mir war klar: In einer globalisierten Welt hat das, was in unserem jeweiligen Land passiert, immer auch Auswirkungen andernorts.

Vor dem Einschlafen und unter der Dusche spielte ich zunächst mit dem Gedanken, in einer Art Rundumschlag die neuesten Ereignisse abzuhandeln. Es erschien mir letzten Endes jedoch produktiver, mit Kleber Cavalcante Gomes, auch bekannt als Criolo, ein Gespräch über brasilianische Kultur und Politik zu führen. Criolo arbeitete selbst schon als Lehrer, obwohl er schon singt, seitdem er 13 Jahre alt ist, und heute, in seinen Vierzigern, als Musiker schon anerkannt ist. Er war selbst schon Lehrer an staatlichen Schulen und zeigt sich öffentlich solidarisch mit Kämpfen für soziale Gerechtigkeit und in der Schule. Inspiriert wird er vermutlich dazu von seiner Mutter, die Lehrerin ist.

Der Name Criolo schien mir ideal für dieses Gespräch über Lateinmaerika, weil er – jenseits der kritischen, liebevollen und politischen Botschaft seiner Texte  – unter denjenigen Musikern war, die für die Sache der Studenten in São Paulo Auftritte gaben. Es handelte sich um Proteste gegen eine Bildungsreform.

Eigentlich mangelt es überhaupt nicht an Gründen, die die Richtigkeit eines qualifizierten und bereichernden Dialogs über die brasilianische Kultur mit dem Musiker begründen würden. Damit das wahr werden würde, musste Criolo jedoch noch einem komplett Unbekannten auf eine E-Mail antworten. Denn wir haben uns nie getroffen, und, aufgrund seines Arbeitsalltags, wäre es ein Leichtes für ihn gewesen, so eine E-Mail zu übersehen. Zu unserer großen Freude liegen die Antworten aber nun vor.

Die Ausarbeitung der Fragen waren keine einfach Aufgabe, denn mir fehlten Gestik und Mimik, die einem oft die Kommunikation mit einem Unbekannten erleichtern. Auch ist es nicht möglich, nochmal einzuhaken, wenn alle Fragen auf einmal geschickt werden. So habe ich mich dazu entschlossen, den Stil der Fragen zu mischen: einige sind weitläufig und reflektierend, andere sind eher direkt und offensichtlich.

Ich hoffe, dass die Leser von QUETZAL es entschuldigen, wenn einige Teile des Interviews bei der Übersetzung vom Portugiesischen ins Deutsche verloren gehen [hier geht es zum Original-Interview] und dass sie eine gewinnbringende Lektüre haben, so, wie ich denke, es getan zu haben.

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Criolo, wenn ich über unser Verhalten als Lateinamerikaner nachdenke, so scheint es mir, dass unser Leben und unser Alltag weniger stabil sind als das anderer Länder. Ich weiß, dass die Mehrheit der Brasilianer jeden Tag schlafen geht und aufsteht, ohne viele Sicherheiten im Leben zu haben – dies betrifft die Gesundheitsversorgung, die Bildung, den öffentlichen Nahverkehr, Arbeitsplätze. Ich habe auf deiner Website gesehen, dass du gerade eine Tournee durch England beendest. Hast du zwischen dem einen und anderen Auftritt es einmal geschafft, mit den Leute vor Ort zu reden und mit ihnen Zeit zu verbringen? Welche Vergleiche könntest du anstellen zwischen der Lebensrealität der Engländer oder der Europäer im Allgemeinen und der Lebensweise der Lateinamerikaner?

Also, ich komme gerade von dieser Tournee. Ich war dort während acht Tagen in sechs Städten und hatte sechs Auftritte. Ich hatte also, wie bei vielen anderen Gelegenheiten, als ich in Europa besuchte, nicht viel Zeit, mich unter die Einheimischen zu mischen.

Die Leute, mit denen ich spreche und die zu mir kommen, sind allermeistens Leute, die Musik gerne mögen und die bei den Shows mal etwas anderes erleben möchten und die Begegnungen feiern, die die Musik möglich macht. Es kommen viele Leute aus Brasilien, was mich sehr stolz macht, und es kommen auch viele aus allen Ecken und Enden der Welt. Es sind also nicht nur Bewohner der jeweiligen Stadt oder solche, die in dem Land geboren wurden, wo der Auftritt stattfindet.

Ich glaube, wir haben eine gute Art, zusammenzukommen, zu feiern, uns zu treffen. Dabei hilft die Musik auch sehr. Man kommt aus dem Alltag raus. Die Musik schafft es, alle Leute zusammenzubringen! Viele verschiedene Realitäten treffen aufeinander, und gleichzeitig minimiert sich der Abstand zwischen uns. Ich halte das für sehr wichtig, wenn auch nur für den Moment, wenn auch nur innerhalb dieses Settings. Es ist so zauberhaft, und das bedeutet schon mal etwas. Ich glaube, dass wir Lateinamerikaner eine sehr warmherzige Art haben, die sehr schön ist und sehr besonders. Wir schämen uns nicht, wenn wir jemanden umarmen wollen, wir fühlen uns gut, wenn wir unsere Gedanken, Gefühle und Empfindungen manchmal etwas deutlicher ausdrücken. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Ich sehe bei dieser neuen globalen Generation, die ich bei meinen Auftritten treffe, auch, dass sie auf der Suche ist nach einer neuen, weicheren und lebendigeren Form, sich zu verbinden. Diese neue globale Generation misst der Begegnung und auch der Empfindsamkeit und der Emotionalität sehr viel Bedeutung bei. Diese wiederum befähigt uns, uns an die gesamte handlungsmächtige, starke und ausdrucksstarke Schönheit zu erinnern, die in einem Lächeln verborgen ist.

Der soziale und wirtschaftliche Graben ist natürlich alarmierend, und er wird mit jedem Tag größer auf unserem Planeten. Das zieht auch seine ganz eigenen Entwicklungen, neue Verknüpfungen und Konsequenzen nach sich. Wir sehen so viele Gruppen, die Schönheit, Kultur und Pluralität leben, und gleichzeitig aber am Rande der Welt existieren und auf grausame Weise fern jeder Möglichkeit getrennt, in Wohlstand zu leben. Und das nur aufgrund einer alten sozioökonomischen und politischen Denkweise, die jeden Tag das Getrenntsein der Leute voneinander und den Abgrund, der uns trennt, befördert.

Doch gegen diese alte Denkweise fangen viele Jugendliche jetzt an, zu rebellieren. Diese Jugendlichen sorgen sich um das Wohlergehen des Planeten, um das Wohlergehen jedes lebendigen Wesens, das es hier gibt. Die Jugendlichen suchen eine ruhigere Welt, die von weniger Ungleichheit geprägt ist. Diese Jugendlichen schenken diesem Kampf für Gleichheit ihr Leben, ihre Energie und ihre Liebe.

„Es ist überhaupt nicht schlimm, fünf oder sechs Mal am Tag eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Das große Problem ist, dass die Mehrheit unseres Volkes nicht einmal eine Mahlzeit pro Tag zur Verfügung hat. Und sich deswegen auch noch schuldig fühlt.“ Ich fand diesen Satz, den du in einem Interview für den Fernsehsender Canal Brasil gesagt hast, ziemlich bezeichnend. Was, denkst du, hindert die Brasilianer daran, sich gut zu ernähren, ihre Lebens- und Wohnqualität zu steigern (wie du an anderer Stelle gesagt hast)?

Brasilien: Rapper Criolo (mitte) mit Kollegen - Foto: PerfexxIch bin in einer Favela aufgewachsen. Ich habe schon alle möglichen Arten von Menschen sterben sehen – solche, die eher offen für andere waren, und solche, die einen eher verschlossenen Geist hatten. Ich erinnere mich an die Situation in einer Hütte, wo ein neugeborenes Baby lebte, und es schien, als wäre die gesamte Nachbarschaft zusammengekommen, um es anzulächeln. Während alle sich vor Freude umarmten, geriet jedoch die Hoffnung in Konflikt mit einer vielleicht unmöglichen Zukunft. Wie soll ich Ihnen auf eine für uns so offensichtliche Frage eine Antwort geben? Wie soll man mit jemandem vorsichtig, liebevoll und achtsam umgehen, der sich noch nie eine andere Realität vorgestellt, gefühlt oder an sie geglaubt hat? Im Leiden werden wir stark. Aber ich glaube, dass unsere Seelen bereits stark geboren wurden und dass sie manchmal ruht, um uns unser hartes Leben ein wenig zu erleichtern. Wer möchte schon im Krieg geboren werden? Wer möchte schön sehen, wie ein Freund aus Kindertagen umgebracht wird, einfach nur, weil er in einem Armenviertel lebt und das allein schon das perfekte Alibi für den Staat ist? Wer möchte schon sehen, wie sein Vater einfach nur aufgrund seiner Hautfarbe festgenommen wird? Oder mitbekommen, wie eine Mutter in den 1990er Jahren des Mordes für schuldig befunden wird, einfach nur, weil sie an die Integrität der Leute in ihrem Viertel glaubt?

Liebe Freund, ich werfe hier jetzt einige alte Fragen auf, die ich in keinem Buch oder in keiner wissenschaftlichen Arbeit gesehen habe, die ich aber erlebt habe in einem Land, das so viel Potential und Schönheit in sich trägt. Doch dieses Land befindet sich in einem lodernden Krieg, der von kalten Seelen geführt wird. Hier, in unserem Land, erleiden wir auch die Konsequenzen dessen, was andere Länder, die ihren Ideen und Interessen folgen, mit der Welt anstellen. Das geschieht wie ein stilles Massaker. Und es geschieht in dieser anderen Sphäre der Macht, in der Stratosphäre der Unberührbaren. Solange ein menschliches Wesen auf der Welt sich für besser als ein anderes hält, werden wir alle Folgen erleben, die dieser Hochmut mit sich bringt.

Glaubst du eigentlich, dass es diesen famosen „jeitinho brasileiro“ tatsächlich gibt? Falls ja, verstehst du diese Eigenschaft als ein positives oder ein negatives Element der nationalen Identität? Ist jene „Improvisation des brasilianischen Volkes“ eine Art, eine bessere, kreativere und liebevollere Welt zu schaffen – wie eine Mutter, die Habseligkeiten und Möbel für ihren Haushalt improvisiert, um ihren Kindern mehr Geborgenheit zu schaffen? Oder untergräbt dieser „jeitinho“ unsere fragile Moral und macht, dass wir Brasilien in eine Lage versetzen, wo „alles erlaubt“ ist, und wo es einen „jeitinho“ für alles gibt?

Mein Lieber, es gibt Menschen, die suchen nach dem Richtigen, und es gibt Menschen, die suchen nach dem Falschen. Aber nur die Beweggründe, und das, was diese Beweggründe schafft, können ein wenig von dem allem beschreiben, was es hinter jedem geflügelten Wort gibt. Und ja, manchmal würden diese geflügelten Wörter ein wenig mehr Achtsamkeit und Beachtung verdienen, damit wir sehen, was dahinter steckt.

Du vertrittst die Meinung, dass die Kunst uns daran erinnert, dass wir noch am Leben sind. Wie erklärst du die brasilianische Kultur? Woraus ist Brasilien gemacht? Welche Bewegungen oder künstlerische Darstellungen waren Teil deiner Menschwerdung?

Brasilien: Rapper Criolo (mitte) mit Kollegen - Foto: PerfexxSie möchten also, dass ich die brasilianische Kultur erkläre? Das ist fürwahr eine große Ehre, wenn jemand denkt, ich könnte dieses Wunderwerk vollbringen. Ich kann es nicht, und das ist gut so. Ich kann von dem wenigen erzählen, was ich erlebt habe und erlebe. Ich glaube, dass vieles von dem, was die Kunst uns geben kann, von dem Menschen abhängt, der sie schafft und schuf. Wir hier in Brasilien sind ein bisschen Afrika und, das sage ich mit einem Lächeln auf den Lippen, wir sind auch ein bisschen Indigene, die die wahren Besitzer dieses Landes sind. Wir sind auch ein bisschen Teil der großen ganzen Welt. Ich bin mit meinen Eltern in einer Hütte aufgewachsen, wo wir Musik aus ganz Brasilien gehört haben, denn das war die Musik, die aus den anderen Hütten kam. Und so kam es, genauso, wie der Hip-Hop in meiner Teenagerzeit in mein Leben kam, dass ich die Musik aus der ganzen Welt kennen gelernt habe. Meine Eltern und Geschwister haben mir von den Kämpfen der Menschen erzählt, und wie wichtig es ist, das Leben zu ehren. Doch die Kunst hat man mir nicht beigebracht. Die Kunst fühle ich.

Ich möchte an dieser Stelle einen Aufruf starten an die Herren, die die Gesetze machen; an die Herren, die die Nation behüten. Wir müssen unbedingt das Wenige retten, das von dieser lebendigen Geschichte übrig ist und das noch nicht in diesem Massaker des Kampfes um die Macht umgebracht wurde. Bitte beenden Sie das MASSAKER, das gerade an den INDIGENEN VÖLKERN BRASILIENS vollführt wird. Beenden Sie diese unmenschlichen Massaker, die keiner sieht und von denen keiner erzählt, weil sie im Stillen ablaufen. Hören Sie auf, die Menschen nur wie eine Nummer zu behandeln. Appellieren Sie an den gesunden Menschenverstand, an die Solidarität und an den Gerechtigkeitssinn, der in jedem Einzelnen existiert. Wenn wir die Hoffnung in unsere Spezie aufgeben, wird alles in einem unendlichen Chaos enden.

Ich fand Ihre Unterstützung für die studentische Bewegung in São Paulo, die die öffentlichen Schulen besetzen wollte, bemerkenswert. In meiner Stadt (Goiânia) gab es auch Hausbesetzungen und Widerstandsbewegungen, weil die öffentliche Schule auf lange Sicht privatisiert werden soll. Wie stellen Sie sich die öffentliche Bildung in den nächsten Jahren vor? Verstehen Sie ihre Musik und ihre politische Position auch als eine Form der Bildung?

„Zerstöre die Bildung des Kindes heute, und manipuliere den Erwachsenen von morgen.“ Ich denke, dass dieser Satz das geheime Motto derjenigen ist, die Kunst, Bildung und Kultur als etwas Minderwertiges in unserer Gesellschaft betrachten. Der brasilianische Rap hat immer die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die grausamen Ungerechtigkeiten in unserer Welt gerichtet.

Sie sagen, dass in ihrem Geburtsort Grajaú die Menschen sehr liebevoll miteinander umgehen und aufeinander achten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wie empfinden Sie die Warmherzigkeit der Menschen in ihrer aktuellen Umgebung?

Dieser Satz beschreibt, dass ich an den Orten, von denen einige glauben, dass es dort keine Liebe gibt, alle Liebe der Welt erfahren habe. Ich bin in einer schwierigen Umgebung aufgewachsen, aber mit sehr liebevollen Menschen. Das ist für mich ein klares Zeichen, dass die Menschen der Liebe immer mehr Raum in ihrem Leben einräumen.

Wie erklären Sie die aktuelle politische Situation in Brasilien?

Ich sehe junge Menschen, die für ein besseres Land kämpfen.

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Die portuguiesische Version des Interviews finden Sie hier

Übersetzung aus dem Portuguiesischen: Laura Wägerle

Bildquelle: [1] Quetzal-Redaktion, cs; [2]-[3] Perfexx_


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