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“Am Anfang war es anstrengend, aber dazu sind wir ja hier.”
Zwei Filme über kulturelle Projekte in Lateinamerika

Autor:  | September 2008 | Artikel empfehlen
Kulturprojekte Lateinamerika

In Berlin regt Simon Rattle, Dirigent der Philharmoniker, ein ungewöhnliches Tanzprojekt an. Der Choreograf Royston Maldoon studiert “Le sacre du printemps” mit Jugendlichen aus sogenannten Problemvierteln ein. In Hildesheim proben zwei Klassen des Berufsvorbereitungsjahres (bvj) zusammen mit einem professionellen Regisseur Schillers Räuber. Mit dem Ziel der Gewaltprävention plagen sich diese “Verlierer” mit einer für sie altertümlichen Sprache, die sie zunächst gar nicht verstehen. In Bochum erarbeiten Hauptschüler das Stück “Der Sturm” von Shakespeare. All das ist kein Zeitvertreib, keine “Kuschelpädagogik” (was immer das auch sein soll) – Ziel der langen Proben ist in jedem Fall die öffentliche Aufführung. Und siehe da: Die Problemkinder aus Berlin, die Hauptschüler aus Bochum und sogar die Jugendlichen aus dem bvj, die ja dort sind, weil sie “so ziemlich gar nichts können”, bewältigen diese Aufgabe. Nicht alle, aber die meisten von ihnen zeigen, dass sie können, wenn man sie ernst nimmt. Den steinigen Weg bis zur Premiere, den schwierigen Selbstfindungsprozess der Jugendlichen kann man im Fall der Berliner Tanzeleven (Rhythm is it) und der Hildesheimer bvj-Schüler (Spiegel-Reportage) nachverfolgen. Diese Projekte – und die Filme verdeutlichen das – sind vor allem eins: Ein Beweis dafür, wie menschliche Ressourcen und Fähigkeiten im aussortierenden deutschen Schulsystem verschleudert werden.

Aber das ist nicht nur ein deutsches Problem. Und kulturelle Projekte mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen sind beileibe keine deutsche Erfindung. Die Dokumentationen “El Sistema” und “São Paulo – von der Straße ins Tanzstudio” stellen Projekte in Lateinamerika vor, die sich trotz vieler Ähnlichkeiten doch in entscheidenden Fragen von den oben geschilderten deutschen unterscheiden.

El Sistema: Vom Armenviertel in den Konzertsaal

El Sistema: Vom Armenviertel in den Konzertsaal

In Venezuela ermöglicht die Fundación del Estado para el Sistema Nacional de las Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela, kurz El Sistema, 265.000 Kindern und Jugendlichen ein Instrument zu erlernen und Mitglied eines Orchesters zu werden. Diese Kinder, die aus armen Verhältnissen kommen, hätten ohne El Sistema wohl nie die Möglichkeit, ein Instrument zu spielen, sich musisch zu bilden. Das bekannteste Ergebnis des Systems, das bereits 1975 von José Antonio Abreu gegründet wurde, ist das Jugendsinfonieorchester Simón Bolívar (Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar), das unter Leitung seines jungen Dirigenten Gustavo Dudamel heute weltberühmt ist. Dudamel ist selbst ein Kind des Systems. Der venezolanische Staat fördert die Fundación aktiv, so hat Präsident Chávez im letzten Jahr ein Programm namens Misión Música ins Leben gerufen, um Kindern Instrumente und Ausbildung zur Verfügung zu stellen. In Venezuela gibt es heute mehr als 160 Kinder- und Jugendorchester. In das Programm sind inzwischen auch Kinder mit Behinderungen integriert.

El Sistema: Auch gehörlose Kinder können Musik verstehen

Auch gehörlose Kinder können Musik verstehen

All das erzählt der Film “El Sistema” von Peter Puhlmann aus dem Jahr 2007. Beispielhaft zeigt er anhand des Schicksals einzelner Schüler, was dieses Programm für ihr Leben bedeutet: Lennar Acosta lernt inzwischen in Deutschland Orgelbauer, Miguel Niño wird Instrumentenbauer und Edicson Ruiz ist Bassist bei den Berliner Philharmonikern. Lennar Acosta, der ausreichend Knasterfahrung hat, bringt die Bedeutung der Fundación auf den Punkt, wenn er sagt, dass er ohne El Sistema wohl schon tot wäre. Die junge Geigerin Patricia Guijarro stellt fest, dass ihr das Programm “das Tor in eine andere Welt” eröffnet hätte, eine Welt, die Kindern ihrer Herkunft zumeist vorenthalten wird, nicht nur in Venezuela.

Multiplikator: Der Tänzer Rubens arbeitet mit Kindern in den Favelas

Multiplikator: Der Tänzer Rubens arbeitet mit Kindern in den Favelas

Vergleichbare Ergebnisse zeigt ein Projekt im Nachbarland Brasilien. “Jetzt denke ich, dass jeder Mensch mit dem gleichen Respekt behandelt werden muss”, so schätzt Rubens die Veränderung ein, die sein Leben genommen hat. Der Junge aus den Slums von São Paulo tanzt in einer Gruppe von 40 Jugendlichen, die von dem renommierten Choreografen Ivaldo Bertazzo geleitet wird. Die Truppe ist ein Projekt des SESC (Serviço Social do Comércio), und es ist ihr Ziel, jungen Leuten aus den Favelas der Millionenstadt mit Hilfe des Tanzes neue Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Bertazzo beschreibt den nötigen Entwicklungsprozess mit “Körperbewegung, sprachlicher Ausdruck, Selbstbewusstsein”. Es ist vor allem das Selbstvertrauen, das den jungen Leuten fehlt, das – so Bertazzo – “muss als Erstes aufgebaut werden”. Die Ausbildung der jungen Tänzer ist umfassend, neben dem Tanz lernen sie auch andere Ausdrucksmöglichkeiten kennen: Lyrik, Perkussion, Bewegungslehre, ja selbst Origami. Sie sollen ein positives Verhältnis zu sich selbst finden und lernen, konzentriert zu arbeiten.

Die Fähigkeiten der Tänzer aus den Favelas von São Paulo haben alle Erwartungen übertroffen, mittlerweile sind sie berühmt, haben erfolgreich in Paris gastiert. Der Film der Kanadierin Eileen Thalenberg (2007, Originaltitel “Loin des favelas”) zeigt faszinierende Bilder vom Können der Truppe. Und so nebenher haben sie an Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl gewonnen, sind engagierter und zielbewusster geworden.

São Paulo - Von der Straße ins Tanzstudio

São Paulo - Von der Straße ins Tanzstudio

Schulabschluss, keine Schwangerschaft, keine Drogen – das sind die klaren Regeln, denen die Jugendlichen unterworfen sind. “Er will uns ausbilden, nicht nur für den Tanz, sondern für unseren Alltag”, beschreibt eine Tänzerin das Konzept Bertazzos. Der betrachtet sein soziales Projekt nicht als Selbstzweck, als Möglichkeit, einigen wenigen die Chance für ein besseres Leben zu geben. Sein Ziel ist es, die jungen Tänzer zu Multiplikatoren auszubilden – sie sollen das, was sie lernen, an andere weitergeben.

Vielleicht besteht darin der Hauptunterschied zwischen diesen beiden Projekten und den oben beschriebenen in Deutschland. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen soll nicht punktuell bleiben. El Sistema in Venezuela ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Massenbewegung. Und die Tänzer aus São Paulo sind angehalten, ihr Wissen weiterzugeben. Die Effekte sind aber ähnlich: Die Protagonisten lernen, “Regeln ein(zu)halten, Disziplin, Verantwortung”. Und vor allem lernen sie, sich selbst und ihre Möglichkeiten zu entdecken, Selbstbewusstsein zu entwickeln, das Bewusstsein, jemand zu sein und etwas zu können. Genau das spricht man ihnen in der Regel ab, in Lateinamerika ebenso wie in Deutschland.

Wie sagte doch Wanderley aus der brasilianischen Tanzgruppe? “Die Kinder hier sind irre begabt, sie wissen es bloß noch nicht.”

El Sistema: Vom Armenviertel in den Konzertsaal. EinsFestival, 25. August 2008
São Paulo – Von der Straße ins Tanzstudio. arte, 13. Juni 2008


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