lateinamerika - Quetzal - Politik und Kultur in Lateinamerika


Krieg im Sertão

Autor:  |  Sommer / Herbst 2000

Im Frühjahr gab es auf der Leipziger Buchmesse viele neue Bücher zu entdecken. Am Stand des Suhrkamp Verlages erweckte das Cover eines Taschenbuches mein Interesse. Es zeigt die Skulptur eines Mannes. Langes Bart- und Haupthaar, Sandalen. Auf einem Stock gestützt, hält er Bibel und ein Kreuz dem Betrachter entgegen. Der hölzernen primitiven Figur fehlt alle katholische Pracht und Herrlichkeit, sie spiegelt dennoch einen reinen Glauben wieder. Der rot prangende Titel des Buches lautet „Krieg im Sertão”, geschrieben von Euclides da Cunha. Das Buch stellt die erste deutsche Übersetzung eines der ersten lateinamerikanischen Werke der Weltliteratur dar. 1902 geschrieben, avancierte es in Brasilien schnell zu einem Bestseller, in einem Land mit einer damals nicht sehr hohen Alphabetisierungsrate. Das Buch wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen der Welt übersetzt. Das Buch und seine Thesen wurden und werden gelesen und diskutiert. Bis heute gehören sie in Brasilien (in Teilen) zur Pflichtliteratur in Schulen und den geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Wie der Titel schon suggeriert, geht es um einen Krieg am Ende des 19. Jahrhunderts. Gut, schließlich wird Cäsars „Bello Gallico” auch noch tausend Jahre später gelesen und gehört zum Kanon eines jeden Lateinschülers in Europa. Ich frage mich, warum der „Zusammenprall von Lebenswelten im brasilianischen Hinterland” einen deutschen Leser interessieren könnte und beginne zu lesen.

Der Inhalt und die Besonderheit gerade dieses Werkes sind nicht einfach zu fassen. Euclides da Cunhas Gedanken kreisen zwar um den Krieg im Sertão, die sozioreligiöse Bewegung und das Massaker in Canudos, bei dem 20.000 Menschen ums Leben kamen, aber die Aussagen des Buches, die die Bedeutung dieses Stückes der Weltliteratur rechtfertigen, sind komplexer.

Der Sertão liegt im Nordosten Brasiliens. Wie der Name der Region (heute definiert als „Vieleck der Dürre”) schon deutlich macht, besteht der Norden des Bundesstaates Bahia vor allem aus Trockenheit, in manchen Jahren bis zu extremen Dürren gereichend. Die schroffen Berge, das Klima und das Ausbleiben von Regenfällen über Jahre hinweg erlauben nur eine mäßige und beschwerliche Landwirtschaft und lassen das Gebiet auch heute noch zu den ärmsten und rückständigsten in Brasilien gehören. Die Bewohner des Gebietes, die Sertanejos, setzen sich aus den verschiedenen Völkergruppen des Schmelztiegels Brasilien zusammen und bilden eine ganz besondere Menschengruppe. Euclides da Cunha, einer der ersten, der die Sertanejos für sein Buch beschrieben und für diese Zwecke erforscht hat, sieht das Klima und die Landschaft als starken Einflussfaktor auf das Verhalten und Denken der Menschen. Er meinte, dieses Land ist wie geschaffen für die großen und lautlosen Schlachten des Glaubens.

Eine solche Schlacht fand 1897 in diesem kargen Hinterland ihr erfolgreiches und blutiges Ende. Schon die Fakten lassen den Wahnsinn einer Strafexpedition exorbitanten Ausmaßes erkennen. In einer extrem trockenen Periode zog der Stolz der brasilianischen Republik, das Militär, unter der regen Anteilnahme der städtischen Bevölkerung der Küstengebiete auf. Es war eine beeindruckende Schau von 12.000 Soldaten aus 17 Bundesstaaten der Republik Brasilien. Artillerie, Infanterie, Pioniere, angeheuerte Führer, gefolgt von einem Tross Frauen zur Stärkung der Truppe. Unter den Soldaten befanden sich viele Freiwillige aus dem ganzen Land mit Millionen Schuss Munition, vier Kanonen neuesten Typs, einem Belagerungsgeschütz, Pferden, Wagen, Ochsengespannen für den Nachschub und Kriegsberichterstattern der großen Zeitungen. Die Leitung der Operation hatte der Kriegsministers Marshai Carlos Machado Bittencourt persönlich. Mit 21 Salven der Artillerie begann am 14. Juli 1897 die Vierte Strafexpedition gegen die Gemeinschaft der Gläubigen in Canudos.

Die ehemalige Fazenda Canudos war mittlerweile zur zweitgrößten Stadt Bahias angewachsen. Spätere Zählungen der Hütten ergaben, das ungefähr 25.000 bis 30.000 Menschen dort lebten. Sie bildeteten eine christliche Gemeinschaft, die Antonio Vicente Maciel, genannt Antonio Conseilheiro (der Ratgeber) aus allen Teilen des Sertão gefolgt war: Männer, Frauen, Kinder. Weiße, Indianer, Mestizen und Schwarze, größtenteils bitterarm. Die Republik war erst acht Jahre alt und fühlte sich von diesen Menschen in ihrem Bestand bedroht. Es lässt sich schwer sagen, ob die Regierung ein Exempel statuieren wollte oder tatsächlich glaubte, die Gemeinschaft von Canudos würde von Monarchisten und ausländischen Agenten in ihrer Hoffnung auf eine Rückkehr Dom Pedros unterstützt werden. Die erstmals systematisch an der öffentlichen Meinung arbeitende Presse hatte dies in reißerischen Artikeln dargestellt und die Bevölkerung zur Aufruhr gebracht. Nach drei fehlgeschlagenen Versuchen der Unterdrückung der Bewegung ging man mit nicht mehr ganz unerschütterlichem Glauben auf einen schnellen Sieg in den Kampf. Die Vorsicht sollte sich bestätigen. Knapp vier Monate belagerten die republikanischen Truppen das Tal von Canudos. Sie versuchten, die zwei Kirchen zu zerstören, um den Willen der Gläubigen zu brechen und stießen doch immer auf brennenden Widerstand. Die Sertanejos wehrten sich verzweifelt. Aus rationaler Sicht unverständlich, kamen noch immer ganze Familien aus dem Sertão nach Canudos, um sich den jagunços (eigentlich: Banditen) anzuschließen. Sie hungerten und dursteten, Menschen starben. Doch fast keine Menschen verließen Canudos. Sie erwarteten ihr Seelenheil im Kampf für das Gute und Göttliche. Den Mittelpunkt bildete ihr Messias, der sie in ein gutes und gottgefälliges Leben begleiten sollte.

Die Gemeinschaft von Canudos bildete sich um Antonio Conselheiro, einem Laienprediger aus dem Sertão. Seit den 1870er Jahren bewanderte er den Sertão, wie so viele Laienprediger vor, mit und nach ihm. Die Vielzahl dieser Wanderprediger kann mit der Vernachlässigung des Sertãos durch die Katholische Kirche begründet werden. Das karge Land stieß viele Priester ab, sie wollten in den urbanen Küstengebieten Brasiliens arbeiten. Die entsandten Priester waren oft italienischer und portugiesischer Herkunft und verstanden es nicht, auf die Mentalität der Sertanejos einzugehen. Das erklärt allerdings nicht, warum gerade der Conselheiro die Menschen in seinen Bann zog. Ihm folgten Menschen aus allen Gebieten und fast allen Schichten des Sertão. Darunter waren Bauern, Händler, ganze Familien, sogar Prostituierte und ehemalige Banditen. Diese Mischung führte zu Gerüchten über Raubzüge und Verbrechen, die das Misstrauen der öffentlichen Meinung noch verstärkte. Der Conseilheiro predigte ein karges und arbeitsames Leben und lebte diesen Gedanken selbst. Er predigte nicht nur der Bevölkerung das Evangelium, sondern baute mit Hilfe von freiwilligen Helfern und Spenden aus der Bevölkerung vernachlässigte Kirchen und Friedhöfe in der Region wieder auf. Zwar wurde er von seinen Anhängern als Heiland und Ratgeber verehrt, bezeichnete sich aber selbst nur mit seinem bürgerlichen Namen. Er versprach seinen Anhängern das Seelenheil und zwar individuell, nicht nur im Zusammenhang mit der gesamten Gemeinschaft. Nach Jahren der Wanderschaft ließ er sich mit einer ständig wachsenden Gemeinschaft in Canudos nieder. Die Sertanejos begannen mit der Landwirtschaft und dem Aufbau ihrer Stadt. Man kann sagen, dass Canudos trotz regelmäßiger Prozessionen und immenser Ausgaben für den Bau einer neuen Kirche (Nova Igreja) ein prosperierender Ort war. Neben der Gefolgschaft zum Conselheiro kann auch dies ein Grund für den ständig hinzukommenden Menschenstrom sein. Sie kamen aus allen Teilen des Landes zum Conselheiro, ihm wurden Wunder, wie die Heilung von Krankheiten, zugesprochen. Eine politische Dimension, aus Sicht seiner Gegner, entwickelte sich im Laufe seiner Wanderschaft, da er sich zunehmend gegen die Neuheiten der sich 1889 nach einem Militärputsch gegründeten Republik wandte. Besonderes Missfallen fand in seinen Augen die Trennung von Kirche und Staat, die sich für ihn in der Zivilehe und staatlichen Steuern äußerte. Auch die geplante Volkszählung ängstigte die Menschen, da sie befürchteten, mit der Angabe ihrer Hautfarbe einer erneuten Unterteilung der Gesellschaft und einer Wiedereinführung der Sklaverei Vorschub zu leisten. Obwohl der Conselheiro vielen gebildeten Menschen und den Fazendabesitzern ein Dom im Auge war, wurde die Siedlung mehrere Jahre nicht behelligt. Erst im November 1896 kam es zu einem Zusammenstoß mit der Staatsmacht. Anlass war eine Bestellung von Holz in Juazeiro (nordwestlich von Canudos), das man für die neue Kirche benötigte. Das Holz wurde im voraus bezahlt und anschließend innerhalb der gesetzten Frist nicht nach Canudos geliefert. Die erzürnten Gläubigen sprachen Drohungen gegen die kleine Stadt aus. Der örtliche Richter verbreitete Panik in der Stadt und forderte Polizeitruppen an, um einen angeblich bevorstehenden Angriff der Conselheristas abzuwehren. Gerächte besagten, dass sich unter den Aufständischen auch bekannte Banditen befanden, deshalb verließen die Bewohner aus Angst Juazeiro. Die Regierung des Staates Bahia befürwortete eine Strafexpedition und sandte eine 120 Mann starke Polizeitruppe nach Canudos. Während des Anmarsches wurden die schlafenden Soldaten bei Uauá von einer Prozession geweckt, die Gläubigen aus Canudos sangen Kyreis und trugen Kreuze und Reliquien vor sich her. Überraschend griffen sie die völlig planlosen Soldaten an und initiierten einen blutigen Zusammenstoß. Viele Aufständische starben durch die Feuerwaffen der Soldaten, doch sie kämpften verbissen und trieben die Truppe in einen eilenden Rückzug. Verblüfft über diese Niederlage durch primitive Hinterwäldler, begann man die Bewegung von Canudos als Bedrohung zu sehen. Es folgte eine weitere Expedition mit 609 Soldaten im Dezember, auch diese musste sich geschlagen geben. Die Sertanejos führten einen Partisanenkrieg, sie kannten die örtlichen und klimatischen Verhältnisse einfach besser und ließen die Soldaten in zahlreiche Hinterhalte laufen. Kritische Stimmen auf republikanischer Seite beklagten schon damals die falsche Ausrüstung und Strategie der Armee.

Mittlerweile sah man auch bei der Bundesregierung einen Handlungsbedarf. Die fanatischen Hinterwäldler wurden zu einer Bedrohung. Anscheinend stellten sie das Bestehen der Republik in Frage und waren Ergebnis einer Verschwörung der unverbesserlichen Monarchisten. Es wurden Vergleiche zur Französischen Revolution gezogen. Die Republikaner sahen sich als die Jakobiner Brasiliens, die Ordnung und Fortschritt gegen die rückständigen Massen zu verteidigen hatten. Da Kritik in diesem Stadium der Staatswerdung nicht erwünscht war, statuierte die brasilianische Regierung ein Exempel. Eine Pressekampagne im ganzen Land heizte die Stimmung an. Im Februar 1897 wurde eine dritte Expedition mit dem Ziel der endgültigen Zerschlagung der Gemeinschaft von Canudos ausgesandt. Mit l .300 Soldaten stellte sie bereits eine große Streitmacht gegenüber den unausgerüsteten Sertanejos dar. Die pompös verabschiedeten Soldaten gingen mit Zuversicht und Sendungsbewusstsein nach Canudos, um die primitiven Fanatiker wieder auf den rechten Weg zu fuhren. Als erste Expedition erreichten sie Anfang März die Berge um Canudos und hatten einen Blick auf tausende dichtgestellte Lehmhütten. Sie konnten die Sertanejos sehen, sie fast berühren. Doch die taktischen Fähigkeiten und der heroische Kampfgeist überforderten auch diese Streitmacht. Es kam zu Bajonettkämpfen, Kanonaden auf die Nova Igreja und Schusswechseln. Die Sertanejos hatten nichts zu verlieren. „Nichts wollten sie von diesem Leben”, schreibt da Cunha. Nach vielen Toten und Verletzten, abgeschnitten vom Nachschub, hoffte diese Expedition nur noch auf Hilfe, von einem Sieg war im April keine Rede mehr. Die Republik setzte ihr ganzes Prestige ein und stattete die oben schon erwähnte Vierte Expedition aus. Selbst diese Expedition belagerte Canudos noch vier Monate, bis von den 30.000 Aufständischen noch ein kleines Häufchen Gefangener zurückblieb, Frauen und Kinder. Mit einem Schnitt durch die Kehle wurden die männlichen Gefangenen sofort getötet, die schlimmste Todesart, die ein Sertanejo sich vorstellen kann, da seiner Seele der Eingang ins Himmelreich verwehrt wird. Die Gefangenen wurden nicht als Menschen behandelt, man verschenkte sie als Trophäen an tapfere Soldaten und Offiziere. Auch Euclides da Cunha erhielt einen kleinen jagunço-Jungen.

Er begleitete die letzte Expedition als Kriegsberichterstatter für drei Monate. Die Erfahrung des Grauens und der Ungerechtigkeit dieses Krieges bewegte ihn, ein Buch über seine Erfahrungen und Ansichten zu schreiben. Darin war er nicht der einzige. Es erschienen in den Jahren nach der Revolte viele Bücher und Berichte, die versuchten, Canudos zu erklären. Die meisten dieser Schriftstücke beschäftigten sich mit militärhistorischen und strategischen Fragen. Es interessierte die Bevölkerung, warum gegen 30.000 Hinterwäldler eine Streitmacht von insgesamt 14.000 Soldaten aufgebracht werden musste. Nur wenige wollten das Wesen von Canudos ergründen. 1902 veröffentlichte Euclides da Cunha sein Buch „Os Sertões” (der Plural von Sertão). Kein Bericht von einer Schlacht, kein fiktiver Roman. Er nimmt das Massaker von Canudos zum Anlass, um ein Buch zu schreiben, das zwischen Literatur, moralischem Erziehungsroman und akademischem Bildungsroman einzuordnen ist. Sein Ziel war es, am Beispiel der Bewegung von Canudos und ihrem Scheitern die Merkmale der Rassenmischung in Brasilien und ihre Folgen darzustellen. Die Fragestellung spiegelt den Zeitgeist und das Verständnis Brasiliens als Schmelztiegel und Land der Zukunft wieder. Der Kontrast zwischen der Bevölkerung der Küstenstriche und den zurückgebliebenen Hinterwäldlern stellte ein kontroverses Diskussionsthema dar. Da Cunhas Denken, stark beeinflusst von europäischen Denkern wie Auguste Comte, vertrat die These, dass die Rassenmischung zu einer nervlichen Unausgeglichenheit führt. Durch diese wird der Sertanejo zu irrationalem Verhalten, wie dem in Canudos getragen. Die absonderliche Sekte wurde als eine Masse von Fremden betrachtet. Die meisten Bewohner der Küstengebiete sahen die Sertanejos nicht als Brasilianer. Auch da Cunha teilte diese Ansicht. Während der drei Monate im Sertão beschäftigte er sich jedoch nicht nur mit den Tagesbefehlen; er studierte das Klima, die Geographie und Geologie des Gebietes und das Verhalten und Sein der Sertanejos. Im Buch kann man seine Wandlung spüren, die Sertanejos werden Menschen. Sie sind Persönlichkeiten mit Eigenschaften und Hoffnungen. Er bewundert ihren heroischen Kampf, dem er die geringste politische Absicht abspricht. Die Absicht des Buches wird zugunsten einer vorsichtigen Anklage an die Verantwortlichen und einem Aufruf zur Aufarbeitung des Ereignisses fallengelassen. Rückblickend schätzt er den Sieg der republikanischen Armee auch nicht mehr als zutiefst ergreifend und tragisch ein. Für ihn war das ganze Schauspiel schwankend und glanzlos.

Das mit europäischem Bildungsgut befrachtete Monumentalwerk löste eine große Diskussion über die Rolle der Armee, die Gründe für Canudos und seine Lehren für die Zukunft aus. Bis heute hören die Diskussionen nicht auf. Die Armee musste viele Fehler und Schandtaten eingestehen, wenn auch nicht bis zu einem Schuldeingeständnis gelangend. Sie versuchte, die Erinnerung an Canudos zu begraben. So wie es mit der historischen Stelle des Massakers geschah, an dessen Ort ein Stausee errichtet wurde, um Protestbewegungen gleich welcher Art, keinen Raum für die Märtyrerverehrung zu geben. Das Buch veranlasste eine Reflexion der Bevölkerung über ihr Verhalten gegenüber den Hinterwäldlern. „Die brasilianische Republik ist ein Garant des Fortschritts für alle seine Bewohner”: dieser Anspruch wurde nochmals ausgedrückt, wenn auch dadurch nicht verwirklicht. Im Schmelztiegel sind noch heute Ambivalenzen und Vorurteile zu finden.

Die Gründe von Canudos werden von vielen Historikern gedeutet. Die Überlebenden von Canudos gaben Berichte, einige Aufzeichnungen des Conselheiros waren noch vorhanden. Die Deutung da Cunhas von Canudos als einer apolitischen Bewegung mit messianistischen Zügen einer Weltuntergangserwartung wird von vielen unterstützt. Nur die Einzigartigkeit, die Opferbereitschaft der jagunços ist ein Rätsel geblieben. Sie geben Anlass zu romantisierenden Beschreibungen der wahren Gottfindung oder linken Deutungen eines Klassenkampfes. Die utopische Ordnung von Canudos stellte den Menschen das Seelenheil nach einem harten und arbeitsreichen Leben zur Aussicht. Das ist schon mehr als der durchschnittliche Bewohner des Sertãos sich erhoffen konnte.

Nachdem Mario Vargas Llosa bereits einen fiktiven Roman über das Thema geschrieben hat und dieser schon 1982 ins Deutsche übersetzt wurde, ist nun auch da Cunhas Werk für jeden lesbar. Es vereint die Geschichte, die Denkweisen und Probleme Brasiliens auch noch nach fast 100 Jahren. Es gab große Fortschritte, doch dieses einschneidende Ereignis der brasilianischen Geschichte, in der die Lebenswelten der fortschrittlichen Küstengebiete mit den traditionellen, religiös geprägten Ansichten der primitiven Hinterwäldler aufeinanderprallten, lieferten ein Panorama der Konsequenzen von Intoleranz und Missverständnissen, das auch heute im Umgang mit anderen Kulturen oft genug noch zum Tragen kommt.

Literaturhinweise:
Euclides da Cunha: „Krieg im Sertão.”, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuchverlag, 2000.
Mario Vargas Llosa: „Der Krieg am Ende der Welt.”, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuchverlag, 1999
Robert M. Levine: „Vale of Tears. Revisiting the Canudos Massacre in Northeastern Brazil, 1893-l897″. Berkeley: University of California Press, 1995


Weitersagen:


top