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Jorge Amado – Bürger der armen Stadt Bahia

Autor:  |  Frühjahr 2002

Wie war, angesichts des so pathetischen Panoramas, eine simple Akademiewahl geziemend ernst, bar üblicher Geschwätzigkeiten und Gemeinplätze, zu betreiben? Freilich: illustre Wahlmänner, herausragende Persönlichkeiten des Kulturlebens, sodann die Unsterblichkeit, der Titel, der Akademierock, dies alles trägt dazu bei, daß die Bewerbung um eine Vakanz in der Brasilianischen Akademie für Literatur zu einem nationalen Ereignis wird, gelegentlich auch Anlaß zu hartem Gerangel. [1]

Eine prophetische Aussage, fürwahr. Hat er gewußt, was passieren würde, nachdem sein Platz frei geworden wäre? Vermutlich wurde und wird in der ehrenwerten Brasilianischen Akademie für Literatur stets um die Vakanzen gekämpft; schließlich wird der Auserwählte ein Unsterblicher, wenn auch „nur“ in Brasiliens Literatur. Und nur 40 dürfen diese Ehre teilen. Somit wiederholte sich das viele Jahre zuvor beschriebene Szenario, als Mitglied Nr. 23 seinen Platz zur Verfügung stellte – auf die einzige Weise, auf die das übrigens möglich ist: durch sein Ableben. Unsterbliche treten nicht zurück. Und ein Unsterblicher war er schon zu Lebzeiten: Der ewige Anwärter auf den Nobelpreis, der berühmteste Schriftsteller Brasiliens.

Im August dieses Jahres wäre Jorge Amado 90 Jahre alt geworden; zweifellos ein Grund für eine große Feier – wenn er nicht im August letzten Jahre seinen Abschied von der Weltbühne genommen und damit die brasilianische Autorenwelt in Aufregung versetzt hätte. Unzählige Nachrufe wurden geschrieben und gesprochen, in aller Welt. Und selbst Brasiliens Präsident Fernando Henrique Cardoso ehrte den Toten: „Die Charaktere, die er schuf, wurden ebenso berühmt, wenn nicht berühmter als ihr Autor. Gibt es einen größeren Ruhm für einen Schriftsteller?“ Doch es dauerte wahrlich nicht lange, bis das Gerangel um den förmlichen und traurigen [2] Akademierock begann, welches der Karikaturist aufs Korn nahm. Ich habe nicht verfolgt, wer das Rennen gemacht hat – das spielt hier wohl auch keine Rolle. Hierzulande kennt man keinen von ihnen, was aber nichts über ihre künstlerische Qualität aussagt … Welchen brasilianischen Autoren bzw. welche Autorin kennt man in Deutschland schon?

Jorge Amado, klar. Und bei ihm wollen wir auch bleiben. Geboren wurde er am 10. August 1912 auf der Hacienda Auricidia, Gemeinde Itabuna im Süden des Bundesstaates Bahia. Sein Vater, die Onkel – sie alle waren Oberste. Das hat mit dem Militär freilich nichts zu tun hat, so wenig wie in Italien der dottore selten etwas mit Medizin oder der Promotion des Titelträgers zu tun hat. Brasilianische Grundbesitzer pflegten (oder pflegen) sich so zu nennen. Amados Vater war Kakao-Pflanzer. Die Obersten sollen später die Romane des Schriftstellers Amado bevölkern, als die Spezis, die er aus nächster Anschauung sehr gut kannte. In der Saga vom Töten und Sterben eroberten sie das jungfräuliche Land, zähmten den Urwald, befehligten jaguncos, pflanzten die Bäume der goldenen Früchte, errichteten Städte, säten Kreuze auf den für die Maultierzüge freien Wegen, den Pfaden der Hinterhalte. (…) Die Kakao-Obersten, ich studiere sie, sie werden die Figuren meiner erstaunlichen Bücher sein. [2]

Der junge Jorge fühlte sich schon früh zur Literatur hingezogen, bereits mit 14 begann er in Bahia für Zeitungen zu schreiben. Das Studium der Rechtswissenschaften in Rio de Janeiro brachte ihn von seiner Passion nicht ab. 1929 – mit 17 also – veröffentlichte er in einer Zeitung seinen ersten Roman, der „El Rey“ hieß und 1930 unter dem Titel „Lenita“ auch als Buch erschien. Wenn dieses Buch in gängigen Amado-Bibliographien nicht unbedingt auftaucht, dann liegt das wohl vor allem daran, daß er das Werk nicht alleine, sondern zusammen mit Oswaldo Dias da Costa und Edison Carneiro schrieb. Ein Schreiberling hätte so etwas Scheußliches nicht zustande bringen können, dazu bedurfte es der Arbeit dreier. [2] Als Advokat arbeitete er übrigens nie, trotz eines erfolgreichen Abschlusses.

Im Jahr 1931 sollte dann sein erster eigener Roman erscheinen „O pais do carneval“ (Land des Karnevals). Er war ein Erfolg bei den Kritikern, die den jungen Autoren lobten und ihm eine große Zukunft in der nationalen Literatur prophezeiten. Berauscht vom Lob bewunderter Koryphäen wollte er seinem Erstling gleich ein zweites Buch folgen lassen – „Rui Barbosa número 2“, wie „Das Land des Karnevals“ in der gleichen erzählerischen Linie des europäischen Einflusses, der intellektuellen Ideendebatte, Torheiten [2]. Ein Verleger war schnell gefunden. Der junge Autor widmete sich dann – wie er in seinen Erinnerungen schrieb – der Lektüre internationaler Gegenwartsliteratur, Ze Américo, Michael Gold, Kurt Kläber, Serafimowitsch, Fadajew, Isaak Babel. Als ich die Zuckermühle las, wurde ich brasilianischer Schriftsteller, als ich die Russen, den Deutschen, den amerikanischen Juden las, wollte ich proletarischer Romancier sein. Sicher kein allzu ungewöhnlicher Sinneswandel für einen 20jährigen leidenschaftlichen Schriftsteller. Also schrieb Amado sein drittes Buch, zog das zweite beim Verleger zurück und vernichtete es. „Cacau“ wurde ein Erfolg, nicht unbedingt bei den Verlegern, die – nebenbei gesagt – nie wieder so nachsichtig mit ihm waren wie bei „Land des Karnevals“, aber bei den Lesern. Zum Erfolg trug zweifellos auch ein vorrübergehendes Verbot durch die Polizei von Rio de Janeiro bei, der das Buch als subversiv erschien.

Amado hatte sein Thema gefunden. Mit der Schilderung der Umwälzungen in der Gesellschaft Brasiliens, die mit der Landnahme in der Kakaoregion einsetzt, begann er seinen später so benannten Bahia-Zyklus. Zu diesem Zyklus zählt man heute sechs Bücher, deren letztes – „Capitães da areia“ (dt.: Herren des Strandes) bereits 1937 erscheint. Seine Protagonisten sind Oberste, Arbeiter auf den Kakaoplantagen, Abenteurer, Huren. „Herren des Strandes“ dürfte der Höhepunkt jener frühen Schaffensperiode sein. Es ist die Geschichte einer Gruppe von Straßenkindern in Bahia, die auch gestern hätte geschrieben sein können. Die Kinder um Pedro, José, Professor und Hinkebein haben keine wirkliche Chance für die Zukunft, doch sie versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen, allen Anfeindungen, Verfolgungen, Verleumdungen zum Trotz. Die meisten von ihnen werden scheitern, später der Armee der Bettler und Kriminellen angehören.

Amado beschreibt ein Leben, daß hart, grausam, entbehrungsreich, aber auch bunt ist. Einige seiner Helden läßt er einen Ausweg aus der Misere finden. In „Herren des Strandes“ ist es Pedro Bala, der zu einem Führer der organisierten Abeiterbewegung wird. Amado selbst wurde in jenen Jahren Mitglied des Partido Comunista Brasileira. Er engagierte sich stark in der politischen Arbeit, wird verhaftet und ins Exil getrieben. In den vierziger Jahren ist er Abgeordneter seiner Partei, arbeitet an der neuen Verfassung mit. Nachdem die Kommunistische Partei 1948 erneut verboten wurde, ging er ins Exil nach Prag. Die Arbeit für das kommunistische Ideal war ihm Berufung, auch als Schriftsteller. 1941 schrieb er „O Cavaleiro da Esparanza“ (dt.: Der Ritter der Hoffnung), welches das Leben von Luis Carlos Prestes schildert und zeitweise das meistgelesene Buch in den lateinamerikanischen Ländern, das weitverbreitetste in spanischer Sprache war. Das Buch wurde verboten, verbrannt, noch Jahre später und nicht nur in Brasilien.

Er ist für die Partei unermüdlich unterwegs, bereist alle Kontinente. Ich war Stalinist mit tadellosem Betragen, Unterführer der Sekte, wenn nicht Bischof, so doch mindestens Monsignore, ich entdeckte den Irrtum, es kostete mich harte Arbeit und Schmerz, ich ging mitten in der Messe, auf Zehenspitzen. [2] Seine zweite Frau, Zélia Gattai, die aus einer traditionsreichen Anarchistenfamilie stammt und – nebenbei bemerkt – auch Schriftstellerin ist, hatte wohl ihren Anteil an der Wandlung vom „strammen Parteisoldaten“ zum parteiunabhängigen Sozialisten.

Seine Bücher vollzogen diese Veränderung nach, wurden bunter, verloren das vordergründig Politische. Nicht selten stellte er Frauen in den Mittelpunkt seiner Bücher, denen man heute das dämliche Etikett „starke Frauen“ anheften würde: „Dona Flor e seus dois maridos“ (dt.: Dona Flor und ihre beiden Ehemänner), „Tieta do Agreste“ (dt.: Tieta aus Agreste), „Gabriela, gravo e canela“ (dt.: Gabriela). Diese Bücher dürften wohl daran Schuld sein, daß man heute, wenn man an Amado (und Brasilien) denkt, immer diese Buntheit, Lebensfreude, diesen Überschwang vor Augen hat. Das brachte ihm den (wohl nicht immer unberechtigten) Vorwurf ein, ein allzu verklärtes, folkloristisches Bild von Brasilien zu zeichnen.

Unpolitisch war im übrigen nie, auch als Autor nicht. Sein 1979 geschriebenes „Fardão Camisola de Dormir“ (dt.: Das Nachthemd und die Akademie) ist nicht nur eine ironische Betrachtung des brasilianischen Literaturbetriebs der 40er Jahre, sondern auch die Geschichte des Kampfes zweier betagter Literaten wider Nazismus, Diktatur und Machtdenken [1].

Die Kritiker taten sich immer schwer mit ihm: zu realistisch (um nicht zu sagen naturalistisch), zu politisch, zu folkloristisch; halt keine große Literatur. Womit man ihm zweifellos Unrecht tut. Den Ruf, der Dichter der Huren und Vagabunden zu sein, nahm er stets als Auszeichnung. Diese Einordnung gefällt mir, ich greife sie auf, um meine Romanschöpfungen zu definieren. [2]

Insgesamt schrieb Jorge Amado weit über 30 Bücher, die in etwa 50 Sprachen und Dialekte übersetzt und in 52 Ländern publiziert worden sind. Insgesamt wurden etwa 80 Mio. Exemplare seiner Bücher verkauft. Eine Aufzählung seiner Ehrungen und Auszeichnungen werde ich den Lesern ersparen, nur: 1966 wurde er für den Nobelpreis nominiert – zum ersten Mal … Und er war Obá do Axé do Opô Afonjá na Bahia, was ist ihm selbst wohl mit das Wichtigste gewesen war.

[1] zit. nach: Das Nachthemd und die Akademie, Verlag Volk und Welt, Berlin 1982
[2] zit. nach: Auf großer Fahrt, Karl Dietz Verlag, Berlin 1997 1997


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